hat Fotografie gelernt, Philosophie studiert, schreibt aber lieber über Rap.
Die Empörung kam erwartbar und verbreitete sich in den sozialen Medien innerhalb weniger Stunden. Die Sängerin RAHEL wirft (den bereits verstorbenen) Austropop-Musikern Ludwig Hirsch und Georg Danzer in einem Instagram-Beitrag vor, ihre Lieder seien pädophil, sexistisch und voyeuristisch. Als Belege dienen ausgerechnet zwei der bekanntesten gesellschaftskritischen Stücke des Austropop: „Spuck den Schnuller aus“ und „Vorstadtcasanova“. Die Debatte reiht sich damit in eine Entwicklung ein, die Kunst zunehmend nicht mehr im Kontext ihrer Aussage, sondern anhand einzelner Motive oder Figuren moralisch bewertet.
Dabei offenbart diese Kritik vor allem eines: ein grundlegendes Missverständnis darüber, wie gesellschaftskritische Kunst funktioniert.
Überzeichnung als künstlerisches Mittel
Ludwig Hirsch und Georg Danzer haben Missstände nie gefeiert. Sie haben sie beschrieben, überspitzt, karikiert und dadurch sichtbar gemacht. Ihre Texte erzählen von Gewalt, Machtmissbrauch, Sexismus, sozialer Kälte oder menschlichen Abgründen – nicht, weil sie diese gutheißen, sondern weil sie existieren. Gerade die Überzeichnung war ihr künstlerisches Mittel. Wer daraus eine Zustimmung zu den dargestellten Handlungen ableitet, verwechselt die Darstellung eines Problems mit dessen Verherrlichung.
Nicht jede Figur, die in einem Lied spricht, verkörpert automatisch die Haltung des Kunstschaffenden dahinter. Gerade in der Literatur und Musik ist es ein gängiges Mittel, unangenehme Perspektiven einzunehmen, überzeichnete Charaktere zu erschaffen oder gesellschaftliche Abgründe aus der Sicht problematischer Figuren zu erzählen. Künstler*innen beschreiben nicht automatisch das, was sie darstellen, sondern können genau dadurch sichtbar machen, was in einer Gesellschaft falsch läuft. Wer diese Trennung ignoriert, macht aus jeder Darstellung eine Selbstoffenbarung des Urhebers und beraubt Kunst ihrer wichtigsten Fähigkeit: Widersprüche, Abgründe und unbequeme Wahrheiten sichtbar zu machen.
Natürlich fand Austropop nicht im luftleeren Raum statt. Die Gesellschaft der 1970er- und 1980er-Jahre in Österreich war von Sexismus, patriarchalen Rollenbildern und vielen anderen Ungleichheiten geprägt. Diese Umstände zu thematisieren, ist und war notwendig. Kunst darf auch rückblickend kritisch eingeordnet werden. Zwischen einer historischen Analyse und einer moralischen Verurteilung besteht jedoch ein erheblicher Unterschied.
Ausgerechnet Ludwig Hirsch und Georg Danzer
Besonders irritierend in dieser (gar nicht so aktuellen) Debatte wirkt dabei, dass ausgerechnet Hirsch und Danzer zu Symbolfiguren einer angeblich problematischen Kultur erklärt werden. Beide standen politisch klar links, verstanden sich als Beobachter ihrer Zeit und machten gesellschaftliche Missstände zum Kern ihres Schaffens. Ihre Texte richteten sich gegen Autoritäten, soziale Ungerechtigkeit und Heuchelei. Wer sich ernsthaft mit ihrem Werk beschäftigt, erkennt schnell, dass sie keine Apologeten der von ihnen beschriebenen Missstände waren, sondern deren schärfste Kritiker. Dass ausgerechnet solche Künstler heute von Menschen aus dem linken Spektrum als vermeintliche Vertreter problematischer Ideologien gelesen werden, zeigt, wie weit sich Teile aktueller Debatten von einer differenzierten Kunstbetrachtung entfernt haben und wie wenig Linke andere Linke heute verstehen wollen.
