Message Award: Shortlist

Der erste Message Award biegt langsam in die Zielgerade ein – denn die Shortlist ist fixiert. Nachdem wir im vergangenen Artikel die sieben Kategorien, die Longlist mit infrage kommenden Acts sowie den Abstimmungsmodus bekanntgegeben haben, stellen wir nun die finalen Nominierten vor. Im Zweitagestakt ergänzen wir diesen Artikel um jeweils eine weitere Kategorie und ihre fünf zur Endauswahl stehenden Acts/Alben. Die Verkündung der Gewinner*innen erfolgt am 06. Februar ab 19 Uhr via Livestream.

Bei einer Auswahl von zunächst teils über 30 Kandidat*innen pro Kategorie ist es unseren neun Juror*innen nicht leicht gefallen, möglichst unvoreingenommen je fünf davon zu picken. Dass die Stimmen in manchen Kategorien gut verteilt waren, unterstreicht das Qualitätsniveau der infrage kommenden Acts. Mitunter mussten enge Stichwahlen über ein Weiterkommen entscheiden – und einige Namen trotz starker Releases gestrichen werden.

Die Reihenfolge der Bekanntgabe der jeweiligen Nominierten: Instrumentalrelease am 21. Jänner, Rapalbum am 23. Jänner, Newcomer am 25. Jänner, Future Sound am 27. Jänner, Act am 29. Jänner, Producer am 31. Jänner, Message am 02. Februar.

Message des Jahres

  • Kid Pex

Crack Ignaz – Nicht von hier

„Von wo kommst du, ha? Du bist nicht von da. Sag wo kommst du her? Mach die Taschen leer“ – mit „Nicht von hier“ liefert Crack Ignaz wohl den gesellschaftskritischsten Song seiner Karriere. Subtil, dennoch offenbarend ob der eigenen Erfahrung schildert der Rapper, welche Vorurteile in Österreich, ja auf der ganzen Welt vorherrschen. Im Jahr des Black-Voices-Volksbegehrens und der weltweiten Black-Lives-Matter-Bewegung ein starkes Statement und ein Aufruf, rassistische Gedanken und Handlungen nie zur Normalität werden zu lassen.


Def Ill – Pandemie

Lockdown, Quarantäne, Hamsterkäufe, Homeoffice und Desinfektionsmittel – die „Pandemie“-Songs von Def Ill behandeln nur vordergründig die weltweite Ausnahmesituation. Vielmehr rappt der Linzer über politische „Ehrenmänner“, die keine sind, Fridays for Future und den Hass, der Greta Thunberg entgegenschwappt sowie über humanitäre Katastrophen in der Europäischen Union. Und darüber, wie sinnhaft Verschwörungstheorien in Zeiten einer Pandemie sind. Message in jedem Reim, in jeder Zeile. Def Ill in Reinkultur.

KeKe – Ladies

Mehr als ‚nur‘ ein Track über Feminismus. Auf ganz klare Weise setzt Keke Botschaften gegen ein System, das sexualisierte Gewalt verharmlost, in dem weiblich gelesene Personen aufgrund von Sex, Gender, Sexualität, der Art wie sie in der Öffentlichkeit stehen oder aufgrund der Berufe, die sie ausüben, benachteiligt werden. Anstatt aber bloße Betroffenheit auszulösen, verwandelt Keke diese Dinge in unglaubliche Stärke und Empowerment. In einen einzigen Shoutout an all diese Personen – „an die Ladies“ – die Tag für Tag damit konfrontiert sind und dagegen ankämpfen. In Zusammenarbeit mit der Wiener Voguing Community Kiki House of Dive entsteht dazu ein einzigartiges Video, das jeder einzelnen Line nochmals Kraft und Nachdruck verleiht

Kid Pex – Engagement mit SOS Balkanroute

Das ganze Jahr über hat sich Kid Pex mit der Initiative SOS Balkanroute für ein menschenwürdiges Leben von geflüchteten Menschen an der südosteuropäischen EU-Grenze eingesetzt. Regelmäßig reiste er nach Bosnien, um den Menschen vor Ort zu helfen, organisierte Hilfstransporte, gab Medien Interviews und schrieb selbst Artikel, um auf die menschenunwürdige Situation in den Flüchtlingslagern aufmerksam zu machen. So verschaffte er sich bei der Bevölkerung, aber auch bei Politiker*innen Gehör. Das geht weit über das musikalische Engagement hinaus und beweist, dass Kid Pex auch fernab von HipHop einen wichtigen zivilgesellschaftlichen Beitrag leistet.


