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Beatshizzle (Dezember/20) // Beats & Instrumentals

Beatshizzle (Dezember/20) // Beats & Instrumentals

In dieser Reihe widmen wir uns monatlich den neuen Releases der Beat- und Instrumental-Szene. Das Meer an großartigen Beats wird von Tag zu Tag größer und nur die wenigsten Produzenten erhalten gerechtfertigte Credits. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Instrumentalreihen – viele der Projekte gehen allerdings in der Flut an Releases einfach unter und werden nicht mit eigenen Artikeln gewürdigt. Dennoch sind sie relevant genug, um ihnen eine Plattform zu bieten.

Mit Saiko haben wir uns gesondert über sein neues Album „Six Million Dollar“ unterhalten – hier nachzulesen. Einen Artikel zur „Venom“-EP von Restless Leg Syndrome findet ihr hier.

Text: Simon Huber & Simon Nowak

Yussef Dayes Trio – Welcome To The Hills

In den gut vier Jahren des Bestehens von Beatshizzle hat es wohl noch kein Livealbum reingeschafft. Diesmal machen wir gerne eine Ausnahme, zumal das Cover von „Welcome To The Hills“ sehr treffend ist. Wie es vom vielleicht begnadetsten Drummer unserer Zeit zu erwarten ist, zieht Yussef Dayes sein energiegeladenes und abwechslungsreiches Spiel über die gesamte Spielzeit auf höchstem technischen Level durch. Ebenfalls stark präsentieren sich Rocco Palladino (Bass) und Charlie Stacey (Keys/Synths), mit denen der Namensgeber des Trios die knapp 80 Minuten mit viel Fusion-/Jazzrock-Einschlag im Rahmen einer Live-Show in Kopenhagen im Sommer 2019 aufgenommen hat.

There was something special about this performance. The raw energy, focus, determination & freedom to take our music to the next level. It feels more right than ever to release this live recording, as there have been no shows this year“, schreibt Yussef Dayes dazu. Ohne Ankündigung im Dezember veröffentlicht, ist das mit einer Hommage an Nipsey Hussle endende „Welcome To The Hills“ eines der beeindruckendsten Instrumentalalben des abgelaufenen Jahres. Macht Vorfreude auf einen hoffentlich heuer wieder möglichen Besuch eines Auftritts des Drummers und Produzenten, der nach seinen gemeinsamen Studioalben mit Yussef Kamaal und Tom Misch für heuer seine erste Solo-LP angekündigt hat.

545 – Khruang Phrung!

Was rauskommt, wenn sich die vier Turntablism-Veteranen D-Styles (Beat Junkies), Excess, Mike Boo & Pryvet Peepsho zusammenschließen, zeigt ihr neues Projekt 545. Im Sommer 2019 mit der gleichnamigen EP gestartet, ist das US-Quartett wenige Monate vor Ausbruch der Pandemie für eine Woche nach Bangkok gereist, um dort in einem Airbnb – beziehungsweise wegen Lärmbeschwerden in weiterer Folge im Club Tha Beatlounge – die LP „Khruang Phung!“ aufzunehmen. Der Name dürfte vom dortigen Essen inspiriert sein. „A condiment caddy with sugar, ground dry chilies, green chilies in vinegar, and fish sauce. Also known as ‚the four flavors‘“, geben 545 zu Protokoll. Der Luftwechsel hat sich jedenfalls gelohnt, denn die in der kurzen Zeit entstandenen neun Tracks (und vier Digital Exclusives) bieten durchwegs schönen Turntable-Sound, wobei sich etwa das bouncige „Dirty Ice“ und das Soundtrack-artige „Spy Baht“ als Highlights erweisen. Eine kürzlich via YouTube veröffentlichte Mini-Doku verschafft einen Einblick in die produktive Reise des Quartetts.

