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HipHop Message #16: Lukas Plöchl

HipHop Message #16: Lukas Plöchl

Lukas Plöchl braucht man eigentlich nicht vorzustellen. Man kennt sein Gesicht und einige seiner Trackshittaz-Nummern. Ursprünglich trafen wir den gebürtigen Mühlviertler im Zuge der Veröffentlichung seines Soloalbums im Mai. Rechtfertigungen war er uns zwar keine schuldig, sehr wohl hatten wir aber einige Fragen, schließlich macht er seit Jahren Mundartrap und ist gleichzeitig Teil des heimischen Showbusiness. Auch wenn er mitunter von ihnen profitierte, hat Lukas Plöchl auch mit den Absurditäten der österreichischen Unterhaltungsindustrie zu kämpfen. Dass er nur drei Jahre nach seinem eigenen ersten Castingshow-Auftritt selbst zum Juror einer ähnlichen Sendung wurde, kam dann doch überraschend – soll hier aber wie auch seine Anknüpfungspunkte zu österreichischem Mundartrap nicht unkommentiert bleiben. Im Artikel melden sich übrigens auch die oberösterreichischen Rapper und Produzenten BumBum Biggalo, Flip und Kayo mit O-Tönen über Lukas Plöchl zu Wort. Außerdem gibt Stefan Niederwieser, Chefredakteur des The Gap Magazins, seine Expertise ab.

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 Text&Interview: Jan Braula
Fotos & Kamera: Daniel Shaked
Schnitt: Dikran Telfeyan

Im Laufe seiner Karriere musste der Künstler bereits einige mit Spott bedachte Niederlagen hinnehmen. Viele Musikkritiker nehmen ihn auch heute noch von Haus aus nicht ernst. Trotzdem hat der 24-Jährige bereits vieles, vor allem aber ein großes Publikum, erreicht. Und das obwohl er doch die meiste Zeit Mundartrap gemacht hat. Von der heimischen Rapszene wurde er größtenteils ignoriert. Mit einer Ausnahme: Appletree und die Vamummtn dissten die Trackshittaz. Nach mehrmaligem Nachbohren stellt sich aber heraus, dass Lukas Plöchl sehr wohl noch weitere Bezugspunkte zu Rap aus Österreich hat.

In der Linzer Kapu wäre er zwar nur einmal bei einer HipHop Veranstaltung gewesen und es hätte ihm auch nicht besonders gefallen, aber vom oberösterreichischen Rapper BumBum Biggalo (ehemals BumBum Kunst) hat er sich das erste Album gekauft: „Perpetuum Mobile„. „Hupf in d’Heh“ fand er damals besonders gut. Das war 2007 und Plöchl gerade einmal 18 Jahre alt. Zur selben Zeit wurden auch die Vamummtn erstmals aktiv. Ein, zwei Jahre später war dann BumBum neben Jack Untawega, Moz und eben den Vamummtn einer der Hauptprotagonisten der „Slangsta“-Bewegung. BumBum Biggalo antwortet auf die Frage, ob sich denn Lukas Plöchl an ihm und anderen Mundartrappern vielleicht ein Beispiel genommen hat: „Er hat mich vor Jahren einmal auf der Straße angesprochen und meine Musik gelobt. Von daher weiß ich, dass er ein Fan war. Und dann ist’s glaub ich naheliegend, dass man sich auch irgendwie an den Sachen orientiert, die einem gefallen.“

