Now Reading
Machen, bis es klappt // Jokah Phillies Interview

Machen, bis es klappt // Jokah Phillies Interview

Jokah Phillies

„Auch wenn die Message mich nicht postet, sag ich weiter guten Morgen, ich hab 99 problems, sowas macht mir keine Sorgen“, rappte Jokah Phillies Anfang 2021 auf „G.O.A.T.„. Wir haben damals – wieder einmal – nicht über ihn geschrieben, sein Schaffen nur am Rande verfolgt. Ein Jahr später ist das Schnee von gestern, wir haben den Wiener Rapper zum Interview getroffen. Ein passender Zeitpunkt, zumal Jokah gerade sehr aktiv ist, sich von Release zu Release hantelt. Im Dezember veröffentlichte er mit acht Tracks die erste Hälfte seines aktuellen, selbstbetitelten Tapes. Der zweite Teil soll in der letzten Februarwoche folgen.

Über Blockpartys, Connections zum Stonepark-Umfeld und Tracks mit der Crew Black Money startete Jokah Phillies seine Rap-Laufbahn in den späten 00er-Jahren – und war eng mit den Straßen seines Meidlinger Heimatbezirks verbunden, wie er im Interview Revue passieren lässt. Nach diversen Konstellationen und Pausen ist er heute in erster Linie Solokünstler. In seinem Wohnzimmerstudio kann Jokah, der sich vor geraumer Zeit Mixen und Mastern beigebracht hat, zudem andere Künstler beim Sound unterstützen. Zuletzt etwa SzumK bei der EP „Berig di“ und Hinterkopf bei der „Reflexion“-EP.

Rund um die Eichenstraße daheim: Jokah Phillies | Fotos: Philipp Detter

The Message: In deiner Rap-Laufbahn gab es mehrere Brüche, Zerwürfnisse und Pausen. Welche Trennung bereust du rückblickend am meisten?
Jokah Phillies:
Der einzige Musikpartner, bei dem ich es wirklich bereue, ist Razul. Wir haben uns damals auch freundschaftlich getrennt, aber nach einem Jahr gecheckt, dass wir Idioten waren. Dann war alles gegessen. Er ist wegen mir Razul und ich wegen ihm Jokah geworden.

Wie hat er auf dich eingewirkt?
Er hat sich schon immer gut als Rapper nach außen gegeben, wie man sich benimmt. Ich bin sehr aufgedreht. Meine Aktionen sind manchmal nicht so durchdacht, ich mache mehr auf gut Glück. Von ihm habe ich gelernt, vorher über Konsequenzen nachzudenken.

Du warst mit ihm Teil von Black Money. Wie blickst du generell auf diese Zeit zurück?
Es waren Leute, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich habe lange die Schuld bei ihnen gesucht, dass es so geendet ist. Im Endeffekt waren wir für das, was auf einmal auf uns zugekommen ist, zu jung. Plötzlich ist Georg Fechter auf uns zugekommen, der das Masters of Dirt macht. Wir Jungs aus dem 12. Bezirk waren auf einmal bei ATV, haben in einer Villa im 19. und im Praterdome in einem VIP-Raum gefeiert. Er hat unsere Musik gefeiert und gesagt, man kann was draus machen. Anna-Lucia ist dazugekommen und wir haben Gary Lux kennengelernt, den Pianisten von Reinhard Fendrich. Der hat Doppel-Platin. Dann den Produzenten von Christina Stürmer. Er hat gesagt: ‚Ihr seid oag talentiert. Nur kaufe ich euch die Straßenschiene nicht ab. Macht’s eine Art Black Eyed Peas auf Deutsch, das kann ich vermarkten‘. Das haben wir mit Anna-Lucia bisschen probiert. Razul wollte dann ein Soloalbum mit Features von den anderen machen. Wir waren alle dafür, aber alles hat ewig gedauert. Ich habe mir gedacht: ‚Wir haben eine oage Chance, aber ihr lasst euch jetzt ein halbes Jahr Zeit?‘ Der Typ hat gesagt, wir sollen drei Tracks machen und sie schicken, die Qualität ist wuascht: ‚Ich bin Produzent, ich mache die Qualität!‘ Aber es muss ein Hit sein, von dem was hängenbleibt. Ich war zu ungeduldig und habe das Boot verlassen. Mein erster Track danach war „0.2.“ mit einem anderen Typen. Das hat nicht funktioniert, dann war ich komplett weg.

