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Beatshizzle (Februar/21) // Beats & Instrumentals

Beatshizzle (Februar/21) // Beats & Instrumentals

In dieser Reihe widmen wir uns monatlich den neuen Releases der Beat- und Instrumental-Szene. Das Meer an großartigen Beats wird von Tag zu Tag größer und nur die wenigsten Produzenten erhalten gerechtfertigte Credits. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Instrumentalreihen – viele der Projekte gehen allerdings in der Flut an Releases einfach unter und werden nicht mit eigenen Artikeln gewürdigt. Dennoch sind sie relevant genug, um ihnen eine Plattform zu bieten. 

Okocha Records hat Ende letzten Jahres die Compilation „Jazzenatico“ veröffentlicht. Anlässlich des Jahrestages desAnschlag von Hanau in Deutschland am 19. Februar und damit diese schreckliche Tat nicht in Vergessenheit gerät, wurde die „Initiative 19. Februar Hanau“ mit Spenden aus einer Aktion unterstützt, bei der 23 Künstler*innen das Vinylcover individuell gestaltet haben, die anschließend auf Ebay versteigert wurden.

Wie gewohnt haben wir auch unsere Spotify-Beatplaylist aktualisiert.

Restless Leg Syndrome – Falcon

In vielen Naturvölkern und -religionen verbreitet stellen Totems eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zwischen Menschen und einer bestimmten Naturerscheinung dar – und münden mitunter in der Verehrung von tierischen oder pflanzlichen Wesen. Für ihren gleichnamigen Longplayer hat Restless Leg Syndrome diese Symbolik aufgegriffen. Nachdem die Anfang Jänner veröffentlichte EP „Venom“ der Schlange gewidmet war, geht es nun weiter mit der „Falcon“-EP. Die Tiroler Wahlwiener d.b.h., Chrisfader und Testa liefern auf fünf Tracks ihr gewohnt tanzbares Beat-Programm. Samples und Melodien aus dem arabischen Raum stehen im Vordergrund, es kommen aber auch Referenzen aus ganz anderen Ecken zur Geltung – etwa die Stimme von Gwen Stefani. „Represent the Fucking Planet” underscores the progression of the trios’ music in the second EP and their appreciation for drums that knock(…). From the bass-heavy title track to “Hayati,” characteristics paying homage to the golden age of Arabic music are interlaced with synths and 808s“, beschreibt das Trio die fünf Tracks selbst. Der weitere Fahrplan? Nach zwei weiteren EPs soll das Gesamtprojekt noch im Frühjahr komplettiert werden. Aus insgesamt vier EPs ergibt sich dann die „Totem“-Doppel-Vinyl, die via Duzz Down San erscheint und bereits auf Bandcamp vorbestellbar ist.

Soudiere – Pirelli Vol. 7

Wiederkehrend in dieser Rubrik vertreten ist Soudiere. Der Franzose hat in den vergangenen Jahren öfters bewiesen, dass er zu den versiertesten Phonk-Produzenten zählt. Zuletzt vergangenen August zusammen mit DJ Smokey mit dem Tape „Only 2 Left Alive“, sonst meist im Alleingang. Stilistisch haben sich seine Produktionen seit dem Start der „(Young) Pirelli“-Reihe 2016 kaum verändert – Soudiere hat seine Nische in den cleanen, melodischen Beats mit charakteristisch lauten Drums und Bässen, viel Vocal-Sample-Einsatz und Oldschool-Memphis-Flavour gefunden. Sein Perfektionsanspruch ist mit der Zeit aber merklich gestiegen und das musikalische Feingespür bei der Ausgestaltung der Beats mittlerweile auf einem bemerkenswerten Level angekommen. Davon zeugt auch „Pirelli, Vol. 7“, eine seiner bisher stärksten Ausgaben.

Tall Black Guy – Airplane Mode

Insbesondere dank seiner Instrumentalalben „8 Miles to Moenart“ und „Let’s Take a Trip“ genießt Tall Black Guy in der Beatszene einen sehr guten Ruf. Der Detroiter steht für smoothen, oft Keyboard-lastigen Instrumentalsound mit viel Headnod-Potenzial. Seinen Produktionen ist dabei neben der klassischen HipHop- auch die heimatliche Musiksozialisation zwischen Motown und J Dilla anzuhören, ohne dass die Endprodukte zu schablonenhaft klingen. Mit „Airplane Mode“ meldet sich Tall Black Guy nach einigen musikalisch ruhigeren Jahren zurück, in denen er zwischen Detroit und London gependelt ist und viel mit existenziellen Fragen beschäftigt hat. Mit dem neuen Album kann er durchaus an die bisherigen Werke anknüpfen, wobei diesmal die Jazz-Komponente stärker zur Geltung kommt und die einzelnen Tracks kürzer ausfallen. Insgesamt bleibt der Sound entspannt und organisch, die Tracks sind dabei mit einigen Instrumenten ausgestaltet – Unterstützung liefern dabei unter anderem die Weggefährten 14KT und Kenny Keys. Schönes Album zum Durchhören.

