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Zwischen Klamauk & Message // MCHg von mehrYEAH im Interview

Zwischen Klamauk & Message // MCHg von mehrYEAH im Interview

Im bunten Anzug begrüßt uns MCHg in jenem Wiener Studio, in dem der Rapper mit dem Produzenten Mohnrovia an Tracks feilt. Gemeinsam bilden sie seit gut zwei Jahren das Duo mehrYEAH. Nach einigen mit teils kreativen und selbstironischen Videos ausgestalteten Singles wie „gefährlicheBRANDUNG„, „Süssstoff“ oder „10dagExtra“ erscheint am 19. Mai das Debütalbum – digital sowie als Vinyl auf einem mit Wendepailetten gestalteten Cover. Der steirische Rapper, der seit einigen Jahren mit Frau und Kind auf einem Bergbauernhof lebt und durch Jobs in der Filmbranche viel um die Welt gekommen ist, pendelt für die Musik regelmäßig nach Wien. Etwa auch für die Releaseshow diesen Donnerstag in der Wien Station. Im Interview gibt es auch abseits der aktuellen Tracks einiges an Gesprächsstoff – über seine Anfänge in der Wiener Rap-Crew Wiespaet, geteilte Erfahrungen mit Süchten, Rastlosigkeit und Depressionen, seine Pläne am Bauernhof, was ihn am Politsystem nervt und einiges mehr.    

Fotos: Philipp Detter

The Message: Du warst ab 2002 Teil der Rap-Band Wiespaet. Wie blickst du auf die Anfänge zurück?
MCHg:
Ich bin mit der Idee nach Wien gezogen, Musik zu machen und eine Band zu gründen. Ich habe in Plattengeschäften aufgehängt: ‚Zweiter MC für HipHop-Projekt gesucht!‘ Dann hat sich Mac Flausch gemeldet und es hat sich schnell was mit einem Produzenten ergeben. Da sind zwei nette Nummern entstanden. Wir haben uns gedacht: Es kommt gut an, wir sollten weiter tun. Als der Produzent nicht mehr wollte, sind wir auf die Suche nach Musikern gegangen. Wir haben je einen Gitarristen, Bassisten, Schlagzeuger und den damaligen ITF-Meister Kap’n KuTT als DJ angeschleppt. Wir sind viel zusammengepickt. Daniel, der Schlagzeuger, war genial, was Beats basteln angeht.

Das Album ist 2006 via Highhat Records erschienen. Mac Flausch hat danach ein Album mit DJ King veröffentlicht, du bist von der Bildfläche verschwunden. Was hat zum Ende der Crew geführt?
Es war zu sechst schwierig, Probetermine zu finden. In der Zeit, wo es ernster geworden ist, sind der Bassist und Mac Flausch Väter geworden. Der Schlagzeuger hat das Haupt-Programming und Einspielen übernommen, aber irgendwann gesagt, dass er lieber wieder mehr Rock spielen würde. Es gab Nachbesetzungen, hat aber nicht mehr richtig funktioniert.

War die Fluktuation das Hauptproblem?
Ja, würde ich sagen. Ich habe auch gemerkt, dass ich ein Beißer bin. Wenn ich was will, habe ich halt mal 18-Stunden-Tage. Die anderen waren auf der chilligen Welle. Alles leiwande Menschen, ich will niemandem zu nahe treten. Es ist viel gekifft worden, da nehme ich mich nicht aus. Im Sumpf des Waach seins ist viel untergegangen. Bandmäßig hat es nicht geholfen. Dann kam das Geldthema auf, der DJ hat weniger Zeit gehabt, weil er mehr Visuals machen wollte und irgendwann war die Luft draußen.

Du hast nebenbei als Koch gejobbt, bist später Tontechniker und Kameramann geworden. Wie bist du da reingerutscht?
Ich habe als Küchenchef in einem Nobel-Swingerclub gehackelt – wahrscheinlich war es das Geldwäschelokal einer Disko im 1. Bezirk. Da sind große Summen Bargeld hin und hergetragen worden. Es war spannend, aber Gastro hat mich immer mehr genervt. Ich habe mich mit Jobs über Wasser gehalten, Statistenrollen gespielt und so Kameramenschen kennengelernt. Ich bin in meiner Miniwohnung gesessen und habe nicht gewusst, wie es weitergeht – da kam ein Anruf: ‚Mein Tonmann ist krank. Du bist eh Musiker, kannst du einspringen?‘ Zuerst mit Trash-TV bei diversen ATV-Formaten, dann ernsthafter mit Dokus wie Universum, Terra Mater oder Kreuz und quer.

