"The hardest thing to do is something that is close…
Nach einer Entlassungswelle in den USA rückt wieder eine Frage in den Mittelpunkt: Wie soll Musikjournalismus im Jahr 2026 aussehen?
Mit einem Posting auf X sorgte der Musik-Publizist Jacob Daneman am 4. August für Aufregung. „RIP Brooklyn Vegan“ lautete es darin. In Folgetweets erklärte Daneman, dass BrooklynVegan-Eigentümer Veeps fast die gesamte Belegschaft des Musikmagazins entlassen habe. Wenig später wurde bekannt, dass nicht nur BrooklynVegan betroffen ist, sondern auch mit Alternative Press, Revolver und Goldmine weitere Musikmagazine, deren Schwerpunkte abseits des Mainstreams liegen.
BrooklynVegan war über Jahre ein Wegweiser durch den Release-Dschungel und gab vor allem kleineren Acts eine Bühne, die Gefahr liefen, im digitalen Überangebot unterzugehen. Während BrooklynVegan stärker von Nachrichten geprägt war, standen bei Revolver und Alternative Press vor allem aufwendig produzierte Longreads im Mittelpunkt. Bei Veeps, einem von den Good-Charlotte-Mitgliedern Joel und Benji Madden gegründeten Konzert-Livestreamingdienst, an dem Konzert-Riese Live Nation die Mehrheit hält, sieht man dafür offenbar keinen Bedarf mehr.
Ausgerechnet jene Musikindustrie, deren Künstler*innen von Musikjournalismus profitiert haben, trägt damit zu dessen Niedergang bei. Und nachdem auch Publikationen wie Pitchfork und Stereogum ihre Geschäftsmodelle grundlegend verändert haben, ist die nächste Runde im Kampf um das Überleben des Musikjournalismus eingeläutet.
Vom Monolithen zum Kieselstein
Abseits des großen Teiches sieht die Situation nicht besser aus, im Gegenteil. Auch hier werden Jobs abgebaut; sofern es sie überhaupt je in nennenswertem Umfang gegeben hat. Musikjournalismus war nie ein besonders lukratives Geschäft: wenig Ertrag für viel Arbeit. Trotzdem war er lange Zeit ein notwendiges Rädchen in der Maschinerie des Musikgeschäfts.
Der Erfolg sozialer Medien hat dieses Verhältnis grundlegend verändert. Aus dem Bedeutungsmonolithen Musikpublikation ist ein Kieselstein geworden. Wie groß die Verschiebung ist, lässt sich exemplarisch an Alben aus den 2000er- oder 2010er-Jahren ablesen, auf denen Rapper über ihre Kronen in der JUICE prahlen. Eine solche Symbiose zwischen Künstler*innen und einem Musikmagazin ist heute kaum noch vorstellbar.
Denn die Gatekeeper-Funktion des Musikjournalismus ist weitgehend verschwunden. Früher entschieden Redaktionen mit darüber, welche Musik Aufmerksamkeit bekam. Heute können Künstler*innen direkt veröffentlichen, kommunizieren und eine eigene Reichweite aufbauen. Musikjournalismus ist damit in vielerlei Hinsicht, und das ist die harte Wahrheit, obsolet geworden. Für Labels ist es schließlich günstiger und oftmals angenehmer, wenn Künstler*innen ihre Geschichten selbst erzählen und kritische Zwischeninstanzen entfallen.
Und dann ist da noch das große Schreckgespenst namens KI. Seit einigen Jahren geistert es durch die Branche – und inzwischen lassen sich auf Knopfdruck Texte produzieren, die zumindest oberflächlich wie Musikjournalismus aussehen. Jubelnde Besprechungen, austauschbare Künstler*innen-Porträts und Inhaltsangaben lassen sich automatisieren. Wenn Journalismus allerdings genau daraus besteht, ist die Frage berechtigt, warum dafür noch ein Mensch gebraucht wird.
Der Musikjournalismus von einst ist deshalb gestorben. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass Musikjournalismus selbst sterben muss. Im Gegenteil: Er muss sich neu erfinden.
Es geht um Mehrwert
Wenn die Gatekeeper-Funktion verloren gegangen ist, muss der Wert von Musikjournalismus heute woanders liegen. Kein hierarchisches Verhältnis mehr. Sondern Texte, die einen Mehrwert über die Musik hinaus schaffen. In neuen Perspektiven. In Recherche. In Kontext. In Geschichten, die ein musikalisches Werk nicht nur beschreiben, sondern verständlich machen, warum es relevant ist. Kurz gesagt: in Qualität.
Das bedeutet auch, den Wert des musikalischen Produkts herauszuarbeiten, anstatt lediglich seine Existenz zu dokumentieren. Wer heute über Musik schreibt, muss nicht mehr unbedingt entscheiden, was gehört werden soll. Er kann erklären, warum es sich lohnt, genauer hinzuhören.
Ob das wirtschaftlich tragfähig ist, ist natürlich eine andere Frage. Aber ob sich kulturelle Produktion ausschließlich ökonomischen Mechanismen unterwerfen muss, sei ebenfalls dahingestellt. Musikjournalismus hat das Potenzial, selbst etwas von kulturellem Wert zu schaffen. Wie viel dabei verloren geht, merkt man oft erst dann, wenn fein recherchierte und reflektierte Porträts durch KI-Slop ersetzt werden. In vielen Bereichen passiert genau das bereits.
Nicht Klicks, sondern Kultur
The Message wird nächstes Jahr 30 Jahre alt. Einen Geldspeicher haben wir uns in all den Jahren trotzdem nicht gebaut. Wenn man es hart auf hart nimmt, ist das Magazin ein Minusgeschäft: ein Minus an Zeit und manchmal auch ein Minus an Lebensqualität, wenn man sich in seiner Freizeit mit Hassnachrichten herumschlagen muss, anstatt die Zeit am See zu verbringen.
Wir machen es trotzdem. Weil wir glauben, dass es diese Form kultureller Wissensproduktion braucht. Dieses Füllen von Leerstellen, die gerade in der langen Geschichte österreichischer Musik zahlreich sind. Dieses Sammeln, Einordnen und Bewahren von Dingen, die sonst irgendwann verschwinden.
Braucht das jemand? Das Berichten innerhalb der Nische einer Nische einer Nische? Natürlich nicht. Eine Wödscheim-Episode stillt weder Hunger noch Durst, genauso wenig wie ein Artikel in Revolver. Aber kulturell kann beides bedeutsam sein.
Und vielleicht liegt genau darin die Zukunft des Musikjournalismus: nicht darin, wirtschaftlich unverzichtbar zu sein, sondern Produkte von kultureller Relevanz zu erschaffen. Die es aber oft nur geben kann, wenn der Gesellschaft bewusst ist, dass sich nicht alles an Wert an ökonomischen Fakten bemessen lässt. Wie kann sie das signalisieren? Indem sie ihre Unterstützung für Artikel zeigt, bei denen offensichtlich ein Mensch und keine Maschine am Werk war. Das kann mancherorts in Form eines Abos geschehen – oder wenn man wie in unserem Falle einfach etwas re-postet, wenn man es lesen- oder hörenswert findet. Damit lässt sich auf einfache Weise Wertschätzung ausdrücken und ein Zeichen setzen, das lautet: Ja, Musikjournalismus soll auch im Jahr 2026 noch bestehen.
PS: Good Charlotte fand ich schon immer schrecklich.
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