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„Ich hab viel Scheiße gebaut und mich finden müssen“ // Eli Preiss Interview

„Ich hab viel Scheiße gebaut und mich finden müssen“ // Eli Preiss Interview

Newcomer gibt es viele, eh klar. Aber das, was sich Eli Preiss in etwas mehr als einem Jahr in Sachen Standing aufgebaut hat, ist schlichtweg beeindruckend. Erst switchte die Österreicherin vom Englischen ins Deutsche und nach nicht mal einer Handvoll Solo-Songs war die Sache klar: Signing bei MOM I MADE IT, Connections von Wien über Düsseldorf bis nach Berlin, Features mit beslik meister und CAN MIT ME$$R, TYM und Jalil, Playlist-Platzierungen plus ein legendärer Live-Gig auf dem Schillerplatz.

Hands down: Wer von der aktuellen New Wave – wohlgemerkt nicht nur der aus Österreich -spricht, der muss auch die 22-Jährige auf dem Schirm haben. Eigenständig und stilsicher, modern und futuristisch, empowernd und emotional. Bisschen sassy, bisschen serious. Rap, R&B und irgendwo dazwischen. Mit „WIE ICH BLEIB“ erschien jetzt die neue EP von Eli Preiss. Die sechs Songs sind dabei eine Momentaufnahme der letzten Monate. Eine Sammlung von Emotionen, Moods und das Ergebnis zahlreicher Stunden im Studio.

The Message: Deine aktuelle „Wie ich bleib“ EP ist eine sehr persönliche, mit vielen intimen Inhalten über dich: Deine Mama hat einen Track gewidmet bekommen, in „Taugenichts“ sagst du, dass dein Vater dich lieber in der Uni gesehen hätte, u.v.m. Ist dir das Schreiben solcher Texte leicht gefallen? Gehst du offen mit sowas um oder ist das für dich schon auch ein sich-öffnen gewesen, wo man etwas preisgibt über sich?
Eli:
Das Schreiben an sich ist nicht die Schwierigkeit für mich, weil Musik für mich Therapie ist. Da sag ich einfach das, was mich beschäftigt, d.h. da ist die Schwierigkeit nicht da, weil da mach ich’s in erster Linie für mich selbst. Aber wenn ich dann kurz vor der Veröffentlichung stehe, da kommen mir schon diese Gedanken „Boah, jetzt hören das auf einmal auch andere Leute“. Ich bin auch nicht mehr so subtil, weil früher war ich auch sehr persönlich, aber hab die Sachen ein bisschen künstlerischer verpackt. Mittlerweile treffe ich die Sachen auf den Punkt und das kann keiner missverstehen, das checkt auch jeder, der den Satz jetzt hört. Da mache ich mir dann eher Gedanken: „Ok, ich öffne mich – will ich das?“

Ist das bei einer Live Performance dann nochmal intimer, wenn du es vor einem Publikum performst?
Eli:
Wenn es dann mal draußen ist, macht Live nicht mehr so den Unterschied. Leute sehen zwar meinen Gesichtsausdruck, aber da ist jede Emotion gewünscht und da würde ich mich auch trauen zu weinen, wenn ich es gerade fühle – da hab ich dann nicht so die Hemmungen.

In „Aba Warum“ (feat. beslik meister) rappst du darüber, dass du – aus dem Blick anderer – nicht alles tun könntest was du willst, es aber trotzdem tust. Wer würdest du sagen, sind hier die, die dir das Sein erschweren, wer legt dir Steine in den Weg? Ist der Song an die Szene gerichtet oder schon Gesellschaftskritik?
Eli:
Irgendwie hab ich da auf mich projiziert, in die Vergangenheit und Gegenwart geschaut. Das betrifft mehrere „Autoritäten“ oder Leute, die mir was vorschreiben wollen. Ich hab mich immer schon sehr dagegen gewährt, meinen eigenen Willen nicht ausleben zu können oder wenn jemand sagt „Das kannst du nicht bringen“. Im Deutschrap, aber auch damals in der Schule à la „Du musst das und das lernen“ und Musik machen und kreativ sein ist nicht wichtig. Es betrifft also viele Situationen in meinem Leben.

Über Schule und Förderung der Kreativität hab ich in letzter Zeit selbst viel darüber nachgedacht – dass die Dinge, die „weniger verwertbar sind“, leider viel zu stark vernachlässigt werden. Man wird dann in erster Linie auf Uni oder Bürojob hingetrimmt, da ist es schwierig, die Kreativität nicht flöten gehen zu lassen, weil das System dich nicht unbedingt fördert. Da ist es fast schon ein rebellischer Akt zu sagen: „Ich mach Musik“, oder?
Eli:
Ja, auf jeden Fall. Ich hab auch schon in der Schule begonnen Musik zu machen, hab dann aber ab und zu die Schule vernachlässigt, um mein Ding zu machen – und das hat nicht immer allen gepasst. Nicht nur die Musik, sondern auch hetero Cis-Männer im Allgemeinen, sowohl in romantischen Beziehungen, als auch im großen Ganzen, die auch gewisse Vorstellungen davon haben, wie man sich als Frau zu verhalten hat.

