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Endlich raus aus dem Schatten // Saiko Porträt

Endlich raus aus dem Schatten // Saiko Porträt

Leopoldau, Endstation. Schon aus einiger Distanz ist Saiko zu sehen, der mit verschränkten Armen und Sonnenbrille vor seinem Auto wartet – einem älteren VW Passat, an dem der gelernte Autolackierer mit sichtbar viel Leidenschaft herumgebastelt hat. Aber wir sind aus einem anderen Grund hier, zumal Saikos Passion für Beats mindestens genauso groß ist. Am 11. Dezember erscheint sein Instrumentalalbum „Six Million Dollar“, das zweite nach dem 2019 veröffentlichten „Saik Rider“.

Saiko

Gelernter Egoismus

„Hättet’s gern was? Bier, Radler, Almdudler – Wasser hab ich auch. Oder wollt‘s ein Balisto?“, bewirtet uns Saiko aus seiner Kühlbox, ehe wir zu einer nahegelegen Gstettn fahren. Dort gibt es viel Redebedarf. Denn obwohl der Wiener seit Ende der 1990er-Jahre aktiv ist und zu den bedeutsamsten HipHop-Produzenten Österreichs zählt, stand er bis dato nie wirklich im Rampenlicht. Jahrelang investierte er einen beträchtlichen Teil der freien Zeit nach dem Nine-to-five-Hustle in Produktionen für hiesige Rapper. Darunter in etliche Tracks mit Kamp – inklusive der 1998 erschienenen gemeinsamen Debütsingle „Wo“ –, MadoppelT, Gerard, Vearz, Guilty, Ansa, PerVers oder iLLu$ioN. 2002 gründete er sein Label stiege44, über das einige der genannten Artists ihre Alben releasten. „Da war ich immer sehr kreativ. Ich hab in der Saikogasse auf der Stiege 44 gewohnt, zum Produzieren angefangen und ein Label gegründet“, sagt er schmunzelnd. Abseits dieses Umfelds waren seine Beats etwa schon auf Tracks von Disarstar, Olexesh, Absztrakkt & Cr7z oder Gimma zu hören.

Doch jetzt ist alles eine Spur anders. Seit dem ersten Soloalbum fokussiert sich Saiko auf Instrumentals, um endlich aus dem Schatten der Rapper hervorzutreten. Die Kehrtwende führte ihn kürzlich sogar dazu, beim Studioumbau die Gesangskabine zu zerschneiden. „Es ist natürlich egoistischer, aber ich muss ab sofort bissl mehr auf mich schauen. Ich hab immer die anderen mehr supportet als mich. Jünger werd ich auch nicht mehr und ich kann jetzt das machen, was ich will und wie‘s aus mir rauskommt.“ Die Entscheidung scheint Saiko aus einem Gefühl der Stagnation zu befreien – auch weil die Reichweite österreichischer Rap-Projekte meist überschaubar bleibt und der zeitliche Aufwand auf lange Sicht kaum dafürsteht. „Es sind teilweise echt gute Hawara und ich mag sie sehr, aber es bringt mich in der Musiklandschaft Österreich mit all ihren Hürden und dem nicht vorhandenen Support der Musik aus dem eigenen Land nicht weiter. Da besteht auch kaum Interesse seitens der Medien. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt“, meint Saiko. Wenn die Plattform passt, könne er sich daher auch in Zukunft Rap-Produktionen vorstellen. Aber wohl nicht mehr in der alten Intensität, dafür sind seine Solo-Tracks mittlerweile zu gut im Streaming-Zeitalter angekommen.

Spotify-Formel & Tamburin-Fetisch

Beistand für den Instrumental-Fokus lieferte sein guter Freund und einstiger Protegé Brenk Sinatra – quasi in umgedrehter Rolle. Während Saiko vor vielen Jahren Brenks Talent erkannt hatte und ihn zu den ersten Veröffentlichungen motivierte, versorgte dieser ihn zuletzt mit Ratschlägen. „Denk nicht mehr so im Rap-Schema! Du hast Platz – füll ihn, zeig was du draufhast und hau raus!“, fasst es Saiko zusammen. Doch der Spagat zwischen einer gewissen Komplexität im Sound und Spotify-Playlist-Komptabilität gestaltet sich nicht immer leicht. „Mein Hauptproblem ist, dass ich oft nicht weiß, wann Schluss ist. Ich arrangiere mich zu Tode und spiel hundert Spuren ein, obwohl es nimma notwendig ist und es am Ende wahrscheinlich eh keine Sau raushört“, sagt Saiko.

