Now Reading
„Das Hättiwari macht mich fertig“ // Ignaz Tschinön Interview

„Das Hättiwari macht mich fertig“ // Ignaz Tschinön Interview

„Wahnsinn, ich hab grad für ein Mittagsmenü 8,90 Euro gezahlt und es war richtig gut. Ich muss öfter nach Favoriten kommen“, sagt Ignaz Tschinön. Aus seinem Wohn- und Arbeitsumfeld nahe der inneren Mariahilfer Straße ist der Wiener Musiker andere Sphären gewöhnt. So gesehen ein guter Zeitvertreib in den rund zwei Stunden, die er zu früh zum Interviewtermin erschienen ist.

Am 16. Oktober ist Ignaz Tschinöns Debütalbum „Parasympathikus“ über Monkey Music erschienen – in Kooperation mit seinem Label Gspusi Records. Begleitet von einer siebenköpfigen Entourage, der auch das Vater-Sohn-Gespann Peter Legat (Count Basic) und Max Legat angehören. Am 31. Oktober präsentieren Ignaz Tschinön & Entourage „Parasympathikus“ live im Porgy & Bess.

The Message: Auf “Von wegen” fragst du dich: “Für wen mach ich das eigentlich?“ Was sagst du, wenn wir dich fragen?
Ignaz Tschinön:
Ich weiß es wirklich nicht. Am Ende musst du es eh für dich machen. Aber es braucht ein vermeintliches Gegenüber – vielleicht nur als Projektion. Wie entsteht Liebe? Brauchst du ein spiegelndes Subjekt? Wenn du dich selbst liebst, projiziert du es auf dich.

Das heißt, du brauchst ein Gegenüber. Du machst es für ein Publikum.
Na, für ein Publikum fix nicht. Das Publikum ist egal. Am Ende bringst du es schon raus, natürlich. Es hilft, wenn Sachen zu bewältigen sind. Wenn ich die Zeit und die Muße habe, mache ich es von allein um zu schauen, was entsteht. Ich habe lange alles mit Tagebucheinträgen eingefangen, aber bin dann draufgekommen, dass Demos die viel besseren Einträge sind, weil sie einfach passieren und weil Musik immer emotional ist.

Ist das Livespielen nicht das Ultimative?
Ich bin glaube ich gar nicht so gerne auf der Bühne. Es ist cool mit der Band, aber allein im Studio find ich es noch leiwander. Ich rede es gern in mich selbst rein. Dann ist es fast weird, auf eine Bühne zu gehen und es vorzutragen. Momente der Magie entstehen bei mir eher im Studio, wenn ich allein bin und was vor mich hinträller.

Du hast 2021/2022 mit „Spompanadln“ und „Seicht“ deinen ersten Track in Eigenregie veröffentlicht. Wann hast du dich dazu entschieden, die Entourage dazuzuholen?
Ich war vier oder fünf Jahre in Berlin und bin erst vor Kurzem zurück nach Wien gezogen. Ich habe dann Max Legat und Moritz Holy kennengelernt, wir haben zu Spielen angefangen und in der Zeit ist das Album entstanden. Super Musiker, die viel einbringen. Dann war es obvious.

Was hast du in Berlin gemacht?
Musik. Ich hatte ein kleines Studio dort im alten DDR-Funkhaus. Nils Frahm hat dort sein Studio im großen Gebäude. Ich habe ihn manchmal Pasta essen gesehen, dann hat sich jeder in sein Abteil vertschüsst. Moses Yooffee habe ich auch ein paar Mal getroffen.

Was hast du dort gemacht?
Gar nichts. Ich wollte Wien verlassen. Ich habe davor als Grafiker gearbeitet, mir war fad. Mit 24/25 hab ich gemerkt, dass der Job null Spaß macht. Ich wollte Musik machen, aber es sind Sachen dazwischengekommen. Dann hab ich gekündigt und meine Sachen gepackt. Eigentlich wollte ich nach Portugal – mit der romantischen Idee eines Studios am Meer. Plötzlich war alles feucht, fürn Oasch. Dann bin ich im Funkhaus gelandet und habe vor mich hingearbeitet. Da sind Sachen wie „Spompanadln“ entstanden. Eh absurd, dass der Track dort auf Wienerisch entstanden ist. Vielleicht hat’s das gebraucht.

