Now Reading
Über Morgen: Interview mit Illusion

Über Morgen: Interview mit Illusion

illusion1
Die Gefahr, dass es ins Auge geht, wenn man als österreichischer Rapper das menschliche Bewusstsein für Aspekte wie Konsumzwang, gesellschaftliche Verrohung oder Medienmanipulation schärfen möchte, ist prinzipiell recht groß. Glücklicherweise hat sich Illusion mit seinem aktuellen Soloprojekt namens „Morgen“ nicht zum Ziel gesetzt, die Welt zu retten. Nach dem 2007 mit dem Kollektiv Ausgleich veröffentlichten Album „Nimm Dir Zeit“ (Stiege44) erschien nun am 9. September der erste Solo-Longplayer des 29-jährigen Neunkirchners. Das mit 18 Tracks bestückte „Morgen“ erfüllt alle Kriterien einer aussagekräftigen wie professionellen Produktion und zeichnet sich vor allem durch die hochwertigen Beatkompositionen von Saiko, Brenk und Fid Mella aus. Obwohl uns der Album-Inhalt thematisch keine großen Überraschungen unterbreitet, haben Illusions fiktive Begebenheiten einen sympathischen Unterhaltungswert. Dabei soll „Morgen“ auch „zum Nachdenken anregen“. Wir haben bei Illusion und seiner Begleitung DJ Burnee ausführlich nachgefragt.

Ausgleichbesteht als Kollektiv nach wie vor. Illusion, was war denn die Notwendigkeit oder Motivation für dich, einen Solo-Release zu machen?
Illusion: Wenn man Solo-Musik macht, ist man in den Themen und in den Durchführungen einfach grenzenloser. Auch wenn man mit den anderen musikalisch auf einer Wellenlänge ist, ist es als Crew ein bisschen schwieriger, persönliche Themen rüberzubringen. Vor allem, weil es bei uns nicht so ist wie bei den meisten Crews, die im gleichen Gemeindebau aufgewachsen sind, sich seit 15 Jahren kennen und eine gemeinsame Vergangenheit haben. Unsere Vergangenheit hat 2005 begonnen. Mike (Mike Zoo, Ausgleich; Anm.) und ich sind zwei unterschiedliche Charaktere und nachdem er sich mehr oder weniger eine Auszeit genommen hat und momentan beruflich ziemlich eingespannt ist, war es die logische Schlussfolgerung, dass ich alleine an meinen Texten weitermache.

Die Beats stammen durchwegs von Saiko, Brenk und Fid Mella. Wie eng habt ihr zusammengearbeitet?
Illusion: Nachdem es nicht das erste Album ist, das ich mit den Burschen rausbringe, war’s natürlich eine sehr entspannte Zusammenarbeit – einmal Session bei dem, dann bei dem, stundenlang dort gesessen, Beats durchgehört und Beats mitgenommen. Das Ganze war sehr eng und persönlich, da gab’s dann auch Sessions, wo nix weitergegangen ist, außer dann betrunken und fertig nach Hause zu kommen. Ich schätze es sehr, dass man stundenlang persönlich neben den Burschen sitzen und an einem Beat herumbasteln kann, bis er passt.

Morgen“ erscheint über Saikos Stiege44. Selbst releast Saiko mit seinem Projekt Mosquito Factory über das Label Monkey Music, das von Walter Gröbchen betreut wird. Gab es jemals die Überlegung, auch mit deinem Album hier anzuknüpfen?
Illusion: Das stand nie zur Debatte. Der Saiko ist mit Mosquito Factory noch vertraglich an Monkey Music gebunden und bringt die Mosquito Sachen schon ewig über Monkey Music raus. Der Grund, warum andere Sachen von Stiege44 nicht über Monkey vertrieben werden ist der, dass die wahrscheinlich eher an elektronischer Musik interessiert sind. Dazu kommt – ich mein ich kenn‘ den Walter Gröbchen nur aus den Texten vom Kamp – aber der dürfte ja auch nicht so der Hip Hop-Förderer in Österreich sein. Ich hab ihn also auch nie drauf angesprochen, ob bei Monkey Music was gehen könnte.

