"The hardest thing to do is something that is close…
Mit ikonischer Bushaltestelle im Bühnenbild gastierten The Streets rund um Mike Skinner in der Arena – und lieferten eine fulminante Show voller Y2K-Vibes.

Ohne Übertreibung: Was Mike Skinner mit seinem Projekt The Streets in den frühen 00er-Jahren erschaffen hat, war nicht weniger als eine Blaupause. Das lag einerseits an der Mischung aus Garage und Hip-Hop, die einen unverwechselbaren UK-Sound ergab – „Without knowing it, I invented Geezer Garage and Hooligan House“, wie er kürzlich beim SXSW London erklärte –, andererseits lag es an den alltagsnahen Lyrics, die vor allem in der Rap-Oper „A Grand Don’t Come for Free“ ihren Höhepunkt fanden.
In dieser Zeit schuf der heute 47-Jährige eine ganze Reihe von Hymnen: das unverwüstliche „Fit but You Know It“, dessen Reichweite durch den FIFA-Football-2005-Soundtrack zusätzlich befeuert wurde, die ultimative Raver-Hymne „Blinded by the Lights“ oder den bitteren Trennungstrack „Dry Your Eyes“. Letzterer war derart erfolgreich, dass er sogar im österreichischen Mainstream-Radio rauf und runter lief – zu einer Zeit, als alles, was irgendwie nach Rap oder Urban Music klang, dort mit Glacéhandschuhen angefasst wurde.
Eine Ehre für Skofi

The Streets waren schlichtweg prägend für eine ganze Generation von Künstler*innen. Auch für Skofi, die den Abend in der Arena eröffnet. Schon früh versammelt sich vor der Bühne eine beachtliche Menschenmenge, der Skofi Einblicke in ihr kürzlich erschienenes Album „Halt mich fest“ gibt. Für „Kim Possible“ holt sie Donna Savage als Unterstützung auf die Bühne und betont mehrfach, welche Ehre es für sie sei, heute für The Streets eröffnen zu dürfen.
Hohes Identifikationspotenzial bei The Streets
Um Punkt 21 Uhr übernehmen schließlich Skinner und Co. The Streets eröffnen ihr Set mit „It Was Supposed to Be So Easy“ aus „A Grand Don’t Come for Free“. Klarerweise ist Mike Skinner nicht mehr der Twentysomething-Working-Class-Hero der frühen 2000er-Jahre. Der komplett in Stone Island gekleidete Mike Skinner scheint die Rave-Ära aber bestens überstanden zu haben und hinterlässt einen nahbaren wie sympathischen Eindruck.
Nahbarkeit war schließlich immer eine der großen Stärken von The Streets: Während US-Rap für Europäer*innen häufig Geschichten aus einer anderen Lebensrealität erzählt, bietet Skinner Alltagsbeobachtungen mit enormem Identifikationspotenzial. Routiniert arbeiten sich The Streets durch eine Setlist voller Klassiker. Bei „Blinded by the Lights“ geht erstmals ein hörbares Raunen durchs Publikum, „Fit but You Know It“ sorgt für ausgelassene Stimmung und bei „Dry Your Eyes“ wird lautstark mitgesungen.

Seine Multitasking-Qualitäten beweist Skinner außerdem, indem er der Bushaltestelle aus dem ikonischen Artwork zu „A Grand Don’t Come for Free“, die das zentrale Element des Bühnenbilds bildet, kurzerhand den Schriftzug „Gasometer City is very close“ verpasst. Bis zuletzt bleibt unklar, ob er tatsächlich glaubt, heute den benachbarten Gasometer zu bespielen, oder ob er auf die Nähe zur anderen Venue anspielt.
Nach „Empty Cans“, bei dem sich das Geheimnis um das verschwundene Geld aus „A Grand Don’t Come for Free“ schließlich auflöst, scheint kurz vor 22 Uhr Schluss zu sein – rechtzeitig genug, um noch England gegen Kroatien bei der WM zu verfolgen. Wer jedoch glaubt, das sei bereits das Ende gewesen, wird glücklicherweise eines Besseren belehrt: Mike Skinners Mannschaft, zu der unter anderem der Sänger Kevin Mark Trail und die Sängerin Roo Savill gehören, gönnt sich lediglich eine kurze Hydration Break.

Filigrane Moves von Mike Skinner
Danach beginnt mit „Turn the Page“ der zweite Teil des Abends, der erneut reichlich klassisches Material aufbietet. Dazu zählen neben „Let’s Push Things Forward“ und „Weak Become Heroes“ auch „Never Went to Church“, das Skinner seinem verstorbenen Vater gewidmet hat. Die Gelegenheit nutzt er, um dem Wiener Publikum mitzuteilen, dass die Wotruba-Kirche seine Lieblingskirche sei. Mit „Take Me As I Am“ aus dem 2020 erschienenen „None of Us Are Getting Out of This Life Alive“ schlägt Skinner schließlich noch den Bogen in die Gegenwart. Dazu begeben sich nicht nur mehrere Bierbecher, sondern auch er sich selbst auf Reise durch die Menge – ein bekanntes Crowdsurfing-Ritual bei The-Streets-Konzerten.
Das alles ist ausgesprochen unterhaltsam – ebenso wie seine Bewegungen auf der Bühne: elegante, filigrane Moves, wie man sie sonst nur von Innenverteidigern aus den unteren Tabellenregionen der Championship kennt. Unter großem Applaus und mit viel Lob für das Publikum verabschiedet sich Skinner schließlich von der Bühne.
Fazit
The Streets zeigten sich bei ihrem Gastspiel in Wien von ihrer besten Seite. Charmant führte Mike Skinner durch ein Programm, das vor allem Anhänger*innen des Frühwerks vollends überzeugen konnte und einmal mehr den Beweis antrat, dass Nummern wie „Blinded by the Lights“ längst zu zeitlosen Klassikern avanciert sind. Ein textsicherer Skinner, eine bestens aufgelegte Band, eine großartige Location, volles Haus, wunderbares Wetter und ein mehr als zufriedenes Publikum – Herz, was willst du mehr? s/o Cute Concerts für dieses tolle Booking!

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