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MILE Interview: „Ich nehme dich mit auf eine Reise“

MILE Interview: „Ich nehme dich mit auf eine Reise“

MILE by Daniel Shaked-3267

Als wir den Grazer Rapper Mile in „Rudolphscrime“ treffen, lehnt er entspannt an der Hauswand. Genauso ungezwungen wird der ganze Abend sein. Wir sitzen schließlich gemütlich in einem Gastgarten und Mile ist der Stress der letzten Zeit nicht anzumerken. Er hat seine erste Show als Supportact im Grazer Club Nieselberger bereits lange hinter sich, auch seine zufällige Entdeckung durch DJ Lucia Laggner ist einige Zeit her. Mittlerweile ist der sympathische Rapper bei dem Independent Label Tiefparterre Records gesignt und befindet sich in der Endphase seines ersten Albumreleases. Dieses zieht bereits jetzt die Aufmerksamkeit der HipHop-Szene auf sich. Am 25. Mai erscheint dann schließlich sein Debütalbum „APPLE JUICE & LEMON TREES“, über das wir uns unterhalten haben.

Interview: Nadine Niederhausen
Fotos: Daniel Shaked

The Message: Wie lange hast du für dein Album gebraucht?
MILE: Zirka ein Jahr, aber das war wichtig, weil du dich mit deinen Gedanken beschäftigst. Es ist eine Art Selbsttherapie. Du schreibst dir gewisse Sachen von der Seele. Es ist auch ein meditativer Prozess, sich in die Beats hineinzuversetzen. Du fängst eine bestimmte Emotion auf und das ist, als ob du auf einer Welle wärst und dann reitest du die zu Ende. Am Anfang bricht die Welle etwas ab und du musst dich wieder hinsetzen und die nächste Welle catchen. Und je besser du wirst und je öfter du das machst, irgendwann kannst du die dann bis zum Ende durchreiten. Ich kann jetzt einen Track an einem Tag aufschreiben, wenn’s gut läuft. Das ist alles mit üben und viel Einsatz verbunden.

Auf der Single „Syrup“ rappst du auf einen von Restless Leg Syndrom produzierten Beat. Lief die Zusammenarbeit über Tiefparterre?
Ich saß damals mit meinem Kumpel Dizzy Womack im Studio, hörte das Intro und wusste, ich will dazu was schreiben! Dann hatten RLS die Dabkeh-Premiere in Graz, beim letzten Track bin ich eingestiegen – seitdem besteht der Kontakt.

In dem Track „The 24th Letter“, der von DJ Testa produziert wurde, rappst du „Our motion is Choreography“. Was meinst du damit?
Die Bewegung zweier Körper miteinander. Es geht um den 24. Buchstaben im Alphabet, das X. Du hast diese Frau, die dieses gleiche Verlangen nach dir hat, zwei Prädatoren.

 

Und du rappst immer auf Englisch?
Ja, ich bin in Nigeria geboren, dort ist die Amtssprache Englisch. Das ist die erste Sprache, die ich gelernt habe. Später kam Deutsch dazu.

Du bist im nigerianischen Sapele als Sohn eines Österreichers und einer Nigerianerin geboren worden, danach bist du bei deinen Großeltern in Österreich aufgewachsen, bis deine Eltern nachgekommen sind. Kannst du ein paar Hauptthemen nennen, die dich beschäftigt haben und über die du wegen deiner Vergangenheit rappst?
Nigeria hat mich natürlich sehr beeinflusst. Dieser Unterschied zwischen Arm und Reich, der ist so extrem wie du ihn hier nicht siehst. Dadurch, dass ich eben in einem Arbeiter-Camp für Menschen aus dem westlichen Bereich aufgewachsen bin, war ich auf der wohlhabenden Seite. Aber sobald ich das Camp verlassen habe, habe ich die Realität gesehen. Da siehst du Leute, die so arm sind, dass sie sich keinen Rollstuhl leisten können und sich auf einem Pappkarton durch die Straße schleifen. Das ist schon heavy, wenn du das als Kind siehst. Ich war auch eine Zeit dort in der Schule und das ist ein kompletter Unterschied. Wenn du dort frech bist, dann kommt der Lehrer mit einer Rute und schlägt dir auf die Hand. Das ist dort ganz normal. Das Leben, die Mentalität ist ganz anders. Und ich war anders als die anderen, ich sehe ja nicht aus wie ein Nigerianer. Ich bin um einiges heller, da eckst du schon an, aber als Kind war das noch nicht so schlimm. Du nimmst das noch nicht wahr. Das hat mich so geprägt, dass ich einen besonderen Sinn für Ungleichheiten bekommen habe. Ich finde das äußerst ungerecht, dass es Verteilungsunterschiede zwischen Menschen und Ländern gibt. Das ärgert mich extrem.

MILE by Daniel Shaked-3320Worum geht es auf dem Album?
Es ist total facettenreich. Der erste Track „The Beginning“ ist sehr opulent, da spiele ich schon mit meinen afrikanischen Wurzeln und habe teilweise auch den nigerianischen Dialekt drinnen. Der nächste Track ist sehr sozialkritisch, da geht es zum Beispiel um Terrororganisationen, die Regierung und dass eben Kriege geführt werden. Darum, dass Menschen an die Front gestellt werden und ihnen gesagt wird: „Das ist jetzt dein Feind.“, obwohl sie sich gegenseitig nie etwas getan haben. Ich habe aber nicht nur tiefe Texte, sondern welche wie „M.I.L.E“, da quatsche ich über mich und ziehe Vergleiche zwischen mir und Chuck Norris. Das Album ist stimmungsbasierend, mal bin ich gut drauf, mal bin ich nachdenklich, mal bin ich ernst, mal bin ich verliebt. Ich habe so das ganze Leben aufgearbeitet.