Mavi Phoenix – Boys Toys

Dass wir Mavi Phoenix‘ Album „Boys Toys“ gut finden, ist mit der Nominierung zum Album des Jahres wohl klar. Die Kategorie „Message des Jahres“ soll Mavi Phoenix aber nicht ein zweites Mal für ein Album, sondern insbesondere für alles was dahintersteckt und damit einhergeht, würdigen. Es ist eine Ehrlichkeit mit der Mavi Phoenix während seines Coming-Outs die Plattform nutzt, die ihm zur Verfügung steht. Es ist die Weise, wie er die Öffentlichkeit bei seiner Transition mitnimmt. Es sind die Werte, die er transportiert und auch zeigt, wie viel Mut es braucht. Es ist ein Album, dass all das auch für Außenstehende nahbar macht. Damit trägt Mavi Phoenix nicht nur zu einem safe place für Personen der LGBTQIA-Community bei, sondern schafft einen eigenen. Denn in einer HipHop-Szene, in der Trans- und Queerfeindlichkeit meist erst als solche benannt werden müssen, brauchen wir mehr davon. Aber eh in der Gesellschaft auch.

Producer des Jahres

Alex The Flipper

Seit Jahren ein fester Bestandteil der hiesigen Szene, fliegt Alex The Flipper in der allgemeinen Wahrnehmung gefühlt immer noch etwas unter dem Radar. Ob im Tag-Team mit seinem Bruder Antrue von Da Staummtisch, solo oder wie in den vergangenen Jahren vorrangig als Produzent für Mavi Phoenix. 2020 produzierte der Linzer große Teile des Albums „Boys Toys“, veröffentlichte die „Dream Come True Flippa“-EP und lieferte dabei gewohnt catchigen Sound. Nebenbei gibt es Zusammenarbeiten mit Bilderbuch, Gerard oder Lou Asril – Alex The Flipper hat seine Finger überall im Spiel.


Brenk Sinatra

Obwohl 2020 bis auf das gemeinsam Album mit Kreiml & Samurai musikalisch vergleichsweise wenig Output von Brenk Sinatra kam, würde sich der erste Message Award ohne ihn als Producer-Nominée falsch anfühlen. Zumal die Energie dafür ja in andere Projekte gesteckt wurde: Mit Hi Hat Hustle hat Brenk die erste zentrale Anlaufstelle in Europa für den Verkauf von Drumkits und Samplepacks gestartet und damit die Produzentenszene wesentlich bereichert.


Fid Mella

Fid Mella hat ein extrem produktives und vor allem vielseitiges Jahr hinter sich. Neben dem Instrumentalalbum „Doposole“ mit Torky Tork war er hauptverantwortlich für den Sound von Giani und prägte zusammen mit Lex Lugner den Sound der Formation Silk Mob. Dazu kommen einige Singles mit dem „Bulli in Pulli“ Young Krillin und weiteren Acts. Mella gelang es 2020 hervorragend, Qualität und Quantität zu vereinen.


food for thought

Food for thought ist nicht nur einer der Haus- und Hofproduzenten von Heiße Luft, sondern lieferte in den vergangenen Jahren vermehrt auch Beats für deutsche Undergroundacts aus dem OFDM- oder Team Reiben-Umfeld. Seine gut produzierten, zeitgenössischen HipHop-Beats machten auch im vergangenen Jahr die Runde. Neben der „Most Süß“-EP mit JerMc und einigen Heiße-Luft-Singles produzierte food for thought Edwins Debütalbum „Sleben“, dessen „Lost“-EP sowie einen Track für Verifiziert.


