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Direkt statt poetisch // Esther Graf Interview

Direkt statt poetisch // Esther Graf Interview

Es sind Texte mit einem Hauch cheesiness wie man sie von Schlagern kennt, vorgetragen mit der Attitude einer Deutschrapperin, die zu viel trinkt und zu viel raucht. Wenn Rap auf Pop trifft, dann ist Esther Graf eine Art translator, die beides gleich feiert und dazu noch die passenden Hooks liefert. Neben Features mit Rappern wie Olexesh und Alligatoah macht sie auch ihr eigenes Ding. Zu Pop und HipHop kommt dann noch ein Schuss Punk. Mit diesem Mix wandert ihre Hörerschaft auf Spotify momentan im sechsstelligen Bereich immer weiter nach oben. Auf ihrer Debüt-EP „Red Flags“ verarbeitet sie die Trennung von ihrem Ex-Freund. Sechs Tracks und darin enthalten die klassischen Phasen Wut, Trauer, Kettenrauchen – und irgendwann auch ein gewisses nach-vorne-Schauen.

Angekommen im Sony-Büro auf der Mariahilfer Straße werde ich schon nach meinem ersten Satz als fellow Kärntnerin entlarvt, wir einigen uns schnell darauf, dass wir immer noch sympathisch klingen (wir san jo nit ausm Mölltal). Abseits davon reden wir über den fehlenden Optimismus nach dem Heartbreak, ihre Beziehung zu HipHop und wie man als Nicht-Skifahrerin in einer Skifahrer-Familie zu Selbstbewusstsein kommt.

Auf deinen ersten Songs „Geldautomat“ und „Wasted“ warst du ja ziemlich lost. Deine Karriere ging in den vergangenen Monaten steil nach oben. Hast du das Gefühl, dass du jetzt weniger lost bist?
Ich muss schon sagen, dass ich mich sicherer fühl. Ich bin in einer Phase, die nicht so ungewiss ist und es ist als Selbstständige und Musikerin überhaupt nicht selbstverständlich, dass man dieses Gefühl wieder empfindet. Ich mag das auch, wenn ich alte Songs anhöre und dadurch realisiere, dass sich etwas verändert hat. Als ich Geldautomat geschrieben habe, ging es mir total anders als jetzt. Jetzt kann ich langsam zum Geldautomaten gehen und sagen, ok da wird schon etwas rauskommen.

Wenn immer etwas los ist, hat man wahrscheinlich auch weniger Zeit, lost zu sein.
Voll, man hat dann phasenweise schon Stress und dann muss man schauen, dass man es schafft, einen Tag in der Woche für sich zu nehmen. Jetzt war halt volles Programm. Aber es ist positiver Stress.

Auf deiner Debüt EP geht es um Liebe und Heartbreak, du verarbeitest das Ende einer Beziehung. Auf „Nie begegnet“ heißt es in der Hook: „Ich wünsch, du wärst mir nie begegnet“. Auf demselben Song rappt Monet192: „Ich weiß, Liebe lernt man nur the hard way“. Was war bei dir persönlich Stärker – die Wut, dass man so viel Zeit verschwendet hat oder der Optimismus, dass man etwas daraus gelernt hat?
Auf jeden Fall das erste. Ich bin noch immer an einem Punkt, wo ich mir schwer tu, das zu akzeptieren, weil einfach so viel scheiße passiert ist. Natürlich habe ich etwas daraus gelernt, aber trotzdem werde ich nie vergessen, durch was für einen Schmerz ich da gegangen bin. Ich weiß, dass ich das nicht nochmal erleben möchte. Ich muss für mich lernen, das als einen Zeitabschnitt zu sehen, den ich akzeptiere und abhake. Aber es ist schwierig, die Zeit in irgendeiner Form wertzuschätzen und schöne Erinnerungen zu behalten – von einem Menschen, der nicht gut ist.

Es ist wahrscheinlich die beste Option, dass man das optimistisch sieht, aber man hat ja nicht viel Wahl.
Ja genau. Ich hab etwas daraus gelernt, ich mach es das nächste Mal nicht mehr so. Aber trotzdem waren es halt eineinhalb Jahre – ich hätte das auch nach einem Monat schon lernen können. Es war eine lange Zeit und ich kann nicht einfach einen eineinhalb-Jahre-Filmriss haben. Da struggle ich immer noch ein bisschen damit, aber ich versuche auf jeden Fall dem Optimismus näher zu kommen.