Verbindest du die beiden Seiten in dir, also die nigerianische und die österreichische, mit dem Albumtitel „APPLE JUICE & LEMON TREES“?
Einerseits schon, andererseits gab es, als ich Kind war, in Nigeria keinen Apfelsaft zu kaufen. Wenn die Leute von ihrer Europa-Reise wiedergekommen sind, dann haben sie oft kleine Tetrapacks Apfelsaft mitgebracht. Dieser 6er-Pack war dieses „Wow“-Erlebnis und du denkst, eigentlich solltest du das genießen, aber bei mir war der Saft immer sofort weg. Die Lemon Trees haben mehrere Bedeutungen. Du hast zum einen dieses Süße und zum anderen das Saure, wie das Leben. Mal hast du das Süße, mal verzieht es dir das Gesicht. Diese Kontraste, die auch in mir immer sind, können das Album gut beschreiben. Das sind teilweise auch Identitätsfragen. Wo gehörst du hin, wo bist du anzusiedeln? Ich möchte mit meiner Musik auch die Menschen zum Nachdenken anregen und auf die Verteilungsungleichheit aufmerksam machen, um irgendwann mal was bewegen oder verändern zu können. Aber ich bin auch nicht jeden Tag ernst. Ich freue mich auch, wenn jemand zur Musik abgeht und man einfach lustig sein kann. Diese Mischung meines Charakters spiegelt sich in meinem Album wider.

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MILE by Daniel Shaked-3379Dann heißt es ja ganz treffend auf der Tiefparterre-Homepage: “Mile manages to close the gap between consciousness and roughness breaking with the cliche of the common rapper.”. Was ist ein gewöhnlicher Rapper für dich?
Es gibt keinen gewöhnlichen Rapper. Aber die Öffentlichkeit nimmt Rapper einfach so als diese von der Industrie dargestellten Typen wahr, die nur dafür stehen wie cool und hart sie sind. Dieses Bild mit Frauen und dicken Autos ist nur das, was rübergebracht wird. Aber wenn man sich mal näher mit HipHop beschäftigt, dann weiß man, dass es aus einer ganz anderen Sichtweise entstanden ist. Nämlich dadurch, dass man sich nicht mehr bekämpfen wollte. Man hat angefangen zu tanzen und musste sich nicht mehr gegenseitig in die Fresse hauen oder erschießen. Aus dem Tanzen sind dann Partys entstanden, Leute haben gerappt und sie hatten eine gute Zeit. Das ist der Gedanke, um den es bei Rap und HipHop geht.

Wer hat dich musikalisch in deinem Werdegang beeinflusst? Was war deine musikalische Sozialisierung, auch hinsichtlich Österreich und Nigeria?
Am Anfang war es Michael Jackson, ganz eindeutig. Wir hatten dieses „Bad“-Album in Nigeria und das habe ich den ganzen Tag gehört und gesungen. Das war die erste von mir selbst wahrgenommene Musik. Meine Eltern haben alles mögliche gehört. Bei uns ist Bob Marley genauso gelaufen wie Elvis Presley oder Queen. Das sind ganz unterschiedliche Musikrichtungen und dadurch bin ich nicht so fokussiert. Du weißt, dass du für die Leute kein Klischee erfüllen musst. Du kannst einfach so sein wie du bist und das macht dann deine Musik oder deinen Rap aus. Später sind die Fugees mit dem Album „The Score“ gekommen. Das war das erste HipHop-Album, da bin ich reingekommen. Da hattest du diese drei Charaktere: Lauryn Hill, Wyclef Jean und Pras Michel, mit den unterschiedlichen Rap-Styles. Diese unglaubliche Stimme und der Gesang von Lauryn Hill, der dann so in den harten Rap gekommen ist. Das war der Anfang. Da habe ich es ganz gut erwischt, glaube ich.MILE by Daniel Shaked-3261

Du hast auf deinem Album auch ganz unterschiedlichen Sound. Wie kam es dazu?
Das ist einfach das Gefühl, das ich über dieses Jahr hatte. Du kannst dir das Album vorstellen, als würdest du in eine Achterbahn einsteigen. Du fährst los, entspannst dich, siehst alles ganz langsam und in dem Moment, wo du dich dran gewöhnst, geht es vom Sound steil rauf. Du bekommst dieses Kribbeln im Bauch. Es beruhigt sich wieder und du kannst die Person neben dir wahrnehmen, mit ihr reden. Vielleicht sitzt du einer hübschen Frau gegenüber, mit der du flirtest, in dem Moment geht die Fahrt wieder los. Es wird viel passieren, wenn du dir das Album anhörst, es ist ein Abenteuer, ich nehme dich mit auf eine Reise.

Planst du eine Tour für diese Reise?
Am 16. Mai fand die Releaseshow in Graz statt, am 21. Mai stelle ich das Album bei FM4 Tribe Vibes vor und am 25. Mai wird „APPLE JUICE & LEMON TREES“ offiziell releast. Auf iTunes kann man es jetzt schon vorbestellen.MILE by Daniel Shaked-3411

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