Leben auf die goscherte Art // Donna Savage x Brenk Sinatra Interview

Ohne Zweifel ist es eines der wichtigsten deutschsprachigen HipHop-Alben des Jahres: „GUSCH“ von Donna Savage und Brenk Sinatra. Auf dem Debütalbum des Duos treffen hypnotische Kopfnicker-Beats aus dem Hause Brenks auf zielsichere Nasenbrecher-Lines von Donna Savage, die einem die Sprache verschlagen. „GUSCH“ eben. Im Interview mit The Message sprechen Donna Savage und Brenk Sinatra über Austropop als Inspirationsquelle, den schwierigsten Song in Donna Savages Karriere, Tic Tac Toe und Hater.

Praterg’schichten mit Donna Savage und Brenk Sinatra // Alle Fotos: Daniel Shaked

The Message: Ihr habt euer Debütalbum „GUSCH genannt. Was ist die Message hinter diesem Albumtitel?
Donna Savage:
Der Titel ist ziemlich wörtlich gemeint. (lacht) Ich finde ihn geil, weil „Gusch“ ein ganzer Satz ist. Es braucht kein Add-on, gar nichts mehr. „Gusch“ ist einfach das perfekte Wort.
Brenk Sinatra: Wir wollten auch etwas haben, das in Deutschland nicht sofort erkannt wird. Etwas, bei dem man ein bisschen recherchieren muss, etwas Mysteriöses.
Donna Savage: Für viele dort ist das sogar etwas Exotisches.
Brenk Sinatra: Da haben wir unsere Wien-Karte durchaus ausgespielt. Und „Gusch“ ist einfach eines der besten Wörter überhaupt – eines, das alles sagt.
Donna Savage: Vor allem hat es eine andere Wucht als „Halt die Schnauze“ oder „Halts Maul“. „Gusch“ trifft härter. Wenn jemand zu mir „Gusch“ sagt, hau ich ihm aufs Maul. (lacht)

The Message: Auf dem Album gibt es mehrere Referenzen zu Wien: Austropop, deine Herkunft, Texte über die Stadt. War das Teil eines Konzepts oder einfach Donna?
Donna Savage:
Das ist ganz natürlich gekommen. Ich musste das nie groß thematisieren, weil es für mich so logisch ist. Ich liebe Wien, ich will nirgendwo anders hin. Diese Stadt fließt durch mich durch – und damit auch die Musik, die von hier kommt, die ganze DNA, die wir Wiener*innen haben. Trotzdem fragen mich immer wieder Leute, aus welcher Gegend Deutschlands ich komme. Da denke ich mir: „Aus welchem Finger saugst du das raus?“ Ich glaube, viele Deutsche erwarten, dass wir tiefstes Österreichisch sprechen. Da denke ich mir: „Gehst halt einmal nach Wien.“
Es gibt nur noch wenige Menschen, die wirklich dieses Altwienerische sprechen. Ich glaube, wir können das alle imitieren, aber natürlich reden tun es nur wenige. Ich könnte es auch, aber ich rede nicht so, weil ich nicht so erzogen wurde. Ich rappe deshalb genauso, wie ich spreche: ziemlich hochdeutsch, mit Sprinkles auf Wienerisch here and there. Am Anfang habe ich Dialektwörter sogar eher vermieden, weil mir bei Dialektrap oft einer abgecringed ist. Bis auf wenige Ausnahmen ist das einfach nicht mein Geschmack. Mittlerweile streue ich das bewusster ein. Deutlicher kann ich ohnehin kaum mehr machen, wo ich herkomme. Ich lebe, liebe und bin diese Stadt.

