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Beatshizzle (Sommer/21) // Beats & Instrumentals

Beatshizzle (Sommer/21) // Beats & Instrumentals

Die (quasi-)monatliche Reihe Beatshizzle mit den neuen Releases der Beat- und Instrumental-Szene bekommt diesmal eine spezielle Ausgabe: Erstens umfasst sie nach einer kleinen Sommerpause gleich zwei Monate, darüber hinaus feiert die Reihe mit dieser Ausgabe ihr fünfjähriges Jubiläum. Seit Juli 2016 haben wir in wechselnder Besetzung (also zu zweit) in dieser Reihe rund 1.100 Alben gesondert besprochen und vermutlich nochmal doppelt so viele unter „Weitere“ verlinkt. Die oft angepriesene Releaseflut haben wir also einigermaßen im Griff, sie scheint jedoch keineswegs abzureißen.

Wie gewohnt haben wir auch unsere Spotify-Beatplaylist aktualisiert.

Restless Leg Syndrome – Totem

Als wir im Jänner über die „Venom“-EP von Restless Leg Syndrome geschrieben haben, bahnte sich ein regelrechter Releasemarathon an – der nun zu seinem Ende kommt, denn mit den EPs „Falcon“, „Spirit“ und „Fool“ ist das Totem komplett . 20 Tracks, die d.b.h., Testa und Chrisfader abschließend zur Doppel-LP „Totem“ zusammengefügt haben. Fokussierten sich die drei Tiroler Wahlwiener schon 2013 bei der „Dabkeh“-EP auf libanesische Platten, kommen diesmal Samples und Melodien aus diversen Ecken der MENA-Region zur Geltung – verpackt in gewohnt eingängige und clubtauglich-tanzbare Beats, wie sie von Restless Leg Syndrome zu erwarten sind.

Bei den fünf Tracks der abschließenden „Fool“-EP dominieren Einflüsse auf Nordafrika. „With skittering backbeats and funky riffs, the EP is dynamic in its beat switches and laden with North African gems“. Mit Polyrhythmik und Vocal-Samples ausgestattet, hat die Single „Gönndir“ leicht hypnotischen Charakter. Auf dem Folgetrack ist mit Hossam Ramzy ein einflussreicher ägyptischer Musiker zu hören. Der 2019 verstorbene Perkussionist und Komponist war auch bekannt als „Embassador of Rhythm“ – der danach betitelte Track beinhaltet einen Mini-Workshop. Anschließend dringen Klänge eines traditionellen tunesischen Mezwed-Dudelsacks sowie der im arabischen Raum verbreiteten Darbuka-Bechertrommel durch. Damit endet eine wieder mal sehr interessante Soundreise von Restless Leg Syndrome – eignet sich zum Kopfnicken und Reinnerden daheim, aber natürlich primär zum Tanzen im Club.

The Lasso, Jordan Hamilton & The Saxsquatch – Tri Magi

The Lasso zählt – neben alten Bekannten wie L’Orange, Quelle Chris, Apollo Brown und Oddisee – seit einiger Zeit zu den prägendsten Produzenten beim Label Mello Music Group. Der in Detroit lebende Produzent und Multiinstrumentalist steht für verspielte Sounds mit psychedelischem Einschlag, lebt dabei stets seine Kreativität jenseits von eng gefassten Genregrenzen aus. Das fällt schon bei seinen Rap-Produktionen für Alben wie „I Read That I Was Dead“ von Chris Orrick oder „Black Ego“ von Lando Chill auf, zeigt sich aber besonders bei „eigenen“ Projekten wie dem funkigen, mit zahlreichen Instrumental- und Vocal-Features versehenen Produzentenalbum „2121“, das im Februar erschienen ist.

Gewohnt kreativ fällt das jüngste Album „Tri Magi“ aus. The Lasso hat sich dafür mit dem Cellisten/Pianisten Jordan Hamilton und dem Safononisten/Bassisten/Percussionisten The Saxsquatsch zusammengeschlossen. Selbst hat er Synths, Programming und teils den Bass übernommen. „Our goal as an ensemble is to create new fusions and discover unique intersections“, sagte The Lasso kürzlich dazu. Mit viel Improvisationscharakter ausgestattet, bewegen sich die Tracks zwischen Jazz-, Electronic- und HipHop-Klängen, ohne dabei wirklich nach bekanntem Terrain zu klingen. Zu unbekümmert sind die drei Instrumentalisten unterwegs. Gut so – ein sehr schönes Album und vielleicht ja der Start einer längerfristig aktiven Konstellation.