„Sich nur an der Sprache zu bedienen, reicht nicht. Wien ist eine Haltung“

Wie erklärst du es dir? Es ist eher eine Update-Version als Urwienerisch.
Von der nostalgischen Mundart will ich weg. Dieser Würstelstand-Slang ist oft verklärt. Mir geht’s eher ums Wienerische im Zeitgenössischen oder das Zeitlose des Wienerischen. Wie man halt redet. Da muss auch was Englisches vorkommen. Es hat mit konstruierten Sachen angefangen. Mittlerweile ist es echt und ich schreib es aus dem Bauch heraus. Es braucht nicht mehr diese Ebene der Konstruktion, die den Gschichtldrucker-Ignaz auf den Plan gerufen hat.

Hat es den Abstand von Wien gebraucht?
Irgendwie schon. Ich hab in Berlin fast nur Englisch geredet. Mir ist aufgefallen, dass ich so viele Sachen nicht ausdrücken kann, weil es nur das Wienerische kann. Nicht unbedingt im semantischen Sinn, sondern Redewendungen und Haltungen. Auf Englisch fällt ur viel weg. Du in einer anderen Dimension – fuck, niemand versteht dich.

Glaubst du, dass es funktionieren kann in Deutschland? Die Deutschen fahren ja drauf ab.
Man merkt, dass es bei Leuten wie Bibiza funktioniert. Aber aus der Perspektive eines Wieners ist es bissl seicht. Du nimmst paar Wörter wie „Tschick“ und konstruierst eine Kultur, die auch da ist, aber in der lebe ich nicht. Das sind Wiener, die im Cafe Europa sitzen. Nicht, um ums Original zu streiten, das wäre lächerlich. Es gibt viele Facetten. Aber sich nur an der Sprache zu bedienen, reicht nicht. Wien ist eine Haltung.

Was gehört dazu?
De facto immer ein unaufgeregtes Understatement. Ein Freund aus Amerika ist seit paar Jahren in Wien und immer noch verwundert. Es passieren fantastische Sachen, aber die Leute würden nie was drüber erzählen. Er hat auch andere europäische Länder gesehen und findet es komisch, dass die Leute in Wien bescheiden und unprätentiös bleiben. Ich kann es nicht sagen, aber es gibt eine schöne Unaufgeregtheit. Deswegen finde ich es schwierig, mit dem Wienerischen so herzukommen, weil es vom Wesen her immer bissl kühl und gmiadlich ist. Nicht Kaffeehaus oder so, das ist eh schon klischeebeladen. Ich sehe Wien am ehesten als Haltung gegenüber der Welt.

Welchen Freiraum gibt dir diese Haltung?
Dass ich machen kann, was ich will. Man muss sich nicht einem Markt annähern, weil’s eh wurscht ist. Alex Toman, der die Platte gemischt hat sagt auch, dass österreichischer Pop deswegen spannender ist. In Deutschland musst du mitfahren. Hier funktioniert es finanziell nicht, aber dafür hast du im Sinne von künstlerischem Freiraum ein Riesenplus.

Was hat dich nach Wien zurückgebracht?
Die Trennung von meiner Freundin. Wir waren vier Jahre lang zusammen. Ich hab mich in Berlin nie wohlgefühlt, aber sie war der Grund, dass es für mich Sinn gemacht hat. Danach bin ich zurück nach Wien. Es war eine harte Landung, aber es hat sich cool entwickelt.

Wie ist die Zusammenstellung der Band geschehen? Peter Legat ist ein Kaliber.
Ur zufällig. Ich war Kartenabreißer im Porgy. Einmal hat der Moritz gespielt. Wir kannten uns flüchtig, haben uns ausgetauscht. Lange ist nix passiert, bis der Peter ins Porgy gekommen ist und ich ihm gesagt habe: „Lass deinen Sohn grüßen.“ Aber irgendwie kannten alle schon Ignaz Tschinön. Das war der Startschuss. Eigentlich sind sie auf mich zugekommen. Ich war unbeholfen, weil ich nie vorhatte, live zu spielen. Ich wollte auf die Musik scheißen und einen normalen Job suchen – jetzt bin ich halt Kellner im siebten Bezirk. Aber das Hättiwari macht mich fertig, deshalb mach ich es einfach. Ohne Über-Effort, aber nach bestem Wissen und Gewissen.