„Stefanie Werger ist ist eine Young Hoe“

The Message: Hast du einen Lieblings-Austropop-Artist?
Donna Savage:
Uhhh, good question. Das hängt von der Tagesverfassung ab. Wenn es mir schlecht geht: immer Ludwig Hirsch. Für alle Lebenslagen: Stefanie Werger.
Brenk Sinatra: Die liebe ich auch heiß. Die ist so underrated – auch sampletechnisch. Da gibt’s einiges zu holen.
Donna Savage: Die hat diesen „Ich bin Mitte 40, habe drei Ex-Männer und werde gerade vom fünften geschieden“-Vibe. Sie ist eine Young Hoe.
Brenk Sinatra: Stefanie Werger ist schon ein bisschen ein Player. (lacht) Sie hat auch einen Song über einen Italo-Lover… Ricardo! Real Shit, ich liebe Ricardo! („Sehnsucht nach Florenz“, Anm. d. Red.) Totaler Player-Shit. Großartig. Das hat auch so einen Zwölfter-Spritzer-Swag.
Donna Savage: Mein Mitbewohner wollte nach zwei Monaten fast wieder ausziehen, weil ich so viel Austropop gehört habe. (lacht) Zu seiner Verteidigung muss man sagen: Ich habe ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit auf voller Lautstärke laufen lassen.

The Message: Der hat dir doch irgendwann Danzer-Verbot erteilt, oder?
Donna Savage:
Ja. Damals hatte ich Liebeskummer und habe entsprechend viel mitgebrüllt. Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen. Meine Mutter kann unzählige Geschichten erzählen, wie ich irgendwo sitze und alles mitsinge. Das hat sie mir definitiv mitgegeben.

The Message: Ich frage mich manchmal, ob Austropop überhaupt funktioniert, wenn man ihn erst als Erwachsener kennenlernt.
Donna Savage:
Ich glaube schon. Da steckt so viel drin, was gut gealtert ist: Gesellschaftskritik, Beobachtungen, Themen, die heute noch genauso aktuell sind. Natürlich verbindet man etwas anders mit dieser Musik, wenn man damit aufgewachsen ist. Dann hängt das Herz mit dran.
Brenk Sinatra: Ich habe Austropop tatsächlich erst als Erwachsener entdeckt, ziemlich spät sogar. Davor habe ich fast ausschließlich amerikanische Musik gehört. Irgendwann dachte ich mir: Moment, wir haben ja selbst ziemlich gute Sachen. Hansi Dujmic war mein Einstieg. Ein Wahnsinn, wie viel Swagger der hatte.

The Message: Oft grenzt man sich von der Musik der Eltern erst einmal ab und entdeckt sie später neu. Das scheint in Österreich besonders ausgeprägt zu sein. In vielen anderen Ländern feiert man die lokalen Größen ganz selbstverständlich.
Donna Savage: Bei uns kommt sofort dieses „Schifoan-Lalala“-Bild auf. Und das wird dem Ganzen überhaupt nicht gerecht. In meiner Teenagerzeit hätte ich wahrscheinlich auch nicht laut gesagt, dass ich Austropop cool finde. Trotzdem war diese Musik immer präsent. Ich habe überhaupt super viel Musikgeschmack von meiner Mama übernommen – seien es die Dire Straits, Janis Joplin oder Aretha Franklin. Das sind alles Evergreens, die ich bis heute geil finde.

Austropop erwähne ich auf dem Album auch deshalb so oft, weil ich es immer als Beleidigung empfinde, wenn Deutsche uns zuhören und sagen: „Mah, süß.“ Habt ihr uns einmal richtig zugehört? Wie wir reden und was da teilweise rauskommt? Das ist überhaupt nicht süß. Gerade im Austropop gibt es Punchlines, die brutal sind. Das finde ich extrem inspirierend.

The Message: Gute Inspiration jedenfalls. Ich bin immer froh über Austropop-Referenzen, weil ich finde, dass unsere Generation das ruhig für sich beanspruchen darf. Das darf weder aussterben noch in ein rechtes Eck gedrängt werden.
Donna Savage:
Nein, das widerspricht dem Grundgeist dieser Musik völlig.
Brenk Sinatra: Viele werden von diesem Musikantenstadl-Image abgeschreckt.
Donna Savage: Genau das meine ich mit „Schifoan-Lalala“. Selbst Fendrich hat sich immer vehement dagegen gewehrt, wie „I Am From Austria“ vereinnahmt wurde – besonders von der FPÖ.