The Jahari Massamba Unit – Pardon My French

Zu spannend, um unserer ausgefallenen November-Ausgabe zum Opfer zu fallen ist „Pardon My French“ von Jahari Massamba Unit. Hinter dem exotischen Namen verstecken sich zwei große Namen der Beatszene: Karriem Riggins, der die Drums eingespielt hat und Madlib, der alle weiteren Instrumente eingespielt hat. Die Produzenten, die schon das Duo Supreme Team bildeten, dringen auf 13 Tracks tief in Jazz-Gefilde vor. Für beide kein unbekanntes Terrain. Riggins war 2003 Teil der Bigband The Detroit Experiment, Madlib war in mehreren Formationen vertreten und brachte etwa mit dem The Last Electro-Acoustic Space Jazz & Percussion Ensemble mehrere LPs raus. „Pardon My French“ bietet durchaus schöne Kompositionen, auch wenn die Tracks der Besetzung geschuldet sehr drum- und basslastig ausfallen – doch das sitzt und so lässt sich auch in minimalistischer Manier formidabler Jazz-Sound kreieren. In der Zwischenzeit kündigte Madlib mit den Singles „Road Of The Lonely Ones“ und „Hopprock“ übrigens sein neues Instrumental-HipHop-Album an. „Sound Ancestors“ soll am 29. Jänner erscheinen. 

Ivy Lab – Blonde EP

Im Oktober mit „Fidget“ gestartet, veröffentlichen Ivy Lab bis Dezember monatlich eine EP. Eine eher kurzfristig umgesetzte Reihe, nachdem das Londoner Duo die ursprünglichen Pläne für die insgesamt 15 Tracks ad acta legen musste. Wie bei den beiden Vorgängern haben sie auch auf „Blonde“ mit dem Street-Fotografen Above Ground zusammengearbeitet. Musikalisch geben sich Ivy Lab gewohnt experimentierfreudig. Die fünf Tracks fallen über weite Strecken düster und heavy aus, was sich vor allem beim Industrial-Trap-Opener „Husk“ und auf „Gopher“ zeigt.  Die beiden Tracks dazwischen sind zwar ruhiger, bieten aber umso gespenstischere Vibes. Wieder einmal eine interessante Richtung – und wie von Ivy Lab erwartet gut ausproduzierter Sound.

The Doppelgangaz – Beats For Brothels Vol. 5

Seit gut zehn Jahren zählen The Doppelgangaz zu den verlässlichsten und konstantesten HipHop-Acts – sowohl als Rapper wie als Produzenten. Daran änderte sich auch 2020 nichts, das das New Yorker Duo mit dem fünften Teil der „Beats For Brothels“-Reihe ausklingen ließ. Dabei setzen die beiden auf ein bewährtes Programm aus schnörkellosem, rauen 90-BPM-Sound mit klassischer Doppelgangaz-Note. Das Rad erfinden sie mit den 14 Instrumentals und die Outro-Rapsingle „Is He“ nicht neu – müssen sie aber nicht, zumal sie ihr Handwerk bestens verstehen und auch diesmal einige schön produzierte Beats vereinen. So bietet der fünfte Streich zwar viel Solides und wenig Aufregendes, aber sicher nichts Verkehrtes.

tristeza – New Years

Seit vielen Jahren ist Trishes bei FM4 als Journalist und „Tribe Vibes“-Host präsent. Seine Leidenschaft für Beats lebt er nach wie vor auch abseits davon aus – sei es durch die regelmäßig auf Mixcloud veröffentlichten „Beats Quarterly“-Mixes oder eigene Produktionen. Er ist Stammgast auf den jährlichen Duzz-Down-San-Compilations, 2019 steuerte er zudem den Beat für den Monobrother-Track „Zores“ bei. Unter einem neuen Alias veröffentlichte Trishes zum Jahreswechsel die „New Years“-EP. Passend zum Cover nehmen Feuerwerksklänge eine große Rolle ein, ebenfalls sehr markant zum Einsatz kommt eine Slide-Gitarre. Interessante Kombination und ein melancholischer Ausblick aufs neue Jahr.

