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Beatshizzle (Mai/20) // Beats & Instrumentals

Beatshizzle (Mai/20) // Beats & Instrumentals

In dieser Reihe widmen wir uns monatlich den neuen Releases der Beat- und Instrumental-Szene. Das Meer an großartigen Beats wird von Tag zu Tag größer und nur die wenigsten Produzenten erhalten gerechtfertigte Credits. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Instrumentalreihen – viele der Projekte gehen allerdings in der Flut an Releases einfach unter und werden nicht mit eigenen Artikeln gewürdigt. Dennoch sind sie relevant genug, um ihnen eine Plattform zu bieten.

Vor einigen Wochen haben wir bereits gesondert über das Split-Album „Lost Reflections / Orientation“ von Mr. Käfer sowie Flips Instrumentaldebüt „Experiences“ berichtet.

Dirty Art Club – Gardens

Geht es um entspannte Beats mit psychedelischem Flavour, führt kaum ein Weg am Dirty Art Club vorbei. Das gilt seit Beginn der 10er-Jahre, als das Duo aus North Carolina mit „Heavy Starch“ sein erstes Instrumentalalbum veröffentlichte. Auch wenn das Projekt mit dem 2017 erschienenen Nachfolger „Basement Sceance“ zum Soloprojekt von Matt Cagle mutierte, änderte sich am Grundkonzept bis heute wenig. So bieten die 27 Beats am neuen Album „Gardens“ einen gewohnt verspielten, trippig angehauchten Mix aus LoFi-Loop-Ästhetik und teils in Improvisationsform entstandenem instrumentalen Rundherum. Zu den träumerischen Grooves gesellen sich diesmal vermehrt sommerliche Vibes und einige Samples, die die ländliche Idylle hervorheben – Bezug zur Jahreszeit und Albumtitel: check. Erschienen über Paxico Records, sollen demnächst auch Vinyl- und Tape-Editionen von „Gardens“ erhältlich sein.

7apes X Enaka – GRIPTAPE

Sommerzeit ist tradionell auch Hochphase für Skater, ihrem liebsten Zeitvertreib nachzugehen. Während aufgrund der Coronamaßnahmen die Parks Anfang des Frühlings noch geschlossen waren, herrscht mittlerweile auch in Wien wieder Hochkonjunktur an den beliebten Spots wie dem Karlsplatz, Hütteldorf oder dem „Gürtelplaza“ nahe des Urban-Loritz-Platzes. Auch hier ist die lokale Skaterszene mit der HipHop-Szene wie mit anderen Subkulturen verbandelt, und auch in anderen Städten gibt es immer wieder Schnittpunkte. Die Produzenten 7apes und Enaka haben mit „GRIPTAPE“ ihren eigenen Soundtrack für kommende Skatesessions gebastelt, sichd abei am Soundtrack diverserser Klassiker der Skateboard-Videospielgeschichte orientiert und der langjährigen Tradition und Symbiose von Skatevideos mit HipHop-Soundtrack mit dem Splitvideo zu „Hunk/ Leap of Faith“ ein eigenes Denkmal gesetzt.

Telemachus – Boring & Weird Historical Music

Der Londoner Telemachus, einigen vielleicht unter dem Pseudonym Chemo bekannt, ist eine treibende Kraft des britischen HipHop Szene der 00er Jahre, eine graue Eminenz. The Guardian beschreibt ihn gar als jemanden, „who has helped British music move along more than most people will ever know“. Das traurige Schicksal vieler DJs und Produzenten, die oft eher im Hintergrund agieren. Sein neuestes Werk, das erstmals offiziell über High Focus erscheint, für die er seit Jahren als Sound Engineer und mit verschiedenen UK-Größen arbeitet, heißt „Boring & Weird Historical Music“. Ein Gegensatz zwischen gesundem Selbstbewusstsein und Zweifeln ob der Relevanz des Albums. Dazu lässt sich nur sagen, dass es auf verschiedene Art & Weise aus den anderen Releases heraussticht. Tracks in Überlänge statt auf Spotify zugeschnitten, Hörspielcharakter durch die Geschichte von Onkel Som, vielfältige Einflüsse von afrikanischen Klängen bis Trip-Hop, Gastbeiträge vom Who is Who der britischen Szene. Manchmal weird, aber niemals boring, definitiv historical, ganz große Kunst.