„Man hört dem Album an, dass viel daran gearbeitet wurde“

The Message: Worin liegt die größte persönliche Veränderung im Hinblick auf die EP „Parole Donna“?
Donna Savage:
Ich habe mich diesmal an privatere, persönlichere Themen herangetraut. Früher konnte ich solche Texte nicht schreiben. Jahrelang habe ich versucht, mir einzureden: „Schreib es einfach auf. Es muss nie jemand hören.“ Das hat nicht funktioniert. Erst während der Arbeit an diesem Album ist mir das gelungen. Diese Seite von mir kennen viele noch nicht.
Brenk Sinatra: Wir haben mehr als ein Jahr an den Songs gearbeitet, ständig neu aufgenommen, neu arrangiert und neu gemischt. Es war ein permanentes Überarbeiten. Alles wurde Schritt für Schritt besser. Und Donna hat sich technisch enorm weiterentwickelt. Sie rappt heute schlicht besser als noch zu ihren „Parole Donna“-Zeiten.
Donna Savage: Ja, zu hundert Prozent.
Brenk Sinatra:
Da gibt es Beats, auf die sie vor zwei oder drei Jahren noch nicht so gerappt hätte wie heute.
Donna Savage:
Du hast einmal gesagt: „Die Beats hätten dich gefressen und nicht umgekehrt.“ (lacht)
Brenk Sinatra:
Genau. Das trifft es eigentlich ganz gut. „Zahltag“ ist das beste Beispiel.
Donna Savage:
Diesen Beat habe ich seit drei Jahren. Ich habe bestimmt elf Versionen darauf geschrieben, allein im letzten Jahr vier oder fünf. Nach jeder Session saß ich im Studio und sagte: „Brenk, ich hasse es, das wird nichts.“ Gleichzeitig wollte ich diesen Beat unbedingt haben. Er hat mir immer wieder Alternativen angeboten, aber ich bin drangeblieben, bis ich irgendwann den Code geknackt habe. Der Beat ist so ein Monster, dass man selbst entsprechend drübergehen muss.
Brenk Sinatra:
Der Vorteil war, dass wir alles gemeinsam bei mir aufgenommen haben. Dadurch konnten wir ständig experimentieren. Wir haben Ideen hin- und hergespielt, Dinge verworfen, neu aufgenommen. Man hört dem Album an, dass viel daran gearbeitet wurde. Ich habe unzählige Stunden an den Arrangements gesessen, Synthesizer eingespielt und Details ausgearbeitet. Das war viel Arbeit, aber ich glaube, man hört es.
Donna Savage: Wenn ich das mit meinen früheren Sachen vergleiche, waren manche Flow- und Reimgeschichten damals noch ein ziemlicher Krampf. Man hat gemerkt, dass ich oft zu sehr wollte, dass etwas auf eine bestimmte Art klingt.
Dabei preache ich selbst immer, dass die besten Rapper jene sind, die technisch extrem stark sind und es trotzdem mühelos wirken lassen, they make it look so easy. Sobald man die Anstrengung hört, verliert es für mich an Magie. In dieser Hinsicht bin ich heute viel sicherer und selbstbewusster geworden.

The Message: Was an dem Album spannend ist: Man hört zwar gleich, dass es ein Brenk-Beat ist, gleichzeitig wirkt alles sehr auf Donna zugeschnitten. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass jemand wie Tom Hengst dieselben Beats verwenden würde.
Brenk Sinatra:
Bestimmt nicht. Vielleicht gibt es eine kleine Schnittmenge, aber grundsätzlich ist das alles maßgeschneidert für Donna. Aber Fun Fact zur aktuellen Single: Der Beat von „Uppercuts“ war ursprünglich für XATAR gedacht. Ich hatte ihn Giwar für das letzte XATAR-Album geschickt, und XATAR hatte ihn sogar bereits ausgewählt.