Dezi-Belle

Neben einer Compilation mit zahlreichen bekannten wie unbekannten Namen erschienen im Dezember zwei Soloalben über Dezi-Belle Records. Sowohl „unreel“ von plusma, als auch „frwrd“ von Maple Syrup bewegen sich im aufgeregt unaufgeregten LoFi-Bereich, in dem beide ihre Nische gefunden haben.

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Kuartz – MF Kuartz

Einen beinahe etwas komischen Beigeschmack hat das neue Album von Kuartz. Etwa zwei Wochen vor Bekanntgabe des Todes von MF Doom veröffentlichte er das Album „MF Kuartz“, das die in unserem Nachruf proklamierte Wichtigkeit MF Dooms für weite Teile der Szene unterstreicht, ist es doch eine explizite Referenz auf das Schaffen des Maskenmannes. Organischer Boombap, unterstrichen mit Filmreferenzen, erschienen über I Had An Accident Records.

Kamikazes – Zukunft 2: Die große Depression

Nach dem schönen Leben folgt die große Depression. Die seit jeher für ihre unkonventionelle Art bekannten Brüder aus dem Tal veröffentlichen den dritten Teil ihres „Zukunft 2“-Projekts und diese Zukunft hört sich ziemlich düster an. Irgendwo zwischen Electro, Techno, Ambient, einem kleinen Fetzen HipHop aus dem Augenwinkel und Filmmusik, die es auch in den „Dark“-Soundtrack schaffen würde, geistert der Sound der elf Anspielstationen, die dank Vinyl Digital endlich auch physisch erhältlich sind. Eingeworfene Textfetzen und Zitate reichen aus, eine Message und ein Gefühl zu transportieren, zu denen andere mit ganzen Parts nicht fähig wären. Bleibt bloß die Frage, wie es klingt, wenn die Kamikazes ihren aktuellen musikalischen Film wieder auf Albumlänge mit Lyrics untermauern. Das letzte „wirkliche“ Rapalbum ist schließlich auch schon eine Weile her und schreit nach Fortsetzung im „Das Of O.S.T.“- und „Zukunft 2“-Stil.

Wyl & Wun Two – We Talk Tomorrow

Seit einiger Zeit wühlt das Instrumentalistentrio Wyl die deutsche Untergrundszene auf und besticht durch Kollaborationen mit Rappern, indem sie deren Werke neu arrangieren und mit Liveinstrumenten performen. Bereits 2019 gab es eine EP mit dem Produzenten Wun Two, dies gipfelt jetzt auf Albumlänge in „We talk tomorrow“. Dabei ergänzen und arrangieren die drei – namentlich Leon Mache (Bass, Synth), Leon Raum (Drums, Percussion) und Marco Zügner (Rhodes, Saxophone) – die auf der SP404 produzierten Beats und schaffen damit einen komplett eigenen Zugang zum Beatmaking, der ausschließlich analog abläuft. Die limitierte Auflage auf pinken Vinyl ist außerdem ein besonderer Augenschmaus, ein rundum herausstechendes Release.

POSTPARTUM.

Das Lieblingslabel deines Lieblingsproduzenten lässt auch zum Jahresende keine Wünsche offen, so erschienen gleich drei neue Releases. Während Hydrogenii mit „Lost Heap of Sequences“ einige Leftovers vor dem gelungenen Trilogieabschluss „Final Heap of Sequences“ veröffentlicht, feiert Smoky Kun mit „Jazzmoky Joints“ sein Solodebüt auf Albumlänge und der Zypriote Daidalosone veröffentlicht mit „Outerworld“ bereits sein drittes Album in diesem Jahr.

Morlockko Plus – Der Ripper vom Humboldthain

Morlockk Dilemma zieht sich erneut die Maske über, um zu seinem bösen Zwilling Morlockko Plus zu mutieren. Als dieser erscheint mit „Der Ripper vom Humboldthain“ bereits das fünfte hörspielartige Album, das neben Vinyl auch in Kombination mit einer Actionfigur und einem Comic erscheint und damit längst Kultstatus innerhalb der Szene hat. Dies spiegelt sich leider auch in den Resellerpreisen wieder.

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