Stimmt es, dass dein Papa früher mit Johann Stojka, dem Bruder von Harri Stojka, Musik gemacht hat?
Kann sein, er kommt aus dem Dunstkreis. Er hat in den 1980ern mit der Band Hot Club D’Autriche Gypsy-Swing gespielt. Es ist eine lustige Aufnahme. Dann sind meine Schwester und ich auf die Welt gekommen, da war’s vorbei. Er ist ein OG-Wiener. Es ist lustig: Ich komm aus der Schule raus, mein Papa sagt gleich ich soll was Gescheites machen. Jetzt mach ich Musik, steh ökonomisch mit dem Rücken zur Wand. Aber er ist stolz und stellt keine Fragen mehr, jetzt wo es die Platte gibt.

Womit bist du musikalisch und textlich aufgewachsen? Hast du ein Faible für Retrosachen?
Die Vergangenheit nostalgisch verklären finde ich falsch. Vom Sound: Fix. Ich bin ein 70er-Kind durch und durch. Der Papa hat mit viel Haltung mitgegeben. Wir sind früher oft ins Jazzland und ins Porgy gegangen. Meine Mutter hat in Klosterneuburg ein kleines Veranstaltungslokal, wo ich aufgewachsen bin. Da waren viele Konzerte. Am Mittwoch haben die Jazzleute gespielt, die sich über die Rockleute mit ihren zwei Akkorden lustig gemacht haben. Am Donnerstag haben die Rockleute über die Jazz-Snobs gelästert. Ich stehe mit 12, 13 Jahren da und denk mir: Ihr spielt’s beide eigentlich Blues, was habt ihr?

Gibt es sprachliche Referenzen?
Gar nichts. Zur Anfangszeit haben viele gesagt, ich soll mir Wienerlieder anhören. Ich hab es extra nicht gemacht, weil du schnell ins Kopieren kommst. Lieber frei raus. Ich lese auch kaum.

Was hast du mit 17 viel gehört?
Ich hab Drum ’n‘ Bass produziert und aufgelegt. Im Flucc war Vollkontakt. Ich hab auch Schlagzeug gelernt, amtlich mit Musikwettbewerben. Irgendwann ist mir das am Oasch gegangen. Das Rebellischste, das ich machen konnte, war das Instrument wegzulegen und elektronische Musik zu machen. Ein „Fuck you!“ an die akademische Welt. Vielleicht hört man es manchmal noch leicht durch.

„Bevor das Drama entsteht, kommt der Humor rein“

Schreibst du immer noch alle Tracks selbst?
Ja, alles. Das soll die anderen nicht schmälern. Ich komm vom Alleinmachen. Auch wenn du mit Ideen kommst, ist es in meinem Kopf oft schon durch. Live arrangieren wir es aber offener. Es macht live mehr Spaß, als die Songs einfach nachzuspielen. Einem Jazzprofessor wie Peter Legat musst du einen Lead-Sheet hinlegen, der Ehre wegen. Aber je weniger ich reinschreibe, desto geiler spielen alle. Bei der Platte habe ich weniger gefinkelten Scheiß reingegeben, damit wir live improvisieren können.

See Also

Glaubst du nicht, dass das live sehr gut funktionieren kann?
Eh, es funktioniert gut. Es ist eher meine Persönlichkeit. Ich bin ein Kammerltyp und kein Entertainer. Wir bieten es dar, aber wir machen es nicht für dich. Ich will nicht auf die Bühne gehen und Party machen. Ich erzähle was und du kannst zuhören. Ich muss noch lernen, live mit der Stille umzugehen. Einige erwarten den „Spompanadln“-Vibe, der ist nicht mehr so da. Ich will mit der Figur nicht mehr auf die Bühne gehen, auch wenn sie am ehesten zieht.