The Message: Hätte auch gepasst.
Brenk:
Ja, den hat er gehabt und den hat er gefeiert. Er meinte, er meldet sich, wenn er dann was dazu hat. Aber wir wissen, was dann ein paar Monate später leider passiert ist. Ich habe Donna auch erzählt, dass der Beat eigentlich für ihn war.
Donna: Ja. War überhaupt kein Druck. (lacht)

„Das Heftigste war, den Song meiner Mutter zu zeigen“

The Message: Du hast vorhin gesagt, dass du diesmal Dinge geschrieben hast, die du früher nicht geschrieben hättest. Woran denkst du da?
Donna Savage:
Vor allem an den letzten Song des Albums („Tochter meiner Mutter“, Anm. der Red.). Er handelt von meinem Vater, den ich nicht kenne. Mir ging es darum, einen ehrlichen Standpunkt zu finden: Ich bin nicht mehr wütend, ich bin nicht mehr traurig, ich habe damit abgeschlossen. Trotzdem bleibt dieses Fragezeichen, dieses Nichtverstehen. Eigentlich ist der Song fast noch mehr meiner Mutter gewidmet. Er erzählt davon, wie es ist, mit einer alleinerziehenden Mama aufzuwachsen.
Brenk Sinatra: Ich habe immer gesagt, dass sie diesen Song machen muss, wenn der richtige Kontext da ist. Und ich bin normalerweise extrem allergisch gegen dieses aufgesetzte „Deep-Sein“ im Deutschrap.
Donna Savage: Ich hatte genau davor Angst. Dass es plötzlich nach Conscious Rap klingt.
Brenk Sinatra: Deshalb war von Anfang an klar: kein trauriges Piano, kein Kitsch.
Donna Savage: Das war mir extrem wichtig. Ich wollte nichts Melancholisches, sondern etwas, das dem Text Raum gibt, ohne ihn zu emotionalisieren. Der Text selbst ist komplett roh. Ich habe ihn praktisch in einem Guss geschrieben. Technisch ist es wahrscheinlich der unsauberste Song auf dem Album, aber darum geht es nicht.
Brenk Sinatra: Wir haben ihn auch bewusst roh aufgenommen.
Donna Savage: Genau. Ich wollte, dass diese Unmittelbarkeit erhalten bleibt. Die Herausforderung war, dass der Song ehrlich und berührend ist, ohne ins Sentimentale oder Kitschige abzurutschen.

The Message: Berührend ist er auf jeden Fall.
Brenk Sinatra:
Das war die Absicht. Eher wie amerikanische Soul- oder Rap-Storytelling-Traditionen: Jemand erzählt etwas Persönliches über einem starken Sample. Null Cheese. Deshalb endet der Song auch so abrupt. Das war eine bewusste Entscheidung. Er hört auf, und plötzlich sitzt man da und denkt: „Okay. Wow.“
Donna Savage:
Das Heftigste war, den Song meiner Mutter zu zeigen. Sie ist eigentlich überhaupt nicht nah am Wasser gebaut. Nach zwei Zeilen hat sie mich angesehen und gefragt: „Hast du das geschrieben?“ Dann hat sie zu weinen begonnen und wollte den Song sofort noch einmal hören.
Mir war wichtig, dass meine Mutter und meine Schwester den Song zuerst hören. Hätte eine von beiden gesagt: „Bitte nicht veröffentlichen“, hätte ich das respektiert. Es ist schließlich auch ihre Geschichte. Als beide dahinterstanden und auch Brenk so positiv reagiert hat, hatte ich das Gefühl: Okay, jetzt kann ich das machen. Obwohl ich wusste, dass ich mich damit komplett verletzlich zeige. Aber dieser Song erklärt auch viel darüber, wer ich bin. Deshalb musste er auf das Album.