In „Bei mir“ sagst du: „Hab nochmal reflektiert, war lange wo ich nicht sein wollt, bin endlich bei mir“. Wo würdest du sagen warst du vorher und wo bist du jetzt?
Eli:
Ich war lange Zeit, v.a. als Pubertierende, auf der Suche – ich glaub so geht’s vielen Kids. Ich hab auch wirklich viel Scheiße gebaut und mich finden müssen. Dieser Akt des Teenager-Rebellion-Grenzen-Austestens war bei mir sehr stark. Bei anderen ist das vielleicht weniger ausgeprägt gewesen, aber bei mir war das das volle Paket.

Ich hab jetzt das Gefühl, mich in meinem Charakter, in meinen Werten, in dem wohin ich möchte und wer ich sein mag, gefestigt zu haben. Deshalb ist der Song „Wie Ich Bleib“ so wichtig für mich, weil alles was ich mir bis jetzt an Werten aufgebaut habe, möchte ich nicht verlieren nur wegen äußeren Faktoren. Darum geht’s auch in der EP, dass ich Zeit gebraucht habe und sehr verwirrt war und jetzt mit der Einstellung und dem Charakter bleiben will.

Würdest du sagen, dass die EP sich somit auch tendenziell an jüngere Leute richtet? Hast du eine Zielgruppe, zu der du sprichst?
Eli:
Auf jeden Fall. Ich hab auch ein paar Stellen eingebaut, wo ich aktiv versuche, wenn das junge Leute hören, dass sie sich Gedanken machen. So sag ich z.B. in „Taugenichts“: „Betäub dich doch bitte pass auf, es macht mit dir mehr als du glaubst“. Ich glaub, dass viele Kids schnell in das Drogenausprobieren reinrutschen und dann tiefer gehen als gut ist. Jeder muss natürlich seine eigenen Erfahrungen damit machen, aber in Rap-Texten wird Drogenkonsum so verherrlicht, dass ich gerne eine andere Perspektive geben wollte, weil es ist nicht alles so toll. Auch in der Rap-Szene selbst, die super bekannten Leute, zu denen Leute aufschauen, denen geht’s auch nicht immer gut – da ist nicht immer alles so party und fancy wie es aussieht.

Da schneidest du gleich meinen nächsten Punkt an, nämlich Rap ist bei dir ja ein immer größeres Thema geworden. Kannst du da einen Unterschied im Aufnahmeprozess feststellen, also während du im Studio bist, zwischen verschiedenen Musikrichtungen? Würdest du sagen, dass du für die Pop/Soul Tracks mehr Zeit investierst, weil Rap ruhig „dreckiger“ sein darf, vielleicht ist man auch mal weniger nüchtern, usw. Nimmt man da mehr mit so einer „Passt schon“-Attitude auf?
Eli: : Eigentlich tatsächlich umgekehrt. Das Singen und die R&B/souligen Sachen fallen mir einfacher, weil ich daher komme, da fühl ich mich zuhause. Da macht auch viel mehr die Melodie das Gefühl aus und weniger der Text. Da kann ich auch nur ein Wort sagen, aber wenn ich das mit Melodie ausschmücke, kann es schon viel mehr preisgeben. Bei Rap-Texten sitze ich schon länger, weil da ist kaum Melodie, das heißt Leute hören auf den Text und der muss sitzen. Dann ist mir das auch wichtig dass ich meine Plattform nutze und nicht nur Bla Bla rede, der sich reimt.

Was ja schon auch in Mode ist, würd ich sagen.
Eli:
Ist auch ok! Es muss nicht alles so durchdacht sein, ich feier den Nonsens-Rap auch sehr, aber für mich persönlich hab ich einen anderen Anspruch.

Spannend, ich hätte nämlich gedacht, dass es genau umgekehrt ist. Also würdest du sagen, dass es beim Soul mehr um’s natürliche Empfinden aus dem Bauch heraus geht und du beim Rap perfektionistischer bist?
Eli:
Ja, definitiv.

