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Beatshizzle (Oktober/20) // Beats & Instrumentals

Beatshizzle (Oktober/20) // Beats & Instrumentals

In dieser Reihe widmen wir uns monatlich den neuen Releases der Beat- und Instrumental-Szene. Das Meer an großartigen Beats wird von Tag zu Tag größer und nur die wenigsten Produzenten erhalten gerechtfertigte Credits. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Instrumentalreihen – viele der Projekte gehen allerdings in der Flut an Releases einfach unter und werden nicht mit eigenen Artikeln gewürdigt. Dennoch sind sie relevant genug, um ihnen eine Plattform zu bieten.

Text: Simon Huber & Simon Nowak

Hugo Kant – Far From Home

Nachdem er heuer bereits mit der „The Seven Seas“-EP auf dem „Outlaw Ocean“-Projekt von Ian Urbina vertreten war, veröffentlichte Hugo Kant kürzlich mit „Far From Home“ seine viertes Album. Wie Cover und Titel andeuten, scheint der Multiinstrumentalist und Komponist aus Frankreich nach seiner Reise durchs Weltall beim Vorgänger „Out Of Time“ nun auf einem fremden Planeten gelandet zu sein. Auch stilistisch knüpft Hugo Kant nahtlos daran, bringt seinen schweren Signature-Sound bestens zur Geltung. „You will recognize his meticulous sound and composition work, his soulful flute, rich percussions, and a wide diversity of traditional and contemporary instruments borrowed from different cultures and music styles. A wide range of emotions, often mixed together. An invitation to a mental journey“, so die offizielle Beschreibung, die gut zutrifft. Denn Hugo Kant liefert abermals abstrakte, aber gleichzeitig extrem catchige Melodien. Die Tracks sind üppig orchestriert und ausproduziert, sodass bei jedem Durchlauf neue Elemente in den Vordergrund rücken. Sogar die Vocals auf „Sure The Sun Will Rise“ und „Come With Me“ stammen von ihm selbst. Eine beeindruckende One-Man-Show, die zu vielen Tracks mit Suchtpotenzial und einem der spannendsten Instrumentalalben des aktuellen Jahres führt.

The Twilite Tone – The Clearing

Obwohl „The Clearing“ das erste Soloalbum von The Twilite Tone ist, kann er schon auf eine lange Karriere zurückblicken. Der Produzent und DJ aus Chicago ist seit den späten 1980er-Jahren aktiv, bildete damals mit Common und No. I.D. die Crew CDR und war maßgeblich an der Produktion von Commons Solodebüt „Can I Borrow A Dollar“ beteiligt. Seither arbeitete er etwa mit Kanye West, den Gorillaz oder John Legend zusammen. Seiner Heimatstadt entsprechend ist The Twilite Tone neben klassischem HipHop-Sound auch mit Chicago House sozialisiert. Diese beiden Welten verbindet er auf „The Clearing“, das via Stones Throw erschienen ist. Mit schönen Drums ausgestaltet, bieten die mit MPC und Synths produzierten Tracks Sci-Fi-Motive, Vintage-Flavour und mehr oder weniger tanzbaren Sound. Dabei schimmern auch immer wieder altbewährte Soul-/Pop-Samples – wie etwa „Human Nature“ von Michael Jackson auf „Do It Properly“ – heraus. Aber glücklicherweise nie in allzu abgedroschener Manier.

Jneiro Jarel – After A Thousand Years

Schon sehr viel herumgekommen ist Jneiro Jarel. Der US-Produzent arbeitete etwa mit MF DOOM, Damon Albarn, Massive Attack oder Beth Gibbons zusammen und lebte in seinem Selbstverständnis ein nomadisches Weltbürgerleben – zumindest bis 2018, als er in Costa Rica einen Schlaganfall erlitt und sich seither am Weg der Besserung befindet. Das kürzlich erschienene Album „After a Thousand Years“ war zu diesem Zeitpunkt bereits aufgenommen. Dieses versteht Jneiro Jarel als Hommage an die vielen musikalischen Einflüsse der afrikanischen Diaspora, die die heutige Musiklandschaft entscheidend mitgeprägt haben. Einen besondere Rolle nimmt Südamerika ein, zumal sich der Produzent viel mit brasilianischer Musik von Bossa Nova über Latin Jazz bis Funk Carioca auseinandergesetzt hat. Entsprechend facettenreich fällt „After a Thousand Years“ aus. Das gilt auch innerhalb der langgezogenen Tracks. Einige Gastmusiker runden ab, darunter der berühmte Percussionist Bill Summers. Ein sehr schönes und hochwertiges Instrumentalalbum. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich Jneiro Jarel bestmöglich erholt.

