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Rückkehr der Schellenverteiler: Audio88 & Yassin mit „Todesliste“ // Album

Rückkehr der Schellenverteiler: Audio88 & Yassin mit „Todesliste“ // Album

Das Jahr 2020 hat einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen und jede Menge Stoff zum Stirnrunzeln, Kopfschütteln und Nachdenken gegeben. Themen wie soziale Ungerechtigkeit und Rassismus waren natürlich schon vorher da, doch stachen sie im vergangenen Jahr noch einmal deutlich heraus – siehe Pandemie und Trump-Wahnsinn. Egal wo der Blick hingehen mag, Feindseligkeit und Frustration scheinen nie weit entfernt. Doch wie geht man am besten mit diesem Gefühlschaos um? Audio88 & Yassin haben die Antwort darauf. Fünf Jahre haben sie sich Zeit gelassen, um wieder im Duo paar Schellen an die Gesellschaft und die Rapszene zu verteilen. Die beiden Urgesteine des Sarkasmus geben der langen aufgestauten Wut mit dem soeben erschienenen Album „Todesliste“ endlich wieder Luft. Das von ihnen erwartete Programm: Politisch getriebener Sarkasmus, Lines über die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und natürlich jede Menge Humor.

Mit den Teasern „Schlechtes Gewissen“ und „WUP“ geben die beiden einen guten Vorgeschmack auf das, was wohl noch in dem Rest vom Album kommen mag.

Der Nachgeschmack bleibt
Egal, wie oft du ihn runterschluckst
Du weißt, was das heißt
Wir sind zurück in deinem Mund, du Schmutz

„Schlechtes Gewissen“

Jeder kennt wohl dieses eklige Gefühl des schlechten Gewissens, das ziemlich dumpf in der Magengegend herumschwirrt. Die beiden wissen genau, wie sie sich mit ihren Worten in den Köpfen der Menschen einpflanzen, die man nicht so schnell vergisst.

Die geballte Ladung Hass darf natürlich auch nicht fehlen. Mit dem Titel „WUP“ haben sie nach „Schlechtes Gewissen“ gleich eines ihrer Lieblingsthemen aufgegriffen: den armen, weißen Mann. Schon in früheren Alben haben die weißen Männer mit eingeschränktem Sichtfeld ihr Fett abgekriegt. Lines wie „Lächel doch mal, ich  geb‘  dir  auch  einen  aus. Wenn du nicht wegen Männern hier bist, zeig nich so viel nackte Haut!“ waren beim vorigen Album „Halleluja“ vor fünf Jahren hochaktuell und sind es leider auch heute noch immer. Auch auf „WUP“ haben die beiden noch einige Rechnungen mit dem weißen Mann offen:

Früher war nicht alles besser, aber auch nicht schlecht
Denn da gab’s noch für ein lautes Pfeifen auf der Stelle Sex
Jetzt sagt man lieber gar nichts mehr und wenn dann ist es falsch
Denn der Griff an den Hals war doch nicht so gemeint.

See Also
Foto: studio.abk

„WUP“

Eine ungemein bittere aber auch angenehme Ehrlichkeit, wie die beiden die unbequemen Themen der heutigen Zeit so durch die Blume rausballern. Untermalt wird das Ganze wieder von den nicht zu vergessenen Produzenten, wie unter anderem Torky Tork, Farhot, Drunken Masters und Yassin selbst. Jeder Beat ist einzigartig und reißt einen buchstäblich mit. Die von Bendma produzierte und kürzlich erschienene Single „Garten“ mit dem einzigen Featuregast Nura gibt einen Seitenhieb auf unseren Umgang miteinander in einer Leistungsgesellschaft  mit  Zeilen  wie: „Eure   Karrieren   allesamt   auf   Sand   gebaut. Unsre steh’n auf dünnem Eis und wetten, wer sich fester zu stampfen traut.“

Irgendwie tut es wahnsinnig gut, dass die beiden wieder zurück sind. Denn sie geben den Hasstiraden in unseren Köpfen endlich eine Stimme – mit der geballten Ladung schwarzen Humor.