Bluestaeb – Giseke

Der zwischen Berlin und Paris pendelnde Bluestaeb ist seit Jahren eine Konstante in der hiesigen Produzentenszene mit vielen Highlights in seiner Diskografie. Diese sind – wie auch im aktuellen Werk „Giseke“ – selten rein instrumentale Werke, sondern in der Regel gespickt mit abwechslungsreichen Featuregästen oder gleich ganze Kollaboalben wie zuletzt mit Harleighblu oder JuJu Rogers. Nach „Everything is always a Process“ aus 2018 ist der nach seinem Nachnamen benannte Nachfolger „Giseke“ das bisher rundeste Album in vielerlei Hinsicht. Jeder Track steht für sich selbst und jeder der zahlreichen Gäste bringt eine eigene Note ein, wird dabei jedoch immer vom modernen Soundbild Bluestaebs getragen.

Dr. Drumah – Nu​-​Konduktor

In Europa kaum bekannt, aber ein sehr talentierter Künstler ist Dr. Drumah aus Brasilien – das stellt er mit dem Album „Nu-Konduktor“ ein weiteres Mal unter Beweis. Inspiriert von The Heliocentrics, Adrian Younge, dem Instrumentalmaterial der Beastie Boys und Soundtracks von Blaxploitation-Filmen, liefert der Drummer und Produzent ein sehr grooviges Album, das mit viel Instrumentalisierung, jazzig-souliger HipHop-Schlagseite und klarer Handschrift einhergeht. Die Dirigentenhand am Cover kommt nicht von ungefähr: Während sich Dr. Drumah neben Drums und Percussions etwa seiner Heimstudiosammlung mit Rhodes und Clavinet bedient und den Grundstock gestaltet hat, runden einige Beat- und Instrumentalkollegen die Tracks ab. Darunter Szabolcs Bognár aus Budapest, auch bekannt unter dem Namen Àbáse, der auf einer Vielzahl der Tracks vertreten ist. Auch die weiteren Featuregäste gliedern sich schön ein – alles aus einem Guss. Schönes Ding, fein komponiert und quasi dirigiert.

EXPEDITion 100 Vol. 13 & Vol. 14: Omaure & Vulvareen

Die aktuellen Beiträge zur „EXPEDITion“-Reihe kommen von Omaure aus dem Kölner Nyati-Umfeld und Vulvareen, ein eher unbekannter Produzent, der bislang ausschließlich im Vinyl-Digital-Umfeld in Erscheinung trat, zuletzt 2015 mit Release seines ersten Albums im Rahmen der EXPEDITion-Reihe, sowie kurz darauf mit deinem streng limitierten Tape zum Casette Store Day 2016. Viel Zeit also, um neue Beats zu produzieren, die dann auch mehr individuellen Charakter haben als bei anderen, die im Jahrestakt oder noch kürzer releasen (Ausnahmen bestätigen die Regel!).

Evidence – Squirrel Tape Instrumentals, Vol. 2

Als Rapper über die Jahre gereift wie ein guter Wein, treffen die nachdenklichen Texte von Evidence bei Soloalben wie dem heuer erschienenen „Unlearning, Vol. 1“ größtenteils auf die Beats anderer – etwa von seinem „Step Brother“ Alchemist. Da kann es im Bewusstsein schon mal in den Hintergrund rücken, dass Evidence ebenso ein erfahrener Produzent ist, der das Rhymesayers-Camp und weitere befreundete Rapper regelmäßig mit Beats versorgt. Und dann waren ja noch die Beattapes des Kaliforniers. Nach der „Farbenspiel-Reihe“, die 2003 mit „The Yellow Tape“ startete und 2013 mit dem vierten Teil „Green Tape“ abgeschlossen wurde, startete Evidence 2019 die Reihe „Squirrel Tape Instrumentals“. Auch beim zweiten Teil dominieren verworrene Melodien, eine düstere Grundstimmung, knackige Drums und ein gemächliches Tempo von oft rund 80 BPM. Der „Mr. Slow Flow“ bleibt sich auch bei den Beats treu – und das ist gut so. Langweilig wird es bei den 26 kurzen Tracks nie, im Detail steckt schließlich viel Abwechslung.