The Message: Fühlt es sich befreiend an, so etwas endlich veröffentlicht zu haben?
Donna Savage:
Total. Es war ein Loslassen. Während des Schreibens sind plötzlich Erinnerungen aufgetaucht, an die ich jahrelang nicht gedacht hatte. Als ich den Song später gehört habe, lief meine Kindheit wie ein Film vor meinen Augen ab. Anfangs war das überwältigend. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Das war wahrscheinlich auch notwendig.

The Message: Wirst du den Song auch live spielen?
Donna Savage:
Ja. Davor habe ich jetzt schon Respekt. Vor allem in Wien. Da werde ich meine Mama auf die Bühne holen.
Brenk Sinatra: Das Wien-Konzert im Flex wird ohnehin eine Ansage. Die ganze Tour fühlt sich an wie eine Ansage. Wir haben beide alles hineingesteckt – musikalisch, emotional und zeitlich.

Der eigene Anspruch treibt einen voran

The Message: Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?
Brenk Sinatra: Über ein Jahr. Dazu kamen Mix, Mastering…
Donna Savage: Und dann das ganze Cover Heckmeck!
Brenk Sinatra: Irgendwann macht man solche Dinge vor allem für sich selbst. Wenn ich das mit einer Hand im Halbsuff mische, würde es auch reichen, weil die meisten die Musik über das Handy und Bluetooth-Boxen hören. Der eigene Anspruch treibt einen voran; sagen zu können, dass das das Beste ist, was ich zu diesem Zeitpunkt machen konnte. Dann kann man Jahre später auf die eigene Diskografie schauen und weiß: Da steckt alles drin. Kein Schnellschuss, kein „wird schon reichen“. Und ich glaube, das hört man diesem Album an.

The Message: Was wünscht ihr euch für eine Resonanz auf das Album?
Donna Savage:
Ehrlich gesagt ist mir wichtiger, was wir beide davon halten. Wenn jemand das Album nicht mag, ist das völlig okay. Geschmäcker sind verschieden. Natürlich wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen es hören. Vor allem hoffe ich, dass manche die Detailverliebtheit dahinter wahrnehmen. Wahrscheinlich wird nicht jeder bemerken, wie viel Arbeit in bestimmten Dingen steckt. Aber es gibt immer diese Verrückten, die jedes Detail sehen.
Allein das Albumcover war eine Arbeit straight from hell. (lacht) Das machen wir so nie wieder. Für das Cover haben wir wochenlang einzelne ausgeschnittene Köpfe, Zigaretten und Details arrangiert, wieder verworfen und neu zusammengesetzt. Der ganze Tisch war voller Papierfetzen. Danach kamen unzählige Farb- und Texturstudien. Dasselbe gilt für das Booklet, die Rückseite und den Merch. In allem steckt unglaublich viel Arbeit.
Brenk Sinatra: Handwerk und Liebe.
Donna Savage: Genau. Und gerade in einer Zeit, in der vieles schnell produziert wird, war uns wichtig, etwas zu machen, das als Gesamtwerk funktioniert. Wenn du dir Covers anschaust, jeder rotzt irgendein iPhone-Bild von seinem Tanga rein und das ist auch fein. Vielleicht schaut sich nicht jede jedes Detail an. Aber man spürt trotzdem, ob etwas einfach hingeschmissen wurde oder ob dahinter ein durchdachtes Konzept steht.

The Message: Es ist erfrischend, dass sich noch jemand diese Mühe macht.
Donna Savage:
Ich liebe visuelle Gestaltung einfach. Outfits, Fotos, Musikvideos, Cover, das hat mich immer interessiert. Ich habe schließlich auch auf der Angewandten studiert. Es wäre ziemlich peinlich, wenn mein Debütalbum ein schlechtes Cover hätte. (lacht)

The Message: Hast du dein Studium mittlerweile abgeschlossen?
Donna Savage: Ja. Ich bin jetzt Magistra Donna.

