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Mehr als eine Linzer Rap-Crew // BluntKartell Porträt

Mehr als eine Linzer Rap-Crew // BluntKartell Porträt

Bluntkartell

Das Gespräch mit dem BluntKartell wird zum Tagestrip von Wien ins Linzer Coffee Sounds Studio. Zwischen dem Hauptbahnhof und dem nahegelegenen Studio von Julian Erk, einem künstlerischen Wegbegleiter der fünfköpfigen Rap-Crew, läuft mit SaniTäter das erste Mitglied über den Weg. Um es rechtzeitig zu schaffen, hat er kurzerhand seine Baustelle verlassen – zum Missfallen seines Chefs. Außerdem sind Grandmaster Flow, Taiga und Lenny420 vor Ort, Chaoz musste absagen. Seit Anfang 2020 in dieser Besetzung aktiv, ist das BluntKartell mittlerweile ein Fixpunkt in der Linzer HipHop-Szene. Gegründet wurde es ein paar Jahre vorher von Taiga und damaligen Weggefährten. „Es hat sich erst herauskristallisiert, wer es ernst nimmt – ich war im Endeffekt alleine. Dann sind zunächst SaniTäter und Dada dazugekommen, Dada ist aber auch weggebrochen“, blickt Taiga zurück. Nach der holprigen, von Besetzungswechseln geprägten Anfangszeit scheint sich das BluntKartell nun gefestigt zu haben. Regelmäßige Releases und Videosingles untermauern den Hunger der Mitglieder.

Viele Backgrounds, ein gemeinsamer Nenner

Die Ansprüche, stilistisch offen zu bleiben und nicht nur starr ein Subgenre zu verfolgen, gelten bis heute. „Jeder kann sich austoben. Wir haben Boombap, Trap, Newschool, aber auch reggaeeske und poppige Sachen mit viel Gesang“, fasst es Lenny420 zusammen. Die Aussage deckt sich mit der Einschätzung des BluntKartells als zusammengewürfelte Truppe, die einzelnen Mitglieder haben sehr unterschiedliche Backgrounds. Plakativ formuliert reicht die Bandbreite von Uni-Vorlesungen über Hackeln bei der Voest bis hinter schwedische Gardinen. „Ich glaub wir haben insgesamt mehr Häfnjahre als die 187 Straßenbande. Aber ich wasche meine Hände in Unschuld, i bin Studentenrapper“, sagt Grandmaster Flow schmunzelnd und spricht die abgesessenen Justizurlaube von SaniTäter und Chaoz an.

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Auch künstlerisch sind die Vorgeschichten vielfältig. Taiga trat über den Verein PostSkriptum als Poetry Slammer in Erscheinung, wollte sich aber mehr auf die Musik konzentrieren. Aktuell vor allem als Rapper aktiv, hat er auch einen starken Gesangsfokus, den er nicht nur in Hooks, sondern auch schon in Indie- und Reggae-Tracks ausgelebt hat. „Das liegt an den Musikern, die mich geprägt haben. Mein Background ist bosnisch, dort ist Dino Merlin einer der bekanntesten Künstler. Er macht bisschen was wie Xavier Naidoo – ohne Verschwörungstheorien halt.“ Grandmaster Flow war kurze Zeit Teil der Drum’n‘Bass-Rap-Crew KGW3. „Es hat leider nicht auf Dauer gepasst. BenJo wollte Solo-Rapper sein. Aber wir sind nach wie vor gute Freunde und werden weiterhin gemeinsame Tracks machen“, sagt er. Die Brüder Lenny420 und Chaoz waren beim Deutschen Label 2TightRecordz, bevor sie über eine der regelmäßig stattfindenden BluntKartell-Cyphers dazugestoßen sind. Und SaniTäter? Beim augenscheinlichsten „Rap-Charakter“ der Runde ist es eine HipHop-Laufbahn klassischer Prägung: „Ich bin von klein auf ein HipHop-Freak gewesen. Ich habe bei der Silke [Silke Grabinger, Anm.] Breakdancen gelernt – die Beste in Österreich. Dann Graffiti, jetzt Musik.“

Ein gemeinsamer Nenner lässt sich für Grandmaster Flow schnell finden: „Ich glaube es lässt sich verallgemeinern, dass wir alle einen hohen technischen Anspruch an uns selbst haben. Egal ob Reime, Flows oder was auch immer, das muss immer perfekt sein.“