Immerhin hast du die Phase genutzt und viel Musik gemacht.
Ich habe viel Musik gemacht, genau. Ich habe in der Zeit auch von meinem Team keinen Druck bekommen, aber gewusst: wenn ich jetzt schreibe, werde ich meinen Heilungsprozess beschleunigen. Ich hab das also in erster Linie für mich gemacht und nebenbei ist diese EP entstanden.

Hat dir auch Musik von anderen Leuten geholfen?
Ja, ich bin ja eine kleine Pop-Tussi, ich habe zum Beispiel viel Taylor Swift gehört. Aber auch R’n’B, zum Beispiel die EP „This Summer“ von Alessia Cara. Die hab ich letzten Sommer im Familienurlaub in Porec am Pool vier Tage lang durchgehört. Das war auch bisschen ein Leitfaden für meine EP. Und auch viel Deutschrap, also vor allem die ganzen Girls. Ich liebe zum Beispiel L¥NN und ich bin auch ein kleiner Loredana-Fan. Die haben Songs mit geiler Attitude.

Du hast in einem Interview gesagt, dass du früher viel Avril Lavigne gehört hast. Glaubst du, sind deine Hauptzielgruppe die Leute, die früher Avril Lavigne gehört hätten?
Avril Lavigne ist halt eine Legende, ich würde mich nie mit so einer Größe messen. Menju, der Producer mit dem ich viel arbeite, hat letztens gesagt: „Mir kommt vor, du wirst du eine Zielgruppe einnehmen, für die es noch niemanden gibt in Deutschland – für die frechen Kartoffeln“. Weil es gibt so viel deutschsprachige Musik, die eher poetisch, ruhig und sensibel ist und dann gibt es Deutschrap. Aber es gibt auch viel dazwischen und da sehe ich mich ein bisschen.

Dass irgendwas zu 100% nach Pop klingt oder zu 100% nach Rock, wird ja mittlerweile immer weniger. Wie ist dieser Esther Graf-Cocktail zustande gekommen?
Die Mischung ist hauptsächlich durchs Arbeiten mit unterschiedlichen Leuten entstanden. Ich bin offen für verschiedene Genres, hör selbst viel Unterschiedliches und ich glaube das beeinflusst die Musik immer. Ich mache ja auch sehr viel Songwriting – von Schlager bis HipHop. Jedes Genre hat etwas spannendes und aus jedem pick ich mir etwas. Ich liebe zum Beispiel die Attitude und die Energie vom HipHop, aber ich liebe auch große Popmusik und große Hooks, dann nehm ich mir das von dem Genre.

Du meinst ja, dass du vom Rap mit offenen Armen empfangen wurdest. Woran glaubst du liegt das?
Ich glaube gar nicht, dass das groß an dem Genre liegt, das ich mache. Eher, dass viele die Stimme feiern. Die Sachen mit Olexesh sind so entstanden, dass ich im Studio war und er im Nebenraum war. Er kam rein und war so: „Bhoa, wer bist du? Du hast voll die geile Stimme“. Mittlerweile wissen die Leute, welche Musik ich mache – die mögen meine Hooks und Deutschrap nähert sich ja auch immer mehr der Popmusik. Da komm ich ins Spiel und deshalb durfte ich da immer am Start sein.

Siehst du dich selbst auch im HipHop?
Ich sehe mich selbst gar nicht im HipHop, auch wenn ich da Writing-mäßig am Start bin und meine Features gemacht habe. Ich spiele gerne mit dem Genre, aber ich weiß trotzdem woher und von welcher Kultur ich komme. Ich will es mir halt nicht anmaßen, zu sagen „Ich hab die Street Credibility vom Altersberg“. Woher soll ich die denn haben? Das Interesse fürs Genre ist natürlich da und ich glaube, je vielfältiger und unterschiedlicher die Musiklandschaft ist, desto besser. Es gibt so viele unterschiedliche Charaktere da draußen und ich habe gemerkt, wie viel es mir hilft, wenn ich Musikerinnen finde und höre, mit denen ich mich identifizieren kann.