Eli Preiss (c) Viktoria Zoe

Kommen wir zu den Feature-Gästen. Boloboys und Bibiza sind deine Freunde, d.h. der Aufnahmeprozess ist ein vertrauter, man chillt und arbeitet gemeinsam. Kannst du darüber ein bisschen was erzählen? Wie professionell läuft das ab, wenn ihr im Studio seid? Gibt’s einen der immer wieder sagen muss „So, Bier weg, jetzt reiß ma uns zusammen?“
Eli:
Gar nicht professionell (lacht). Wir haben in Wien ja unseren „Swift Circle“, also prodbypengg, Bibiza, ich und noch ein paar andere und wir können mit den Boloboys einfach sehr gut. Bibiza hat ja auch schon viele Features mit Okfella usw. Jeder von uns ist so ein character, wir geben uns zwar als Gruppe, aber es ist so schwer allgemein was zu sagen, weil jeder und jede einzelne ein Individuum ist. Der Professionellste ist immer der Produzent eigentlich, also in dem Fall (der EP, Anm.) meistens prodbypengg, der dann konzentriert bleibt, seine Klicks macht, wo ich kaum mitkomme – schon hat er Sachen gemacht von denen ich wenig Ahnung hab und das find ich sehr faszinierend. Wir sind alle fähig unser Ding zu machen, weils von innen kommt. Wir müssen uns nicht anstrengen, deshalb kann man nicht von Professionalität sprechen.

Wirkt wie ein natürlichen Prozess.
Eli:
Ist ein natürlicher Prozess, ja.

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Fühlt sich das nach Arbeit an?
Eli:
Gar nicht, nein. Ich bin auch so verwirrt manchmal und hab das Gefühl, nicht produktiv gewesen zu sein den ganzen Tag, weils mir so Spaß macht und ich das liebe, dabei war ich im Studio oder hab ein Musikvideo gedreht.

Klingt wirklich nach „angekommen sein“. Wie kam es eigentlich zu dieser länderübergreifenden Kooperation, z.B. mit den Boloboys? Wie ist dieses Netzwerk entstanden?
Eli:
Bindeglied war Bibiza, er ist so ein outgoing dude, der mit denen connected hat, die haben dann aufgenommen bei ihm im Studio und dort auch gepennt teilweise auf der Couch. Alles eigentlich durch Homie-Basis, wir haben uns einfach alle gut verstanden. Swift Circle und Boloboys sind teamed up seit day one.

Eli Preiss & Makko (c) Viktoria Zoe

Kannst du erzählen wie es ist, da als einzige Frau dabei zu sein? Du hast in Interviews ja schon öfter darüber gesprochen wie es generell ist, als Frau in der Rapszene – wie würdest du die Dynamik in der Zusammenarbeit in dieser Konstellation beschreiben?
Eli: Mittlerweile habe ich das Gefühl wirklich ein Teil der Gruppe zu sein und merk keine Unterschiede, aber anfangs um überhaupt in die Kreise zu kommen, wurde ich schon schnell mal als das Girl, das singt, abgestempelt und musste mich beweisen. Ich glaub das liegt aber weniger daran, dass ich eine Frau bin, sondern weil ich nicht mit Rap begonnen hab, sondern als Sängerin. Meine Jungs, mein Umfeld, das sind Leute, die zuhören, offen sind, da hab ich selten Auseinandersetzungen gehabt und wenn, kann man immer darüber reden. Ich glaub auch das es wichtig ist, dass ich da dabei bin, weil ich von innen ein bisschen was verändern kann, sollten doch noch Überbleibsel von Sexismen in den Köpfen stecken, da sag ich dann schon was.

Gibt’s für dich abgesehen von deiner Boys Crew grad female Musikidole, mit denen du gern zusammenarbeiten würdest?
Eli:
Im Deutschrap feier ich Ace Tee komplett, die hab ich irgendwie immer vergessen zu erwähnen in Interviews, obwohl ich sie wirklich cool finde. Layla feier ich, v.a. weil sie das Thema Sex aus Frauenperspektive darstellt. Und großes Idol international wäre Doja Cat – aber das ist noch weit weg.

Das Feature mit Sa hab ich gesehen, das ist auch ganz eigen, funktioniert aber richtig gut. Wenn du in die Zukunft schaust und bisschen die Werbetrommel ankurbelst – was können wir erwarten?
Eli:
Eine der größten Sachen ist „The Big Yeet“, am 17.10., (verschoben auf 17.07.2022, Anm.) da bin ich auch Pre-Act von Layla, freu ich mich sehr drauf. Ansonsten arbeite ich an Projekten, die nochmal tiefer gehen und nochmal ein Level höher sein werden, auch Videos.

Cool, das heißt man kann sagen, du bleibst da wo du dich gefunden hast in der Position und du entwickelst dich nur noch weiter.
Eli:
Ich entwickle mich wie ein Pokemon! (lacht)

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