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Traurig, kürzer und ein bisschen exzessiver // jōshy & Christoh im Interview

Traurig, kürzer und ein bisschen exzessiver // jōshy & Christoh im Interview

Wer von einem Album hört, auf dem jemand seine Trennung in einer Reise verarbeitet, Tagebuch schreibt und am Ende alles in ein Konzept gießt, das Track für Track nach Ort und Gefühl geordnet ist, der könnte im Interview existenzielle Antworten erwarten. Philosophische Einschübe, vielleicht ein paar Tränen. Nicht so bei jōshy, der seelenruhig erzählt, dass er für die Reise zwar extra Ableton runtergeladen, die App aber nie geöffnet hat. Und Christoh, der den depressivsten Track des Albums hervorhebt, weil er so geil ballert. „SIM(P) Diaries“ ist ein Album über Schmerz, Einsamkeit und Hedonismus gegen die Innere Leere. Das Interview dazu ist ungefähr so aufgewühlt wie ein Gespräch über das Wetter – zum Glück ist genau das die Pointe.

The Message: Die Verarbeitung von Trennungen in der Musik ist immer sehr persönlich. Wie kam der Entschluss zur Reise und wie der dazu, deine Trennung durch diese Aufarbeitung zu verarbeiten?

jōshy: Ich habe diese Reise sehr lang geplant, ur lang auf sie hin gespart und mich gefreut. Dann haben wir uns kurz vor der Reise getrennt, und ich war so: Ja, ich mache es trotzdem. Vielleicht ist es eh nicht schlecht, und ich wäre eh froh, dass ich sie gemacht habe. Aber es hätte viel geiler sein können. Ich war einfach ur traurig. Ich habe die Reise so gemacht, wie ich sie vorhatte. Nur traurig. Traurig und kürzer und ein bisschen exzessiver.

The Message: Hast du auf dieser Reise das gefunden, was du gesucht hast?

jōshy: Ich habe sie unter anderem gemacht, weil mir irgendwie oft vorgeworfen wurde, dass ich nicht alleine sein kann. Ich war immer in Beziehungen, bin von einer Beziehung in die nächste, und war nie wirklich viel alleine. Mir wurde eben immer vorgeworfen, du kannst nicht alleine sein. Und dann war ich so: try me. Das war ein Test für mich. Ich wollte herausfinden, was ich eigentlich beruflich machen will und ob ich reisen möchte, woanders mal leben will oder whatever. Mich einfach alleine mit mir selbst auseinandersetzen. Ich dachte auch, ich muss das machen, weil es scheinbar alle mal gemacht haben. Aber man muss das echt nicht gemacht haben. Es war schon cool, mal ein halbes Jahr nicht zu arbeiten und einfach machen zu können, was man will. Aber wenn du so viele Optionen hast, ist das irgendwie wieder überfordernd. Was mache ich jetzt eigentlich mit meiner Zeit? Vielleicht muss man es machen, damit man dann weiß, man muss es eh nicht machen. Ich glaube, so fünf, sechs Wochen sind ideal für sowas, das kann ich jedem empfehlen. Fünf, sechs Wochen pro Land. Aber alles darüber ist irgendwie schon wieder zu viel.

Christoh: Ich habe sowas leider noch nicht gemacht, das steht noch an. Wobei wir ja gerade gehört haben, dass man das gar nicht gemacht haben muss.

The Message: Wie lange warst du jeweils unterwegs, hättest du sie länger gemacht, wenn die Trennung nicht gewesen wäre?

jōshy: Ich war viereinhalb Monate unterwegs im Endeffekt. Ich wollte ursprünglich ein Jahr machen. Und nach drei Tagen war ich so: Okay, das geht sich mit dem Geld niemals aus, wenn ich so weitermache. Weniger exzessiv vielleicht schon, aber mir war auch einfach fad. Die Hälfte der Zeit war ich mit Friends unterwegs, irgendwie waren gerade alle in Asien, das war dann immer viel geiler. Ich habe versucht, mich in Mexiko für so Work and Travel zu bewerben, so zwei Wochen auf so einer Farm, da wurde ich aber nicht genommen. Ich hab versucht irgendwo anzukommen, ich wollte nicht in so einem Hostel jobben mit so 20-jährigen Menschen.