Dein mehrYEAH-Crewpartner, der Produzent Mohnrovia, ist Tonmeister und Teil der Band 1000flames. Ihr habt euch vor paar Jahren in Tiflis bei einem Dreh kennengelernt. Was habt ihr gedreht?
Er war Aufnahmeleiter. Wir haben mit Hubertus von Hohenlohe die Hubertusjagd gedreht, ein Jetset-Magazin. Das war das Schöne am Beruf. Ich war im ärgsten Slum, mit Millionären auf Jachten, habe im Dschungel mit dem Yanomami-Volk mitgelebt, war in der Arktis, in Grönland, in der Wüste – man kriegt „The Bigger Picture“. Ich bin dankbar für den Beruf, aber habe jetzt Familie. Es war am Schluss zach, so lange am Stück weg zu sein – sechs Wochen, dann bist du kurz daheim und dann wieder paar Wochen weg. Bis zur Pandemie ist es so gelaufen.

mehrYEAH

Du hast dich in einigen mehrYEAH-Tracks über politische Themen geäußert – etwa auf „Gefährliche Brandung“ zum Umgang der Politiker mit der Pandemie oder mit „Rettungsboot“, wo du dich allgemeiner ausgekotzt hast. Wie sehr hilft dir die Musik als Ventil?
Sehr. Ich bin interessiert und sensibel, was Politik betrifft. Ich muss aufpassen, dass nicht alle Texte zu kritisch sind. Gerade in der Pandemiezeit, wo ich gemerkt hab, dass mein Verdienststeckenpferd ins Nirvana driftet und es auf einmal schwer ist, die Familie zu ernähren.

Wie hast du dich über Wasser gehalten?
Zum Glück hat der Staat Förderungen ausgeschüttet. Ich hatte ein paar Studiodrehs, wo es mit Maske und Abstand erlaubt war. Als die Impfung für alle verfügbar war, du keine Ausrede mehr gehabt hast, sie nicht zu haben, waren viele Produktionsfirmen strikt. Diese Phase und Monate ohne Auftrag habe ich übertauchen müssen. Mittlerweile bin ich doppelt genesen und habe wieder arbeiten dürfen. Ich habe bisschen Geld auf der Seite gehabt, mich nur verschätzt, nicht mit der Pandemie gerechnet und die Kohle, die übrig war in die Renovierung des Bauernhofs gesteckt. Die Förderungen haben die Fixkosten abgedeckt. Aber wenn dann was kaputt ist oder das Auto zu reparieren ist, stehst du da.

Du hast dich gegen eine Impfung entschieden – gleichzeitig gegen eine Teilnahme an einschlägigen Demonstrationen. „Gefährliche Brandung“ stammt noch aus der Zeit davor. Wie hast du die Demos und ihre Teilnehmer_innen beäugt?
Es war ein Wahnsinn, was für Menschen aus ihren Löchern gekrochen sind. Mit denen will ich nichts zu tun haben. Genauso wenig geht sich für mich die gepredigte Regierungslinie aus. Corona ist ernst zu nehmen und kann gefährlich ausgehen, darüber brauchen wir nicht reden. Ich bin schon alleine durch meine Reisetätigkeit gegen viele Sachen geimpft und bei Gott kein Impfgegner. Aber man muss aufpassen, es kann schnell kippen – schau was in Shanghai abgeht, wo die „Robot Dogs“ patrouillieren. Die Menschen dort haben nicht mehr die Möglichkeit, demonstrieren zu gehen. Ich mag nicht am Heldenplatz mit lauter Rechten stehen und dem Kickl zuhören. Aber man muss trotzdem was tun. Irgendwann geht es nicht mehr um Rechts oder Links, sondern um Rechte. Wir haben eine halbwegs funktionierende Demokratie, es geht uns eh noch gut mit freier Meinungsäußerung, aber wer weiß wie lange das so bleibt? Von heute auf morgen wird sich das nicht ändern, aber es kann eine schleichende Entwicklung sein. Das muss gesagt werden können, ohne dass man in der Nazi-Schwurbler-Ecke steht. Es tauchen Fragen auf, die man in die Verschwörungsecke rücken kann, aber man muss sie stellen dürfen und es muss okay bleiben, zu hinterfragen und zu recherchieren. Es ist eine spannende Zeit. Umso wichtiger ist es, dazwischen einen Spaß zu haben und komplett sinnbefreit zu sein.

