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„Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ – Sookee-Interview

„Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ – Sookee-Interview

Quelle: sookee.de

Sookee ist das Aushängeschild des Zecken- und Queer-Raps im deutschsprachigen Raum. Im Gespräch mit Lara Kronenbitter erzählt die Berlinerin, dass sie Fußball und seinen Fans wenig abgewinnen kann, sich aber trotzdem darüber freut, wenn die Mannschaft des FC St. Pauli ihre Textzeilen hochhält. Im Interview verrät sie auch, warum sie sich trotz der Erfolge von „Queer-Rap“ skeptisch ob der vermeintlich neuen Offenheit der HipHop-Kultur gegenüber LGBTQ’s zeigt.

Die Femcee Sookee ist nicht nur die „Quing“ von Berlin, sondern wahrscheinlich ganz Deutschlands. Zwar war dies am Beginn ihrer Karriere noch nicht abzusehen, über die letzten Jahre aber entwickelte sie sich sukzessive zu einer Art „Lichtgestalt“, in der bis heute männerdominierten HipHop-Szene. Sookee ist eine schillernde Figur, die polarisiert und Rap im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit dem linken HipHop-Kollektiv TickTick Boom, neue Impulse gibt.

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Größere Aufmerksamkeit erlangte sie mit dem Titel „Pro Homo“, in dem sie offensiv für die (gleichen) Rechte von Homosexuellen bzw. von AnhängerInnen der LGBTQ (Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender-Queer) – Bewegung in der Gesellschaft wie auch in der HipHop-Szene eintritt. Außerdem hat sie mit Tracks wie „Zusammenhänge“, in dem sie ihr Engagement gegen Rechts in Textform bringt, mit dazu beigetragen, dass Rap in den vergangenen Jahren vermehrt in linken Jugendzentren und auf Antifa-Demos läuft.

 Interview & Transkription: Lara Kronenbitter
Mitarbeit & Text: Thomas Kiebl & Stefan Anwander

Wie ist dein Verhältnis zu Fußball?
Sookee: Ich bin fürchterlich desinteressiert. Es ist eine schöne kulturelle Erfindung, sich gemeinschaftlich zu betätigen und Dinge zu tun, die einem etwas geben. Ich finde es aber wichtig, zu schauen, welchen strukturellen Platz Fußball in einer Gesellschaft hat. Es ist interessant, wer mit welchen Begriffen arbeitet, z.B. warum die Frauen-Europameisterschaft so und nicht anders heißt und wie Fragen rund um Kapitalismus, Identität, Geschlecht, sexuelle Identität und Gewalt innerhalb des Phänomens Fußball bahnbrechen.

Wie hast du die WM erlebt?
Da habe ich Vorurteile, wenn wieder schwarz, rot, goldene Scheiße geschwungen wird, aber dieser Party-Patriotismus ist etwas anderes als Nationalismus und Nationalsozialismus, da gibt es Unterschiede, auch wenn es eine gewisse Fluidität gibt und die ist das Problem. Allerdings wird deutlich, wie krass das Ganze mit Bedeutungen aufgeladen ist. Was ich bisher nicht wahrgenommen hatte, war die Verwendung von Symbolsprache rund um „Rape Culture“ und damit die Verharmlosung von sexueller Gewalt in der Gesellschaft. Gewinnen gegen eine andere Mannschaft wurde als Erniedrigung benannt und nach den Spielen gab es Sprüche wie „Die wurden gefickt“ oder ein Rapper, den ich besonders hasse, hat getwittert „Seit wann darf man eine Vergewaltigung öffentlich im Fernsehen zeigen? ;-)“.

Kennst du außer Johnny Mauser Rapper, die Fußballfans sind?
Nein, tatsächlich nicht.

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Du bist beim Projekt „Discover Football“ aufgetreten und hast wie andere Kollegen von TickTickBoom auch auf Fußballfanfesten gespielt. Gibt es eine Überschneidung zwischen linker HipHop- und linker Fußballfanszene?
Es gibt eine Überschneidung von emanzipatorischen Zusammenhängen, die eine Kritik an der Gesellschaft teilen und die versuchen, sich zu vernetzen. Für mich war es eine große Ehre, dass die Mannschaft von St. Pauli mit dem Zitat „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ aus einem meiner Texte als Banner übers Spielfeld gezogen ist. Daran erkennt man, dass Musik nicht nur Musik ist, sondern auch der Soundtrack von soziopolitischen Bewegungen sein kann, die auf einer bestimmten Kritik oder Utopie fußen.