Angesprochen auf dessen ehemaligen Crewkollegen Jack Untawega reagiert Lukas Plöchl gar euphorisch. Er bezeichnet ihn als Eminem von Österreich: „Der draht einfach voll am Radl raptechnisch und is so crazy“, ergänzt er noch. Eine Nummer hat es ihm und seinem Trackshittaz-Kollegen Manix besonders angetan: „Wir haben das ´Sie is a Sau´ sowas von gefeiert, weil das einfach so deppat is!“ Der zweite Sau-Part kam damals von 500 Fick Rick. Zwei Jahre später intonierte der Steirer dann mit den Trackshittaz den „Stereowatschnstyle„. Doch der Reihe nach. Erstmals sorgte Lukas Plöchl 2007 kurzzeitig mit einer vollkommen sinnbefreiten Nummer über „Öz Pedan“ für ein wenig Aufsehen. Die Nummer wurde zu einem regionalen Klingeltonhit. Mit Rap hatte das zwar noch nichts zu tun, doch Plöchl schrieb bereits damals Track für Track: „Als ich 2008 beim Zivilidienst war, habe ich circa 40 hochdeutsche und einige Mundart-Lieder gehabt. Dann habe ich mir gedacht: Der einzige Mensch mit dem du Hochdeutsch redest, ist dein Papa, weil der aus China kommt. Warum schreibst du dann auf Hochdeutsch? Daraufhin habe ich halt angefangen, diese Mundart auszubauen und mir so diesen Bauernschmäh zu checken (lacht).“ In seinem Kinderzimmer wären aber 50 Cent und Eminem viel präsenter gewesen, als heimischer Dialektrap. Zum Abschluss unseres Interview spielten wir Lukas Plöchl dennoch drei ältere Mundartrap-Nummern vor und baten ihn um seinen Kommentar. Tatsächlich hatte er zu allen Assoziationen. Ganz im Gegensatz zu so manchem Castingshowauftritt, den er momentan als Juror bei „Herz von Österreich“ auf Puls4 zu kommentieren hat.

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Nach seinem Zivildienst inskribiert sich Plöchl an der WU. Die Uni erfüllt ihn aber nicht. Schon nach einigen Monaten beschließt er so viel Zeit wie möglich in die Musik zu investieren. Dabei war es ihm von Anfang an wichtig, möglichst viele Leute zu erreichen: „Sonst hast du so viel daheim liegen und ka Sau hert´s.“ Dieses Vorhaben bringt ihn zur ORF-Castingshow „Helden von morgen“. Im Oktober 2010 ist es soweit: Lukas Plöchl darf seine Musik erstmals vor großem Publikum zum Besten geben. Er nutzt die Gelegenheit, präsentiert mit „Oida taunz“ gleich einmal eine Trackshittaz-Nummer und bleibt als rappende Rampensau im Gedächtnis. Eine denkwürdige Begebenheit, ist dies auch Sidos erster Auftritt in einer österreichischen Castingshow. Und das als Rapcoach Lukas Plöchls. Nur ein paar Sendungen später, sollte Sido zum Juror befördert werden. Ein Jahr danach bekam er zur Belohnung sogar seine eigene Castingshow im ORF: „Blockstars„. Wohl alles keine Anzeichen für die großen Verkaufszahlen seiner Tonträger …

Mit diesem Problem steht der Berliner aber bei weitem nicht alleine da. Das zeigte sich bereits 2002 bei der ersten österreichischen Musikcastingshow moderneren Formats, nämlich bei „Starmania“. GiG Records-Gründer Markus Spiegel analysierte für die Zuseher die Auftritte der „Starmaniacs“. Das von ihm gegründete und geleitete Label veröffentlichte in der Vergangenheit nicht nur alle wichtigen Releases Falcos, sondern 1996 auch das erste Album von Schönheitsfehler, auf dem bereits zwei Mundartrap-Nummern zu finden waren (Anm.: eine davon spielten wir Lukas Plöchl vor). Und was vielleicht noch interessanter ist: 1990 erblickte über GiG Records auch das erste österreichische HipHop-Album das Licht der Welt: „Swound Vibes“ von den Moreau’s. Bei diesem Wahnsinn von Peter Kruder, Sugar B, Rodney Hunter und DJ DSL war Thomas Rabitsch hauptverantwortlicher Studioproduzent. Davor war er das auch schon zum Beispiel für Drahdiwaberl gewesen. Gut zehn Jahre später sollte GiG Records zwar nicht mehr aktiv sein, dafür wurde Rabitsch zum musikalischen Leiter von „Starmania“ und später auch „Helden von morgen“ bestellt. Anscheinend geht es nicht anders, wenn man heutzutage in Österreich von der Musik leben will. Übrigens war Rabitsch auch Co-Produzent des bis dato letzten Trackshittaz-Albums. Das Konzept der bisher mit Abstand erfolgreichsten österreichischen Musikcastingshow lieferte hingegen Mischa Zickler. Er war 1995-1996 der erste FM4-Cef und plante den Jugendsender in seinen Grundstrukturen mit. Die Signation zur ersten Starmania Staffel lieferte jemand anderer, den man nicht dahinter vermuten würde: Stereotyp & Ex Moreau’s Mitglied Rodney Hunter, seines Zeichens auch ehemaliger Produzent der Aphrodelics, der bis heute noch immer einzigen österreichischen Rapcrew, die tatsächlich international reüssieren konnte.