Von der Musikcrew zur Plattform

Dass das BluntKartell mehr als eine Rap-Crew sein möchte, zeigt sich in diversen Nebenaktivitäten. Etwa den Cyphers, die allerdings seit Beginn der Pandemie pausiert sind. Ein zentraler Bestandteil waren Open Mics. „Egal wer du bist, du hast die Chance, live zu präsentieren was du kannst. Das war uns immer wichtig, auch weil wir es selbst schwer gehabt haben, Anschluss zu finden“, sagt Grandmaster Flow. „Vorher hat jeder hat bisschen sein eigenes Süppchen gekocht. Wenn es Open Mics gegeben hat, dann eher für die eigenen Crews und Freunde. Wir wollten damit brechen“, pflichtet ihm Taiga bei. Grundsätzlich sei die Vernetzung innerhalb der Linzer Rapszene gut, allen voran mit dem Umfeld des Labels C.O.C.. Zu Tonträger Records seien die Kontakte eher lose. „Die sind nicht so nahbar, haben ihre Leute und wohl nicht mehr den Anspruch, sich zu multiplizieren. Aber wir haben alle größten Respekt vor ihnen“, meint Grandmaster Flow. Flip hat bereits eine der BluntKartell-Cyphers besucht. Plänen, die Events in die KAPU zu verlegen, kam die Pandemie zuvor. Eine intensivere Vorgeschichte gibt es mit Aggressive Kunst. In der Anfangszeit teilte man sich ein Studio, das BluntKartell war zudem Teil des gleichnamigen Labels. „Es ist viel zerbrochen, wir haben uns businessmäßig getrennt. Bevor wir sagen, wir hören alle auf, machen wir unser Ding und sie ihres. Aber es gibt kein böses Blut“, wählt Taiga diplomatische Worte.

Als Kompensation für die pausierten Cyphers dienen die Blunttalks, ein Videoformat mit ausschweifenden Interviews. Eingeladen werden meist Artists mit Bezug zur Linzer Rapszene. Bei den bisher neun Ausgaben waren etwa Def Ill, Mahagoni, K.S.Kopfsache, Rotten Sensei, Kid Pex, K_Neon oder Fokis zu Gast. Das Format soll demnächst auf professionellere Beine gestellt werden, Mike Kremaier von Radio FRO anstelle von Taiga und Grandmaster Flow moderieren. Zusätzlich sind Bluntwalks angedacht, wo Artists besucht werden sollen – vergleichbar mit der Reihe „Mittendrin“ von WNMR. Generell ist mehr YouTube-Content geplant, wenngleich die Musik die höchste Priorität behalten soll. Die Pläne verdeutlichen die Ambitionen, das BluntKartell zu einer größeren Plattform für Linzer Rap zu entwickeln. Woran am Weg dahin noch am meisten zu arbeiten ist? Da gehen die Meinungen auseinander – mehr Alleinstellungsmerkmale versus mehr Reichweite und Marketing.

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Angesprochen aufs verdächtig wirkende Klick-Like-Verhältnis in einigen YouTube-Videos stellen die Mitglieder klar, dass sie mit gekauften Views nichts am Hut haben. „Es ist kein einziger Fake-Klick dabei. Wir wollen mittels Promotion, für die wir auch zahlen, unsere Reichweite erhöhen. Es gibt auf YouTube-Playlists, ähnlich wie bei Spotify. Aber Werbung und gekaufte Klicks sind zwei verschiedene Sachen“, sagt Grandmaster Flow.

Representer & Deutschrap-Niveau

Weniger kontrovers als der kürzlich erschienene Spot „Linz ist Linz“ vom Tourismusverband Linz, aber ebenfalls breitentauglich erwies sich der 2020 erschienene Track „Mein Linz“ von Taiga und Grandmaster Flow. Eine poppige Stadthymne, die in landespolitischen Kreisen zirkuliert ist, unter anderem am Facebook-Profil des Linzer Bürgermeister Klaus Luger geteilt worden ist. Auch weil der Track mit einer Spendenaktion kombiniert war. So gingen die Track-Einnahmen bis Ende 2020 ans Help-Mobil der Caritas, das Obdachlosen und Menschen in Not eine medizinische Basisversorgung bietet.  

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Mieux

Politisch korrekt fallen die Texte der Crew dennoch selten aus. Neben deepen und persönlichen Tracks wie „Lass los“, „RIP Bobby“ oder „Mitternacht“ kommt auch immer wieder die härtere Schiene zur Geltung. Besonders bei den Videosingles ist die Dichte an streetlastigen Representer-Tracks hoch, auch die Verherrlichung von Weed ist – no na ned – ein wiederkehrendes Element. „Sachen wie ‚Mein Linz‘ geben uns die Möglichkeit, uns sonst bisschen auszutoben. Wenn einer oder zwei von uns ein Lied machen, kann es ganz was anderes sein, aber als Crew trifft man sich meistens da“, meint Taiga. Sinnbildlich etwa die Tracks „Chefs im Game“, „Blunt“, „Gib Gib“ oder auch die jüngste SaniTäter-Single „Groupies“. Das Representen hat bei den BluntKartell-Tracks seit jeher eine große Rolle eingenommen – und soll es auch weiterhin.

Die nächsten Projekte stehen in den Startlöchern. Aktuell arbeitet die Crew an einem Sampler. „Den wollen wir auf Deutschrap-Niveau machen – eine Großproduktion auf Audio- und Videoebene.“, sagt Taiga. „Aufgenommen ist praktisch alles“, meint Lenny420. Aktuell kümmert sich die Crew mit Coffee Sounds und Livecraft Events um die Videos – deren Zeit- und Budgetaufwand gestiegen ist. Bevor der Sampler erscheint, haben Grandmaster Flow & Lenny420 eine gemeinsame EP geplant, die demnächt erscheinen soll. Als erster Vorbote ist im Juli „Letzter Joint“ erschienen.

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