Die Kopf-durch-die-Wand-Mentalität prägt dich bis heute. Was hat dich in deinen Rap-Pausen von diesem „Machen, bis es klappt“-Denken abgehalten?
Ich habe damals eine Freundin gehabt und für mich war Rap nicht mehr in Aussicht. Ich habe selten Texte geschrieben, um Sachen zu verarbeiten. Aber ich habe vier Jahre lang nicht aufgenommen, weil mich Rap und was alle damit gemacht haben nicht interessiert hat. Ich habe es bisschen verfolgt und den Leuten ehrlich gesagt: Geiler Track, das feiern Leute, aber ich finde es scheiße, es ist nichts für mich. Das war lange meine Meinung zu allem, was bisschen Autotune hatte. Ich habe mich dann mit vielen Homies zerstritten, mich von der Freundin getrennt und war ein Jahr lang extrem gefickt. Ich habe jeden Tag Alkohol getrunken, viel in mich reingefressen und zugenommen.

Was hat dich zurückgebracht?
Das war, als ich mit Ael Deen online gezockt habe. Er wollte mir übers Headset Tracks von sich vorspielen. Er hat gesagt: ‚Ich weiß, dass dir sowas nicht so taugt, aber schau ma mal was du sagst.‘ Ich habe es angehört und fand es dope. Es hatte was. Es war Autotune dabei, aber nicht zu viel. Er hat mich in den 19. zum Chillen eingeladen. Dann ist ein Typ von ihnen dazugekommen, der gebeatboxt hat, dann haben sie gefreestylt – mein Blut hat gekocht. Die freestylen rum und ich habe 1.000 Texte im Kopf, die ich über vier Jahre geschrieben habe, die aber keiner gehört hat.

Neben dem Rappen warst du lange in Straßengeschäfte verwickelt. Wann hast du dich davon gelöst?
Es ist ein Teufelskreis. Ich sag mal: Es gibt sehr wenige erfolgreiche Gangsta, in Wien fast keine. Ich kenne sie zumindest nicht. Irgendwann passiert es. Es sind eigene Leute gegen dich. Ich hatte als 19-Jähriger ein Messer am Hals – von Leuten, mit denen ich eine Woche davor Brot geteilt habe. Weil sie mir Gras wegnehmen wollten. Auf was hinauf? Da, nehmt es, aber lasst mir meine Kehle!

Du hast dieses Leben trotzdem erst viel später hinter dir gelassen. Was hat es dazu gebraucht?
Es war damals meine Freundin. Sie hat es nicht von mir verlangt, aber ich wollte es für sie. ich habe mir gedacht: Ich kann nicht heimkommen und irgendwer hat mir die Goschn eingehaut – oder es ist irgendein anderer Scheiß passiert. Ich habe vorher immer geglaubt, das große Geld würde mich glücklich machen. Ich hatte ja auf einmal viel in meiner Hosentasche – als 27-, 28-Jähriger. Aber ich bin ein Mensch, der nicht mit Geld umgehen kann. Ich habe damit um mich geschmissen, war auch lange spielsüchtig. Ich habe erst aufgehört, als das Verbot in Österreich gekommen ist.

In Wettlokalen?
Genau. Die Wetten waren mir immer egal, aber in den Lokalen waren auch immer diese Spielautomaten. Ich habe es mal gezählt: In Meidling gab es zwischen der Philadelphiabrücke und der Niederhofstraße 47 Automaten, wo du dein Geld verspielen konntest. Da hat dich keiner gefragt, wie alt du bist. Mit 16, 17 sind sind wir mit gefälschten Ausweisen reingegangen. Ich habe in meiner Lehre jeden Lohn reingehaut, später anderes Geld. Im Endeffekt hat es eh der Staat gekriegt (lacht).

Glaubst du, dass du ohne der Freundin heute noch drin wärst?
Schwer zu sagen, aber ich glaube nicht. Es lag eher an den Leuten, von denen ich mich damals distanziert habe. Mit ihnen habe ich das hauptsächlich gemacht. Ich habe es noch gemacht, als ich mit ihr zusammen war, aber nicht mehr so exzessiv. Irgendwann hab ich diese Regel gecheckt: Never get high on your own supply. Ich bin Kiffer, mir wird Gras nie Geld bringen. Mich hat das alles aufgefressen.

