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Sendemast Interview: „Die Welt zu retten überlasse ich der Antilopen Gang“

Sendemast Interview: „Die Welt zu retten überlasse ich der Antilopen Gang“

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Pierre Sonality (li.) und The Finn (re.) bilden mit DJ Ronny Montecarlo Sendemast

Die Sendemast-Clikk ist zurück! Nach Releases in diversen anderen Funkverteidiger-Konstellationen haben sich die MCs The Finn und Pierre Sonality wieder mit DJ Ronny Montecarlo zusammengetan, um den Nachfolger zu „State of Flavour“ zu produzieren. Pünktlich zur Veröffentlichung des Videos „Vaporizer“ (zu finden am Ende des Interviews) gibt es hier das erste und exklusive Interview zum neuen Album „State of Flavour 2“, das Anfang 2016 erscheinen wird. Im Gespräch mit den beiden MCs erfahren wir Details zum neuen Werk, Anekdoten aus Leipzig und die Sendemast-Sicht auf aktuelle Entwicklungen in der Szene.

Interview: Simon Huber
Mitarbeit: Julia Gschmeidler
Fotos: Jim Gramming

The Message: Gut dreieinhalb Jahre nach „State of Flavour“ erscheint am 22. Jänner der Nachfolger „State of Flavour 2“. Erzählt doch mal, was in der Zwischenzeit passiert ist.
The Finn: Viel. Neben dem „Daily Hustle“ haben wir gemeinsam mit den Jungs das Funkverteidiger Crew-Album „FV“ rausgebracht. Pierre (Sonality, Anm.) hat sein Solo-Album „Magdeburg“ veröffentlicht und das Label Muther Manufaktur an den Start gebracht. Nebenbei haben wir ’nen Haufen Sachen für kommende Projekte aufgenommen, haben mit unserem DJ Ronny Montecarlo viel live gespielt und eine gute Zeit gehabt. Eine verdammt gute.
Pierre Sonality: Ich hab wieder angefangen, Graffiti zu malen.

Zum ersten Album habe ich die Aussage „Die Platte ist wie ein Lesezeichen im Leben, wenn man zurückblickt“ aufgeschnappt. Würdet ihr die Aussage rückblickend und in Hinsicht auf euer weiteres Schaffen unterstreichen?
Pierre Sonality: Klar. Zum Ende passiert dieses „Leben“ ja neben dem Mucke-machen-Prozess kontinuierlich weiter.

Wie würdet ihr „State of Flavour 2“ einordnen?
The Finn: Ein Rapalbum!

Das Funkverteidiger-Kollektiv ist mittlerweile nicht mehr ausschließlich auf Leipzig und Magdeburg beschränkt. Wie hat sich die Änderung eurer Wohnsituation auf eure Arbeit ausgewirkt?
Pierre Sonality: Zusammengefasst kann man durchaus sagen, dass wir durch die räumliche Trennung unsere gemeinsame Zeit noch intensiver nutzen und zielgerichteter arbeiten, wenn wir zusammenfinden. Wir reisen umstandsbedingt mehr, sind eigentlich ständig unterwegs. Das Internet ist auch ein Segen in puncto Kommunikation.

Arvid Wünsch, der viele HipHop-Videos produziert hat, meinte in einem Interview, dass sich durch den Wegzug von Morlockk und Pierre Sonality die Möglichkeit einer neuen Ära in Leipzig ergeben hat. Wie seht ihr das?
The Finn: Ich bin ja immer noch tief mit Leipzig verbunden. Da bin ich geboren und aufgewachsen. Leipzig ist und bleibt die Basis. Mase, Maulheld, Katharsis und Odd Job sind auch immer noch in der Stadt und ziehen ihr Ding durch. Von daher … Am Ende ist es wie immer. Leute kommen und gehen, machen dies, das. Da von einer neuen Ära zu sprechen?! Kein Plan.
Pierre Sonality: Vorweg, die Frage scheint mir zu implizieren, dass ich damals in Leipzig irgendwas dargestellt hätte. Dem war nicht so! Ich habe in einem 10 m² Studio gehaust und vom Hartz-IV-Mindestsatz besser schlecht als recht gelebt. In dieser Zeit hatte jeder, der seinen Arsch vor die Tür bekommen hat, die gleichen Möglichkeiten, sich auszudrücken. In der Sonne stand ich niemandem. Was die Szene in Leipzig heute angeht: Ich kann das nicht beurteilen, da ich aktuell persönlich eher selten in Leipzig bin, und wenn, dann chill‘ ich bei meinem Freund Mase auf der Couch oder bin mit Maulheld in seinem Studio.

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Auf eurem Vorgänger-Album gab es einige Features, die nicht unmittelbar aus dem Funkverteidiger-Umfeld stammen. Mich hat der Auftritt von Fleur Earth auf dem Album überrascht. Die Soulsängerin ist einigen eventuell durch die Zusammenarbeit mit Suff Daddy oder Retrogott bekannt …
The Finn: Wir hatten den fast fertigen Song und dachten akribisch über die Hook nach. Wir überlegten uns, dass etwas Souliges den Track richtig rund machen würde. So waren wir schnell bei Fleur Earth, da wir beide schon länger Fans von ihr sind. Dann haben wir ihr das Ding geschickt und sie war sofort down damit. Die gute Fleur hat ’ne richtig korrekte Hook abgeliefert.