Seid ihr als Ausgleich Saikos Haupt-Steckenpferd in Sachen Hip Hop geworden, nachdem er immer weniger für Kamp produziert hat? Also könnte man sagen, dass ihr ihn motiviert habt, wieder mehr in diese Richtung zu machen?
Illusion: Das denke ich schon, mit Ausgleich haben wir ihn auf jeden Fall – mehr oder weniger – wiederbelebt. Als wir mit Ausgleich zu Stiege44 gekommen sind, war da eigentlich soweit nix mehr. Da waren die meisten, die vorher auf dem Label waren, nicht mehr auf der Bildfläche. Ausgleich war für Saiko bestimmt ein Grund, das Hip Hop-Ding weiterzumachen. Jetzt spüre ich vor allem durch das Solo-Album wieder eine richtige Motivation bei ihm, das gefällt mir. Wir sind momentan auch sehr dahinter, dieses Stiege44-Movement wieder aufzubauen und auch vielleicht neue Künstler zu finden, die was drauf haben und eine Plattform suchen. Mit dem Soloprojekt „Morgen“ werden wir schauen, dass wir Stiege44 wieder ordentlich auf die Bildfläche bringen. Es ist ja auch das letzte perVers-Album über Stiege44 rausgekommen, der Bonz bringt in den nächsten Monaten auch eine EP raus.

Also gibt’s da konkrete Zukunftsvisionen.
Illusion: Dadurch dass der Saiko viele Leute kennt, wird da in Zukunft auch sicher etwas passieren. Konkret gibt’s da jetzt noch nichts. Wir halten einfach Ausschau nach jungen Leuten, die Biss haben, richtige Musik machen und Spaß dran haben. Vielleicht die Symbiotika aus Wiener Neustadt, die sind auch relativ gut dabei, die bringen einen eigenen Sound.

Was ist denn mit der Stiege44-Homepage? Die steht ja schon seit Längerem still und war früher doch gut besucht, so viel ich weiß.
Illusion: (lacht) Ja ja, es ist halt in Zeiten von Facebook nicht so der Stress, die Homepage wieder auf Vordermann zu bringen. Wobei, es wäre sicher nicht schlecht, zumindest als repräsentative Seite mit Fotos oben, Booking-Kontakt, eventuell ein Shop… Da sind wir auch gerade dabei, Leute zu finden, die uns in der Hinsicht unterstützen und vielleicht ein bisserl Webdesign machen. Da sind wir mehr oder weniger dabei, unser Team zusammenzustellen und es wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen, wie gut wir das hinbekommen.

Wie schätzt du den Stellenwert von „Morgen“ in der aktuellen österreichischen Raplandschaft ein?
Illusion: Schwer zu sagen, das müssen wahrscheinlich andere beurteilen. Mit dem Album kann ich vom Level her auf jeden Fall mit den meisten österreichischen Rappern gleichziehen. Von der Produktion her definitiv: Da sind wir vom Mastering, vom Mischen und von den Beats her hundertprozentig an der Spitze in Österreich. Ich glaube auch, dass die Texte für diejenigen Hörer ansprechend sind, die auf 90er-Musik stehen. Da rechne ich mir schon gute Chancen aus, dass sich das in Österreich gut etabliert, ebenso wie der Künstlername.