Flip von Texta wundern die neulich immer häufigeren Vermischungen zwischen den vermeintlichen Gegensätzen alternativer und kommerzieller Populärmusik auch nicht im HipHop-Kontext: „Die Zeit der kulturellen Hegemonie, Reinheit und Unschuldigkeit ist lang vorbei. Im Endeffekt zerstört der Lukas Plöchl aber genauso wenig die HipHop-Kultur, wie sie ein Def Ill aufbaut. Da kann man aber auch Texta oder sonst wen einsetzen. Im Mainstream ist es nie um kulturelle Codes gegangen. Was hat eine Christina Stürmer wirklich mit Rock’n’Roll zu tun? Hubert von Goisern mit Volksmusik? Alkbottle mit Heavy Metal?“ Bei seinem zweiten „Helden von morgen“-Auftritt imitiert Plöchl Skeros „Kabinenparty“. In einer späteren Sendung macht er sich auch Textas Soundtrack zum zweiten Mundlfilm, „Ned deppat„, zu eigen. Das kostet Flip nur ein Lächeln: „Er hat sie eh nicht darhoben die Nummer“, sagt er. Ein gewisser Massimo Schena probiert sich hingegen auch bei „Helden von morgen“ an Schönheitsfehlers „Fuck you„. Wie sie darauf reagieren würden, wenn ein Castingshowteilnehmer eine ihrer Nummern imitieren würde, schätzen die beiden verdienten Mundartrapper Kayo und BumBum Biggalo unterschiedlich ein. Dazu Ersterer: „Wenn es halbwegs gut interpretiert wäre, würde ich mich wohl über die Promo freuen. Auch wenn ich Rappern, die ihre Texte nicht selber schreiben, sehr skeptisch gegenüber stehe.“ BumBum Biggalo sieht das anders: „Find´ ich eher oasch. Das ist für mich klassisches dick riding.“

Lukas Plöchl hingegen beschränkte sich nicht darauf, Lieder nachzuahmen. Neben „Oida taunz“ präsentierte er noch drei weitere Trackshittaz-Nummern live auf Sendung. Wenn ihm die Sendungsverantwortlichen die freie Wahl gelassen hätten, hätte er wohl immer eigene Nummern gespielt. Flip hält ihm auch manches zugute: „Es gibt durchaus Leute, die schlechter rappen können als er. Der musikalische Weg, den sie mit den Trackshittaz gegangen sind, war aber von Anfang an Kommerz to the fullest. Was man ihm dabei aber auch positiv anrechnen kann, ist, dass er sich nicht an die Szene à la ´Ich bin auch real´ anbiedert, sondern einfach sein eigenes Ding durchzieht.“ Lukas Plöchl wird zwar bei „Helden von morgen“ nur Zweiter, neben Christina Stürmer ist er aber der einzige Teilnehmer einer österreichischen Musikcastingshow, der auch Jahre später noch aktiver Teil der heimischen Unterhaltungsindustrie ist.