Ivy Lab – Fidget EP |Teacup EP

In einer Aufzählung der bedeutendsten Interpreten an der Schnittstelle von HipHop, Halftime und Bassmusik darf Ivy Lab nicht fehlen. Zu Recht, denn das Duo aus London unterstreicht laufend seine Qualität – im Vorjahr etwa mit den drei EPs „Gunk“, „Stars“ und „Space War“. Zumal Ivy Lab seit Juli wieder vermehrt im Studio waren und seither eine Menge Tracks fertiggestellt haben, möchten sie uns in der kalten Jahreszeit mit regelmäßigen Releases versorgen. Monatlich soll eine mit fünf Tracks bestückte EP erscheinen – in Kooperation mit dem Londoner Street-Fotografen Above Ground, der die Cover gestaltet. Mit „Fidget“ und „Teacup“ sind mittlerweile die ersten zwei Ausgaben erschienen. Ivy Lab liefern darauf gewohnt „glitchigen“ Sound mit vielen interessanten Facetten. Während „Fidget“ neben dem drückenden Titeltrack eher heitere und smoothe Beats vereint, geht es auf „Teacup“ um einiges düsterer und härter zu, wie nicht zuletzt „Dark Horse“ mit dem Rap-Feature Rocks FOE oder das wütende „Gutter“ unterstreichen. Letztlich zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen unterhaltsame EPs.  

EXPEDITion 100 Vol. 5 & 6: LuKutz & Odd Job/Sweet Medicine

Die Fortsetzung der Vin-Dig-Reihe „EXPEDITion“ wird erneut um zwei Teile erweitert. Zum einen schließen sich LuKutz und Odd Job aus dem Funkverteidiger-Umfeld für „Time Out“ zusammen. Dass das sehr gut funktioniert, ahben sie zuletzt auf dem TGS-Album gezeigt, das sie 2018 zusammen mit dem Kölner entbs-Member O-Flow gemacht haben. Und auch auf ihrem ersten gemeinsamen Instrumentalprojekt synergieren die beiden sehr gut zusammen und schaffen ein facettenreiches Album, das mit Cuts diverser Rapkollegen – meist aus dem direkten Umfeld – abgerundet wird.
Dem Motto der Reihe folgend steht neben einem Album etablierter Produzenten auch diesmal ein Newcomer. Sweet Medicine aus Berlin, der Vol. 6 beisteuert, hat bislang erst ein Album Anfang des Jahres veröffentlicht, ist gemäß der Featureliste auf „Sunday breezin'“ bereits bestens mit der hiesigen Szene vernetzt. Fast jeder Track featurt andere Produzenten, darunter etwa MF Eistee, intervention_ oder Mr. Käfer, die regelmäßig in dieser Rubrik auftauchen. Das Album ist dabei sehr dezent und LoFi gehalten und wird dem Namen gerecht, scheint es doch maßgeschneidert für entspannte Sonntagnachmittage zu sein.

Spinelly – Mirrors EP | Disconnected – EP 2

Schon lange im Dunstkreis von Duzz Down San aktiv, hat Spinelly ihren Fokus zuletzt vermehrt vom Auflegen zum Produzieren verlagert – was wohl teilweise auf die geschlossenen Clubs zurückzuführen ist. So steht heuer neben dem alljährlichen Beitrag für die DDS-Compilation, den „Disconnected“-EPs und vereinzelten Rap-Produktionen wie „Volatil“ von Nora Mazu auch die Debüt-EP der Wahlwienerin zu Buche. „Spinelly dares to take a look in the mirror to explore the self and various encounters and realisations from the shadows of interpersonal projections over the course of four tracks“, erklärt sie den Titel. Dass Spinelly düsteren, treibenden Sound zwischen experimentellem HipHop und diversen Bass-Genres feiert, ist ihrem bisherigen Schaffen anzuhören. Daran knüpft sie mit den vier mit teils analogen und digitalen Synthesizern produzierten Tracks auf gewohnt hohem Level an.

In der Zwischenzeit ist auch die „EP2“ von Disconnected erschienen. Spinelly, Testa, Mo Cess und Pirmin, die allesamt in Zams aufgewachsen sind, sorgen für ein weiteres Beat-Shoutout in ihr Tiroler Heimatdorf und liefern dabei ihr gewohntes Programm. Entstanden sind die sechs Tracks in der Zeit des ersten Lockdowns, wie bereits beim ersten Teil der Reihe in Social-Distance-Manier. Diesmal wollte das Wahlwiener Quartett aber offenbar nicht „nur“ die Verbindung zurück ins Tiroler Oberland herstellen – denn in der Zwischenzeit sind sie auf einen Rapper aus Neuseeland gestoßen, dessen Name alleine eine Bewerbung für ein Feature ist. Der gemeinsame Track mit Zams war dann wohl eine gmahde Wiesn. Tja, die Welt ist manchmal doch ein Dorf.

Depf – A Love Tape

Der Londoner Depf, in der Vergangenheit unter anderem bei Village Live Records als verträumt-emotinaler Produzent aufgefallen, widmet dem Thema Liebe nun ein komplettes Album. „A Love Tape“ umfasst ganze 20 Tracks und deckt verschiedenste Stimmungen ab, die einen im Prozess des Ver- und Entliebens so überkommen. So ist auch das Album von heiteren wie eher traurigen Tracks durchzogen, die auch nicht chronologisch ablaufen – eine Achterbahn der Gefühle.