The Message: Wie sehr hat dich das Studium bei solchen Projekten geprägt?
Donna Savage:
Sehr. Ich hatte eigene Lehrveranstaltungen nur über Typografie, Farbtheorie, Komposition. Das war auch gut fürs Sprayen (lacht). Dazu jahrelang Aktzeichnen. Man entwickelt ein Gespür dafür, was funktioniert, worin die eigenen Stärken liegen und wie man visuelle Entscheidungen trifft.
Uns war jedenfalls klar, dass wir etwas machen wollten, das nicht aussieht wie jedes zweite Release aus Deutschland oder Österreich.
Brenk Sinatra: Und nicht klingt wie jedes zweite Release.
Donna Savage: Beim Cover war von Anfang an klar: Mein Gesicht soll drauf sein. Es ist mein Debütalbum. Aber ich wollte keinen klassischen Beauty-Shot mit Namen darunter. Ich wollte etwas Seltsames, etwas mit Biss.
Brenk Sinatra: Das Schöne ist, dass wir ästhetisch sehr ähnlich ticken. Oft reichen kleine Ideen oder Referenzen, und wir verstehen sofort, worauf der andere hinauswill.
Donna Savage: Ich muss ihm viele Dinge gar nicht erklären, die ich anderen erst lang erklären müsste.

The Message: Das wirkt ohnehin wie ein Album, das man physisch besitzen möchte.
Donna Savage:
Absolut. Deshalb bringen wir auch eine CD-Version mit ausführlichem Booklet und allen Lyrics heraus. Im November folgt dann die Vinyl.

The Message: Du warst immer schon eine CD-Sammlerin.
Donna Savage:
Ja. Deshalb wollte ich unbedingt zuerst die CD machen. Zu Hause höre ich tatsächlich immer noch hauptsächlich CDs. Ich benutze sogar noch denselben CD-Player, den ich mit ungefähr Zwölf bekommen habe. Das Ding läuft bis heute.

The Message: Trotz jahrelanger Danzer-Dauerbeschallung?
Donna Savage:
Funktioniert noch immer baba. Sogar das Kassettenfach geht noch.
Brenk Sinatra: Bist deppat … nicht schlecht. So einer mit blauem Licht? So ein Y2K-Wahnsinn?
Donna Savage: Na, leider, aber so ein silbernes Riesentrum.

The Message: Was war deine erste CD?
Donna Savage:
„Demon Days“ von den Gorillaz. Bis heute ein Evergreen. Die Original-CD habe ich immer noch. Das Booklet ist zwar ziemlich mitgenommen, weil ich als Teenager Teile davon herausgerissen und als Poster verwendet habe, aber die CD funktioniert noch. Ein Teil vom Booklet ist sogar hier hinten in meiner Handy-Hülle drinnen.

„ Es muss nicht alles perfekt oder puristisch sein, um kulturell etwas auszulösen“

The Message: Tic Tac Toe waren dir damals auch wichtig.
Donna Savage:
Ja, mittlerweile habe ich mir über Willhaben praktisch alles zusammengesammelt, was es von ihnen gibt: Alben, Singles, Sondereditionen. 

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Ich habe angefangen die zu hören, da war ich Neun oder Zehn und ich habe auch nicht alles gecheckt: „Und zieht sich jetzt dein Pillermann nicht sofort einen Gummi an“? – ich hab keine Ahnung gehabt, worum es da geht. (lacht) Aber ich habe es trotzdem geliebt. Diesen Rage, vor allem von Lee, wie sie geschrien hat, das kratzt gewisse Stelle in meinem Kopf. Sie war auch mein erster Crush – mein Gay Awakening. (lacht)

