Now Reading
15 Jahre “I Gib Kan Fick”: Def Ills verschollenes Mixtape

15 Jahre “I Gib Kan Fick”: Def Ills verschollenes Mixtape

Def Ills Mixtape “I Gib Kan Fick” stellt nicht nur in der österreichischen HipHop-Geschichte, sondern auch in der Diskografie des Künstlers selbst eine sehr wunderliche Phase dar. Daher verwundert es nicht, dass das Frühwerk des Linzers digital mehr oder weniger verschollen ist. Das wunderbar rebellische, pointiert klassenkämpferische, mit brutaler, revolutionärer Sprachgewalt gegen sich die Subkultur aneignendes Bürgertum und aufkommende Political Correctness auftretende Mixtape war – abgesehen von meinem alten iPod Classic – nur noch in einer unvollständigen YouTube-Playlist mit wenigen hundert Aufrufen zu finden. Alte Bandcamp Links verweisen auf ein 404, auch die CD-Version wird nur spärlich auf Online-Plattformen gehandelt. Trotzdem, oder gerade deshalb, wollte ich mich angesichts seines fünfzehnjährigen Jubiläums der Aufarbeitung dieses Relikts widmen.

Wunderkind Def Ill steht in „I Gib Kan Fick“ figurativ alleine gegen den Rest der Szene

Ich war nämlich selbst fünfzehn, als ich nach einem Jahr Blumentopf-, Texta– und Kamp-Binge-Hörens auf Def Ill und sein gerade erschienenes Mixtape stieß. Auf diesem vermittelte er musikalisch glaubhaft, wirklich keinen Fick zu geben. Er nahm darin nicht nur die gesamte österreichische Szene auf gelungene Art und Weise aufs Korn, sondern zeigte durch die Neuinterpretation amerikanischer Rap-Klassiker auch eine von Boom Bap und unaufdringlicher Street Cred geprägte Alternative auf. Def Ills rougher Stil zog mich trotz anfänglicher Abstempelung als Slangsta schnell in seinen Bann, und auch der Bildungsauftrag des Mixtapes erfüllte seinen Zweck. Wie Def Ill im ersten Titel des Tapes, “Illmatic Intro”, selbst sagt: “Waunn die Jugend nix mehr kennt gib eana Input”. Bei mir als damaligem Vertreter der Jugend hatte er Erfolg, ich orientierte mich auch dank “I Gib Kan Fick” in den kommenden Jahren endlich Richtung amerikanischer Rap-Legenden wie MF DOOM, Guilty Simpson und Nas.

Die einzelnen Titel variieren in der Definition von “Neuinterpretation”. Da wären einmal Titel wie “King of Rap”, in dem Kool Savas & Plattenpapzts gleichnamiger, wegweisender Deutschrap-Track aus dem Jahr 2000 ganz klassisch gecovert und von Def Ill nur auf die österreichische Rap-Szene umgemünzt wird, oder “Monkey Suite”, das den Madvillain-Hit covert, und in dem der Künstler auch explizit Credits an MF DOOM gibt und den Track als “Monkey Suite Def Ill Remix” bezeichnet. In dieselbe Kategorie fallen auch “Whatever Man”, das zumindest in der Hook eine detailgetreue Übersetzung von Redmans Klassiker aus 1996 ist, und “Clap Ya Hands”, im Original von Guilty Simpson als “Clap Your Hands” mit einem Beat von J Dilla. In letzterem ist eine smarte “Übersetzung” besonders hervorzuheben, aus “I rep the D, so when you speak about me I’m the letter between C and E” wird bei Def nämlich “nenn mi D, i bin im Alphabet manifestiert zwischen C und G”. Auch beim Intro des Albums ist die Inspiration klar erkennbar als “The Genesis” von Nas’ legendärem ersten Album „Illmatic“.

Beim titelgebenden Track des Albums, “I Gib Kan Fick”, handelt es sich, obwohl auch hier die Inspiration klar erkennbar ist, um eine lyrisch eher losere Anlehnung an “Just Don’t Give A Fuck” des jungen Eminem. Allerdings schafft es Def Ill hier besonders gut, den Vibe und die Message des Originals in seiner Version einzufangen. Dies ist insofern wenig überraschend, als dass der Def Ill der späten Naughties sicher eine vergleichbare Energie des Slim Shady der späten Nineties hatte, zumindest im österreichischen Vergleich.