Wann war dieser Punkt, dass du das bemerkt hast?
Als ich mit ihr zusammen war und mit den Leuten zerstritten habe. Ich habe dann Texte geschrieben, die mit ihnen zu tun haben. Ich habe nie jemanden namentlich erwähnt und will niemanden auf diese Art dissen. Ich habe mir gemerkt, was sie gemacht haben. Aber es hat mich alles nur weitergebracht. Jeder Hate, jeder Neid. Ich bin jetzt Erwachsen und über diese Menschen hinweg, es ist alles sechs, sieben Jahre her. Ich kann viel darüber erzählen. Es gibt sicher viele Jungs wie mich, die gut im Herzen sind, aber verloren sind. Die so leben, aber nicht rauskommen. Als ein Freund von mir 2013 gestorben ist, ist mir das erstmals klar geworden. Wenn wer Straße war, dann er. Er hat kein Handy gehabt, du machst dir wenn du ihn siehst was aus und er ist dort. Er hat alles besorgen können. Er wollte mit mir Musik machen, weil er sich selber, aber vor allem mich von der Straße bringen wollte. Er hat gesagt: ‚Du bist viel zu gutherzig – gutherzige Menschen werden auf den Straßen aufgefressen‘. Früher habe ich sehr schnell vertraut. Heute mache ich das nicht mehr. Das hat die Straße aus mir gemacht.

Zurück zur Musik: Würdest du sagen, dass dieser Lebenswandel auch einen anderen Rapper aus dir gemacht hat?
Schon. Das ganze Verarbeiten von Street-Dingern in Texten. Ich habe gemerkt, wie gut ich die Musik als Ventil nützen kann.

Wann würdest du generell sagen, dass du dich als Rapper gefunden hast?
In den vier Jahren, in denen ich nur geschrieben habe. Die haben mich mehr zum Rapper gemacht, der ich jetzt bin, als alles andere davor. Weil alles davor nur Battle- und Straßenrap war. Ich habe lange gebraucht, mich davon zu lösen. Dazu kommt, dass mich andere, mit denen ich was gemacht habe, immer in irgendeine Schiene lenken wollten. Ich habe irgendwann selber nicht mehr gewusst, was ich machen will. Ich habe erst in den vergangenen zwei Jahren gecheckt, worüber ich rappen will.

Nach deinem jüngsten Bruch mit Vrich City hast du selber zum Mixen und Mastern angefangen. Wie hast du dir das beigebracht?
Ich hatte ein Studio, konnte aufnehmen und habe mich halbwegs mit den Spuren ausgekannt. Tutorials haben mich nicht weitergebracht. Dann habe ich mir Leute ins Studio geholt, die Ahnung haben. Zuerst Chief, mit dem ich den Track „Paper“ gemacht habe, danach Ali S., der ist Cubase-Profi. Dann kamen YouTube-Videos dazu. Ich habe krampfhaft versucht, es zu lernen. Es war eine anstrengende Zeit, weil ich lange eine bittere Pille geschluckt habe. Diese bittere Pille nannte sich Spike (lacht) – aber ich habe sie gebraucht.

Was war so anstrengend?
Ich war von 7 bis 17 Uhr arbeiten, dann bin ich fast jeden Tag noch ins Studio in die Grundsteingasse gefahren und dort bis 3 oder 4 in der Früh gesessen. Ich habe drei Tage an einem Track von Spike gemixt, er hat mir dann gesagt: ‚Bro, das klingt scheiße!‘ SzumK hat konkreter sagen können, was schon passt und woran ich noch arbeiten soll. Ich habe es trainiert. Nach sechs Monaten war ich körperlich am Ende. Aber jetzt kann ich dafür mixen und mastern. Als nächstes will ich das Produzieren lernen. Ich nenne mein aktuelles Tape nur deshalb nicht Album, weil es keine eigenen Beats sind, sondern gekaufte und nachbearbeitete.

Gibt es einen bestimmten Sound, wo du hin willst? Oder Produzentenvorbilder?
Da ich mich nie wirklich in dieser Materie bewegt habe, kann ich keine Vorbilder nennen. Ich will auf jeden Fall mit Samples arbeiten. Funkvater Frank taugt mir extrem. Er macht viele verschiedene Sachen, auch abseits von OG Keemo. Leute wie Alchemist und Kenny Beats sind natürlich ein Wahnsinn. Ich will allgemein mal meinen Sound finden. Ich habe schon bisschen Ahnung, was wo reinpassen könnte und was sich gut anhört. Das habe ich gemerkt, als ich eine Nummer für SzumK mit Hinterkopf mitproduziert habe.

Woran möchtest du musikalisch – abseits vom Produzieren – noch am meisten arbeiten?
Ich würde gern noch bisschen Gesang dazu kriegen. Wie bei „Fragen über Fragen“. Da bin ich mit Jefazo hier gesessen, er hat mich auch beim Schreiben vom Tape unterstützt.