Hat für euch jedes Album, das hier rauskommt, gleich Existenzberechtigung?
Illusion: Nicht unbedingt, aber im Prinzip kann jeder releasen, wenn das nötige Kleingeld da ist. Qualitativ können wir in Österreich auf jeden Fall mit anderen Ländern mithalten, zumindest im deutschsprachigen Raum.
DJ Burnee: Manchmal find ich’s ein bisschen schade. 2009 sind zum Beispiel extrem viele Sachen rausgekommen, wirklich gute Releases, aber ich hab von einigen Leuten gehört, dass die Resonanz dann nicht so gut war – wodurch die dann gesagt haben, dass sie jetzt nicht sofort weitermachen wollen. Es ist eben ein Hobby, in das man Geld steckt, aber irgendwann muss auch etwas reinkommen. Geld kann schon eine Motivation sein, Anerkennung bekommt man eh in der Szene. Ich weiß aber echt nicht, woran das liegt. Ist ja nicht so, dass österreichischer Hip Hop zum Anhören nicht kompatibel ist.
Illusion: Die Releases bräuchten auf jeden Fall mehr mediale Beachtung, um wirklich Profit daraus ziehen zu können. Es gibt das Message, Tribe Vibes und GoTV als Anlaufstellen, aber sonst steht man relativ alleine da, was Marketing angeht. Oder schau in die Schweiz – das ist auch kein großes Land, aber die Rapper leben davon. Vielleicht ist das auch die Mentalität oder vielleicht ist die Empfänglichkeit für Hip Hop-Musik bei uns noch nicht so gegeben. Trotzdem: Mir kommt es so vor, als würde österreichischer Hip Hop in Deutschland medial schon mehr wahrgenommen werden, als hier bei uns. Man merkt’s an den deutschen Magazinen, da gibt’s einfach mehr Interesse an österreichischem Hip Hop. Vielleicht ist ihnen das Eigene ja schon zu abgedroschen. Es kommt auf jeden Fall mehr Interesse auf uns zu, vielleicht klappt’s ja irgendwann einmal.

Da hört man am Ende aber schon raus, dass das Finanzielle prinzipiell ein großes Anliegen ist.
Illusion: Naja, das finanzielle Ding verbunden mit meinem Album ist jetzt nicht wirklich ein Anliegen. Es geht halt darum, dass man als Independent-Musiker in Österreich einfach Ausgaben hat, wo es cool wäre, die zu decken. Ich sag einmal, in Österreich ist man gerade so weit, dass man die Produktion durch CD-Verkäufe vielleicht in einem dreiviertel Jahr irgendwie decken kann. Da ist der Faktor Geld auf jeden Fall etwas, wo ich sag: Zumindest die Leute, die Hip Hop hören, sollten dann nicht zum Schnorren anfangen, wenn sie eine CD haben wollen. Das Finanzielle steht sicher nicht im Mittelpunkt, aber es ist halt schon Thema. Ich arbeite vierzig Stunden in der Woche, verdiene mein Geld und geb das wieder für Produktionen aus. Dazu kommt, dass ich nicht in Wien wohne und in Produktionszeiten ein, zwei Mal nach Wien fahren muss. Dadurch ist dann natürlich auch die Phase der Produktion länger. Wenn ich die Zeit hätte und von Oktober bis Jänner nur im Studio sitzen und an einem Album basteln kann, dann bring ich jedes halbe Jahr eins raus.

Irgendwo hab ich den Satz gelesen: „Thematisch umfasst das Album (fiktive) Geschichten und Erlebnisse aus dem Alltag.“ Wie fiktiv bzw. wie real sind die Inhalte des Albums im Großen und Ganzen?
Illusion: Prinzipiell ist das Album schon sehr persönlich, in jedem Track steckt ein Stückchen Realität. Das Fiktive der Texte liegt darin, wie ich die Sachen rüberbringe – um sich musikalisch interessanter zu machen, muss man oft bestimmte Sachen verpacken, um die Story rüberzubringen.

Nehmen wir den Track „ACAB“ als Beispiel. Hier geht’s um eine Hausdurchsuchung. Und auch im „Morgen“-Video gibt es diese Szene bei der Polizei. Wie verhält es sich da mit dem Realitätsgehalt?
Illusion: „ACAB“ ist durchwegs eine reale Geschichte. Da hab ich zu hundert Prozent Realität drin. Früher war es wirklich so, da haben wir echt Stress gehabt und auch viel Scheisse gebaut. Aber auch nicht mehr, als irgendein anderer 16-Jähriger, der sich nix scheisst. Vor allem in Neunkirchen draussen, da ist’s nicht leicht, nicht Scheisse zu bauen.