„Wenn man sich die Geschichte von HipHop anschaut, muss man trotzdem wissen, mit welchem Genre man da spielt.“

Findest du, du bräuchtest Street Credibility, um HipHop zu machen? Die HipHop-Elemente in deinen Songs waren ja eigentlich von Anfang an da.
Ich feier HipHop sehr, aber man muss wissen, wo die Grenze ist – wer bin ich als Musikerin und was höre ich als Esther privat? Ich hör persönlich viel HipHop und manchmal würde ich gern noch mehr HipHop reinhauen als ich sollte. Aber ich finde es gibt nichts schlimmeres als unauthentische Musik und was HipHop betrifft bringe ich die Geschichte nicht mit, auch wenn ich es musikalisch feier. Wenn man sich die Geschichte von HipHop anschaut, muss man trotzdem immer wissen, mit welchem Genre man da spielt. Das ist mir wichtig.

Was hörst du dann selbst gerne?
Ganz bunt durchgemischt. Ich bin ein großer Fan von Anderson .Paak. Ich komm aber auch aus der Generation Ufo361, Bausa, RIN. Jetzt gibt es voll viele neue Sachen wie Symba oder 01099, die ich auch sehr feier. Ich war aber auch immer ein riesen Kanye-Fan und auch von Chance the Rapper, weil ich den Gospel-Aspekt voll mag und ich ein gläubiger Mensch bin. Aber es gibt so vieles – Stormzy habe ich auch gerade wieder voll für mich entdeckt.

Was dich auch mit Rap verbindet, ist dein Selbstbewusstsein. Man merkt es dir in deinen Songs an, aber auch an deiner Art, wenn man dich in Interviews reden hört. War dieses Selbstbewusstsein immer schon da?
Ich habe drei Schwestern und wir haben uns nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Ich bin aber erst später so selbstbewusst geworden. Bevor ich in die Oberstufe gekommen bin, war ich das nicht, weil ich nicht gut in der Schule war. In der Oberstufe hieß es dann: „Ja die Esther, die kann so gut singen“. Dadurch hatte ich eine Eigenschaft, die mit mir verbunden wird, die etwas Positives ist. Das hat mir bisschen den Weg geebnet und mir ein Selbstbewusstsein gegeben, das von Äußerlichkeiten losgelöst war.

Deine Familie war also auch immer supportive und es gab keine Konkurrenzkämpfe zwischen euch vier Geschwistern?
Dadurch, dass wir alle vier etwas komplett anderes gemacht haben, hat es das nie gegeben. Und meine Familie hat uns immer extrem unterstützt. Die haben uns von Anfang an richtig gefeiert. Meine Mama kommt aus einer richtigen Sportler-Familie, die ist immer schon von meinem Opa gepusht worden – der wollte hören, dass jemand mit einem Sieg nach Hause kommt. Das hat meine Familie auch, aber im Positiven. Wir pushen uns gegenseitig.

Kommst du aus einer Skifahrer-Familie?
Ja, meine Mutter war Skifahrerin. Sie war im Kader und voll am Start. Basketball hat sie auch gespielt. Meine Mama hat sich glaub ich auch lange gewünscht, dass ich im Sport am Start bin. Ich war auch im Skitraining, aber für das was ich trainiert habe, war ich grottenschlecht.

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Gut, dass du deine eigene Sparte gefunden hast.
Ja, das klingt so platt, aber es ist so wichtig, dass man eine Leidenschaft für sich findet. Weil ich will jetzt nicht zu tief in die Gesellschaftskritik eintauchen, aber im Schulsystem wirst du darauf getrimmt, alles halbwegs gut zu können. Ich war dann so froh, als ich mit Ach und Krach meine Matura geschafft habe, dass ich mich endlich darauf konzentrieren konnte, meine Stärken zu stärken. In der Schule ist man darauf fokussiert, seine Schwächen zu stärken. Dann bist du halt überall so semi-gut.

„Ich drücke Sachen gerne direkt aus und denke nicht auf poetisch um 17 Ecken.“

Neben der selbstbewussten Attitude und der Coolness, haben deine Texte auch immer einen Hauch cheesiness – ist das der Einfluss der Schlager, die du in Kärnten um die Ohren geschlagen bekommen hast?
Nein, haha. Ich glaube das kommt aus der englischen Popmusik. Im Englischen ist es halt geil – du hast nicht die Gefahr, schlageresk zu sein, weil es das Genre einfach nicht gibt. Aber ich liebe es, kitschig zu sein und ich bin ein Mensch, der gerne Sachen direkt ausdrückt und nicht auf poetisch um 17 Ecken denkt. Ich drücke etwas genau so aus, wie ich es denke oder sagen würde.