Wandl

Wie bereits in der Erklärung zur Nominierung für die Kategorie „Future Sound“ erwähnt, schafft es Wandl, seinen Produktionen einen eigenen Trademarksound aufzustempeln und ist einer der interessantesten und vielschichtigsten Produzenten Österreichs. Durch seinen Gesang und das Gesamtprodukt hätte er genauso in der Kategorie „Act“ oder in fast jeder anderen Kategorie stattfinden können, wir wollten jedoch seinen hohen Standard bei den Produktionen besonders hervorheben.

Act des Jahres

Bibiza

Mit einem Mixtape, zwei EPs und mehreren Singles sorgte Bibiza 2020 für jede Menge musikalischen Output. Bereits als Dreizehnjähriger fing der Wiener an, Beats zu bauen und darauf zu rappen – schon bald als Teil der Kellerkinder im namengebenden Kellerstudio. Sein Sound entwickelt sich ständig weiter, reift langsam und findet sich aktuell irgendwo zwischen stilvoller Arroganz und gespielter Gleichgültigkeit ein. Ein wandelbarer Künstler, der sowohl weiche als auch harte Seiten hat.

Crack Ignaz

Crack Ignaz feierte 2020 sein musikalisches Comeback nach zwei Jahren Pause, veröffentlichte das Album „Sturm & Drang“, etliche Videosingles sowie zum Jahresabschluss die „Sang“-EP. Mit seiner Mischung aus Hochdeutsch und Dialekt rappt der Salzburger mal locker auf aufgeladenen Abgeh-Bangern, mal emotional auf tiefgründigen Tracks. Bvrger und hnrk., die einen Großteil der neuen Tracks produziert haben, liefern den passenden Sound dafür. Crack Ignaz ist in der Pause merklich gereift, ein gelungenes Comeback.

Eli Preiss

Eli Preiss erregte 2018 erstmals Aufmerksamkeit mit ihrem Song „I Want You To Know“, ihre musikalischen Ursprünge reichen aber weit darüber hinaus. Bereits mit elf Jahren nahm sie ihren ersten Song auf. Obwohl ihr Stil eher im R’n’B verwurzelt ist, ist die Wienerin stetige und aktive Mitgestalterin der österreichischen HipHop-Szene. Nach anfangs nur englischen Texten, wagte sie sich 2020 mit ihrer EP „Moodswings“ auch an die deutsche Sprache heran – ein Volltreffer. Eli Preiss besticht mit emotionalen Texten und einer fantastischen Singstimme auf groovigen Beats.

Sharktank

Sharktank ist wohl eine der spannendsten Neugründungen 2020. Beim Wiener Trio bringt jeder ein Vielfaches an Expertise und Talent mit. Bestehend aus Rapper Miles, Sängerin und Gitarristin Katrin Paucz sowie Rhythmus- und Instrumentaltalent Marco Kleebauer, liefert die Gruppe eine spannende Mischung aus Hip-Hop und Pop-/Indie- Elementen. Harmonische Melodien, entspannte Texte und ausgefallene Instrumentals machen Sharktank zu einem der interessantesten Acts. 

Slav

Inhaltlich irgendwo zwischen Konsumkritik und Dreistreifenanzug, musikalisch zwischen experimentiellen Grime-Beats und harten 808s scheint Slav seinen Stil gefunden zu haben. Über das Jahr verteilt lieferte „der Pole aus Wien“ mit jeder Single ein ausgereiftes und qualitatives Gesamtprojekt. Während der Rapper mit einem Fuß in der deutschen Szene steht, steckt Slav mit vollem Körper und Herzen in Wien. Er ist nicht mehr aus der österreichischen HipHop-Landschaft wegzudenken. 

Future Sound des Jahres

  • Sharktank

Aze – Dead Heat

Wohl die Entdeckung des Jahres 2020 und ein wahrer Geheimtipp. Obwohl schon seit mehreren Jahren beisammen, erblickten die Werke von Aze erst im abgelaufenen Jahr das Licht der Welt – und nahmen sie mit Charme und Soul. Schön warmes, souliges Timbre und dahingroovende Kompositionen verheißen Ezgi Atas und Beyza Demirkalp eine große Zukunft.