Noch während die Show im ORF läuft, bringt er mit seinem Trackshittaz-Kollegen Manix zwei Singles raus, die es jeweils an die Spitze der österreichischen Charts schaffen. Selbiges gelingt ihnen auch mit ihren beiden ersten Alben. Das Debüt „Oidaah pumpn muas´s“ erhält Platin für über 20.000, „Prolettn feian längaah“ und „Zruck zu de Ruabm“ immerhin noch Gold für über 10.000 verkaufte Albeneinheiten. Innerhalb von nur eineinhalb Jahren releasen sie drei Alben, zehn Singles und eine Art Best of. Das öffentliche Interesse wurde nach „Helden von morgen“ dennoch merklich geringer. Erst ihre Teilnahme am Halbfinale des Songcontests im Mai 2012 bringt die beiden Mühlviertler wieder in die Schlagzeilen. Ihr bisher größter Auftritt endet aber im Fiasko und am letzten Platz. „Woki mit deim Popo“ wird von der internationalen Presse verrissen. Die Trackshittaz nehmen sich eine Auszeit und Lukas Plöchl fasst den Plan, ein persönliches Soloalbum zu veröffentlichen.

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Im Zuge der „Helden von morgen“-Show und der Songcontest-Teilnahme wird Lukas Plöchl für einige Monate mehr mediale Aufmerksamkeit zuteil, als allen anderen Rappern des Landes davor und danach. Das ist aber natürlich nicht Plöchls Schuld. Die mangelnde mediale Präsenz und dadurch eingeschränkte Popularität von Rap aus und in Österreich bedauert er selbst, wobei er größtenteils die Medien in der Pflicht sieht: „Viele Medien brauchen Eier, damit sie wieder etwas riskieren. Für sie ist es nämlich immer erst dann interessant, wenn es bereits interessant ist. Das ist aber irgendwo ein Trugschluss, weil wofür brauche ich dann das Medium?“ Er ortet einen Mangel an Plattformen und größeren Auftrittsmöglichkeiten.

Auf die Frage, warum österreichischer (Mundart-)Rap in Fernsehen, Radio und Printmedien fast zur Gänze totgeschwiegen wird, meint hingegen Kayo: „Weil es keine Masse gibt, die es abfeiert. Das sieht man auch an den Konzerten der meisten österreichischen HipHop Künstler. Das liegt aber nicht nur am Geschmack des Publikums, auch bei der Qualität österreichischer Produktionen ist noch Luft nach oben vorhanden.“ Stefan Niederwieser, Chefredakteur von The Gap ergänzt gegenüber dem Message Magazin noch nüchterner: „Es lässt sich damit nichts verkaufen, es gibt dafür kein funktionierendes Anzeigenumfeld. Deshalb sind die Leute auf Youtube und Facebook und schaffen sich damit ihr eigenes soziales Medium.“ Einen weiteren Grund für die geringe Präsenz in den traditionellen Medien spricht BumBum Biggalo an: „Weil die guten Artists allesamt eine ziemliche Underground-Strategie fahren, was bei der Art von Berichterstattung in den Mainstream-Medien aber mehr als verständlich ist! Ich denke aber nach wie vor, dass es eine Quotenregelung für österreichische Musik geben sollte. Das würde die österreichische Musikkultur sicher stärken.