Auf Deutsch klingt halt alles viel schneller cheesy als auf Englisch.
Voll, aber ich weiß gar nicht wie das für Muttersprachler:innen ist – ob die anders ticken oder sowas anders empfinden.

Du wohnst derzeit in Berlin. Hast du jedesmal einen kleinen Kulturschock, wenn du von Berlin nach Kärnten kommst und umgekehrt?
Ich muss sagen, ich fahr regelmäßig nach Hause. Ich versuch gar nicht, darüber nachzudenken was das für ein Aufwand ist, mit dem Zug von Berlin nach Kärnten zu fahren, weil ich da 10 Stunden brauche. Jeder hat halt ein anderes Verhältnis zu seiner Familie, aber ich kann so dankbar sein, dass ich so eine tolle Familie hab, deswegen bin ich da auch dahinter.

Wie reagieren die dann, wenn du „Ey, Digga“ sagst?
Meine Mama versucht das immer zu lernen, das ist dann so todescringe. Mein Papa ist da noch schlimmer. Aber ich finde es cool, dass sie bereit sind, dazuzulernen. Ich hab ihnen mal einen richtigen Crash-Kurs über die Musikindustrie gegeben. Was ist ein Label, was bedeutet es, wenn man Playlisten bekommt, die sind wirklich richtig am Start.

Auf „Wasted“ heißt es ja: „Ich bleib wo ich bin, denn hier sind die Gedanken leiser“. Würdest du die Zeile nach wie vor so schreiben?
Das ist phasenweise – es ist nicht immer so, dass ich Bock auf Kärnten habe. Als ich das geschrieben habe, war ich im Zwiespalt mit Werten, die ich von zuhause mitbekommen habe und den Gedanken und Meinungen der Leute, die ich in der Großstadt getroffen habe. Da kommt man bisschen in eine Identitätskrise. Man will sich auch nicht immer damit auseinandersetzen, wer man selbst ist. Damit hab ich mir am Anfang als Musikerin sehr schwer getan, dass man immer wissen muss, wer man ist und wofür man steht. Das sind Gedanken, die immer da sind und die man nicht abstellen kann.

Passt die weiterentwickelte Esther noch nach Kärnten, mit den Werten, die man von der Großstadt mitbekommt? Ich persönlich kann in Wien zum Beispiel offen über Feminismus, über Queerness, etc. reden und wenn ich heim nach Kärnten komme, muss ich mir überlegen, mit wem ich mich auf welche Diskussion einlasse.
Fühl ich zu 100 Prozent. Ich hatte Phasen, in denen ich fast schon eine aggressive Haltung meiner Heimat gegenüber hatte. Jetzt hat es sich wieder verändert. Ich versuche der ganzen Sache mit mehr Verständnis entgegenzukommen und zu verstehen, woher deren Perspektiven kommen. Ich hab für mich gemerkt, wenn ich mit mehr Ruhe rangehe, entstehen viel spannendere Gespräche. Ich fands zum Beispiel voll schön mit meinen Eltern – da hat sich politisch extrem viel verändert, weil ich voll viel für Aufklärung gesorgt habe. Letztens saßen wir im Auto und es kam eine Werbung über ein Festival, wo aufgezählt wurde, wer spielt. Mein Papa war so: „Warum spielt da keine Frau?“. Es ist auch spannend, sich auszutauschen und andere Sichtweisen zu sehen. In Berlin spricht man halt in einen Raum wo alle nicken.

Du hast in dieser EP einen Breakup verarbeitet – ich kann mir vorstellen, dass du schon langsam genug von diesem Thema hast. Was kommt nach dem Heartbreak? Hast du schon Inspirationen für neue Sachen?
Die EP ist ja schon länger fertig. Ich hab das alles für mich verarbeitet, ich glaube ich hab das Heartbreak-Thema auch fertig ausgeschrieben und der Typ um den es geht, verdient auch keinen weiteren Song mehr. Jetzt hab ich gemerkt, ich möchte eigentlich noch viel mehr über mich selbst sprechen und wofür ich stehe. Das steht auf dem Plan – Songs, zu schreiben, die noch näher an mir als Person sind.