Sharktank – Bad Energy

Erst 2020 formiert, konnten Sharktank besonders auf der im November erschienenen zweiten EP „Bad Energy“ musikalische Duftmarken hinterlassen. Das Projekt von Rapper Mile, Sängerin/Gitarristin Katrin Paucz und dem Schlagzeuger/Instrumental-Tausendsassa Marco Kleebauer wurzelt auf spontanen Entscheidungen und regelmäßigen Studiosessions. Rap, Gesang und ein rundes, melodisches Soundbild zwischen HipHop und (Indie-)Pop-Einflüssen machen das Wiener Trio zu einem heißen Kandidaten.

Spitting Ibex – Love Hate Fear Fate

Irgendwo zwischen Funk, Soul, Afrobeat und HipHop schwimmt die seit gut zwei Jahren immer aktiver und präsenter werdende Band aus Wien. Der ungezwungen eklektische Zugang von Spitting Ibex entwickelt seine magische Anziehungskraft bereits beim ersten Hördurchgang. Zu einem ausgereiften Sound mit treibenden Grooves legen sich die hypnotischen Vocals der Frontfrau Aunty. Eines der Top-Releases des abgelaufenen Jahres.

Stephan Kondert – Skxangelite

Der Bassist und Produzent machte in frühen Jahren bereits von sich reden. Mit SK Invitational stellte er sowas wie die österreichischen Roots zusammen. Nach drei Alben und etlichen Live-Shows mit der Bigband geht ihr Leader nun neue Wege. Auf dem Album „Skxangelite“ lässt der in New York lebende Salzburger die Stimmen des bulgarischen Frauenchors The Bulgarian Voices Angelite mit World- und HipHop-Sound verschmelzen. Chormusik trifft auf dreckige, treibende Basslines, die jeden Nackenmuskel eine Kater umhängen. 

Wandl – Womb

Der Produzent und Sänger war im abgelaufenen Jahr vielleicht nicht derjenige, der mit den meisten Releases aufwarten konnte. Dafür machte jeder seiner Auftritte einen Unterschied. Wenigen Produzenten gelingt es, einen Signature-Sound zu entwerfen. Wandl hat ihn. Deep und soulig schweben seine Produktionen – und Lyrics – durch Raum und Zeit. Mit „Womb“ schuf er eines der spannendsten Werke des abgelaufenen Jahres.

Newcomer des Jahres

  • Mr. Robbery

Aze

Ende 2019 erstmals mit Tracks in Erscheinung getreten, veröffentlichten Aze erst kürzlich die Debüt-EP „Dead Heat“. Das Duo verbindet Texte voller Leidenschaft und Sentimentalität auf soulig-jazzigen Beats. Durch ihre Tracks ziehen sich atmosphärische Gitarrenklänge, Jazzakkorde und dahingehauchte Harmonien, die super abgestimmt sind. Während Ezgi für die Texte sorgt, ist Beyza für Musik und Produktion zuständig. Angenehm unaufdringlich manifestieren die beiden einen eigenständigen Sound und offenbaren damit jede Menge Potenzial für die Zukunft.

Mr. Robbery

Bereits seit 2012 ist Mr. Robbery als Rapper aktiv. Dennoch geht er als Newcomer durch, zumal er bis dato vor allem Bühnen bespielt hat, aber eben erst 2020 sein erstes Studioalbum „Herz auf der Zunge“ veröffentlicht hat. Für den Innsbrucker ist der Name hier Programm – ehrliches Storytelling trifft auf Oldschool-angehauchte Beats. Mit versierten Lines, lyrischer Raffinesse und dem Herz auf der Zunge beweist sich Mr. Robbery als spannender Newcomer.

Savi Kaboo

Mit einer beachtlichen Summe an Releases erhaschte die in Wien ansässige Savi Kaboo die öffentliche Aufmerksamkeit im vergangenen Jahr. Die Musikerin mit US-amerikanisch-ägyptischen Wurzeln vereint in ihren Songs Gesang und Rap auf Englisch, gibt sich darauf gerne emotional und gefülsbetont. „Savi describes herself as a new-age hippie, an ardent vegetarian, keen on promoting the power of love and the joy of glitter through her work and inspire freedom of expression while being one’s authentic self, always“, steht es in einem Portät. Zu Beginn auf Beats anderer Produzenten zu hören, hat Savi Kaboo kürzlich damit begonnen, ihre Lieder selbst zu produzieren – wie etwa auf dem Track „Singing with no Seatbelt on“. Mit ihrem authentischen Sound und laufendem Output hat es Savi Kaboo in die Engere Auswahl der Kategorie geschafft.

