Willkommen im Zeitalter der Konzertalgie // Kommentar 

Dieses Jahr bespielen Ne-Yo/Akon und Flo Rida die größte Konzerthalle Österreichs – obwohl deren Glanzzeiten lange zurückliegen. Sie alle setzen vielmehr auf den Faktor Nostalgie. Ein Kommentar.

Es gibt sie, diese Parameter, die einem subtil den unaufhaltbaren Alterungsprozess deutlich machen. Wenn du ein Millennial bist, hat dich gefühlt gestern noch Monrose mit „Hot Summer“ (2007) auf Viva beschallt. Oder du hast „Beautiful Girls“ von Sean Kingston (ebenfalls 2007) mitgesummt oder dich in deiner ersten Teenager-Weltschmerz-Phase mit den Kalenderspruch-Weisheiten auf „Geboren um zu leben“ (2010) von Unheilig durch den Tag gekämpft. Und dann kommt er, der Tag, an dem du plötzlich registrierst, dass diese Songs schon so alt sind, dass sie im Deutschrap mittlerweile neu verwurstet werden. So bescherte uns Shindy 2022 einen „Hot Summer“, Luciano besang im gleichen Jahr „Beautiful Girl“ und Kontra K interpretierte im Vorjahr gemeinsam mit NESS „Geboren um zu leben“ neu.

Es sind Songs, die bei dir resonieren, weil sie ein ganz bestimmtes, starkes Gefühl auslösen: Nostalgie. Es sind Songs, die dich in eine Vergangenheit zurückholen, in der das Leben so viel besser, leichter war – so zumindest deine verklärte Sicht. Nostalgie zieht. Auch bei Konzerten. Das haben letztes Jahr nicht nur Oasis bewiesen. Auch ein Blick in den Konzertkalender dieses Jahres zeigt, dass die Nostalgiekarte eine ist, auf die im Jahr 2026 gerne gesetzt wird.

Ein Champagner mit Ne-Yo

Eines der Konzerte, das eindeutig darauf baut, ist jenes von Ne-Yo (46) und Akon (52) am 30. Mai in der Wiener Stadthalle. Zwei Künstler, die in letzter Zeit – und diese „letzte Zeit“ ist sehr lang – kaum für musikalische Schlagzeilen sorgten. Akon machte stattdessen mit einem nebulösen Immobilienprojekt im Senegal von sich reden. Manch einer mag sich noch daran erinnern, dass er als Feature auf dem Bushido-Album „Mythos“ (2018) vertreten war. Das ist allerdings eher als Skurrilität einzuordnen.

Anders sah das in den 00er-Jahren aus. Akon war damals das, was man gemeinhin eine Hitmaschine nennt: „Locked Up“ (2004), „Lonely“ (2005) oder „Smack That“ (2006) sind allesamt große Nummern der Vergangenheit, bei denen man trotz aller Erfolge darüber streiten kann, wie sehr der Zahn der Zeit daran genagt hat.

Eine Spur kleiner war das bei Ne-Yo, zumindest wenn man seine Feature-Beiträge für Pitbull abzieht. „So Sick“ sollte aber noch für „Aha!“-Momente sorgen; häufiger Einsatz in Soaps bei Liebeskummer-Szenen sei Dank. Alleine würde das wohl nicht reichen, um die Stadthalle zu füllen. Selbst im Doppelpack wäre das eher eine Überraschung.

Es ist aber nicht so, als hätten sich Ne-Yo und Akon nicht Goodies für die treuesten Fans überlegt: Für 736,50 Euro kann man die „Ultimative Ne-Yo Hang Experience“ buchen – inklusive „Champagner-Toast“. Den „Champagner-Toast“ bietet Akon zwar nicht an, das VIP-Meet-&-Greet-Package gibt es dafür aber schon für 432,50 Euro. Der „Champagner-Toast“ muss wirklich gut sein.

Flo Rida reitet wieder den Flow

Ein anderer Act, der die Nostalgiekarte zieht, ist Flo Rida (46) – der Rapper mit dem etwas corny Wortspiel im Namen, das signalisieren soll, dass er nicht nur aus Florida kommt, sondern eben auch den „Flow ridet“. Dieser bespielt am 2. Juni ebenfalls die Wiener Stadthalle.

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In den 00er-Jahren war Flo Rida mit seinen Party-Songs so etwas wie die Davidoff-Cool-Water-Parfum-Fahnen in der U6: aufdringlich, laut – aber es gab a) kein Entkommen und b) sie blieben lange im Gedächtnis. „Low“ mit T-Pain, der darauf Apple-Bottom-Jeans ein Denkmal setzte, „Right Round“ oder „Whistle“ waren Songs, die sogar im österreichischen Mainstream-Radio liefen – mit der recht offensichtlichen Doppeldeutigkeit von „Whistle“ hatte man offenbar kein Problem.

Flo Rida mit seinem Hang zu Nonsens-Lyrics war der Inbegriff von Dorfdisco-Rap, von Eristoff-Ice-Rap – spiele die David-Guetta-Kollaboration „Club Can’t Handle Me“ ab und du bekommst sofort den picksüßen Alkopops-Duft in die Nase. Dieses Party-Rap-Image mag man ein wenig belächeln. Im Vergleich zur heutigen Armada an identitätslosen Gestalten ist das immerhin etwas. Von diesem Image lebt Flo Rida so gut, dass er kein Album mehr veröffentlichen muss. Sein bis dato letztes „Wild Ones“ stammt aus 2012. Danach trat er nicht mehr wirklich in Erscheinung, sieht man von seinem Auftritt beim Eurovision Song Contest 2021 ab: Für San Marino unterstützte er deren Vertreterin Senhit bei ihrem Song „Adrenalina“. Das Ergebnis: In der Final-Show belegte der Kleinstaat von 26 möglichen Plätzen den 22.

Nichtsdestotrotz war bei einem kürzlich geposteten Gewinnspiel auf Instagram die Resonanz groß, das Interesse an dieser Veranstaltung ist also vorhanden. Die wenig gewagte These: Die Musik selbst ist hier zweitrangig, es geht darum, das Gefühl von damals, in der Prä-Instagram-, Prä-TikTok-Zeit, für einen Abend noch einmal hochleben zu lassen. Je schwieriger die Zeiten, desto stärker zieht diese Karte. Und offensichtlich zieht sie gegenwärtig sehr stark.