Aber wo die Idee der Lokalisierung des amerikanischen Rap-Stils wohl am erfolgreichsten umgesetzt wurde, ist der Track “Madness”. Das Original kommt hier vom Konzeptalbum Deltron 3030, auf dem der Rapper Del tha Funkee Homosapien im comichaften Sci-Fi-Stil eine dystopische Zukunft im Jahr 3030 schildert. Def Ill münzt das Jahr 3030 dabei der Klarheit wegen auf 2010 um und ergänzt den Text um scharfe klassenkämpferische Elemente. Dabei bekommen sowohl konservative Tanzlehrerinnen als auch sich beim Kiffen überschätzende Nepo-Babies ihr Fett weg. Def Ill schafft es so mit seiner Version von “Madness”, der düsteren Kulisse einer unterdrückerischen Dystopie eine notwendige Portion aktueller Gesellschaftspolitik hinzuzufügen, wodurch der Track dank seines unverwechselbar überheblichen Flows zu einem wahren Meisterwerk mutiert.

Weitere starke Titel des Tapes, die es zu erwähnen gilt, sind “Tribute” angelehnt an De La Souls “Rock Co. Kane Flow”, “No No No”, das sich dem mittlerweile dank TikTok weltberühmten Beat von Capone bedient und „Slow Flow“, ein Cover des Evidence-Tracks „Mr. Slow Flow“ – in Def Ills Version um um ein markantes Zitat von Notorious B.I.G. (“My slow flow’s remarkable”) erweitert. Außerdem gibt es noch drei eher mittelmäßig gelungene Inszenierungen von Freestylebattles, deren Rap Parts zwar nicht ganz überzeugen, die aber alleine aufgrund der Beats – unter anderem von Dr. Dre und Just Blaze – und dem doch humorvollen Szenario einen Griff zum Skip verhindern. Als besonderes Schmankerl zu erwähnen, bleibt noch Ghostwriter Pt. II, das genau wie Def Ills früherer erster Teil perfekt die damalige österreichische Rapszene persifliert. Seine Parodien von Kamp, Laima, Huckey (R.I.P.) und Flip auf dem Track treffen tatsächlich ziemlich ins Schwarze. 

See Also

Lustigerweise ist auch Defs späteres Beef-Opfer, Ansa von den Vamummtn, unter den in „Ghostwriter Pt. II“ Parodierten. Dies verwundert zwar im ersten Moment, wenn man bedenkt, dass er sich neben obig Genannten in vom Künstler wahrscheinlich doch sehr geschätzter Gesellschaft befindet. Aber das Ziel der Ghostwriter-Tracks war wohl weniger eine normative Bewertung, als viel eher eine karikaturistische Reflexion der damaligen Szene, die auf jeden Fall geglückt ist. Immerhin macht Def Ill auch vor seinem Ill Mindz-Kollegen Digga Mindz nicht Halt, auch dieser wird auf „Ghostwriter Pt. II“ treffend parodiert.

Digga ist übrigens auch mehrmals als Rapper auf dem Album vertreten, am eindrucksvollsten in “Survival Test”, das ein gelungenes Cover von Jaylibs gleichnamigem Titel ist. Aber auch “Requiem for Hip Hop” funktioniert sehr gut, der Beat basiert hier auf dem Psychedelic Rock Hit “There’s no blood in bone” von der Poppy Family aus dem Jahr 1969.

Welche Klassiker und Banger Def Ill wohl heutzutage als Covers und Tributes auf einem ähnlichen Album verarbeiten würde? Wir haben den Künstler gefragt, und bis jetzt noch keine Antwort erhalten. Um Anmaßung zu vermeiden, werden wir hier auch keine Ami-Rap Klassiker in den Ring werfen, auch weil Def Ills Auswahl für “I Gib Kan Fick” ja doch auch sehr persönlich war. Im Endeffekt ist es auch diese Subjektivität, die das Album mehr als alles andere ausmacht, die originelle Neuinterpretation von Tracks, die dem Künstler damals etwas bedeutet haben. Aber wir haben eine Playlist mit den Originaltracks des Albums auf Spotify erstellt, und freuen uns über Input, welche Lieder wir dort vergessen haben.