Der Kontrast zwischen ernsten politischen, persönlichen Themen und sehr klamaukigen Sachen zieht sich durch die Tracks.
Ich bin ein Mensch, der gern lacht und sich selbst nicht ernstnimmt. Wir leben in einer Zeit, wo man als Weißer fragen muss, ob man überhaupt rappen darf – kommt die kulturelle Aneignung nicht eigentlich auch da zum Schlagen? Ich bin keine schwarze Unterschicht, die sich nach oben kämpft und ihre Sorgen rausposaunt. Ich bin in Österreich geboren, habe in der Geburtenlotterie gewonnen und am Ende nur Wohlstandsprobleme – auch wenn es mit dem Geld eng werden sollte, gibt es ein soziales Netz. Ich muss mir keine Sorgen machen. Wenn mir was wehtut, kann ich zum Arzt gehen. Aber man muss dranbleiben, wie der Kurt Ostbahn gesagt hat – Entwicklungen früh genug erkennen und dagegen arbeiten, für was Gutes arbeiten. Er wird schmerzlich vermisst werden.

Was stört dich am meisten an unserem Politsystem?
Das Problem ist: Du kommst nur in Führungspositionen, wenn du die Ellbogen ausfährst. Du kannst noch so ein Gutmensch sein, der was zum besseren verändern will. Aber fahr die Ellbogen wieder ein, wenn du mal da bist, wo du was verändern kannst! Das ist schwer. Es gibt viele Einflüsterer, Spin-Doktoren, starke Lobbies im Hintergrund. Es wird Zeit, dass man da was verändert. Ich habe kein Problem damit, dass Dinge dauern und man Prioritäten setzen muss. Aber es ist jahrelang viel Scheiß passiert. Es wird schwierig, den auszubügeln. Mit der ganzen Korruptionspartie. Es ist offensichtlich, aber sie winden sich raus, weil in Key Positions Leute sitzen, die mitspielen. Ich war begeisterter Grünwähler, weil ich gedacht habe, sie gehen in eine Richtung, die Sinn macht – wider meiner Vernunft als Selbstständiger. Ich habe mir gedacht: ‚Es geht nicht um meinen Vorteil, sondern darum, dass sinnvoll mit Ressourcen umgegangen wird‘. Jetzt winken sie Sachen durch, wo mir schlecht wird. Was mich wütend macht, ist die Doppelschneidigkeit, die Scheinmoral, ‚wir tun ja eh‘. Es ist ein alter Hut, Geld regiert die Welt. Und wenn man viel Geld hat, ist man wahrscheinlich nie zufrieden, möchte mehr. Ich weiß nicht wie es mir ginge, würde ich im Lotto gewinnen. Würde es mir den Schalter außehauen und wär ich das gleiche Oaschloch?

Wie bist du in der Zeit, in der du nicht musikalisch aktiv warst, mit diesem Unverständnis oder dieser Wut umgegangen?
Ich habe immer geschrieben, zig Seiten gefüllt, Romane angefangen, mich in die Arbeit daheim gestürzt und renoviert. Ich kann alles machen, es ist mir von meinem Großvater in die Wiege gelegt worden. Fluch und Segen – weil wenn du alles kannst, machst du auch alles (lacht). Ich bin prinzipiell kein wütender Mensch. Ich habe mich auf Social Media ausgekotzt, meine Frau hat sich viel anhören müssen, was oasch ist, Freundschaften und Gespräche helfen viel. Ich habe mich verzettelt und zu viel gekifft. Es war lange eine On-Off-Sache, bis ich gemerkt habe, dass ich mir selbst im Weg stehe. Es geht mir jetzt besser, es geht viel mehr weiter. Manchmal wäre es gemütlich, aber ich schreibe lieber einen Text, konzipiere oder schneide ein Video, gehe spazieren oder hacke einen Baum um. Jetzt ist es leicht, die Wut loszuwerden, ich brauche eh dauernd Holz zum Heizen.

Der Abschlusstrack dreht sich um die Suchtgeschichte – waren andere Substanzen bei dir ein Thema?
Alkohol habe ich angesprochen, aber das ist kein großes Thema. Ich habe schon mal über den Durst getrunken, aber dann auch meistens lange kein Bier sehen können. Ich bin ein Workaholic und habe versucht, mich durchs Kiffen zu regulieren. Aber man lernt sich besser kennen seine Prioritäten anders zu setzen. Ich bin Vater, mein Sohn ist acht. Ich hüte mich mittlerweile davor, was nach Hause zu nehmen. Ich kann nicht damit umgehen – wenn es da ist, ist es weg. Da hat keiner was davon. Gottseidank war ich nie in der Chemie-Schiene unterwegs. Würde ich mal eine Line ziehen, würd es mir wahrscheinlich taugen – und ich mir sehr schwertun, es bleiben zu lassen. Es sind viele autobiografische Ansätze dabei, aber nicht alles, was ich schreibe, ist autobiografisch. 