See Also

Verifiziert

Geprägt von ihrem markanten Lo-Fi-Sound veröffentlichte Verifiziert im vergangenen Jahr nicht nur einige Singles, sondern auch ihre Debüt-EP „Sonntag 17:00“. Damit konnte sich die Wienerin bereits Länder- und Genregrenzen hinweg einen Namen machen. Der reduzierte Sound ihrer Tracks chauffierte sie dabei zu einer der spannendsten Newcomerinnen des vergangenen Jahres.

Wukong

Vor knapp einem Jahr erstmals solo in Erscheinung getreten, hinterließ Wukong von der Crew Urban Cult bereits mit einigen Singles sowie der im Dezember 2020 erschienenen „Sleeping Dogz“-EP Duftmarken. Der Linzer verbindet Straßen-Underdogmentalität und Message. Er rappt mal über Oberflächlichkeiten, mal über Rassismuserfahrungen und baut dabei gerne Asia- und Basketball-Vergleiche ein. Rap-Tracks der härteren Gangart – auch wenn es ebenso gefühlsbetontere Tracks wie „Downtown“ gibt –, die durchaus gut gestaltet sind und Wukong zu einem heißen Kandidaten in dieser Kategorie machen.

Rapalbum des Jahres

  • Diskoromantik

Def Ill – Lobotomie

Trotz der enormen Aktivität des Linzers ist „Lobotomie“ erst sein drittes vollwertiges Soloalbum. Es tritt in die Fußstapfen der 2012 erschienenen LP “Reefa Mawdness“. Konzipiert als Endlosloop mit umgedrehtem Intro und Outro, ziehen sich die Psyche, Dsytopien und Experimente am Menschen als Überthemen durch die 20 Tracks. Mit Gesellschaftskritik, menschlichen Abgründen und Def-Ill-Flows bespickt ist „Lobotomie“ weit entfernt von Easy-Listening-Kost – aber das war ja auch noch nie der Anspruch von Def Ill. Er liefert dafür sein bisher ausgereiftestes Werk.

Diskoromantik – Besoffene Lover

Die Liebe – eine der meistbegehrten und doch kompliziertesten Facetten des Lebens. Ohne geht nicht, aber mit ist irgendwie auch nicht so einfach. Als die Heiße-Luft-Member HipHop Joshy, Jonas Herz-Kawall und Melonoid die ersten Singles in ihrer neuen Konstellation veröffentlichten, waren die Reaktionen zunächst verhalten. „Schlafzimmerblick“ funktionierte in Präcoronazeiten live gut, aber ein ganzes Album im von 80er-Trash-Ästhetik durchzogenen broken-hearted-Stil? Die Antwort lautet: Ja! „Besoffene Lover“ ist wohl eines der traurigsten, melancholischsten, aber auch mutigsten Konzeptalben, das das Auf und Ab romantischer Beziehungen mit brachialer Ehrlichkeit und charmanter Selbstironie beschreibt.

Kinetical & P.tah – Lift

Dass Kinetical & P.tah ein bestens eingespieltes Duo sind, unterstreicht das zweite gemeinsames Album „Lift“. Zwei der technisch versiertesten Rapper Österreichs, die sich gewohnt hungrig präsentieren und diesmal den Deutsch-Englisch-Crash und ihre Flow-Wechsel auf die Spitze treiben. Neben den vielen Representern kommen im Vergleich zum Vorgänger „Ghost“ ein bisschen mehr ruhigere, nachdenklichere Tracks zur Geltung. Soundtechnisch spielen die beiden dank der hochwertigen Bass-/Grime-/Trap-Beats sowie Tüfteleien von Mirac ohnehin ganz vorne mit.