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Wieso ist das gegenseitige Dissen so ein zentrales Muster in den beiden Szenen?
Beides sind kompetitive Räume. Es geht nicht darum, sich gegenseitig zu unterstützen, sondern sich abzugrenzen und möglichst oben zu stehen in der Hierarchie. Das ist ein sozialdarwinistisches Phänomen und wird von vielen Dingen unterstützt: So sind etwa die Spielerfrauen aber auch die Frauen in HipHop-Videos nur Deko und hochgradig austauschbar. Das Kompetitive braucht diese Deko und Statussymbole, wie etwa Werbeverträge, die die Männlichkeit mitkonstituieren. Es gibt die Notwendigkeit, sich als Kollektiv in Abgrenzung zu Weiblichkeit und verweiblichter Männlichkeit als „Wir“ zu identifizieren, aber innerhalb dieser Gruppe muss es immer Alphatiere geben, die besonders hervorstechen.

Wie stehst du zum Thema Fußball und Gewalt?
Wenn sich Hooligans zu einer dritten Halbzeit verabreden und allen klar ist, was da passiert, hab ich überhaupt kein Problem damit. Scheiße ist es nur, wenn Leute nicht rauskommen oder reingezogen werden, wenn es rassistisch wird usw. Ich finde es auch ok, wenn sich Männer breitschultrig in Macker-Attitüden ausprobieren, allerdings nur, wenn sie andere, die darauf keine Lust haben, mitspielen lassen und nicht denken, dass eine andere Männlichkeit oder Geschlechtlichkeit weniger wert ist.

Sowohl die Fußballfan- als auch die HipHop-Szene sind männlich dominiert. Kann sich das ändern?
Das ist eine Frage von Orientierung. Es braucht an einer Stelle eine Öffnung, wo mehr Frauen sichtbar werden, weil das motiviert die anderen Mädchen und Frauen. Wenn mehr von ihnen sichtbar sind, reguliert sich das Geschlechterverhältnis in den Szenen ganz von selbst. Das ist auch meine zentrale Motivation an bestimmten Stellen öffentlich zu sein, weil es darum geht, Wege weiter auszutrampeln, die andere für mich vorher auch schon ausgetrampelt haben, um damit Strukturen zu verändern.

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Quelle: sookee.de
Quelle: sookee.de

In der linken Fußballfan- und HipHop-Szene setzen sich immer mehr Aktive gegen Homophobie ein. Besonders im HipHop gibt es einige, die nicht der Norm homosexueller Zweigeschlechtlichkeit entsprechen. Können die beiden Szenen dazu beitragen, Heteronormativität als Norm brüchig werden zu lassen?
Das Militär, HipHop, Fußball, aber auch alle anderen wirtschaftlich durchdrungenen Arbeits- und Kulturbereiche sind heteronormativ und sondern ab einem gewissen Grad der Professionalisierung immer Frauen aus. In Bezug auf Heteronormativität gibt es ein, zwei Ausnahmen, wie etwa eine Modewelt, in der Homosexualität stattfinden darf, aber nur weil es eine weibliche Branche im Klischee ist. Wenn sich ein Modedesigner outet, interessiert das niemanden, ganz anders ist das bei einem professionellen Fußballspieler. Nur weil es Mykki Blanco, Angel Haze und 10 andere Queers gibt, die man nur kennt, weil man sie kennen will, bricht Heteronormativität* im HipHop nicht auf. Das ist ein Wunschdenken, das mit Frank Ocean begann. Trotzdem werden natürlich Debatten ausgelöst, die eine Wirkung haben können.

Haben die beiden Szenen Widerstandspotenzial, das zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse beitragen kann?
Ja unbedingt, es geht dabei um Bildung und um Politik. Bildung findet nicht nur in der Schule statt und Politik nicht nur in Parlamenten. Bildung funktioniert ein Leben lang, immer dann wenn man sich mit neuem Wissen befasst oder das eigene Wissen kritisch nachprüft. Zudem hat alles, was die Gestaltung der Gesellschaft anbelangt, immer auch eine politische Dimension. Deshalb hat ein Track, in dem Begriffe auftauchen, die mir neu sind oder wo eine Kritik artikuliert wird, immer auch eine politische Dimension, die mich bildet. Dadurch dass Menschen sich politisch bilden, kann sich Widerstand formieren, wodurch es möglich wird, die Gesellschaft aktiv zu gestalten. Deshalb ist auch ein kleines Podium, bei dem nur vier Leute sitzen, wertvoll.

Zum Schluss, was ist das Besondere an der HipHop-Szene?
Ich mag die Sprachzentriertheit von Rap und die vielfältigen Artikulationen von HipHop. Zudem mag ich es, dass in der Szene noch so viel Raum ist, der gestaltet werden kann und noch so viel möglich ist.

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*Heteronormativität bezeichnet eine für natürlich gehaltene Geschlechtereinteilung in Mann und Frau. Heterosexualität gilt dabei als  gesellschaftliche Norm.