The Message: Hast du dir währenddessen oder erst danach gedacht, dass du daraus ein Album machen willst?

jōshy: Ich hatte eigentlich gar keinen Bock, was zu machen. Ich habe mir für die Reise extra Ableton runtergeladen und dann nie geöffnet. Mir ist gar nichts eingefallen, und ich wollte auch nicht, dass mir etwas einfällt. Dann hat Christoh mir geschrieben, nach über der Hälfte der Reise. Er meinte er hat Beats und will ein Hip-Hop-Projekt machen. Auf der Reise habe ich dann doch noch einen Part geschrieben, ganz am Ende. Das Album haben wir erst gemacht, als ich zurückgekommen bin.

The Message: Hängen die einzelnen Tracks für dich an bestimmten Stationen deiner Reise, oder ist das Album eher eine Gesamtinterpretation der ganzen Zeit?

jōshy: Es ist wirklich jeder Track ein Land. Ich habe in jedem Track eine Ortsangabe und eine Zeitangabe. Ich habe versucht, die Gefühle, die ich in den jeweiligen Ländern hatte, die eigentlich überall ähnlich waren, traurig und depressiv, einzufangen. Ich habe jeden Tag Tagebuch geschrieben, als ich unterwegs war, und viele Fotos gemacht. Um wieder in dieses Gefühl zurückzukommen, habe ich mir in Österreich die Fotos und ein paar Tagebucheinträge angeschaut. Ich konnte mich eigentlich ganz gut an alles erinnern und wieder hineinversetzen.

The Message: Wie habt ihr euch auf den Titel „SIM(P) Diaries“ geeinigt, und war es eine Überwindung, ein eher negativ besetztes Wort als Selbstbeschreibung zu verwenden?

Christoh: Das war schon seine Sache. Ich habe lange gerätselt, was das heißt. Dann habe ich mir das Konzept durchgelesen, und dann war es so: Ah ja, stimmt.

jōshy: Nein das war keine Überwindung, ich finde das lustig. Ich habe mit meiner jetzigen Freundin darüber geredet. Sie meinte, ein Simp ist jemand, der für jemanden simped, und es kommt halt gar nichst zurück, ist also sehr einseitig. Für mich war es eher dieses: Du himmelst jemanden voll an und hängst dieser Person nach, egal ob im Guten oder im Schlechten. Du würdest einfach alles für diese Person machen. Ich finde das irgendwie süß.

The Message: Hat deine Ex-Partnerin inzwischen vom Album erfahren?

jōshy: Heute. Wir haben keinen aktiven Kontakt, sondern eher ein amikales Verhältnis. Wir haben beruflich bisschen miteinander zu tun und uns heute zufällig getroffen und sie hat mich darauf angesprochen. Sie meinte: Ah ja, es kommt ja bald das Album über mich. Ich so: Woher weißt du das? Sie so: Es heißt „SIM(P) Diaries“. Ich so: Okay, fair enough.
Dann hat sie gefragt, ob sie eine Platte bekommt. Ich so: Willst du es hören? Sie: Ja, schon. Also wird sie wohl irgendwie eine Platte bekommen.

The Message: Wie ist das Cover für „SIM(P) Diaries“ eigentlich entstanden?

jōshy: Wir hatten kein Budget, ich wollte niemanden bezahlen. Ich mache sowieso gern Fotos und hatte viele von der Reise. Ich hatte Lust, abends mal was mit der Hand zu machen also habe ich die ganzen Fotos von mir ausgeschnitten, wusste aber nicht, wie ich das schön auf eine Collage anordne, und habe mir dabei helfen lassen, im Tausch gegen ein Abendessen. Das Backcover hat dann Magdalena gemacht, ich kenne sie schon ewig und sie ist meine beste Freundin, die ist auch in den Credits.

The Message: Das Album ist sehr selbstironisch. Wo verläuft für dich die Grenze zwischen Ironie und der Schmerzverarbeitung, sodass sie noch authentisch bleibt?

jōshy: Ich finde, es gibt keine Grenze. Ich kann das nur so. Das ist für mich generell so ein Coping-Mechanismus, auch in unpassenden Situationen. Heute hat mir eine Kundin in der Arbeit erzählt, dass ihre Mutter gestorben ist, und das Erste, was mir in den Kopf kam, waren Witze, die ich zum Glück nicht ausgesprochen habe. Auch wenn ich über meine Depressionen erzählen würde, käme das bei mir immer als Witz raus.

The Message: War es schwierig für euch, diesen großen Unterschied von den Vibes zwischen Text und Beat zu etwas zusammenzuschweißen, was wirklich so gut klingt?