Auf einsamen Wegen
Vielleicht hätte solch eine Quotenregelung auch Lukas Plöchls erstem Soloalbum geholfen. Es wurde zwar im April 2013 von Sony Austria veröffentlicht, blieb aber dennoch fast unbemerkt. Das war zum Zeitpunkt unseres Interviews noch gar nicht so eindeutig abzusehen, nichtsdestotrotz war sich der Musiker bereits damals darüber im Klaren, dass in Österreich „CDs normalerweise nur im Geschäft stehen, damit Elektrogeräte verkauft werden.“ Zwischen den Zeilen lässt sich herauslesen, dass das Label zwar sein Bestes getan hat, die Möglichkeiten von Sony Austria aber begrenzt waren. Es ist ja schließlich auch ein offenes Geheimnis, dass die Ressourcen und Belegschaften der österreichischen Major-Ableger in den letzten fünf bis zehn Jahren zugunsten global agierender Label-Zentralen auf ein Minimum reduziert wurden. Für Lukas Plöchl reichte es zwar für den vierten Platz in den österreichischen Albencharts, für eine weitere goldene Platte war das aber zu wenig. Und das obwohl diese Hürde mit 1.1.2013 in Österreich auf 7.500 Verkaufseinheiten verringert wurde. Ein weiteres Zeugnis für die Krise der österreichischen Musikindustrie.

Der Grund für das eher mangelhafte Interesse an Plöchls Solodebüt liegt für Stefan Niederwieser auf der Hand: „Schlechte Musik. Er macht aus jedem halbgaren Einfall – und davon hat er dauernd welche – einen Track. Wie jemand, der alles ungefiltert sagt, was ihm gerade einfällt. Und niemand sagt ihm: ich mag dich, du hast was drauf, aber halt jetzt einfach mal die Fresse.“ Dieses Urteil fällt vielleicht etwas zu negativ aus, dennoch ist das Album weder musikalisch, noch textlich innovativ. Lukas Plöchl dürfte sich aber weit mehr Gedanken als in früheren Trackshittaz-Zeiten gemacht haben, gleichzeitig ist ihm dabei aber die Unbekümmertheit abhanden gekommen. Auf dem Album geht es vor allem um Lukas Plöchl selbst: seine Biographie, seine Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen. Er gibt sich dabei meist nachdenklich bis melancholisch, manchmal kämpferisch. „I wor laung an de Bars, heit schreib i laung an de Bars“ rappt er zum Beispiel. Zwischenzeitlich singt er auch. Bereits im ersten Track betont er, nicht nur der „Woki mit deim Popo“ und „Oida taunz“-Typ zu sein. Er grenzt sich zumindestens für dieses eine Album von seinem selbst geschaffenen Partyanimateursimage ab.

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Dabei wird es aber schnell monothematisch, am interessantesten ist dann erst wieder die Schlussnummer „Mir rennt die Zeit davo.“ Überraschenderweise wird Lukas Plöchl dabei von Nazar unterstützt. Dieser hat ihn schon vor Jahren von sich überzeugt: „Der hat einmal im Standard einen Artikel gehabt. Das war leiwand. Da habe ich mir gedacht: geil! Muss ich mir morgen gleich holen. Hat mir echt getaugt.“ Ende 2012 lernen sie sich dann persönlich kennen. Anscheinend sind auch hier die Grenzen verschwommen: der ehemalige Prolettenrapper aus der Provinz und der einstige „Streetfighter von Favoriten“ (Zitat Standard Redaktion) machten gemeinsame Sache. Trotz dieser erstaunlichen Konstellation geht auch dieser Track unter. Übrigens hat auch Nazar Castingshow-Vergangenheit. Er übernahm, wie schon zuvor Sido, die Rolle eines Rapcoaches. Allerdings nicht für Lukas Plöchl, sondern für die von Sido selbst gecasteten ORF-„Blockstars“.