Bist du ein Loner? Die Texte vermitteln nicht so das Gefühl, sie kommen locker und telweise humorvoll rüber.
„Parasympathikus“ meine ich im Sinn von cool bleiben. Loner klingt so dramatisch. Mit sich selbst sein zu können, ist wichtig. Ich sitze allein im Studio und erzähle Situationen von mir. Es ist eher ein Friedenfinden. Humor ist in meiner Haltung drin. Ich kann über mich selbst schmunzeln, muss nicht alles todernst nehmen. Bevor das Drama entsteht, kommt der Humor rein. Ohne Humor wäre es zach. Wien wäre ohne Humor nur eine frustrierte Stadt.

Der Sinn für Sarkasmus und Zynismus ist in Österreich grundlegend von Deutschland.
Ich merk es in der Arbeit. Ich komm nach Wien zurück und denk mir, super ich hackl im Kaffeehaus – gmahde Wiesn. Dann reiß ich am Anfang meine Schmähs, sitzen deutsche Studenten entsetzt da und fragen: „Wie können Sie das sagen?“ Weil sie nicht nur das gegenseitige oberflächliche Veroaschen, sondern Sarkasmus und Zynismus nicht verstehen. Aber das schlägt sich in allem durch.

Wie ist dein Künstlername entstanden?
Über „Spompanadln“. Der Track ist über ein Jahr lang auf der Festplatte gelegen. Ich hab davor Instrumentals gemacht und wollte zwei, drei Nummern mit Vocals rausbringen. Ich hab was Flippiges gebraucht, um nicht so angreifbar zu sien. Damit ich mich rausreden kann – war eh nicht ernst gemeint. Ein Alter Ego ist gut, man kann sich bissl wegducken. Ich hab bei Tschinön an die Hi-Hat gedacht. Mein Papa hat gesagt, dass Ignaz früher ein häufiger Name in Wien war. Ich war am Zentralfriedhof und hab gesehen, dass tatsächlich viele Ignaze liegen. Crack Ignaz kannte ich schon, aber der wird mir nicht bös sein. Österreich ist groß genug für zwei Ignaze (lacht).

Du hast die Tracks für den Rapper fiasko und das gleichnamiges Release produziert. Ist das vor der Zeit als Ignaz Tschinön entstanden?
Ziemlich gleichzeitig 2021 in Berlin. Max (fiasko, Anm.) ist ein alter Bekannter aus Klosterneuburger Tagen. Die hatten die Crew Das Knusperhaus. Die musikalischen Universen machen von außen betrachtet keinen Sinn. Ich fand HipHop geil.

Wie bist du zum Produzieren gekommen?
Ich bin ein Laptopkind. Bevor ich ein Schlagzeug hatte, hatte ich GarageBand. Also zuerst gebastelt, dann gespielt.

„Ich bin ein Kammerltyp, kein Entertainer“

Wann hast du damit angefangen, deine Stimme einzusetzen? Und wer hat dich dabei inspiriert?
Sehr spät. Ich hab anfangs auf Englisch gesungen und in meinem Kopf oagen Soul gemacht – bis ich festgestellt hab, dass es sich nicht ausgeht. Dann kam das Wienerische. Ich kannte das davor in dem Kontext nur von 5/8erl in Ehr‘n. „Siasse Tschik“ war ein Ohrwurm. Soul auf Hochdeutsch hätte niemals diesen Vibe. Wienerisch ist am amerikanischen Slang viel näher dran. Allein vom Sound her. Ich bin und auch ein großer D’Angelo-Fan. Natürlich will ich mich niemals vergleichen. „Voodoo“ hab ich studiert, bis ich es weggesperrt hab. Es ist ein perfektes Destillat, ein Holy Grail.

Hast du dann alles liegengelassen?
Ja, den Computer weggeräumt, das Schlagzeug hergeholt und ein Rhodes gekauft. Ich mochte als Kind schon Harmonien, Soul, RnB und Jimi Hendrix. Dazwischen war elektronisches Zeug. Das war der Schlüssel. Du weißt, wo du herkommst, gehst woanders hin und merkst dann, dass es eh gepasst hat.

Ist ein zweites Album geplant?
Es zwei unfertige Alben im Archiv. Entweder ich erwecke eins zum Leben oder mach was anderes. Ich muss nicht für die Karriere Musik machen. Ich mach es für mich. Zu viel Nachdenken macht Sachen für mich kaputt. Schau ma lieber, was passiert.