Es entsteht der Eindruck, als werde ein Lied nur noch nach Schlagwörtern durchsucht. Tauchen darin problematische Inhalte auf, wird der Autor gleich mit ihnen identifiziert. Diese Form der Analyse lässt weder Ironie noch Satire, weder Perspektivwechsel noch erzählerische Rollen zu. Sie macht Kunst eindimensional und reduziert komplexe Werke auf einzelne Zeilen.
Das Video von RAHEL wirkt weniger wie der Versuch einer ernsthaften kulturhistorischen Einordnung als vielmehr wie klassisches Ragebait: zugespitzte Vorwürfe, maximale Empörung und eine Dramaturgie, die vor allem darauf ausgelegt ist, Reaktionen zu provozieren. Solche Inhalte belohnen die Mechanismen sozialer Netzwerke, weil Empörung den Algorithmus antreibt. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Kunst oder Zeitgeschichte bleibt dabei kaum Raum.
Austropop als Spannungsfeld
Hinzu kommt ein weiteres Spannungsfeld. Austropop wird von rechten Milieus vereinnahmt oder zumindest als identitätsstiftendes Kulturgut beansprucht. Dass sich manche Linke deshalb vom Genre distanzieren oder kritischer auf dessen Geschichte blicken, ist also nicht verwunderlich. Austropop war nie einfach nur Heimatromantik oder patriotisches Liedgut.
Das zeigt sich besonders deutlich an „I am from Austria“ von Rainhard Fendrich. Kein Lied wird bei patriotischen Veranstaltungen so laut mitgegrölt wie dieses, obwohl es ursprünglich alles andere als eine unkritische Liebeserklärung an Österreich war. Fendrich beschreibt darin eine ambivalente Beziehung zu seiner Heimat, voller Widersprüche, Enttäuschungen und Sehnsucht. Das Lied ist keine Nationalhymne, sondern vielmehr eine Abrechnung mit einem Land, das man trotz aller Kritik nicht einfach hinter sich lassen kann. Wer daraus bloß patriotischen Pathos macht, hat den Text genauso wenig verstanden wie jene, die Hirsch oder Danzer für die Missstände verantwortlich machen, die sie in ihren Liedern anprangern. Wenn Linke ständig ihre eigenen Linken canceln, haben wir ein Problem – und am Ende gewinnen meistens die Rechten.
Interessant ist zudem der Zeitpunkt, an dem diese Debatte erneut aufflammt. Seit einigen Jahren erlebt Austropop eine Renaissance. Junge Bands wie z.B. Laurenz Nikolaus greifen musikalische Traditionen wieder auf und machen sie einer neuen Generation zugänglich. Mit diesem Aufschwung rücken zwangsläufig auch die Klassiker wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein. Dass dabei alte Kontroversen neu verhandelt werden, überrascht wenig.
Neue Vorbilder braucht das Land
Die aktuelle Debatte über Hirsch und Danzer sagt deshalb vielleicht weniger über ihre Lieder aus als über unseren heutigen Umgang mit Kunst. Statt zu fragen, welche gesellschaftlichen Zustände diese Texte sichtbar machen wollten, wird vorschnell über die Künstler*innen selbst geurteilt. Damit geht genau jene Differenzierungsfähigkeit verloren, die eine offene Debattenkultur eigentlich auszeichnen sollte.
Das wirklich Nachvollziehbare an dieser Debatte ist vielleicht die Erkenntnis, dass wir tatsächlich neue Vorbilder im Austropop brauchen. Künstler*innen, die ähnlich mutig, gesellschaftskritisch und unbequem sind, wie es Hirsch und Danzer in ihrer Zeit waren und die diese Tradition gleichzeitig weiterentwickeln. Selbstverständlich darf diese neue Generation vielfältiger sein und andere Perspektiven sichtbar machen, die in der damaligen Musiklandschaft zu wenig vertreten waren. Genau darin liegt ja der Fortschritt: nicht darin, die Vergangenheit nachträglich umzuschreiben, sondern aus ihr weiterzulernen. Kunst ist oft ein Spiegel der Gesellschaft – manchmal verzerrt, manchmal schmerzhaft, manchmal provozierend. Wer den Spiegel für das hält, was er zeigt, hat seinen Zweck nicht verstanden.
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