Du verweist also immer wieder auf heiklere Aspekte deiner Vergangenheit. Warum?
Illusion: Das liegt einfach daran, dass das ein Solo-Album ist und ich wie gesagt viele Themen aus alten Zeiten verarbeite. Die Hausdurchsuchung zum Beispiel liegt um die zehn Jahre zurück. Wie ich’s auch in „Morgen“ sage: „Ich kiff zwar immer noch, doch bin nicht abgestürzt“ – es ist von dieser Lebensweise natürlich etwas geblieben. Aber das Größte hab ich natürlich hinter mir gelassen, und wahrscheinlich auch was draus gelernt.

Könntest du das jetzt noch weiter ausführen?
Illusion (lacht): Du, also eigentlich nicht…

Ich dachte nur, wenn du immer wieder auf das Thema Bezug nimmst… wie schlimm kann man sich das denn vorstellen?
Illusion: Naja, es waren mitunter sicher auch Aktionen dabei, wo ich ins Gefängnis gekommen wäre, wenn sie mich erwischt hätten bzw. solche Aktionen, wo Leute ins Gefängnis gekommen sind, wo ich dann nicht mitgemacht hab. Also, Glück gehabt. Von den Details her: Das war mit dem Üblichen verbunden, Suchtgiftsachen, Diebstahl und so. Ich bin nur ein Mal verurteilt worden, eine Vorstrafe hab ich – das war wegen Suchtgift-Missbrauch. Aber ansonsten das, was jeder andere auch macht: Drogen nehmen, Sachen fladern… es waren jedenfalls keine brutalen Sachen dabei.
DJ Burnee: Das muss man jetzt wirklich von anderen Releases unterscheiden, wo man die Leute auch eher der härteren Straßenschiene zuordnet. Es ist eine sehr erwachsene Art der Verarbeitung, wenn man sagt: Das ist passiert, das wäre dabei rausgekommen, machts das nicht nach. Da besteht ein Unterschied zu dem, wenn man das Ganze glorifiziert. Natürlich ist das auch eine Art der Verarbeitung, aber mit einem anderen Stempel drauf. Und wenn das viele so machen würden, wie sie es in ihren Texten sagen, wären sie eh schon längst im Häfn…

httpv://www.youtube.com/watch?v=B4phBQvXRD0

Du bezeichnest dich ja selbst auch als „Sklave des Westens“. Was tust du konkret, um die Dinge zu verändern?
Illusion: Diese Oberflächlichkeit, zusammen mit dem Kapitalismus und dem ständigen Leistungsdruck wird unsere Gesellschaft irgendwann in den Abgrund treiben. Deshalb bin da ganz radikal dagegen und versuche, auch mein Leben anders zu leben und mich von diesem gesellschaftlichen Zwang loszusagen. So weit das als in Österreich Lebender, mit Hollywood-Filmen Aufgewachsener möglich ist. Ich versuch einfach, mich zu verändern und dadurch auch mein Umfeld. Gut ist es, wenn man zum Beispiel aufhört, Fleisch zu essen. Das ist etwas, das für uns ja eigentlich nicht mehr notwendig ist, die Tiere werden sowieso nur noch gequält, mit irgendwelchen Sachen gespritzt und aufgehängt. Dass das nicht gesund ist, ist ja klar. Man sollte also aufhören, solche Sachen finanziell zu unterstützen, auch Firmen wie Nestlé oder Coca Cola. Auch vom Finanziellen her muss ich sagen, dass ich einfach kein oberflächlicher Mensch bin. Ich brauch kein schönes, glänzendes Auto, wo Leute in meinem Alter mittlerweile schon das zweite Leasing-Auto haben. Da dem Kapitalismus entgegenzuwirken, ist nicht so schwer für mich. Andererseits natürlich schon: Man will halt doch ein Studio haben, wo man Musik machen kann. Man will doch mobil sein, auch wenn’s nur ein billiges Auto ist. Drum kann man das auch nur Schritt für Schritt verändern. Wenn das jeder versuchen würde, würde damit irgendwann bestimmt ein anderes Weltbild entstehen.