Dezi-Belle

Bei Dezi-Belle brachte der Oktober drei neue Instrumentalreleases hervor. SpunDetox kann dem Sound auf „BabyTape“ vor allem durch die gechoppten Voicesamples eine eigene Note geben. Leider umfasst die 7″ nur fünf Tracks, ein ganzes Album in diesem Stil wird sehnlichst erwartet. Baskito gibt auf „Big Mood“ einen Einblick in selbige, ein klassisches jazzlastiges LoFi-Album, ergänzt durch einige selbst eingespielte Instrumente – „The perfect album for ’sunny days‘, ‚drinkin wine‘, smoke ‚another joint‘ to get ‚almost high‘ and hope that ’nothing happens‘.“ Am meisten überzeugt jedoch „Analog Asia“ von Eugen Schott, der bislang hauptsächlich als Greeninstruments, Teil von LBL, in Erscheinung getreten ist und erstmals ein Album unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlicht. Das Album entstand auf einer Südostasienreise ausgehend vom laotischen Luang Prabang und samelt ausschließlich Musik, Aufnahmen und Eindrücke von besagter Reise.

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LTF – Monolith

Als Nachfolger der 2018 erschienenen „Jazz Echo“-LP veröffentlichte LTF kürzlich „Monolith“. Für das Projekt hat der Produzent aus der sibirischen Stadt Omsk einige unbekannten Jazz- und Funk-Samples aus der UdSSR ausgegraben: „LTF (Light The Fuse) has a knack for finding breaks, horns, flutes, double basses, and vocal fragments that are waiting for him in the dustiest and deepest crates of vinyl.“ Mit analogen Synthesizern, Doublebass und Drum-Breaks ausgestaltet, sorgt er für schweren Boombap-/Downtempo Sound, der streckenweise Vintage-BBoy- und Dub-Charakter aufweist. Gewohnt stark.

HYDE Beats – Basement Lab

Das diesmonatige POSTPARTUM.-Release kommt von HYDE Beats. Neben der ohnehin gewohnten musikalischen Dopeness ist besonders eine Versteigerungsaktion zu erwähnen, die aktuell noch läuft. Dabei wird eine Testpressung, eine signierte Promokopie sowie einige weitere Gadgets zugunsten der NGO Seebrücke versteigert. Infos dazu gibt es Facebook, die Auktion läuft noch bis 29.11.2020 auf Ebay. Dope Aktion!

Potatohead People – Mellow Fantasy

Mit „Mellow Fantasy“ veröffentlichten die Potatohead People kürzlich ihren dritten Longplayer. Das Produzentenduo aus Vancouver bewegt sich auf gewohntem Terrain. Ein starker J-Dilla-Einfluss prägt ihr schaffen, wenig überraschend zieht sich der Dilla-Bounce auch diesmal durch die Tracks. Immerhin achten die Potatohead People darauf, den catchigen Akkorden und harten Drums einen eigenen Flavour zu verleihen. Sie verknüpfen den altbewährten Sound mit diversen anderen Stilen. „This is easygoing West Coast style music, blending ’90s acid jazz, blunted house beats and a solid serving of uptempo fusion into something decidedly now“, beschreibt ein Artikel der Vancouver Sun die Bandbreite. Zumal es sich um ein Hybrid aus einem Instrumental- und Produzentenalbum handelt, sind bei rund der Hälfte der Tracks Featuregäste vertreten. Die Liste reicht von Rap-Veteranen wie De La Soul, T3, Illa J und Moka Only über R&B-Vocals, etwa von Kendra Dias. Bei diesem Soundbild eine logische Wahl.

Dantaya – Mariposa EP

Wie Cover und Titel andeuten, hat Dantaya seine neue EP Schmetterlingen gewidmet. Die Tracklist entspringt einem schönen kleinen Gedicht über die bunten Edelfalter. Auf den sieben dazugehörigen Beats vereint der Wiener Produzent souligen Lo-Fi-Boombap-Sound – simpel gehalten, aber mit den nötigen Layern ausgestaltet, um’s nie langweilig werden zu lassen. Das einprägsame und ziemlich düster gehaltene „Bitter Sweetness“ sticht dabei am meisten heraus.

Inteus – Yent Szn 3

Wer „Yent Szn“ googelt, landet direkt bei der vermeintlich dritten Ausgabe der Reihe. Gegen die kurze Verwirrung hilft die Albumbeschreibung. „That’s right, we’re doing a trilogy without doing the first two episodes“, schreibt Inteus darin. Der junge Produzent aus Albany ist Teil der internationalen Phonk-Crew Holy Mob und konnte sich in den vergangenen Jahren als einer der versierteren Vertreter der Sparte einen Namen machen. Im Vergleich zu den meisten Kollegen reichen die Beats von Inteus stärker in den Downtempo-/Electronic-Gefilde hinein, zudem verwertet er seltener alte (Memphis-)Rap-Parts. „Yent Szn 3“ kommt sogar gänzlich ohne aus. Neben gewohnt atmosphärischen, mal mehr und mal weniger cleanen 808-Produktionen kommt mitunter auch Soundtrack-Flavour zur Geltung – etwa auf „Hotshot“. Interessante Mischung.

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