An einem Montagabend im November gibt Lukas Plöchl sein letztes Konzert im Rahmen seines Solo-Albums. Das kleine Wiener Gürtelbogen-Lokal füllt sich bis zum Konzertbeginn nur zur Hälfte. Viele dürften sich untereinander kennen und auf der Gästeliste gestanden sein. In den ersten beiden Reihen warten aber auch einige Plöchl Groupies. Sein Vater und seine Schwester sind auch gekommen. Kamerateam ist keines da, auch kein Pressefotograf. Kein Sido oder Nazar. Dem Entertainer ist die Enttäuschung über den mageren Besuch anfangs zwar noch anzumerken, dennoch liefert er eine solide Vorstellung. Er weiß das Publikum zu unterhalten, braucht keinen Back Up und es macht ihm trotz allem sichtlich Spaß auf der Bühne zu stehen. Das sind einige positive Unterscheidungsmerkmale zu vielen, wenn nicht den meisten Rappern aus Österreich. In der Zugabe sagt er, dass kaum jemand die folgende Nummer kennen werde, weil man sich dafür das Album auf iTunes hätte kaufen müssen. Erst nach gut eineinhalb Stunden ist das Konzert zu Ende. Plöchl erfüllt noch ein paar Foto- und Autogrammwünsche, ehe sich die Reihen rasch lichten. Das war es wohl einstweilen mit der Karriere als Solomusiker. Es wäre aber nicht Plöchl, wenn er nicht binnen kürzester Zeit wieder neue Projekte angegangen wäre.Lukas-Plöchl_Daniel-Shaked_2

Ein Entertainer unter Ahnungslosen
Bei Puls4 fiel der kommerzielle Albenflop Plöchls anscheinend nicht ins Gewicht. Er wird zum „Herz von Österreich„-Juror ernannt. Dabei handelt es sich um keine weitere Verkupplungssendung, sondern um den ersten, größeren Versuch eines österreichischen Privatfernsehsenders mit einer Musik-Castingshow den eigenen Marktanteil zu erhöhen. Seit Anfang Jänner wurden zur Primetime acht Sendungen ausgestrahlt, das Finale folgt am 1. März. Im Vorfeld wurde für „Herz von Österreich“ eine relativ große Werbekampagne gestartet. Im Zentrum standen die Gesichter der Juroren: Stefanie Werger, Lukas Plöchl und DJ Ötzi. Plöchl wurde dabei freilich nicht als nachdenklicher Musiker, sondern als „Oida taunz“-Typ dargestellt, der er ja eigentlich nicht mehr sein wollte. Die Werbekampagne dürfte erfolgreich gewesen sein: man erreichte mit der ersten Sendung eine beachtliche Quote von 192.000 Zusehern. Die Kandidaten dürfen nur österreichische Lieder vortragen, dafür sind aber auch Eigenkompositionen erlaubt. Diese Chance nimmt kaum jemand wahr, anstattdessen sind Schlager und altbekannte Austropophits in leicht abgewandelter Form von meist sehr jungen Protagonisten zu hören. Wenig überraschend schalten bei der zweiten Ausgabe nur noch die Hälfte der Zuseher ein.

Im Gegensatz zum ORF hat Puls4 keinen öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen und es ist auch nichts Neues, dass das Fernsehen die Realität nicht wiederspiegelt, sondern vielmehr selbst kreiert. Dennoch ist es bemerkenswert frech, wenn Moderator Norbert Oberhauser die Sendung wie folgt eröffnet: „Bühne frei für das Beste, was es an Musik in Österreich zur Zeit gibt.“ Die Kandidaten werden vor ihren Auftritten ins „Herz von Österreich“-Dorf gebracht, wo sie unter anderem von Roman Gregory und Petra Frey für die Kameras kurz unterrichtet werden. Ersterer war übrigens noch vor ein paar Jahren „Starmania“-Juror, zweitere „Dancing Stars“-Siegerin im ORF. Während der Vorstellungsbeiträge zu den einzelnen Teilnehmern wird im Hintergrund meist Musik angespielt. Mitunter auch von Künstlern aus Österreich, die ihr mediales Dasein sonst nur auf Gotv und FM4 fristen: so zum Beispiel „Memories“ von Waldeck, „Ich bin traurig“ von Tanz Baby! und die Texta&Attwenger-Kollabo „(so schnö kaust gor net) schaun„.