Bist du Vegetarier?
Illusion: Mmh noch nicht ganz, bin gerade dabei. Ich esse nur noch ein, zwei Mal die Woche Fleisch und schaue auch, wo es herkommt. Auf dem Land habe ich diesen Vorteil. Aber ich muss sagen, am Anfang ist es schon sehr schwer. Ich hab früher sehr viel Fleisch gegessen, heute esse ich zum Beispiel auch kein Fast Food mehr. Ich bin da jetzt auch nicht so eingestellt, dass ich sag: Ich muss jetzt unbedingt Vegetarier werden. Jetzt bin ich eben mal bei diesen ein, zwei Malen die Woche. Das Schwierige daran ist ja auch, überhaupt Gerichte zu finden. Wenn du wirklich auf Fleisch verzichtest oder das zumindest so weit reduzierst, wie es möglich ist, dann musst du erst einmal Kochbücher hernehmen und schauen, was man da überhaupt kochen kann.

Naja, also so schwer ist das nicht.
Illusion: Es geht, es geht. Es ist halt eine Bewusstseins-Umstellung. Ich bin ja auch so erzogen, dass bei der Hauptspeise Fleisch dabei sein muss. Da ist es dann das Schwerste, Sachen ohne Fleisch zu finden, die einem gut schmecken. Wenn ich irgendwann genügend Gerichte hab, die mir gut schmecken, dann werde ich vielleicht ganz auf Fleisch verzichten.
DJ Burnee: Na weißt du, am Land ist das ja so: Wenn einer kein Fleisch isst, dann sagen’s gleich „na, was hat er denn!“.
Illusion: Auch in den Restaurants hast du keine vegetarischen Gerichte bzw. gibt’s bei uns am Land keine vegetarischen Restaurants. Und beim Einkaufen muss man fast schon in große Einkaufsketten wie Merkur schauen, weil Bioläden gibt’s bei uns ja auch nicht. Mittlerweile haben meine Freundin und ich aber schon einige Sachen gefunden, die uns schmecken, mit denen wir uns relativ gut über Wasser halten.

See Also

Hat dich denn irgendetwas zu deinem Bewusstseinswandel geführt? Deine Texte und vor allem auch die persönlichen Worte in Deinem Booklet klingen schon recht – ich will jetzt nicht sagen missionarisch – aber sehr moralisch.
Illusion: Ja ja, das stimmt schon. Das ist wahrscheinlich mit dem Alter gekommen. Anfang des Jahres gab’s zum Beispiel auch diese Katastrophe in Fukushima, wo mir dann persönlich irgendwann mal der Kragen geplatzt ist. Da hab ich dann geschrieben, dass es mir auf die Nerven geht, dass die Leute immer dann heuchlerisch anfangen zu spenden, obwohl Menschen ständig im Dreck versinken und es immer irgendwo soziale Ungerechtigkeiten gibt. Vielleicht war das der Punkt, wo ich nach außen selbst auch radikaler geworden bin. Das Leid auf der Welt kann man ja theoretisch leicht beseitigen. Vielleicht versuche ich auch, mit meiner Musik in der Hinsicht zum Nachdenken anzuregen.

Inwiefern kann Musik in einem nicht-esoterischen Rahmen, also in der Realität, Widerstand sein oder zu einem besseren Weltbild führen?
Illusion: Mmmmh, indem man einen Zugang zu vielen Leuten findet. Es ist vielleicht eine Gemeinsamkeit von vielen verschiedenen Denkweisen. Nehmen wir als kleinen Vergleich Ex-Jugoslawien: Es gibt Kroaten, die Hip Hop hören, es gibt Serben, die Hip Hop hören. Die hassen sich zwar bis auf den Tod, aber da verbindet die Musik. Beide Seiten hören es sich an, machen sich ihr Bild und kommen irgendwann vielleicht durch die Musik drauf, das es schwachsinnig ist, jemanden nur wegen seiner Nationalität zu hassen bzw. den Einen zu hassen, weil sein Großvater meinen Großvater umgebracht hat. Darum ist Musik wahrscheinlich eine der besten Methoden, um Zugang zu nicht immer gleichgesinnten Gruppierungen zu finden.

