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Wie die Namen berühmter Persönlichkeiten in die Titel von HipHop-Tracks gelangen

Wie die Namen berühmter Persönlichkeiten in die Titel von HipHop-Tracks gelangen

“Frida Kahlo”, “Paul Verlaine”, “Coco Chanel” – wenn man durch die verschiedensten HipHop-Playlists scrollt, fallen einem immer mehr Tracks auf, die die Namen berühmter Persönlichkeiten im Titel tragen. “Jede Woche neue Air-Forces, doch du siehst den Grind an meinen Sneakersohlen, mache Bands, nenn mich Dieter Bohlen” rappt beispielsweise T-Ser auf “Dieter Bohlen”, in ihrem Song “Rihanna” rappt Janis über Booties, die am shaken sind und Dyin Ernst benennt einen seiner Tracks nach Shrek.

Es ist nicht unbedingt ein neuer Trend. Songs mit berühmten Persönlichkeiten im Titel gibt es in allen möglichen Genres. Während solche Songs früher vor allem als Tribut an die besungene Person geschrieben wurden, zeigen sich seit den 2000er-Jahren vermehrt andere Hintergründe. 2001 releasten die Gorillaz beispielsweise den Track “Clint Eastwood” – ein Song der rein gar nichts mit Clint Eastwood zu tun hat. Viel eher hat der Song Ähnlichkeiten mit dem Themesong von “The Good, the Bad and the Ugly”, weshalb die Band sich dazu entschloss, ihn nach einem der Schauspieler des Films zu benennen.

Ein anderes Beispiel ist der Song “Lolita” von Lana del Rey aus 2012, der eine klare Referenz zur Hauptfigur von Vladimir Nabokovs gleichnamigen Roman darstellt. Auch in anderen Songs von Lana findet man Lolita-Referenzen. Sie hat sich außerdem den Namen Nabokovs auf ihren Unterarm tätowieren lassen – ein Autor, der sie offenbar sehr in ihrer Arbeit als Künstlerin geprägt hat. Hier sind die Ursprünge des Titels also um einiges klarer.

Beispiele wie diese gibt es genügend. Jedoch sind besonders die HipHop-Releases der vergangenen Monate und Jahre gekennzeichnet durch die Namen berühmter Persönlichkeiten im Titel. Es lohnt sich also vielleicht mal näher hinzuhören und mehr über die Zugänge der unterschiedlichen Musiker bei ihrer Titelfindung herauszufinden. Deshalb haben wir einfach mal bei den Rappern selbst nachgefragt.

“Referenzen sind generell einfach eine meiner Lieblingssachen in der Musik”, erzählt uns beispielsweise Dyin Ernst – “sei es musikalisch oder mit irgendwelchen Punchlines.” Einen seiner Tracks benennt er nach der Animationsfigur Shrek. “In meinem Sumpf ist jeder Schmerz wie ein Triumph, erstick an meinem Frust, krieg wieder keine Luft” rappt er darin. Statt dem Track den Namen “Sumpf” oder dergleichen zu geben, wählte er also “Shrek”. “Weil es interessanter für die Hörer ist, vor allem, wenn im Track selbst Shrek gar nicht vorkommt.”

Entscheidungen wie diese werden bei Dyin Ernst aber nicht immer so wie hier aus ästhetischen Gründen getroffen. Die Musik, die er rausbringt, ist auf beeindruckende Art und Weise durchdacht und konzipiert. “Mucke über alles” heißt es auf seinem Track “Paul Verlaine” – eine Line, die er nach einer Zeile aus dem Gedicht “Art Poétique“ des französischen Dichters übersetzte. Hier wird der Titel aber nicht nur von einer Line, sondern gleich vom ganzen Thema des Tracks hergeleitet. Es geht darin ums künstlerische Schaffen, Blut, Schweiß und Tränen und alles, was sonst noch so dazu gehört. Referenzen nutzt Dyin Ernst, “um eine Verbindung zwischen dem Track, der ein bestimmtes Thema behandelt und einer Figur oder einem Bild aufzubauen, damit die Leute direkt eine Assoziation damit haben und den Track besser verstehen.”

Eine deutlich kürzere, deshalb aber nicht uninteressantere Erklärung, gibt uns MDK, der 2020 mit Tommi Z. den Track “Rod Stewart” releaste. Tommi hatte ihm damals das Intro für seinen Part gezeigt, auf dem auch die Line “Rotzbua wie Rod Stewart” vorkommt. “Es ist phonetisch einfach ein extrem schöner Reim und wir sind einfach ein bissl reimnarrisch. Der Track selbst ist ziemlich deep, beide Parts sind sehr persönlich und wir haben uns überlegt, wie wir das Thema auffrischen können. So ist dann die Idee entstanden.” Auch Al Pone und Wolfi F. geht es in ihrem Track “Lucky Luke” mehr um Technik und Wortspielerei als um einen tiefgründigen Hintergrund. “Ich zieh schneller als mein Schatten so wie fuckin Lucky Luke” heißt es im Song. “Wir ziehen halt nicht unsere Revolver, sondern an unseren Joints”, erzählt Al Pone.