Sofa T – Yakera

Das neue Release von Beat Jazz International kommt diesmal aus dem hohen Norden, von Sofa T aus dem dänischen Super Bad Disco-Camp. Die Aufmachung des Covers mit einer Frau in der gleichen Altbauwohnung folgt dem üblichen Schema und reiht sich in die Vorgänger der Reihe ein. Musikalisch geht es etwas experimenteller zu. Psychedelische Einflüsse und Acid-Jazz-Vibes treffen auf klassische BoomBap-Drums und Jazzsamples, eine schöne Mischung.

alllone – Luminate

Über das Kanadische Bass-Music-Label aufect erschien kürzlich die neue EP von alllone. Uns noch als Trio aus Graz/Wien bekannt, ist alllone in der Zwischenzeit offenbar zu einem Grazer Duo geschrumpft. Was die Beats betrifft scheint es deshalb aber noch lange keine Abstriche zu geben – auf vier „Luminate“-Tracks servieren sie gewohnt aus den Boxen donnernde und sauber ausproduzierte Halftime/Glitch-Klänge. Dazu ergänzt ein Remix von Mythm.

Arrowstrumentals – lockdown grooves

Heutzutage scheint die Zeitspanne zwischen dem Beginn mit dem Musik machen und den ersten Releases bei vielen Acts ziemlich kurz zu sein. Ausnahmen soll es natürlich weiterhin geben. Dazu zählt mit Arrowstrumentals etwa ein Produzent aus St. Valentin, der seit ca. 20 Jahren aktiv und gut die Hälfte davon mit professionellem Equipment aufnimmt, aber erst 2019 erste Tracks und zum Jahreswechsel seine erste EP veröffentlicht hat. „Man ist ja selbst sein ärgster Kritiker und darum traut man sich lange nix zu veröffentlichen“, schreibt er uns. Dass er mit seiner ersten EP „lockdown grooves“ einen kleinen bunten Mix liefert, kommt nicht von ungefähr. „Ich höre alles, von BoomBap und klassischem Westcoast Sound bis Instrumentalalben, das fließt auch in meine eigenen Sachen ein.“ Gelungener Querschnitt zwischen souligem Boombap und bouncigem Instrumentalsound – wobei das Intro bisschen was von einer Brenk’schen Proto-„Midnite Ride“-Demo hat.   

AK420 – One Night Stand With Mary Jane

AK420 ist in love mit Mary Jane. HipHops Lieblingspflanze ist nicht nur Teil seines Namens, sondern auch des neuen Albums. „One Night Stand With Mary Jane“ ist ein gelungenes BoomBap-Album mit LoFi-Anleihen, das optimal zur Hintergrundbeschallung grüner Nächte dient. „Erst buffen, dann reden“, später vielleicht noch „Bam Bam mit Mary“ und der Abend ist perfekt.

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Hanshiro – Coma

Random-Fund aus Indonesien. Der dort ansässige Produzent Hanshiro hat in den vergangenen drei, vier Jahren über zehn Alben und EPs veröffentlicht. Die Beats sind meist verträumt und melodisch, so auch auf dem neuesten Werk „Coma“. Bislang erscheint das ganze nur digital, eine physische Version wäre auf jeden Fall wünschenswert.

DRWN. – Winterwarm

Nur drei Monate nach seinem jüngsten Release erscheint mit „winterwarm“ das nächste Album vom Schweizer DRWN., einem der Aushängeschilder für LoFi-Sound im deutschsprachigen Raum. Die Namen und Ästhetik skizzieren den ausgehenden Winter und die Hoffnung auf baldige Frühlingstage, die sich seit ein paar Wochen schon vereinzelt blicken lassen.

CrabbMan – Framework

Ein Fanliebling aus dem Februar kommt von CrabbMan in Form von „Framework“. Dies ist bereits sein drittes Album und erschien über das britische Label Spared Records. Klassische 90s-Anleihen mit einer SP12, die das Rad zwar nicht neu erfinden, aber auf jeden Fall auch in 2021 flüssig weiterlaufen lassen. Das Cover und die farbige Vinyl sind auf jeden Fall ein schönes Sammlerstück.

90Vo – The Frisian Fellow / Franz Branntwein – The Grey Haired Bandit

Erst im November erschien ein Remixtape der deutschen Produzenten 90Vo und Franz Branntwein, nun legen sie ein instrumentales Splitalbum nach. BoomBap-Sound raw und dreckig, so wie es sein muss, um die Köpfe zum nicken zu bewegen. Beide Produzenten haben dabei sowohl entspanntere als auch nach vorne gehende Tracks, die sich in einem schönen Wechsel abspielen.

Dezi-Belle

Dezi-Belle liefert gleich wieder drei neue Releases aus seinen Reihen. WOX & asbeluxt liefern mit „Dusty Bits & Gritty Pieces“ straighte Headbanger, dem die Kollegen von Vinyl41 schon jetzt einen Platz in den Top 10 des Jahres prophezeit haben – zu recht. „Moonlight Loops“ von Anatolian Lover und „Solitude Symphony“ von drkmnd hingegen decken wieder die melancholischeren Facetten des Genres ab, was sich im Titel, Cover und natürlich nicht zuletzt in der Musik widerspiegelt und beide hochwertig abliefern.

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