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Spirit der Wüste: Imarhan mit „Essam“ // Review

Spirit der Wüste: Imarhan mit „Essam“ // Review

Mehr als 100.000 Menschen leben in Tamanrasset, der größten Oasenstadt Algeriens – weit im Süden des Landes gelegen; so weit, dass sogar Brüssel näher an Algier liegt als Tamanrasset. Die Stadt ist nicht nur das wirtschaftliche Zentrum der Tuareg, sondern auch ihr kulturelles. Ein Ausdruck dessen ist die 2006 gegründete Band Imarhan. Der Bandname steht für den Zusammenhalt der sechs Musiker und bedeutet ins Deutsche übersetzt: „Die, die mir am Herzen liegen“. Nach den Alben „Imarhan“ (2016), „Temet“ (2018) und „Aboogi“ (2022) veröffentlicht die Desert-Blues-Band mit „Essam“ nun ihr viertes Album, das erneut über das deutsche Label City Slang erscheint.

Weiterentwicklung bei Imarhan

„Essam“ – Tamasheq für „Blitz“ – markiert eine Weiterentwicklung im Sound der Band. Auf dem zehn Songs umfassenden Album treffen die Klänge traditioneller Desert-Blues-Gitarren, wie sie in den vergangenen Jahren etwa durch Mdou Moctar oder Tinariwen internationale Popularität erlangten, auf elektronische Elemente. Für letztere zeichnen sich die Franzosen Maxime Kosinetz und Emile Papandreou (vom Pariser Dreampop-Duo UTO) verantwortlich, die für die Produktion eigens nach Tamanrasset reisten. Papandreou nahm dabei die Live-Instrumente auf und verarbeitete sie in Echtzeit mit einem modularen Synthesizer, wodurch die Songs eine frische, experimentelle Dimension erhalten. So jagte er etwa den Klang einer Kalebasse durch Verzerrungseffekte und komponierte Beats mithilfe von Benzinkanistern, wie er selbst auf Instagram schilderte.

Hypnotisch und melancholisch

Das Zusammenspiel dieser beiden Welten funktioniert hervorragend – etwa auf dem sehnsuchtsvollen „Tellalt“, einem der Standout-Tracks der Platte, dessen Titel sich auf ein seltenes Akazienholz aus der Sahara bezieht. Die Songs auf „Essam“ sind psychedelisch-hypnotisch, zugleich aber auch sehnsuchtsvoll und melancholisch. Inhaltlich kreist das Album um Nostalgie, um die Spannung zwischen Moderne und Tradition, um Liebe – oder schlichtweg um das Leben im saharischen Raum.

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Fazit

„Essam“ reiht sich mühelos in die Tradition herausragender Desert-Blues-Alben der vergangenen Jahre ein, hebt sich soundtechnisch jedoch deutlich ab. Die elektronischen Konturen, die sich sanft um die akustischen Desert-Gitarren legen, machen „Essam“ zu einem vielschichtigen Klangerlebnis. „Essam“ ist ein Album, das einen regelrecht den Spirit der Wüste spüren lässt – ähnlich wie bei der Lektüre des Romans „Wüste“ (1989) von Jean-Marie Gustave Le Clézio.

4 von 5 Ananas