R.I.P. Hip Hop Kemp // Kommentar

Es sollte das große Comeback werden – stattdessen entpuppte sich die plötzlich abgesagte Neuauflage des Hip Hop Kemps wohl als endgültiger Todesstoß für das Festival.

Im Jahr 2002 ging das erste Hip Hop Kemp in Tschechien über die Bühne. In den Folgejahren wuchsen Line-up und Besucher*innenzahl, das Kemp wurde zunehmend internationaler. Das Festival wurde fast schon zu einer Institution, mindestens aber zu einer Alternative zu den großen HipHop-Festivals im deutschsprachigen Raum. Auch weil es für viele herrlich anders, manche würden sagen retro, war: Während viele andere Festivals die Genre-Grenzen bei ihren Line-ups immer mehr zum Erodieren brachten, blieb das Hip Hop Kemp straight HipHop. Es wirkte ein wenig so, als wäre hier die Zeit stehen geblieben, was aber auch das wohlige Gefühl der Nostalgie verströmte, wenn auf der Hauptbühne Wildchild „Whenimondamic“ performte und Tausende in traditioneller HipHop-Uniform freudig den HipHop-Arm auf und ab bewegten.

Eine Zeitkapsel eben, aber nicht nur, da das Hip Hop Kemp auch Acts buchte, bevor sie richtig durchstarteten. Beispielsweise waren auch Kendrick Lamar, Little Simz, Danny Brown oder Odd Future in Hradec Králové, wo es lange Jahre stattfand, zu sehen. Und da das Hip Hop Kemp auch immer nach Deutschland und Österreich schielte, gab es auch immer eine große Portion Deutsch- und Österrap. Zur österreichischen Fraktion gehören dabei unter anderem Texta, Hörspielcrew, TTR Allstars oder Waxolutionists. Der Slogan „Festival with Atmosphere“ traf definitiv zu – und das Ganze war auch noch preislich sehr attraktiv.

Das Hip Hop Kemp als Lost Place

Nach den pandemiebedingten Absagen von 2020 bis 2022 und weiteren ausgefallenen Jahrgängen sollte 2026 das große Comeback stattfinden. Als neue Pilgerstätte sollte das Areál Cosmo in Výrov bei Kralovice dienen, eine ehemalige Raketenbasis in den Wäldern bei Pilsen. Mit dem Line-up blieb das Hip Hop Kemp der Linie von einst treu. So sollten unter anderem Conway The Machine, The Alchemist, Freddie Gibbs, Onyx, Masta Ace und Digable Planets, aber auch Döll, Texta und Tice dieses Jahr auftreten. Sollten: Denn einen Tag vor Festivalbeginn kam es zur überraschenden Absage. Es seien schlichtweg zu wenig Karten verkauft worden, hieß es in einem ersten Statement des Veranstalters. Später konkretisierte dieser die Zahl: Lediglich rund 2.200 Tickets seien verkauft worden, während das Festival auf 5.000 bis 6.000 Besucher*innen ausgelegt gewesen sei.

Aufgrund der plötzlichen Absage waren natürlich schon etliche Festivalbesucher*innen im Land – und lieferten Footage vom Gelände, das so gar nicht den Eindruck erweckte, für ein Festival für mehrere Tausend Leute bereit zu sein. Ein paar Dixi-Klos standen, aber sonst sehr, sehr wenig. Das Ganze machte eher den Eindruck eines Lost Places, der gerade im Begriff war, von der Natur zurückgeholt zu werden. Kaum vorstellbar, wie hier Freddie Gibbs und Kolleg*innen hätten auftreten sollen. Das Skurrile dabei war: Einen Tag vorher wurde noch auf Instagram Werbung für das Festival gemacht und Tickets waren noch am Morgen des Absagetags zu kaufen.

Alles nur ein Scam?

Aber nicht nur das Publikum, auch die Künstler*innen wurden von der Absage überrascht. MC Rene postete dazu auf Instagram, auch DJ Illegal von den Hip-Hop-Kemp-Veteranen Snowgoons meldete sich auf Facebook zu Wort: „I personally dont think it’s a scam. Just very poor and badly handled by the organization.“ Ähnlich äußerte sich auch Flip von Texta auf Anfrage von The Message: „Scam war’s eher keiner. Aber keine Ahnung, ehrlicherweise.“ grim104, der 2018 mit Zugezogen Maskulin auf dem Hip Hop Kemp spielte, war zwar nicht direkt betroffen, aber empfahl den Doch-nicht-Besucher*innen auf Instagram ein Alternativprogramm: seine Tour.

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Im zweiten Statement erklärte der Veranstalter, dass neben den Ticketverkäufen auch das Wetter eine Durchführung verhindert habe. Die Erklärung wurde unter anderem auf Reddit hinterfragt. Auch bei den Tickets herrscht Unklarheit: Zunächst hatte der Veranstalter eine Rückerstattung angekündigt, später erklärte er jedoch, dass die bereits erworbenen Tickets für das Hip Hop Kemp 2027 gültig bleiben sollen. Es erscheint aber mehr als fraglich, ob dieses jemals stattfinden kann – und wie ein solches Festival nach diesem Vorgang überhaupt noch das Vertrauen von Künstler*innen und Hip-Hop-Fans zurückgewinnen soll. „Hip Hop will never die. Kemp might just die“, so DJ Illegal weiter in seinem Statement. Das „might“ kann man ziemlich sicher streichen.