„Squirrel Tape Instrumentals, Vol. 2“ ist zugleich der Start seines Labels Bigger Picture Recordings, über das auch mehrere Vinyl-Editionen erschienen sind. Das Label soll künftig ausschließlich Produktionen von Evidence beinhalten. Teils Soloprojekte, teils für andere Artists. So ist als nächstes ein Album von Planet Asia angekündigt. Als Rapper möchte Evidence vorerst weiterhin über Rhymesayers veröffentlichen.

L’indécis – Ring The Bell

Seit rund zehn Jahren aktiv, hat sich L’indécis in der Beatszene längst einen Namen gemacht. Dass der Produzent und gelernte Gitarrist aus Frankreich zu den gefragtesten Produzenten im Chillhop-Camp zählt, kommt nicht von ungefähr. Ihm gelingt es wie nur wenigen, den entspannten Easy-Listening-LoFi-Sound mit hochwertigen Arrangements zu kombinieren. Diese sind auch auf seinem jüngsten Projekt, dem Mini-Album „Ring The Bell“, on point. Die zehn gratis via Bandcamp erhältlichen Tracks nahmen ihren Ursprung in einem kleinen kreativen Loch, als L’indécis sich am meisten für Beatvideos motivieren konnte. „Ring The Bell“ ist quasi ein musikalisches Best-of aus dieser Zeit. Obendrein hat der befreundete Produzent Nymano eine Website zum Release erstellt (natürlich inklusive der obligatorischen Glocke), die zur Vinyl-Vorbestellung führt.

Nyctophiliac – Jazz It Up

Mittlerweile quasi ein Stammgast in dieser Rubrik ist Nyctophiliac. Wir haben bereits über die Alben „Dig Deeper“ von 2018 sowie „Everyday Existence“ von 2020 berichtet. Schon damals wusste sich der Produzent aus Skopje smooth zwischen Neckbreakern und entspannten Instrumentals, Boombap, (Dark-)Jazz und TripHop zu bewegen. Die Zutaten bleiben bei „Jazz It Up“ gleich und Nyctophilacs Handschrift dringt auch diesmal durch, wobei er sich noch mehr auf die Basics fokussiert: Jazziger Kopfnick-Sound mit viel 90er-Flavour und schönen Samples. Nicht ganz so düster und kosmisch, aber ebenso fein zum Durchhören. Ein einfaches, aber gut umgesetztes Rezept.

Madara – Snapshots

Madara ist unter diesem Namen wohl den wenigsten bekannt, in Undergroundkreisen ist er jedoch unter dem Namen Hypnotize zu einem kleinen Geheimtipp herangewachsen. Als Teil der Magdeburger Crew Enemies veröffentlichte er die Alben „Skunk auf Eis“, „Ananas Exzess“ und „Sinneserweiternd“, größtenteils auf Beats von anderen. Seit 2019 veröffentlicht er jedoch auch eigene Beats, die zum Teil durch – vermutlich – glückliche Playlistplatzierungen auch Klicks im sechsstelligen Bereich vorweisen können. Mit „Snapshots“ erscheint nun das erste Instrumentalrelease auf Vinyl und gleichzeitig das neueste der Reihe von Beat Jazz International mit ikonischem Cover. Wenn man genau hinhört, hört man auch Hypnotize an manchen Stellen heraus.

Flitz&Suppe & B-Side – Cycles

Der Kölner Flitz&Suppe und B-Side aus Darmstadt sind zurück mit einer zweiten Kollabo-EP. Bereits 2019 veröffentlichten sie die gemeinsame EP „Somewhere: One Day“. Zwei Jahre später wird es Zeit für einen Nachfolger: „Cycles“ ist die logische Weiterentwicklung des entspannten Kopfnick-Sounds der beiden Produzenten. Der komplette Gewinn der auf 200 Stück limitierten Vinyl, auf der auch die Vorgänger-EP zu finden ist, wird ans Projekt www.seebruecke.org gespendet und unterstützt damit deren Arbeit in den Flüchtlingscamps am Mittelmeer.