Das Album ist das zweite über das neugegründete Label Muther Manufaktur vertriebene Release. Was war der Anlass, den Schritt einer Labelgründung zu gehen?
Pierre Sonality: Struktur!

Wird sich der Releasekatalog auf Musik der Funkverteidiger-Crew beschränken oder kann man sich schon auf einige Überraschungen einstellen?
Pierre Sonality: Muther Manufaktur wird nicht ausschließlich Funkverteidiger-Stuff realeasen. Gerade arbeiten wir zum Beispiel mit Galv an seiner LP „Galv of the 3 Moons“ und ich habe in Mr. Chrizze einen talentierten Dude kennengelernt, der viel zu erzählen hat. Dazu aber später und an anderer Stelle mehr.

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„Muthers Kredo ist, guter Musik eine Plattform zu geben und nicht jedem Trend hinterherzulaufen.“ Welcher Trend nervt euch gerade am meisten?
Pierre Sonality: Am meisten nervt mich der Trend, junge Künstler, Freidenker und neue Musik oder die Idee dahinter pauschal als whack abzustempeln, weil es nicht wie früher klingt – der Trend zum HipHop-Nazitum. Dicht gefolgt vom Trend, sich am Montag auf Marktplätzen zu versammeln.

Bei „State of Flavour“ habt ihr viel Wert darauf gelegt, dass das Album nur auf Vinyl, Tape und digital erscheint. Wird sich das bei zukünftigen Releases in der Form fortsetzen oder werdet ihr diese auch auf CD pressen lassen? Gerade in Hinsicht auf den Vinylhype der letzten 3-4 Jahre und der damit verbundenen Tatsache, dass Vinyl im Moment fast schon Standard bei vielen bekannteren Releases – nicht nur im Rap – ist. In einem Interview meintet ihr auch mal, dass ihr nur Plattenläden mögt, die ohne CDs auskommen.
Pierre Sonality: Vom „wir limitieren uns“-Trip sind wir runter. Das Medium CD ermöglicht auch den Leuten ohne Plattenspieler einen Zugang zu unserer Musik. Unser Sound bockt auf jedem Medium, am besten aber nach wie vor live.

Pierre, du hast auch ein Beattape angekündigt. Was können wir da erwarten?
Pierre Sonality: In erster Linie DOPE Beats! Meine Tätigkeit als Produzent nimmt mich mehr und mehr ein. Gerade das Sitzen und Frickeln, das Einspielen von Synths und Arrangieren betreibe ich meditativ. Darin versinke ich gern. Ich sehe mich aktuell eh mehr als Beatmaker denn als MC. Beats hab ich en masse rumfliegen, die freuen sich doch auch, wenn die mal rauskommen und die Welt sehen.

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Erst kürzlich hast du folgendes Statement gepostet: „Ich hab nicht etliche Jahre an mir und meinen Beats gearbeitet, um sie dann auf Anfrage  à la „Hey dope Beats. Gib mal einen!“ zu verschleudern! […] Was ich und alle anderen Beatmakerz tun, ist zum Ende HANDWERK, welches genau wie alle anderen Handwerke gelernt sein will!“. Findest du, dass die Arbeit von Produzenten hierzulande zu wenig gewürdigt wird?
Pierre Sonality: Eigentlich nicht. Die Beatszene bekommt enormen Support und das zu Recht! Es gibt korrekte Competition in nahezu jede Richtung. Was mich geärgert hat, ist die Dreistigkeit mancher Menschen, die denken, dass, nur weil man HipHop macht, man alles für lau rausgeben muss. Für die „Kultur“ und so. Ich habe unzählige Lehrstellen und Schullaufbahnen abgebrochen für selbige und sehe nicht ein, auch die nächsten 15 Jahre weiterhin schwarz zu fahren oder im Supermarkt zu klauen. Ich spreche hier nicht von Martyrium, ich spreche von handfestem, ehrlichem Handwerk! Warum sollte das nicht auch angemessen bezahlt werden?

Gibt es Rapper, bei denen du dich freuen würdest, sie auf deinen Beats zu hören? Auf dem neuen Plusmacher-Album gibt es beispielsweise ein Xatar-Feature auf einem von dir produzierten Track. Wer würde für dich noch infrage kommen?
Pierre Sonality: 2Pac! Ich habe den schon vor längerer Zeit mal auf seiner Facebook-Fanseite angeschrieben, aber geantwortet hat er mir bis jetzt noch nicht. Aber Spaß beiseite. Ich hätte beispielsweise große Lust, mal einen Riff Raff über meinen Beats zu hören. Im Deutschrapsektor flasht mich ehrlich gesagt wenig.