Elijah Nang – Gaijin II: Tale of Rai

Dass Los Angeles ein großer Anziehungspunkt für Produzenten ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. In der östlichen Hemisphäre ist Japan ein ähnlicher Melting Pot für Beatbastler aus diversen Ländern – die sich folglich eher in der Tradition von Nujabes als in jener von J Dilla oder Madlib verorten. Darunter auch der Londoner Elijah Nang, der seit einiger Zeit in Osaka lebt und als „Samurai Beatsmith“ stark auf Anime-Bezüge setzt. Im Mai veröffentlichte er den zweiten Teil der Reihe „Gaijin“, übersetzt „Fremder“. Versetzt in den Protagonisten Rai, der sich in der fernen Welt der Kampfkunst der Samurai annimmt, reflektiert Elijah Nang mit meditativ angehauchten, zugleich sphärisch und catchig ausfallenden „Ambient-Hop“-Beats den eigenen Werdegang. Ganz schön viel Pathos für ein Instrumentalprojekt, aber auch eine gelungene Fortsetzung der Reihe. 

Buckwild – Essential Beats

Nach einigen ruhigeren Jahren zeigt sich Buckwild derzeit in Release-Laune. Ende 2019 brachte der New Yorker Produzenten-Altmeister mit dem Rapper Pounds das Album „Trafficante“ heraus, im Jänner folgte mit „Abandoned Beats Vol. 1“ der Startschuss zu einer Lost-Beats-Serie. Im Mai veröffentlichte Buckwild gleich das nächste Instrumentalprojekt „Essential Beats“. Ganz sicher scheint er sich nicht zu sein, ob er die druckvollen 90-BPM-Beats eher für den Instrumentalgenuss oder zum Berappen produziert hat – sei’s drum, es handelt sich jedenfalls wieder mal um eine sehr annehmliche Sammlung.

Alcynoos & Parental – Shapes

Nachdem das HHV-Sublabel Beat Jazz International seit 2018 zunächst mit deutschsprachigen Künstlern arbeitete, wird es seinem Namen immer mehr gerecht und veröffentlicht nach dem Deutsch-Chilenen Brous One und dem Norweger Ol‘ Burger Beats nun den neusten Teil der ästhetisch abgestimmten Reihe in Form der Kollabo „Shapes“ der Pariser Produzenten Alcynoos & Parental. Bespickt mit einer illustren Featureliste mit unter anderem Parentals Bruder Lex (de Kalhex), Remulak und vielen mehr. Doch auch sonst muss es sich nicht vor der bereits sehr hoch gelegten Messlatte durch die Vorgänger verstecken und ist zumindest persönlich eines der kurzweiligsten und entspanntesten Releases des stetig wachsenden BJI-Katalogs.

Dr. Drumah – The Confinement Vol. 1

Als Schlagzeuger der Gruppe Ifá widmet sich Jorge Dubman vor allem Ifexa-, Funk- und Afrobeatklängen. Der Brasilianer ist aber auch als Beatmaker aktiv – unter dem Namen Dr. Drumah. Für den ersten Teil seiner „The Confinement“-Reihe durchforstete er in der Quarantäne seine Sammlung von Platten mit 1970er-Afro-Grooves und gestaltete auf deren Basis ein Beattape. Ausgestattet mit einigen teils bekannten Samples von Fela Kuti, Tony Allen, Manu Dibango und weiteren afrikanischen Musikgrößen sowie diversen zur Geltung kommenden Schlaginstrumenten, sorgt Dr. Drumah für ein feines Beattape. Er unterstreicht damit, dass sich die häufig mit analogen Keyboards ausgestalteten Rhythmen bestens weiterverarbeiten lassen. Bei Teil zwei der „The Confinement“-Reihe dürften dann Sounds aus einer anderen Weltregion zur Geltung kommen – dann vielleicht ja ohne Rap-Parts der überflüssigen Sorte, wie sie hier vom Australier Mista Monk kommen.

Cumulus Frisbee – Hyperion

Wer ein Beattape zum Nebenbei hören sucht, wird bei Cumulus Frisbee eher nicht fündig. Der US-Produzent steht für hyperaktiven, glitchigen Sound. Ruhige Sequenzen sind bei ihm eine absolute Ausnahme. Dementsprechend lebhaft und verspielt fällt „Hyperion“ aus. Mit dem Album möchte Cumulus Frisbee seine Hörer in eine akustische Parallelwelt führen. „His music takes a little while to become accustomed to for an untrained ear but after a couple tracks you’ll start hearing it in it’s entirety, like un-focusing your eyes for a 90’s 3D image, only for your ears“, steht dazu auf der Seite des Labels Radio Juicy. Ob bei weiteren Hördurchgängen auch wirklich neue Elemente wahrnehmbar sind, testen wir noch aus. Unabhängig davon bietet „Hyperion“ interessanten Sound mit Wiedererkennungswert.