Jetzt noch eine ganz andere Frage: Als hiphop.at über ein Jahr lang offline war, gab es dieses sehr gut besuchte österreichische Hip Hop-Forum unter der Domain toyoida.org. Viele Leute haben sich da Connections aufgebaut und es ist auch ein Sampler erschienen. Dort wart ihr ja ziemlich aktiv. Wisst ihr, warum es die Seite überhaupt nicht mehr gibt?
Illusion: Naja, das hängt von einem gewissen Typen, dem Rorschach, ab, der diese Seite gehostet hat. Der war anscheinend ziemlich eigensinnig. Warum genau er die Seite abgestellt hat, ist fraglich. Ich kann mich nur dran erinnern, dass sie von einem Tag auf den anderen offline war und dass er sich über irgendetwas geärgert hat, das ihm einer an den Kopf geworfen hat. Es hat vorher schon einige Probleme gegeben, eben auch mit diesem Sampler, wo es dann Diskussionen gegeben hat, in denen sich die Leute zerstritten haben.
DJ Burnee: Derjenige war ja auch kein Unbekannter, der hat auch schon länger Sachen gemacht und releast, bereits Mitte, Ende der 90er. Ich glaube, er wollte einfach nicht mehr, weil es gab damals den Vorwurf von ihm, dass wenn er versucht, neue Leute reinzubringen, die ganze Haberer-Partie von dem Forum die Neuen nicht akzeptieren würden. Ihm hat das dann gereicht, weil auch er selbst nicht gepusht wurde. Und dann hat er auf ein paar Leute geschimpft und das Ganze mit Bomben und Granada bleiben lassen. Da gab’s dann noch ein paar Stories im Nachhinein, aber das gehört hier nicht her.
Illusion: Anfangs hab ich als Neunkirchner die Seite eigentlich sehr positiv aufgenommen, weil es doch eine der ersten Plattformen neben hiphop.at war.
DJ Burnee: In puncto Connecten hat das auf jeden Fall etwas gebracht, da hat es einige Türen geöffnet.
Illusion: Genau, zum Beispiel hab ich DMC von Mundpropaganda dort kennengelernt und noch einige andere Leute. Auch die Ausgleich-Connection ist in der Zeit entstanden.

Hat es euch eigentlich gewundert, dass ihr mit Ausgleich nicht zum ersten am strom-Festival eingeladen wurdet, obwohl da so gut wie jeder Rapper bzw. jede Crew aus Österreich ihren Slot hatte?
DJ Burnee: Mich hat’s nicht so überrascht. Ich mein, es war schon so: Ok, da spielt jetzt ein Dreiviertel von Österreich, wir nicht. Aber da hat man mal drüber nachgedacht – warum spielen wir nicht dort? Weil zu dem Zeitpunkt war unser Album ca. ein Jahr alt, so präsent waren wir damit auch nicht, dass wir sagen können: Jeder weiß, wenn wir dort auftreten ist die Hütte voll und es geht ab. Mich hat’s also nicht überrascht. Es wäre schon schön gewesen, aber wir haben dann eh am zweiten gespielt. Gestört hat es mich auch nicht, ich war dann eben als Fan dort und hab mir’s angeschaut, was zwischendurch auch ganz gut ist.
Illusion: Auch für mich war’s eigentlich keine Überraschung. Man wünscht sich halt natürlich immer, auf jeder Bühne spielen zu können, aber eben hing das wahrscheinlich damit zusammen, dass die Platte zu der Zeit schon ein Jahr alt war und die mediale Präsenz, oder zumindest überhaupt die Präsenz in der Szene, nicht so groß da war, warum auch immer.
DJ Burnee: Wir waren auch immer ein bisschen schleissig was die Promo betrifft. Das ist uns dann manchmal auf den Kopf gefallen. Jetzt haben wir das anders gemacht.

Text&Interview: Pia Moser
Foto: Feren-genetiX

Morgen erscheint bei Stiege44/Hoanzl
Illusion auf Facebook
Stiege44 Youtube-Channel