Die „Herz von Österreich“ Kandidaten haben nichts Vergleichbares zu bieten. Nichts ist hier von inhaltlicher Nachhaltigkeit. In all den hunderten Stunden „Starmania“, „Helden von morgen“, „Die große Chance“ und „Herz von Österreich“ wurde von niemandem dezidiert gesellschaftliche oder politische Kritik geübt. Die Gesichter sind austauschbar, es geht um kurzfristige Unterhaltung und darum, möglichst viele Menschen dazu zu bringen, eine kostenpflichtige 0910-Nummer zu wählen. Dafür gaukelt man sich gegenseitig vor, dass fast alle Teilnehmer talentiert wären und sich die Unterstützung der Zuseher auch wirklich verdient hätten.

Ein gewisser Canto aus Telfs tanzt trotz einer auch vergleichsweise eher durchschnittlichen Darbietung aus der Reihe: „Jung und frei“ ist nämlich eine Rapnummer. Dazu die vermeintliche Expertenmeinung DJ Ötzis: „Die Gschicht´ in Österreich (Anm.: er meint österreichischen Rap) ist unser Lukas und jetzt mit dir ein Junger dazu, in Deutschland wär´s der Samy Deluxe…also an den habe ich gedacht, wie ich dich gehört habe, weil er auch extrem schnell is. Jo der Lukas eh auch genauso.“ Während dieses vor Ahnungslosigkeit nur so strotzenden Kommentars seines Sitznachbars scheint Lukas Plöchl ins Leere zu schauen, vielleicht fällt ihm aber auch gerade Jack Untawega oder ein anderer Rapper ein. Er selbst spielt das Spiel aber mit und bezeichnet Canto als „unsere Flowsau“. Canto scheidet dennoch aus.

Lukas Plöchl wird wahrscheinlich froh sein, wenn die „Herz von Österreich“-Angelegenheit morgen wieder vorbei ist. Und er hat die Zeit auch für etwas Sinnvolleres genutzt. Parallel zu den Sendungen arbeitete er nach längerer Zeit wieder mit Manix an einem neuen Trackshittaz-Album. „#TS4“ wird am 21.3. veröffentlicht. Zwei Videoauskopplungen sind bereits erschienen. Weit mehr Aufmerksamkeit als für seine Musik wird Plöchl aber wahrscheinlich für eine Filmrolle bekommen. Einen Tag vor dem Albumrelease feiert nämlich der vom ORF geförderte Tanzfilm „Rise Up! And Dance“ Kinopremiere. Lukas Plöchl ist darin als Gegenspieler des Filmhelden zu sehen. Im Skip Magazin heißt es über den Hauptprotagonisten des Films: „Melk to the Beat. Er übt im Kuhstall Breakdancemoves, hat beim Melken derbsten HipHop ins Ohr gestöpselt, und wenn er könnte, wie er wollte, wäre er längst beim Vortanzen in Mailand.“ Der Untertitel des Films lautet übrigens „Folge deinem Herzen“.

Die Musik zum Film kommt von Klaus Biedermann. Warum das erwähnenswert ist? Die Kunstfigur DJ Ötzi wurde von ebenjenem Wiener um die Jahrtausendwende geschaffen und auch dessen größten Hits produzierte Biedermann. Außerdem hat er 2006 den ersten Heinz Christian Strache Rap produziert. Er ist übrigens der große Bruder der Wiener HipHop Legende DJ DSL. Regisseurin und Drehbuchautorin von „Rise Up!And dance“ war hingegen Barbara Gräftner. Bei ihrem letzten großen Filmprojekt, nämlich „Echte Wiener 2“, spielte HipHop auch schon eine komische Rolle. Mundls Urenkel versucht sich in einer teilweise absurden Darstellung als Rapper. Lange Zeit war übrigens „Oida taunz“ der Arbeitstitel von Gräftners neuem Filmprojekt. Trotz der Titeländerung wird Lukas Plöchl den „Oida taunz“-Stempel anscheinend nicht mehr los. Zu wünschen wäre es ihm aber. Die österreichische Unterhaltungsindustrie scheint hingegen endgültig nicht mehr zu retten sein. Daran wird auch das „Herz von Österreich“ Finale nichts ändern.