Wie autobiografisch ist der Track „Süßstoff“, das Depressionsthema?
Was Depressionen angeht, habe ich viel selbst und im Umfeld erlebt. Es ist mir arg gegangen, als das Video zu „Süßstoff“ fertig war. Beim Schneiden hat mich dieses Repetitive getriggert. Es ist nahe an mir und der Wahrheit. Meine Frau spielt sich selbst, sie kennt mich und weiß, durch welchen Scheiß wir gegangen sind. Bei der YouTube-Veröffentlichung hab ich mir gedacht: ‚Fuck, jetzt weiß jeder, wo ich schon war‘. Es war nicht leicht, aber mittlerweile hat es mir viel Kraft gegeben. Auch die Kooperation mit der Go-On Suizidprävention ist daraus entstanden – jetzt sind wir am Konzipieren eines Live-Events, das am 24. September stattfinden wird. Zwischendurch produziere ich Videos, wo wir Betroffene interviewen. Es ist unfassbar berührend, was sie erlebt haben und wie sie wieder rausgekommen sind. Dieses Umkehren ins Kraft spendende ist die Prämisse.

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Foto: Lara Heußner

Wie hast du es selber geschafft?
Mit Zeit, Stille, viel in mich gehen und nachdenken. Ich habe eine Zeit lang Tabletten gefressen, Therapien gemacht und Hilfe geholt, wenn es notwendig war – durch die Familie, Freunde und Mechanismen, die man sich aneignet. Mir hat auch das in der Natur sein sehr geholfen. Es hat einen Grund gegeben, warum ich aus Wien weggezogen bin.

Du bist aus Kapfenberg, warst in Wien und lebst nun auf einem Bergbauernhof. Wie sehr hat dich das Leben dort verändert?
Ich bin ruhiger geworden und weiß das zu schätzen. Ich hab aber auch mehr um die Ohren – der Schnee im Winter, das Gras im Sommer, das Holz zum Heizen selber herrichten.

Was sind deine Pläne am Bauernhof?
In erster Linie dort sein und leben. Ich stehe auf Ziegenkäse, weiß aber nicht, ob ich den mal selber produziere. Ich bräuchte viele Kitze, die müsste man schlachten oder schlachten lassen, das spaltet sich bisschen. 

Wie viel bringt dir der Traktor, den du via FM4 gewonnen hast?
Genau nichts – leider. Er hat 14 PS, ist von 1961 und ein wunderschöner Oldtimer, aber ohne Hydraulik. Ich kann nichts heben und senken, die Geräte wie eine passende Seilwinde kriegt man nicht mehr. Man kann eine Runde fahren, ich nutze ihn für Musikprojekte und werde das mit den vier Jahreszeiten beenden. Sommer und Herbst fehlen noch nach dem Gewinner-Track und „Göb im Schnee“. Es sind eher Soloprojekte, die mit mehrYeah nicht so viel zu tun haben.

Zurück zum Musikalischen: War es schwer, nach der Auszeit reinzukommen?
Gar nicht. Der Drang zu performen ist in der Zeit, wo ich nichts gemacht habe gewachsen und ich wusste immer, dass ich irgendwann wieder Mucke machen will. Mir fehlte nur ein verlässlicher Partner/Produzent, der ähnliche Visionen hat. Der Armin (Mohnrovia, Anm.) ist einer vom legereren Kaliber. Zwischen dem Tiflis-Dreh, wo er gesagt hat, dass er mir Beats schickt und den ersten Beats, die ich von ihm bekommen habe, sind eineinhalb Jahre vergangen. Drei Tage später hab ich ihm Texte und Layouts geschickt, dann ist es schnell gegangen. Es war bald das Album Thema. Ich habe gedacht: ‚Debütalbum geht nur einmal, wenn, dann gescheit‘. Ich wollte was Spezielles am Cover, das noch niemand gemacht hat. Ich hatte zufällig den Einfall mit den Wendepailletten, weil mein Sohn so ein T-Shirt hat. Ich habe mich reingekniet, es war ein Jahr Entwicklungsarbeit. Das macht keine Maschine, ich habe das Bestücken komplett in Handarbeit gemacht.

Bist du mit dem elektronischen Sound-Film gleich klargekommen?
Ja, voll. Jetzt ist eher das Thema, dass er mehr Down-to-earth-HipHop-Beats produzieren möchte. Ich bin für alles offen – melodisch, langsam, schnell, melancholisch, kein Thema. Ich finde, dass wir gut harmonieren.