Christoh: Wir wussten von Anfang an, glaube ich, wo die Reise so hingeht vom Vibe her. Es war eigentlich ziemlich klar, dass wir einfach ein Tape machen, was so klingen soll. Und dann hat Joshy einfach sein lyrisches Ding draufgemacht. Ich glaube, dadurch, dass es so mobil in dem Moment war, hat es dann auch so gut gepasst. Wir haben von Anfang an gesagt, wir wollen etwas machen, was uns nicht einschränkt und wir einfach beide Spaß haben, wo wir einfach frei arbeiten können.

The Message: Denkst du, das hätte auch so gut funktioniert, wenn es nicht so ein emotionales Thema gewesen wäre?

jōshy: Ich glaube, ich hätte nichts zu erzählen gehabt. Ich glaube, dass es einfach ein super Rahmen war, um so viel zu erzählen.

The Message: Machst du das immer so? Es muss erst was passieren, damit du das aufarbeitest?

jōshy: Ich bin auch jetzt wieder in so einer Phase, wo ich so bin: Okay, jetzt habe ich das alles gemacht. Ich habe jetzt eigentlich nicht wirklich was zu erzählen. Es muss jetzt was passieren, bevor es was zu erzählen gibt. Ich brauche so ein Konzept. Ich kann mich schlecht ins Studio setzen und sagen: Okay, machen wir einen Song über Schlagzeug oder Bierbrauerei oder so. Ich brauche irgendwas, was ich von mir erzählen kann. Was mich beschäftigt und mich beschäftigt sonst relativ wenig.

The Message: Müssen sich jetzt alle fürchten, wenn von dir eine Release-Ankündigung kommt, dass du den Job verloren oder eine schlimmer Diagnose bekommen hast?

jōshy: Ja, vielleicht. Das könnte passieren. Wäre schon geil, wenn ich es mal über etwas Gutes schaffen würde.

The Message: Wie lange ist es eigentlich her, dass du zuletzt an Musik gearbeitet hattest?

jōshy: Also mein letztes Release war „Crying Tiger“ im Oktober 2024. Und da war ich halt dann fertig ein paar Monate vorher. Ich habe ein Dreivierteljahr oder so wahrscheinlich an keinem Song gearbeitet. Ich hab verhältnismäßig wenig gemacht, und ich hatte zwischenzeitlich auch gar keinen Bock, weil es einfach nichts zu erzählen gab.

The Message: Was sind eure Lieblingsnummern vom Album?

jōshy: Ich liebe “WEEN Pt 2”, der ist underrated. “Regenwald ASMR” ist auch einer der besten, der ist so fucking funny. Ich durfte den Song fast nicht so benennen auf den Streaming-Plattformen, weil das angeblich zu generisch ist. Ich war so: Fickt euch, so heißt mein Song! Es ist mir richtig auf die Nerven gegangen, dass ich das nicht so benennen durfte. Ich habe dann wirklich beim Vertrieb gesagt: Ich sehe es nicht ein, macht es einfach, make it happen. Und dann haben sie es gemacht.
Problematisch war eigentlich nur der Vertrieb, nicht alle Plattformen. Dabei konnte ich das ganze Album, auf dem der Track drauf ist, problemlos hochladen, nur bei der Single durfte ich es plötzlich nicht. Es geht ja offensichtlich, ich sehe doch, dass es geht. Das hat mich so aufgeregt.
Christoh: Meine Lieblingsnummer ist “Ich lach mich tot“. Weil der super ballert. Einfach mega flowt und super ballert. 
jōshy: Dabei ist das für mich eigentlich der kaputteste, depressivste Track. Und er meinte nur: Bro, der ballert so! Und ich so: Bro, mir ging es so schlecht auf diesem Song, ich erzähle, wie scheiße es mir geht und du sagst nur, wie geil der Track klingt.

The Message: Wie wichtig war es dir, dass du die Platte auch auf Vinyl raus bringst?

jōshy: Ich sammle selbst gern Vinyl. Bei den letzten zwei Releases habe ich es nicht gemacht. Zu wenige Hörer:innen und zu wenige Käufer:innen, und man muss eine gewisse Mindestmenge bestellen. Diesmal hatten wir eine kleine Förderung, ohne die hätten wir das Album gar nicht machen können. Mit einem Spotify-Abo besitzt du ja eigentlich keine Musik, du kannst sie jederzeit hören, aber dem Artist hilft das nicht mal die Produktionskosten zu decken. Mit einem physischen Medium besitzt du die Musik und es hilft den Musiker:innen. Wir konnten das Album über die Förderung pressen lassen und mussten das nicht selbst finanzieren. Ich habe mit den ersten 25 verkauften Platten schon mehr verdient, als ich in zwei, drei Jahren über Spotify-Streams machen würde. Auf Spotify hätte es von uns deshalb auch nur kurze 30-Sekunden-Snippets gegeben. Eigentlich wollte ich dazuschreiben, dass man sich den ganzen Track nur auf Vinyl oder anderswo holen kann, aber das durfte ich laut Vertrieb nicht, weil das angeblich als Werbung für eine andere Plattform gilt. 

