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Nach den Beschwörungen: Ibeyi mit „Offering“ // Review

Nach den Beschwörungen: Ibeyi mit „Offering“ // Review

Getreu der Zeile „I don’t make spells anymore. Now, I make offerings.“ aus dem Track „Offerings“ verabschieden sich Ibeyi auf ihrem neuen Album „Offering“ von den Beschwörungen der Vergangenheit. Stattdessen bringen die Díaz-Zwillingsschwestern Lisa-Kaindé und Naomi nun Opfergaben dar. Die Bezugnahme auf das 2022 erschienene Vorgängeralbum „Spell 31“ lässt zunächst einen musikalischen wie inhaltlichen Richtungswechsel vermuten. Der tritt auch ein, wenn auch weniger radikal als die eingangs zitierte Zeile vermuten lässt. Letztlich präsentiert sich „Offering“ als konsequente Weiterentwicklung, auf der sich die mystische und spirituelle Aura der Musik des Duos weiter verdichtet.

„Offering“ markiert einen Neuanfang

Mit „Offering“ veröffentlichen Ibeyi erstmals ein Album auf ihrem eigenen Label Ibeyi Records statt bei XL Recordings. Auch auf der Produzenten-Seite hat sich einiges verändert. An die Stelle von Langzeitproduzent Richard Russell tritt unter anderem der haitianische DJ Michaël Brun, der bereits mit J Balvin zusammengearbeitet hat.

Verglichen mit den Vorgängern fällt „Offering“ weniger eingängig als frühere Veröffentlichungen aus. Mehr Atmosphäre, weniger klassische Hooks. Nur vereinzelte Stücke wie „Offerings“ sind unmittelbar zugänglich. Stattdessen dominieren reduzierte Arrangements, hypnotische Rhythmen und sparsame elektronische Klangflächen. Kuba und die afro-kubanischen Wurzeln des Duos rücken dabei in den Mittelpunkt und verschmelzen mit Yoruba-Traditionen: Bereits der Opener „Olokun“ ist eine Anrufung der Orisha Olóòkun, die mit den Tiefen des Meeres verbunden ist.

Die vielschichtige Identität von Ibeyi

„Offering“ ist erneut Ausdruck der vielschichtigen Identität der beiden Schwestern. Neben Englisch, Spanisch und Yoruba findet sich mit „La tendresse d’un mot“ erstmals ein vollständig auf Französisch gesungener Song auf einer Ibeyi-Veröffentlichung. International bekannte Gastmusiker*innen, wie sie auf den beiden Vorgängeralben „Ash“ und „Spell 31“ (2022) vertreten waren – etwa Jorja Smith, Chilly Gonzales oder Pa Salieu –, sucht man diesmal vergebens. Einziger Featuregast ist der französische Pianist Sofiane Pamart. Wie beim selbstbetitelten Debüt-Album (2015) liegt der Fokus ganz auf Lisa-Kaindé und Naomi Díaz, deren Stimmen ein nahezu untrennbares Klanggeflecht bilden.

In den poetischen Texten widmen sich Ibeyi vorrangig unterschiedlichen Facetten der Liebe: dem Übergang von kindlicher zu erwachsener Liebe in „Hurry Hurry“, der Erinnerung an eine vergangene Beziehung in „I Know You Loved Me“ oder immerwährender Verbundenheit in „La tendresse d’un mot“. Selbstbewusstsein und Selbstfindung prägen Stücke wie „Baba“ und „Moshpit“, während „Good Life“ die Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen Moment feiert.

Besonders deutlich tritt die spirituelle Dimension in „Aset“ hervor, wo Yoruba-Traditionen und altägyptische Mythologie („I am Osiris rising/I kept stealing their knowledge“) auf afro-kubanische Rhythmen treffen. „This is how it feels when you let ASET out. Embody her. She will help you leave it all behind“, heißt es dazu im Pressetext.

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„Lucky“ bildet schließlich einen hoffnungsvollen und dankbaren Abschluss eines Albums, das Ibeyi in einer neuen Entwicklungsstufe zeigt, ohne dass die beiden die Grundpfeiler ihrer Kunst aus den Augen verlieren. Mit „I’m excited/For what is coming“ endet das Album, und damit ist eigentlich alles gesagt. Dieses Gefühl stellt sich nach dem Hören des Albums ein – eines Albums, das nicht für den schnellen Konsum gedacht ist, sondern Hingabe braucht, um seine volle Kraft zu entfalten.

Fazit

Das vierte Studio-Album von Ibeyi markiert einerseits einen Neuanfang des Duos – erstes Album über das eigene Label, andere Produzenten –, ist aber andererseits mehr musikalische Weiterentwicklung als stilistischer Bruch. Die spirituell-mystische Aura der Zwillinge kommt auf „Offering“ besonders zutage. Mit poetischen, von Yoruba-Spiritualität geprägten Texten, kubanischen Rhythmen und einer harmonisch verwobenen Sprachenvielfalt bieten Ibeyi viel auf, um den Hörenden in ihren Bann zu ziehen. Und das funktioniert.

4 von 5 Ananas