See Also

Ab und zu nutzt du sowohl dein privates als auch dein Künstlerprofil auf Facebook dafür, dich – oft sarkastisch – über diverse gesellschaftliche Entwicklungen zu echauffieren. Egal ob „Aschfahle spindeldürre Mädels in Bomberjacken mit Undercut Frisur und Boots“ oder Menschen, die denken, sie könnten mit Onlinepetitionen per Mausklick die Welt retten. Was könnte man dagegen tun, wie könnte man einen ernsthaften Umschwung zu einer deiner Meinung nach lebenswerteren Gesellschaft vorantreiben?
Pierre Sonality: Die in meinen Augen perfekte Gesellschafft haben wir seit der Kreidezeit hinter uns gelassen. Meine Idee einer gesellschaftlichen Harmonie deckt sich keineswegs mit der geltenden Gesetzgebung und ist somit reine Illusion. Soziale Marktwirtschaft und Chancengleichheit auf dem globalen Playground wäre allerdings ein bescheidener Anfangsgedanke! Mehr Basketballplätze in der Hood, wo auch ein Netz an den Körben hängt, oder Kaffee-Flatrates ebenso.

Sendemast_4_by_JimGrammingAuch wenn eure Musik oft sehr battle- und „realkeeperlastig“ ist, kann man nicht behaupten, dass ihr euch nicht auch über ernste Themen Gedanken macht. Auf dem Track „Noblesse“ heißt es: „Seit Tag eins steht fest, dass wir gehen – die Frage ist nur wann und für was wir dann stehen„. Ist es euch wichtig, in euren Tracks aktuelle Konflikte zu verarbeiten und auch bestimmte Messages und Ansichten zu verschiedenen Themen zu transportieren?
The Finn: Was ist realkeeperlastig? Wer definiert, was real ist? Und wer braucht solche Definitionen überhaupt? Fakt ist, wenn Pierre und ich Musik machen, dann wird es rau, wütend und die Musik reflektiert unsere unmittelbare Umwelt. Für mich ist Musik ein Ventil. Ein gutes.
Pierre Sonality: Ich schreibe mir nicht den „Weltschmerz“ von der Seele, wenn ich mit Rotwein vor dem Kamin sitze. Ich möchte in erster Linie FLOW und sportlich rappen. Klar, was einen abfuckt, findet schon das ein oder andere mal seinen Weg ins Textbuch, die großen globalen Probleme zu lösen und die Welt zu retten, überlasse ich jedoch getrost der Antilopen Gang.

In „Generation Hauptbahnhof“ geht es um Schulden, Hoffnungslosigkeit und Schulabbrüche. Wie stark verändern sich denn eurer Meinung nach die Generationen an Jugendlichen über die Jahrzehnte?
The Finn: Alte Leier! Der Jugend wohnt positive Naivität und Energie inne, während im Alter Angst und Lethargie einkehren. Konflikt vorprogrammiert! Und das ist auch gut so.
Pierre Sonality: Ich finde Jugendliche cool, wenn ich auch manche Modetrends nicht verstehen kann. Klar – selbst Platon, Sokrates oder Aristoteles haben sich schon zur Genüge über die Leichtigkeit der Jugend ausgelassen. Sie äußerten sich allerdings sehr unschön – und doch hat sich die Welt trotzdem weiterentwickelt. Den jugendlichen Elan mit einer schlechten Charaktereigenschaft gleichzusetzen, weist lediglich auf eine Art Altersverbittertheit hin. Ich war auch einmal ein Jugendlicher, aber ich schäme mich nicht dafür.

The Finn meinte in einem Interview: „Rap muss am Smartphone funktionieren – mit null Ästhetik“.  Habt ihr das Gefühl, dass Musik und v. a. Rap durch den technischen Fortschritt noch schnelllebiger geworden ist und man einen Release nach dem anderen braucht, um nicht gleich wieder vergessen zu werden?
The Finn: Ich glaube, das Zitat stammt aus einem Interview, in dem ich darüber sprach, wie Musik heutzutage teilweise konsumiert und daraufhin produziert wird?! Richtig reudig teilweise … Ich persönlich unterwerfe mich erst gar nicht dieser imaginären Schnelllebigkeit einer Szene bzw. Industrie. Am Ende geht es  – mir zumindest – rein um die Kunst und die Sache an sich. So etwas braucht und findet seine Zeit.

Bei der Frage nach euren Lieblingsbüchern habt ihr beide kommunistische Literatur angegeben. Was fasziniert euch an dieser politischen Richtung?
The Finn: Im Grunde die Utopie. Ich finde den theoretischen Gegenentwurf zum Kapitalismus und zu anderen Gesellschaftsformen interessant. Nicht mehr und nicht weniger.
Pierre Sonality: Richtig. Die Science Fiction! Der Kommunismus funktioniert auch nur auf dem Papier, wie die Geschichte zeigt. Aber ist es nicht schön, sich wenigstens in der Prosa in eine perfekte Welt zu träumen? Im Übrigen haben die Russen, die ich lese, eine super „Schreibe“!

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