See Also

Knowsum – Knowsum´s Fantastic Loop Machine

Mit „Knowsum´s Fantastic Loop Machine“ veröffentlichte Knowsum bereits das vierte Album in diesem Jahr. Nachdem er auf „Das Chaos ist in Ordnung“ wieder einmal sein rappendes Alter Ego Nepumuk losgelassen hat, ist das aktuelle Album wieder rein instrumental gehalten und zeichnet ein breites Bild der vielseitigen, teils obskuren Einflüsse des Mainzers. Die 26 eher kurz gehaltenen Beats bedienen sich dabei an Samples aus Jazz und Funk aus den schier unendlichen Weiten seines Archivs.

Litman – labstudies

Die Arbeit von Produzenten wird oft mit der von verrückten Wissenschaftlern verglichen, die den ganzen Tag in ihrem Labor an neuen Sachen forschen. In Anlehnung daran lautet der Titel des neuen Album von Kölner Litman „lab studies“, also das wissenschaftliche Beobachten von Vorgängen, Versuchsaufbauten oder Forschungsobjekten in Laboratorien. Entsprechend beinhaltet das Intro Samples von Wissenschaftlern über ihre Forschungen. In seiner über 20 Jahren andauernden Laufbahn trat Litman sowohl als Produzent als auch als Rapper in Erscheinung – wenngleich ersteres in den vergangenen Jahren überwiegt – und steht dabei für experimentellen, an der Golden Era angelehnten Sound.

D-Styles, Excess, Mike Boo, Pryvet Peepsho – 545 WFH

Für die Aufnahme des ersten gemeinsamen Albums „Khruang Phung!“ vor Pandemiebeginn noch nach Thailand gereist, ist das Motto bei der neuen EP der Supergroup 545 „WFH“, was so viel bedeutet wie „Working From Home“. Quer durch die USA verteilt, haben D-Styles, Excess, Mike Boo und Pryvet Peepsho von daheim aus insgesamt sieben Tracks in den Topf geworfen. Mit Kraftvollem, abwechslungsreichem Turntable-Sound liefern sie ihr gewohntes Programm – diesmal eben ohne Reiseeinflüsse, aber durchaus feiner Sample-Wahl, wie sie vom erfahrenen Quartett zu erwarten ist. Die Scratch-Pattern sind sowieso fein. Das auf 400 Stück limitierte Vinyl war, zumindest auf Bandcamp, nach kurzer Zeit vergriffen.

Wun Two & Boora – Nautiqua

Auf „Nautiqua“ finden zwei Ikonen ihres Genres zueinander. Wun Two aus Deutschland sowie Boora aus Russland vereinen auf 17 Tracks ihre Expertise zu samplebasierten LoFi-Sounds, in diesem Fall mit vielen südamerikansichen Einflüssen.

Inteus – Winds of Paradise

Als Teil der Crew Holy Mob gewöhnlich in Phonk-Sphären aktiv, bricht Inteus auf Soloprojekten vermehrt damit. Auch bei „Winds of Paradise“, wie die Hashtags „Not Phonk“ und „Hyperboombap“ auf Soundcloud andeuten. Der junge New Yorker sorgt erneut für schönen, eingängigen Sound. Besonders am Anfang wiederholen sich melodische Klänge und emotionale Vocal-Samples. Ob Inteus im Vorhinein viele Stoupe-Beats gehört hat, oder ist es eher eine Sample-Koinzidenz? Im Ansatz wecken jedenfalls einige Tracks Erinnerungen an die Jedi Mind Tricks-Hochphase, wenn auch mit weniger definiertem Soundbild. Daneben gibt es einige raue, geradlinige 90-BPM-Bretter und verspieltere Pendants mit elektronischem Charakter. Kein erkennbarer roter Faden, aber ein kurzweiliges Beatrelease, das den Autor dieser Zeilen indirekt darauf gebracht hat, dass Stoupe 2019 unterm Radar das Instrumentalalbum „They“ veröffentlichte. Ups, verpasst.

Dezi-Belle

Wie so oft gibt es von Dezi-Belle mehr als eine Hand voll neuer Releases, auf die man schwer im Einzelnen eingehen kann. Mit dabei viele kürzere EPs, am meisten stechen wohl Teil 3 der Vater&Sohn-Reihe von Oskar Hahn & Frank Schöpke sowie das neue Album von Don Phillipe heraus, aber auch die Releases von loocid, Fed Nance, Miramare & Clément Matrat, lukovič und Dope est Dope sind definitiv hörenswert. Einige davon sind vor allem durch die schönen Artworks und marbled Vinyls ein Hingucker in jeder gut sortierten Sammlung.

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