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HC Strache und die Riesenrad-Geschichte

HC Strache und die Riesenrad-Geschichte

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Kommentar: Jan Braula
Illustration: Florian Appelt

Die FPÖ präsentierte gestern im Wiener Prater ihren WahlkampfsongImmer wieder Österreich – Bleib mei Heimat du mei Wien“. Während Strache sich in der Vergangenheit in zahlreichen Wahlkämpfen als Rapper probierte, sah er diesmal davon ab. Und auch nicht Ursula Stenzel trat vors Mikrofon, sondern der ehemalige „Die große Chance„-Kandidat, Werner Otti, intoniert hier eine vor Pseudo-Stolz triefende Heimat-Nummer. Unter vielen verstörenden Bildern findet sich dabei auch eine Aufnahme des Riesenrads. Dies ist, wenn man die Geschichte des Wiener Riesenrads kennt, mehr als pikant. Warum? Die Idee und die Erbauung des heimlichen Wiener Wahrzeichens geht nämlich auf einem im heutigen Rumänien geborenen und nach Wien emigrierten Juden zurück: Gabor Steiner. Auch der letzte Eigentümer vor der Arisierung 1938, Eduard Steiner, war Jude. Auch er war nicht schon immer in Wien, sondern kam aus Prag. Und auch die Konstrukteure wurden nicht in Österreich, sondern in England geboren. Eduard Steiner starb im Konzentrationslager Ausschwitz, Gabor Steiner flüchtete ins Exil nach Beverly Hills, wo er noch während des zweiten Weltkrieges starb. Auch die Idee von „Venedig in Wien“, der die heutige Venediger Au ihren Namen zu verdanken hat, geht auf Gabor Steiner zurück.

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Es war schon eine unglaubliche Chuzpe, als Heinz-Christian Strache beim WKR-Ball anno 2012 behauptete, dass die Freiheitlichen „die neuen Juden“ seien. Eine ziemliche Chuzpe war es auch, dass die im September 1945 geborene Ursula Stenzel bei der gestrigen Lied-Präsentation betonte, sich besonders zu freuen, dass es gerade hier, im Wiener Prater, präsentiert werde, da sie in der Leopoldstadt aufwuchs. Im Zuge der großen Einwanderungswellen der verarmten galizischen Bevölkerung rund um 1900, die am Nordbahnhof beim Praterstern ihr Ziel hatten, wurde nämlich bis 1938 ein bedeutender Teil der Leopoldstadt jüdisch. Viele nahmen am Wiener kulturellen Leben regen Anteil, ehe sie von den Nazis fast gänzlich vertrieben oder ermordet wurden. Auf der Praterstraße wurde unter anderem der Literat Arthur Schnitzler in eine jüdische Familie geboren, Theodor Herzl, der Theaterschreiber und Feuilletonist, sowie spätere Begründer des politischen Zionismus, wohnte ebenso auf der Praterstraße. In einer Nebengasse der Praterstraße war einst der über 2000 Sitzplätze fassende Leopoldstädter Tempel zu finden. Im Gegensatz zum Riesenrad wurde er nicht wieder aufgebaut.

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Außerdem: Der anno dazumal bekannteste und beliebteste Wienerlied-Interpret, Hermann Leopoldi, stammt auch aus einer jüdischen Familie und sein Großvater war aus der heutigen Slowakei nach Wien gezogen.