Auch Def Ill/Ruffian Rugged verwendet für seine Tracks immer wieder die Namen berühmter Persönlichkeiten. “Im HipHop entwickelte sich vor allem Pre-Trap-historisch durch Lil B der humoristische Trend, dass Rapper sich aufgrund der Main-Punch im Refrain als Prominente bezeichnen. Lil B bezeichnet sich beispielsweise auf abstruse Art, ohne Zusammenhang in über 100 Songs als irgendeine prominente Person”, erzählt er uns im Gespräch. Das sei seiner Meinung nach eine sehr zuverlässige Clickbait-Methode. “Hits wie ASAP Rockys ‘Shabba’ oder meiner Kollegen in Österreich wie T-Sers ‘Hermann Maier’ konnten durch diese Methode Erfolge erzielen.”

Innerhalb dieses Trends hätte er sich dafür entschieden, dies hauptsächlich mit starken Frauencharakteren zu machen. So entstand beispielsweise “Mila Kunis” zu einem Zeitpunkt, als sie zur “sexiest woman alive” nominiert wurde. 2021 releaste er dann “Frida Kahlo” mit Vorsicht basierend auf der Punchline “Raise your brows like Frida Kahlo”. Darauf vergleicht er seinen Impact durch künstlerischen Zugang auf die Rapszene mit ihrem Impact innerhalb der Kunstwelt. “Mir ist bewusst, dass ich als weißer Mann nicht dieselben Struggles habe, aber fernab von Geschlechterrollen geht es mir dabei oft darum, Leute zum Googeln von großen Frauen der Geschichte zu bewegen.”

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Auch MUSA386 veröffentlicht 2021 “Winnie Harlow” und benennt damit seinen Track nach einer starke weiblichen Persönlichkeit. “Winnie Harlow ist ein auffälliger Name. Außerdem passt sie zum Thema des Tracks “black and white”, das ich in dem Song auch aufgreife. Ich selbst komme aus einer gemischten Familie. Mein Vater ist Afrikaner, also black, und meine Mutter ist Deutsche, also white. Ich selbst kann mich mit beidem identifizieren. Das hat seine Vor- und Nachteile, und ist damit eine Sache, die mich in meinem Leben extrem beschäftigt. In der Hook und in den Parts greife ich somit die Stigmata und Stereotypen beider Seiten auf, mit denen ich selbst jeden Tag konfrontiert werde.“

Giani wiederum wählt die Titel seiner Tracks sehr intuitiv. “Ich zerbrech mir da nicht dick den Kopf, ob das dann konzeptionell zum Song passt. Das kommt bei mir eher aus dem Bauch raus.” erzählt er. Dabei spiele er vor allem gern mit Brüchen – wenn der Titel also nicht eins zu eins das wiedergibt, worum es im Song geht. 2020 veröffentlicht er den Track “Luis Miguel” mit Fid Mella und Lex Lugner. “Der Titel ist wie ein Schlüssel, mit dem man den Song interpretieren und verstehen kann.” sagt er. Den Track könne man als Rap-Interpretation einer typischen Luis-Miguel-Schnulze sehen. “Es ist ein Heartbreak-Song und es gibt meiner Meinung nach wenige deutschsprachige Rapper, die sich mit solchen Themen befassen, vor allem nicht auf diese poppige und cheesy Art wie ich das manchmal mache. Insofern ist das natürlich auch eine Provokation, einen Song nach so einem Artist zu benennen, weil er einfach überhaupt nicht in das Bild der Szene passt.”

Wer vielleicht auch eher weniger ins Bild der Szene passt, ist Elton John. Und trotzdem benennt Lawrenco einen seiner Tracks nach ihm. “Da ich ein großer Fan von Elton John bin – seiner Musik, seiner Art, sich zu inszenieren und seinem Style – und ich auch selber eine kleine Liebe für einzigartige Sonnenbrillen habe, war mir eigentlich klar, dass ich gerne eine Textzeile schreiben würde, die diese beiden Sachen miteinander verknüpft.” So entstand die Line “Setze die Sonnenbrille auf, als wär ich Elton John, setze die Sonnenbrille auf, als hätte mein Hype schon begonnen.” Er benenne generell seine Tracks nach der merkfähigsten Zeile, die darin vorkommt. “Das erleichtert die Suche nach dem Song, wenn ihn Leute zum ersten Mal hören. Gleichzeitig wirkt es auch interessant für Leute, die nicht wissen, was sie erwartet und nur den Songtitel vor sich stehen sehen.”

Wer heutzutage einen HipHop-Track mit dem Titel “Mary Poppins” sieht, darf sich also eher weniger ein Loblied oder ein Tribut erwarten. Warum die Namen berühmter Persönlichkeiten nun doch immer öfter in Tracktiteln landen hat andere Gründe und wie sich zeigt, sind die sehr unterschiedlich. Ob Clickbait-Methode oder Teil eines Gesamtkonzepts, Bauchgefühl oder Interpretationshilfe – alle Artists haben gewissermaßen eine eigene Erklärung parat und auch wenn es in gewisser Art und Weise ein Trend geworden ist, zeigt sich dadurch wie divers und kreativ die deutschsprachige HipHop-Szene ist.