The Message: Vor Kurzem wurde von der ARD in einem Podcast die Geschichte von Tic Tac Toe aufgearbeitet. Dort fiel auch der Gedanke, dass Tic Tac Toe vielen jungen Frauen gezeigt haben, dass man in Popmusik nicht nett und harmlos sein muss. Kannst du das nachvollziehen?
Donna Savage:
Absolut. Später habe ich erst begriffen, wie viele schwere Themen in diesen Songs stecken: Rassismus, Aids, Drogentod. Gleichzeitig war das in einen Pop-Entwurf verpackt, der unglaublich direkt war.
Heute wird oft darüber diskutiert, wie authentisch die Gruppe wirklich war. Aber ehrlich gesagt interessiert mich das gar nicht so sehr. Natürlich war das ein gecastetes Projekt. Trotzdem haben sie etwas geschaffen, das bis heute nachwirkt. Und genau das finde ich spannend: Es muss nicht alles perfekt oder puristisch sein, um kulturell etwas auszulösen. Tic Tac Toe haben das geschafft. Deshalb finde ich es bis heute schade, dass diese Geschichte so früh zu Ende gegangen ist.

The Message: Man muss Tic Tac Toe wohl auch im Kontext ihrer Zeit betrachten. Nach heutigen Rap-Maßstäben kann man die Texte kaum beurteilen.
Donna Savage:
Es gab damals schon Leute, die besser gereimt haben. (lacht) Aber nicht in dieser Form und vor allem nicht mit dieser Sichtbarkeit für Frauen.

The Message: Im Podcast wurde auch ein altes Interview eingespielt, das ausgerechnet am feministischen Kampftag gemacht wurde. Dort fragt der Moderator tatsächlich die Band: „Könnt ihr eigentlich kochen?“
Donna Savage:
Unfassbar. Sprachlos. Gleichzeitig sieht man daran, wie mit jungen Frauen damals umgegangen wurde.

Man muss nicht immer die ganze Welt retten wollen. Fang bei dir selbst an

The Message: In „Neue Männer“ hast du Männer dazu aufgerufen, sich mit den Erfahrungen von Frauen zu solidarisieren. Passiert da aus deiner Sicht etwas?
Donna Savage:
Ja und nein. Es gibt definitiv Fortschritte, aber es gibt noch viel zu tun. Was mir wichtig ist: Man muss nicht immer die ganze Welt retten wollen. Fang bei dir selbst an. Fang bei deinem Freundeskreis an. Wenn jeder das tun würde, hätte das enorme Auswirkungen. Dazu gehört auch Ehrlichkeit mit sich selbst. Wenn man heute erkennt, dass etwas übergriffig ist, sollte man sich vielleicht auch fragen: War ich selbst schon einmal übergriffig? Die Antwort lautet oft: wahrscheinlich ja. Niemand ist perfekt. Wichtig ist, dass man Dinge erkennt und verändert. Aber dafür braucht es mehr Menschen, die Verantwortung übernehmen. Es kann nicht immer eine Arbeit sein, die Frauen und FLINTA*-Personen leisten.

The Message: Wie viele Männer kommen eigentlich zu deinen Konzerten?
Brenk: Mit mir zwei. (lacht)
Donna Savage: Es sind wahrscheinlich etwas mehr FLINTA*-Personen, aber mehr, als viele glauben würden. 
Brenk Sinatra: Die Donna-Hardcore-Fans in den ersten Reihen sind meistens FLINTA*. Hinten wird es dann deutlich gemischter.
Donna Savage: Ich würde ungefähr 60 zu 40 sagen. Auch bei den Streaming-Daten ist das Verhältnis relativ ausgeglichen.