The Message: Wie läuft so eine Studio-Session bei euch normalerweise ab?

Christoh: Also die erste Session war einige Zeit bevor wir angefangen haben am Album zu arbeiten. Da hat er noch gekifft, und wir haben Session gemacht. Ich habe in der Zeit, glaube ich, drei Beats gemacht und er hat sicher vier Joints geraucht und kein einziges Wort geschrieben. In sechs Stunden. Das war trotzdem ein super nettes Kennenlernen.

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jōshy: Danach lief es ganz anders. Ich bin meistens mit fertigem Text in die Session gekommen, und wir haben das einfach reingeklatscht, ohne großes Drumherum. Wir haben ziemlich schnell gewusst, was wir wollen, und uns gut aufeinander eingelassen. Wenig Rumscheißen, einfach machen. Das hat wahrscheinlich auch funktioniert, weil keiner von uns zum ersten Mal Musik gemacht hat, jeder von uns hat ja schon für sich allein Musik gemacht. Wir haben vor etwas über einem Jahr angefangen, und jetzt sitzen wir mit einer fertigen Platte da, das ist eigentlich nicht normal für solche Projekte.

The Message: Du hast wirklich aufgehört zu kiffen?

jōshy: Ja, ich bin bei 628 Tagen. Ich hab so eine Tracking-App dafür. Das sind umgerechnet 6.280 Euro, die ich mir gespart hätte. Aber das war sowieso nicht der eigentliche Grund, warum ich aufgehört habe.

The Message: Wie viel künstlerische Freiheit beziehungsweise wie viele Kompromisse gab es bei der gemeinsamen Albumproduktion?

jōshy: Ich habe wenig Kompromisse machen müssen. Das Einzige war ein Vorschlag von ihm, ob wir die Reihenfolge bei ein paar Tracks ändern sollen, da war ich erst so: Nein. Am Ende haben wir das bei einem Track dann doch geändert, beim anderen nicht.

Christoh: Ich kann mich eigentlich nur erinnern, dass meine eigenen Vorschläge zur Reihenfolge fast immer abgelehnt wurden.

jōshy: Ein bisschen, ja, bin ich schon herrisch.

Christoh: Er war auf seiner Seite schon ziemlich herrisch. Das ist für mich aber okay, weil ich da Respekt habe.

The Message: Was machst du eigentlich am liebsten als Produzent?  Gibt es etwas, das du lieber machst als andere Sachen?

Christoh: Ich mache schon einfach so R’n’B-Hip-Hop-Sachen. Aber ich bin recht gerne recht bunt unterwegs beim Produzieren. Das ist auch gut so, ich mag es überhaupt nicht, mich festzulegen. Es kommt eher auf die Leute an. Es ist fein, wenn die einfach auch motiviert und professionell sind. Dann macht es wieder Spaß.

The Message: Habt ihr schon mal die Arbeit mit einem Produzenten oder einem Künstler abbrechen müssen, weil die Zusammenarbeit einfach nicht geklappt hat?

jōshy: Es gab schon Sessions, nach denen man einfach nichts weiter gemacht hat, weil es nicht gepasst hat. Oder man macht einen Song fertig und weiß: Mit dem werde ich nicht noch mal arbeiten, weil es mir zu anstrengend war. Das gibt’s auf jeden Fall.

The Message: Was steht für euch als Nächstes an?

Christoh: Endlich ein laufendes Album fertig machen, mit einer Sängerin, mit der ich schon länger arbeite. Die war jetzt ein bisschen krank und ist jetzt wieder am Genesen.  Und dann mit ihm das zweite Album. Wir haben überlegt, wir wollen gerne noch eine EP zusammen machen, die einen leicht anderen Sound hat.

jōshy: Jetzt hab ich erstmal keinen Bock, ich brauch erst wieder etwas das ich erzählen kann.