See Also
Foto: Lara Heußner

Vor paar Jahren hast du mit Spike, SzumK und anderen das Projekt Gamechangers angefangen. Der YouTube-Kanal hat einige Tausend Follower, es ist aber seit längerer Zeit nichts mehr passiert. Warum ist das ruhend?
Die Follower sind drauf, weil es früher der Kanal von Spike war. Er hat seinen Kanal dafür umbenannt. Wir haben es eh ernstgenommen. Wir wollten Tracks wie „Besoffene Geschichte“ mit SzumK zur Ibiza-Affäre machen. Weniger klassische Raptracks, mehr über aktuelle Themen. Es war eher eine zeitliche Frage. Die Tracks, die in dieser Zeit entstanden sind, wollen wir aber noch rausbringen, als Lost Tapes.

Du hast eine Affinität zu Entertainment-Formaten. Was löst diese aus?
Schwer zu sagen. Ich bin sehr gerne auf der Bühne.

Könntest du dir vorstellen, mal mit was anderem als Rap aufzutreten?
Ich habe mir mal überlegt, Stand-up-Comedy zu machen. Ich schaue es sehr gerne. Aber es gibt schon verdammt gute Leute in Wien wie Mario Lucic oder Aladdin. Mein Song „3 kleine Tschuschen“ war eigentlich ein Comedy-Song. Ich habe mir gedacht: Das ist so deppat, es könnte funktionieren. Ich habe mal live performt, wo mich kein Mensch gekannt hat. Ich habe fünf Songs gespielt, am Ende haben sie mich nur über diesen Song angesprochen.

Andere Frage: Hast du eigentlich die Staatsbürgerschaft schon? Du hast da mal was erwähnt.
Nein, ich habe noch die Bosnische.

Kürzlich kam die Geschichte um Mensur Suljovic auf. Er ist sogar als Dartprofi, der für Österreich antritt, zwei Mal am Erwerb gescheitert. Hast du es schon mal versucht?
Mein Bruder hat sie vor paar Jahren gekriegt. Meine Eltern haben gesagt: Du weißt nie, wer morgen regiert, Gesetze können sich schnell ändern. Sie haben meinem Bruder und mir gesagt, dass wir das machen sollen.

War es für dich schon mal ein Nachteil, keine zu haben?
Nicht wirklich. Als ich jung war manchmal mit Polizisten. Wenn irgendwo Scheiße passiert ist, habe ich oft erlebt, dass die Polizisten kommen und gleich fragen: ‚Wer Staatsbürger ist, zeigt auf.‘ Die dürfen gehen und die drei, vier, die nicht aufgezeigt haben, bleiben da. Dann habe ich oft diskutiert, obwohl keiner von uns was getan hat. Ganz selten auch im Arbeitsleben. Die Post wollte glaube ich eine Zeit lang nur Leute mit Staatsbürgerschaft.

Wie bekommst du die aktuellen Entwicklungen in Bosnien mit?
Ich checke leider nur wenig gerade. Ich habe musikalisch so viel um die Ohren. Ich bin froh, wenn ich es schaffe, halbwegs mit meinen Sachen nachzukommen.

Auch eine Form der Ablenkung, damit du dich mit diesen Dingen nicht beschäftigst?
Es ist auch so, dass ich nur noch eine Oma habe, die am Leben ist. Die lebt nicht mehr in Bosnien. Alle Leute, die ich gekannt habe, sind von dort weggegangen. Nicht nur im Krieg, auch danach. Es gibt keine Jugend, kein leiwandes Leben. Ein Cousin hat wegen seiner Mutter dort relativ lange durchgebissen. Er ist ausgelernter Automechaniker und kriegt im Monat 240 Euro. Der Tank kostet so viel wie in Wien. Er sagt: ‚Ich gehe arbeiten, damit ich tanken und in die Arbeit fahren kann.‘ Es ist ein Teufelskreis. Bosnien ist leider ein sehr korruptes Land. In den letzten 10, 15 Jahren hat Bosnien viele Finanzspritzen bekommen, um sich wieder was aufzubauen und den Tourismus anzukurbeln. Das Geld ist verschwunden. Die Impfungen, die sie aus Österreich bekommen haben, haben sie weggeschmissen. Ich habe leider nicht mehr so viel Bezug zu Bosnien. Mein Bezug waren die Kids, die ich vorm Krieg im Babyalter gekannt habe. Mit ihnen bin ich nach dem Krieg, als ich im Sommer unten war, viel abgehangen. Bei mir hat das Straßending mit 15, 16 begonnen. Dann bin ich runtergefahren und konnte richtig entspannt sein. Es hat niemanden interessiert, ob du hoat bist. Es waren Dorfkinder. Während ich in Wien Gras verkauft habe, habe ich unten verstecken gespielt.