Kreiml & Samurai – Auf olle 4re

Wer das bisherige Schaffen von Kreiml & Samurai kennt, konnte schon bei der Ankündigung von „Auf olle 4re“ erahnen, in welche Richtung das Album geht. Inhaltlich liefert das Wiener Rap-Duo über weite Strecken das altbewährte, reidige Schweinehund-Programm. Ein funktionierendes Rezept, das durchaus authentisch und mit Schmäh vorgetragen ist. Diesmal zudem besonders schön vertont, zumal die Beats von Brenk Sinatra die beiden nach drei recht ähnlich klingenden Alben in neue Sound-Sphären hieven. Erschienen im Februar, zählte „Auf olle 4re“ zu den frühen musikalischen Highlights des Jahres 2020.

Mavi Phoenix – Boys Toys

Seit Jahren wird Mavi Phoenix attestiert, das nächste große österreichische Aushängeschild zu werden, mehrere Amadeus-Nominierungen und internationale Bekanntheit sind der Beweis. Bisher standen aber „nur“ mehrere EPs und Singles zu Buche. 2020 war es so weit und der Zeitpunkt für „Boys Toys“ hätte nicht passender sein können. Das Album ist „mehr als nur der erste richtige Longplayer, es ist das Resultat einer Reise, das Ankommen und ein Statement“, wie wir in unserem Review festgehalten haben. Ein Debütalbum, das die Facetten seines Coming-Outs als Transmann thematisiert, die Selbstzweifel und den Umstand, gleichzeitig unter Druck gesetzt zu sein, gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. „Boys Toys“ bricht mit diesen Erwartungen und ist damit unbestritten eines der wichtigsten Alben dieses Jahres.

Instrumentalrelease des Jahres

Dorian Concept – The Jitters

Restlverwertung auf hohem Level – der Wiener Produzent, Komponist und Keyboard-Virtuose sammelte für „The Jitters“ alternative Studio-Takes, Live-Versionen mit adaptierten Arrangements und Lost-Tracks aus den Aufnahmen zu „The Nature of Imitation“. Einem Album, das 2018 über das renommierte US-Label Brainfeeder erschienen ist. Auch der Ableger kann mit viel Improvisation, sehr funkigen und tanzbaren Instrumental-Tracks punkten. 

Flip – Experiences

2020 veröffentlichte Flip sein überfälliges erstes Instrumentalalbum. Entsprechend viel Zeit und Perfektionismus steckte der Linzer hinein. Aufbau, Drums, Sequencing und Mixing der Tracks sind erwartungsgemäß on point. „Experiences“ ist quasi eine Beatbiografie, die Früh-90er-Boombap, die spätere Beatära rund um Madlib und J Dilla und weitere Einflüsse kombiniert – viel Vintage-Flavour, aber kein reines Retro-Projekt.

Marco Kleebauer – Music To Shower To

Pandemiegerecht sind die Instrumentals von „Music To Shower To“ aufs nebenbei Hören in den eigenen vier Wänden abgestimmt – egal ob in der Dusche, im Homeoffice oder auf der Couch. Marco Kleebauer, der sonst mit der Produktion diverser österreichischer Pop-Alben beschäftigt sowie Teil der Crew Sharktank ist, liefert auf seinem Soloalbum zunächst sehr eingängige Instrumentals mit Ambient-Charakter, bevor es mit zunehmend ruhiger und abstrakter zugeht. Spannend und entspannend zugleich.

Saiko – Six Million Dollar

Seit rund 20 Jahren ein Fixpunkt in der österreichischen HipHop-Produzentenlandschaft, fokussiert sich Saiko erst seit Kurzem auf Instrumental-Releases. Auf sein 2019 erschienenes Solodebüt „Saik Rider“ folgte vergangenes Jahr das Album „Six Million Dollar“. Der Wiener vereint darauf bouncige Beats, die schön ausarrangiert sind und dabei eindeutig seine Handschrift tragen.

Torky Tork & Fid Mella – Doposole

Wenn Torky Tork aus Deutschland und der Südtiroler Wahlwiener Fid Mella gemeinsame Sache machen, wird es trippig. Die beiden versorgen regelmäßig Underground-Rapper mit extravaganten Instrumentals und bündeln auf „Doposole“ erstmals auf Albumlänge die Kräfte. Sie vereinen darauf kurz(weilig)e Tracks mit smoothem, verspielten Beat-Sound.