Er habe noch einen weniger stark ausgeprägten Signature-Sound als Brenk. Das liege auch daran, dass bei ihm immer Nebenprojekte abseits der HipHop-Welt zu Buche standen – sei es im Instrumental-Duo Mosquitofactory, bei einzelnen House-Nummern, dem Soundtrack zum uralten „Tetris“-Abklatsch „Wartris“ oder den mit seinem Vater gestalteten „Klangreise“-Klangschalen-CDs. Wie die mitgebrachte Boombox und das im  „dirty 80er-Style“ gehaltene Graffiti-Albumartwork der deutschen Künstlerin Fury unterstreichen, sieht sich der Produzent in einer gewissen Oldschool-Tradition. Er lege viel Wert auf eine organische Ausgestaltung der Cubase-Produktionen. „Ich hab kein Instrument gelernt, aber alles Mögliche im Studio rumliegen. Ich nehm mir eine Gitarre oder Synth und jamme mir meine Akkorde oder Linien zam“, sagt er. Lieblingsinstrument habe er aber ein anderes. „Ich bin ein richtiger Tamburin-Fetischist, das leg ich gern unter die Snare oder an langweilige Stellen.“

200 Jahre Beats & Sechs Millionen Dollar

Um uns vor Ort ein Bild von der Studiobaustelle zu machen und ins neue Album reinzuhören, geht die Fahrt einige hundert Meter weiter zu einem gemietetem Wohnhaus, in dem Saiko mit seiner Family wohnt – sein Studio ist im Keller. Mittlerweile, zum Erscheinen des Artikels, ist dort alles fertig – der Produzent  gibt an, erstmals in 20 Jahren über ein vernünftiges Studio zu verfügen. Der Umbau hatte in erster Linie akustische Gründe. „Es war mein Riesenmanko, dass ich nicht gscheit hackln konnte. Ich musste auf die Stiegen oder in die Waschküche gehen, damit ich Bassmixing halbwegs hinbekomme.“  

Rund ums Equipment sind diverse Tonträger positioniert – von Klassikern über 1-Euro-Platten bis hin zum eigenen Produktionskatalog. „Ich hab so viele Samples, ich kann wahrscheinlich 200 Jahre lang Beats produzieren“, meint Saiko. Dass er auch gerne Filmmaterial verbrät, verdeutlicht ein Blick auf die Albumtitel. Auf „Saik Rider“ ist in jedem Track ein Element aus der TV-Serie „Knight Rider“ vertreten. Ursprünglich wollte Saiko mit dem Nachfolger „Six Million Dollar“, an dem er rund ein Jahr geschraubt hat, an das Konzept anknüpfen. „Aber ich bin davon abgekommen. Wenn mich wer fragt, was es mit dem Albumtitel auf sich hat – im Titellied kommt die Antwort: Dass ich‘s haben will! Um mich zu klonen, damit ein Teil Musik machen kann und der andere arbeiten geht. Dann könnt ich endlich mal in Ruhe Musik machen“, sagt er.

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Soundtechnisch gibt es einige Unterschiede zu „Saik Rider“, das der Produzent als schwerer, dynamischer und Moll-lastiger bezeichnet. Zudem habe er nun mehr Instrumente eingesetzt. Erneut handle es sich um eine Reise. „Ich will das immer so. Meine Lieblingsalben sind die, bei denen ich mich hinlege und auf einer Reise dabei bin“, meint Saiko. Die einzige Vorgabe an sich selbst: Dass es irgendwie ins HipHop-Beat-Gewand passt. Ein Ausreißer ist mit dem Antirassismuslied „No Colour No Race“ aber vertreten – ein Electro-Beat im 1980er-Style.

Mit „Summer Please“ veröffentlichte Saiko am Freitag den ersten Vorboten zu „Six Million Dollar“. Bis zum Albumrelease am 11. Dezember sind zwei weitere Singles geplant. In näherer Zukunft möchte er sich besonders darauf konzentrieren. Auch weil die heuer erschienenen Singles „Nightwatch“ (mit Brenk Sinatra), „Fire in Your Eyes“ (mit MazeOne) und „Good Times“ mit seine erfolgreichsten Tracks auf Spotify sind und zu einer stark internationalisierten Hörerschaft führten – besonders im europäischen Ausland, Japan, Hongkong und in den USA. Da Saiko aufgrund der Coronakrise seinen regulären Job verloren hat, verbringt er derzeit mehr Zeit im Studio. „Mein Ziel ist, dass ich jeden Tag einen Beat mach – zumindest eine gute Basis. Das schaff ich! Ich muss jetzt außeknallen was geht, da ich grad so motiviert bin wie nie und endlich vernünftig arbeiten kann “, sagt er. Ob die „Six Million Dollar“ für Saiko bald greifbar sind? Vermutlich nicht, aber Streaming-Zahlen in ähnlichen Sphären könnte er sich demnächst nähern.

„Six Millon Dollar“ ist ab 11. Dezember über Vinyl Digital erhältlich. Es erscheint digital und in Tape-Form.