The Message: Das ist ein gutes Zeichen. Mit größerer Reichweite wächst allerdings auch die Zahl der Anfeindungen, oder?
Brenk Sinatra:
Das merkt man sofort, wenn etwas ein bisschen viraler geht. Dann tauchen plötzlich Leute auf, die Dinge schreiben, die sie never ever jemandem ins Gesicht sagen würden.
Donna Savage: Besonders lustig finde ich Kommentare, in denen mir erklärt wird, ich hätte etwas „eleganter“ formulieren können. Da denke ich mir immer: Seit wann bin ich elegant? (lacht)
Oder die Klassiker: „Die klingt wie mein Vater“ oder „Die glaubt, sie wäre ein Mann“. Das soll dann die große Beleidigung sein? Das Schlimmste, dass dir einfällt, ist mich mit deinem eigenen Geschlecht zu vergleichen.
Brenk Sinatra: Als Frau darfst du offenbar nicht goschert sein.
Donna Savage: Genau. Und deshalb finde ich viele dieser Kommentare eher komisch als verletzend. Es gab allerdings auch Momente, die unangenehm wurden. Einmal habe ich einen Fitness-Influencer auf TikTok verarscht. Danach hat er seine Community auf mich losgelassen. Plötzlich hatte ich täglich Hassnachrichten, Vergewaltigungsdrohungen und Nachrichten von Leuten, die behaupteten, zu wissen, wo ich wohne. Da wurde es schon unangenehm.
Brenk Sinatra: Wahnsinn. Unglaublich.
Donna Savage: Voll. Aber ich hab gelernt, damit umzugehen. Vieles trifft mich schlicht nicht. Das liegt auch daran, dass ich einen sehr stabilen Kreis um mich habe und weiß, wer ich bin. Mein Selbstwert hängt nicht davon ab, ob mir jemand online sagt, dass ich gut rappe oder nicht. Wenn man das nicht hat, wird es wahrscheinlich viel schwieriger.

The Message: Mehr Erfolg, mehr Hater?
Donna Savage:
Ein bisschen schon.
Brenk Sinatra: Vielleicht sollte man eine Incel-Formel entwickeln. Je mehr Incels pro Post, desto erfolgreicher bist du. (lacht)
Donna Savage: Bei der Single „GUSCH“ hat jemand einen ellenlangen Kommentar geschrieben. Ich habe einfach „Gusch“ zurückgeschrieben. Es war so passend zur Single! (lacht)
Brenk Sinatra: Trotzdem sag ich ihr immer: Blockier den Hawara. Gib denen keine Aufmerksamkeit. Die meisten Kommentarspalten sind ja voller Liebe. Das ist dann ein bisschen wie ein komischer Fleck, den du nicht haben willst – ein Tomatenfleck auf einem weißen Hemd.

„Rund um den Albumtitel ist ohnehin eine eigene kleine Welt entstanden“

The Message: Der Titel „GUSCH“ schreit eigentlich nach einer Fortsetzung. „GUSCH 2“, „GUSCH 3“ …
Brenk Sinatra: „Still GUSCH“.
Donna Savage: „Still GUSCH“! (lacht laut los)
Brenk Sinatra: Rund um den Albumtitel ist ohnehin eine eigene kleine Welt entstanden. Wir haben mittlerweile ein ganzes Arsenal an „Gusch“-Videos von Leuten, die den Begriff auf ihre Art aufgenommen haben. Da sind echte Legenden dabei. Palfrader-Type-Shit. Da hab ich mir gedacht: „Wie cool seids ihr?“
Donna Savage: Ursprünglich wollte ich nur von den Feature-Gästen ein kurzes „Gusch“-Video haben. Dann habe ich einfach schambefreit alle möglichen Leute angeschrieben, die mir eingefallen sind. Eine der Ersten war tatsächlich Mausi Lugner. Sie hat mir mit ihrer E-Mail-Adresse und Betreff „GUSCH“ das Video geschickt – „Hallo Alice – und Gusch“. (lacht)
Brenk: Beste einfach.

The Message: Eine fehlt allerdings noch: Jazz Gitti.
Donna Savage: Ja! Aber die kann man nicht anschreiben. Dabei folgt sie mir sogar. Bei den Likes zum Video steht auf einmal: Chilly Gonzales, Bahati Venus, Jazz Gitti und Samy Deluxe gefällt dein Reel. (lacht)

The Message: Es gibt also einen Ort im Internet wo Jazz Gitti und Samy Deluxe zusammentreffen.
Donna Savage:
Offenbar. (lacht)
Brenk Sinatra: Genau das ist das Lustige daran. Da tauchen plötzlich Leute wie Samy Deluxe, Audio88 oder österreichische Originale auf. Und du fragst dich nur: Wie sind die überhaupt hier gelandet?

Instagram: Donna Savage | Brenk Sinatra