Jabbu – Before The Sun Take Rest

Mit „Before The Sun Take Rest“ veröffentlichte Jabbu kürzlich ein entspannt vibendes Gegenstück zu „Hyperion“ – erschienen über Urban Waves Records, das Schwesterlabel von Radio Juicy. Unter anderem von der TV- und Sci-Fi-Kultur um die Jahrtausendwende beeinflusst, liefert der Produzent aus Phliadelphia gemächlich klingenden HipHop-/Downtempo-Sound. Trotz des Grundcharakters fallen die synth- und basslastigen Tracks mitunter ziemlich bouncig aus. Eine wohlige musikalische Reise in die Galaxie – oder eben in die Untiefen der eigenen Gedankenwelt.

Remulak – Flourish

In den vergangenen Jahren war Remulak schon mehrmals in unserer Beatkolumne vertreten, auch abseits von Featureparts wie auf dem bereits erwähnten Album von Alcynoos & Parental. Dabei haben wir oft von jazzigem Boombap mit nostalgischen Vibes geschrieben – ein Stil, der sein Schaffen seit rund 20 Jahren prägt. Mit „Flourish“ emanzipiert er sich nun etwas davon. Auf den elf Tracks dringen zwar weiterhin Jazz-Einflüsse und knackige Drumloops durch, insgesamt fallen sie mit ihrem sphärischen, melodiösen Sound mehr in den Chillhop-/Downtempo-Bereich hinein. Durchaus angenehm anzuhören, aber halt auch bisschen beliebig.

Sid Similar – Something Similar

In Augsburg schon länger als Schlagzeuger diverser HipHop-, Funk-, Jazz- und Electrokombos wie Friends of Pablo, Toriyo oder Dorothe Mosh unterwegs, nutzte der Produzent Sid Similar die Coronafreizeit dafür, sein erstes Soloprojekt fertigzustellen. „Something Similar“ vereint dabei Lo-Fi-Sound mit elektronsichen Einflüssen und unterstreicht die Vielseitigkeit des Künstlers, sodass über die gesamte Spielzeit keine Langeweile aufkommt. Leider scheint es sich noch nicht allzu sehr herumgesprochen zu haben, dümpeln die Streams der neun Anspielstationen noch im dreistelligen Bereich herum. Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.

Emune – Durt 2

Wie seine Kollegen beim internationalen Kollektiv Purpleposse und dem Label Always Proper fokussiert sich Emune auf smoothe Beats mit starker Memphis-Schlagseite und vielen „Chopped and Screwed“-Vocal-Samples. Auf „Durt 2“ sorgt der Texaner für vertraute Klänge, mit denen er ein weiteres Mal unter Beweis stellt, dass er in seinem Spektrum derzeit zu den talentiertesten Künstlern zählt. Bedeutet: Die neun Tracks hören sich auch ohne einen Becher mit lila Saft in der Hand sehr stimmig an.

Vhoor – Baile & Vibes

Ein kurzer Blick auf Wikipedia veranschaulicht, dass sich der in Rio de Janeiro entstandene – und mittlerweile auch in anderen Regionen äußerst beliebte – Funk Carioca aus Miami Bass und Gangsta-Rap heraus entwickelte. Die Bezeichnung „Baile Funk“ bezieht sich auf Partys und Clubs, bei denen der charakteristische Sound läuft. Warum das von Bedeutung ist? Der Produzent und DJ Vhoor hat 2018 eine Beat-Reihe gestartet, bei der er den tanzbaren Sound mit anderen Stilen kombiniert. Auf „Baile & Beats“ und „Baile & Trill“ folgte kürzlich „Baile & Vibes“. Die bisher smootheste Ausgabe? Jein. Zunächst folgt Chicago auf Atlanta und so dringen oft Footwork-Elemente hervor, mit der Zeit werden die Tracks aber tendenziell sphärischer und gemächlicher, mitunter kommen Vocals zur Geltung.

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