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Die Regeln lernen, um sie zu brechen // Donna Savage & Brenk Sinatra Interview

Die Regeln lernen, um sie zu brechen // Donna Savage & Brenk Sinatra Interview

Knapp zwei Jahre sind vergangen, seit Donna SavageJaJa“ veröffentlicht hat. Die Single war der Beginn einer neuen Ära für die Wiener Rapperin. Arbeitete sie davor unter dem alten Alias Alice D. eher nebenbei an Tracks, steht nun ein anderer Professionalitätsanspruch dahinter. Mit drückender Delivery, Punchlines und selbstsicherem Auftreten rappt sie seither über Beats ihres Stammproduzenten Brenk Sinatra. Nach einigen Singles ist am 19. Mai mit „Parole Donna“ die Debüt-EP des Duos über Wave Planet Records erschienen. Im Interview sprechen wir mit Donna Savage & Brenk Sinatra über ihre Zusammenarbeit, die künstlerische Entwicklung und mehr – etwa warum Donna Savage nicht soft klingen kann oder was sie von ihrer Mutter gelernt hat.

The Message: Donna, deine ersten Tracks seit der Umbenennung sind 2021 rausgekommen. Ihr habt damals viel vorgearbeitet, bis zur EP kamen ein paar Singles raus. Wie viel habt ihr wieder verworfen?
Donna Savage:
Wir haben uns die Cherries rausgepickt, die Sinn gemacht haben. Es releasen eh schon alle immer so viel auf einmal. Ich finde, die Tracks sollten Zeit zum Atmen haben, weil man teilweise nicht mehr mit den Releases mitkommt. Es hat so Sinn gemacht, damit man einen Eindruck bekommt, wer ich bin, wie wir gemeinsam sind und wie das klingt.

Wenn du an Tracks arbeitest, schreibst du eher drauf los oder überlegst du dir vorher Überthemen?
Donna Savage: Überthemen habe ich selten bis nie. Es sind eher Alltagssituationen, die mich zu etwas bewegen: Ich höre in der U-Bahn eine Konversation mit, oder ich bin in einer spezifischen Lage und schreibe mir was auf. Es sind Blitzgedanken. Wenn ich im Mood bin, passiert es von selbst. Aber ich denke mir nicht, dass ich zum Beispiel einen Song über Catcalling schreibe. Es hat mega funktioniert, als wir im Studio waren, weil wir uns gegenseitig so viel Input geben konnten. Wenn unsere zwei Hirne nebeneinander explodieren, passieren richtig geile Sachen.

Wie viel Platz zum Schmähführen bleibt in so einem engen zeitlichen Setting?
Brenk Sinatra: Nur! Wir sind nur am deppat Reden – ich glaube die Hauptbasis unserer Freundschaft ist, dass wir uns lustige Sachen schicken. Wir haben einen ähnlichen Humor. Das macht es umso geiler, an Mucke zu arbeiten. Ich würde irgendwann sagen: ‘Langsam könnten wir was recorden’. So weit kommt es nicht, weil sie eben trotzdem extrem fokussiert ist. 

Donna, du hast dich in den vergangenen Jahren intensiv mit Reimtechnik auseinandergesetzt. Wie sehr achtest du heute darauf?
Donna Savage:
Das hat wieder nachgelassen. Ich bin ein Fan davon, die Regeln zu lernen, um sie zu brechen. In dieser Vorbereitungszeit, in der Brenk mir einen Arschtritt gegeben hat, habe ich es mir angeeignet, mehr zu schreiben und zu überarbeiten. Ich habe mich reingetigert und war strebermäßig unterwegs. Ich hatte mich gar nicht damit auseinandergesetzt. Vor paar Jahren habe ich mir dann Texte von Leuten, die ich feiere, ausgedruckt und geschaut, warum es so klingt, wie es klingt, wie die Person es macht. Das habe ich versucht zu verstehen und auf mich umzumünzen, wo es Sinn macht. Mittlerweile passieren manchmal Reime, die ich zuordnen kann. Aber es ist mir viel wichtiger, dass der Flow ballert und smooth ist. Dann ist es nicht der krasseste Reim, aber dafür klingt es geil. Bei Leuten, die technisch extrem gut sind, hört man oft raus, dass es verkrampft wirkt.

„Ich gebe Donna Savage Beats, die ich auch einem Xatar schicken würde“

Ist das zehnsilbige Reimspiel ausgespielt?
Brenk Sinatra:
Interessiert doch niemanden, wir sind bei keinem Hotdog-Wettessen! ‘Wow, ich habe neun Quadrupel-Triple-Reime, die ineinander gehen’. Am Ende ist der Song scheiße und der Vibe fehlt. Wenn die Demo steht, kann ein Rapper was reinstottern und wenn das zum Beat passt oder den Vibe unterstreicht, feiere ich es. Das kann ein Twista sein, egal wie gut der ist oder ob er ein bisschen unbeholfen rappt, wie es gerade viele Amis machen. Aber eben gekonnt unbeholfen. Wir sind dazwischen. Es gibt Songs, wo die Techniker sagen werden: ‘Oha, die kann ja wirklich rappen’. Beim Graffiti-Ding („Fingerprints“, Anm.) habe ich gedacht: ‘Aber Hallo!’

Donna, welche Texte hast du dir ausgedruckt?
Donna Savage:
Ich wollte noch ergänzen, dass es ja auch technisch absurd gute Leute gibt, bei denen es trotzdem nicht angestrengt oder bemüht klingt. Ich finde Donvtello von Silk Mob einen der Krassesten. Er hat seine eigene Schiene gefunden, ohne bemüht zu klingen oder dass er wem was beweisen muss. Was habe ich mir ausgedruckt? Zum Beispiel Haftbefehl, Donvtello, Elias und Symba. Ich habe das Gefühl, dass es ganz verschiedene Welten sind, wie sie an Dinge herangehen. Ich habe mich gefragt: ‘Wie funktionieren die Hooks? Warum klingt das geil, obwohl es sich gar nicht reimt?’ Ich habe versucht, mich in ihre Hirne reinzudenken und dann meine eigene Herangehensweise zu finden.

Kannst du benennen, was einen Donna Savage Track ausmacht? Gibt es Elemente, die dabei sein müssen?
Donna Savage:
Das ist schwierig. Tragendes Element sind natürlich die Beats. Brenk ist super busy, ich mache nebenbei meinen Master. Wir sind beide oft heavy  eingespannt. Ich habe manchmal etwas auf Free Beats recordet und mir gedacht: ‘Das klingt so scheiße!’ Dann macht Brenk was drüber und es ändert alles. Dann vielleicht die Mood, in der ich bin und die rübergebracht wird. Aber es ist schwer zu sagen, weil jeder Song anders ist und wir auch in Zukunft viele Sachen tryen werden.

Brenk Sinatra: In der Session für die EP haben wir geschaut, was für eine Stimmung wir wollen. Oft war der Gedanke, dass wir was super Hartes, Schnelles brauchen. Das Wichtigste ist die Mood. Du kannst einen Beat finden, wo es schon passt. Aber ich habe einen Sensor, den kann ich gar nicht beschreiben. Wenn mir jemand was vorrappt und ich 15 Beats skippe, höre ich nach vier, fünf Zeilen, dass es passt – dieser Text muss auf diesen Beat. Das geht am besten, wenn man nebeneinander im Studio sitzt. In meiner alten Bude war das nicht möglich – das war eine Besenkammer. Ich habe mich umgedreht und sechs Geräte umgehaut. Jetzt ist es super entspannt. Leute können hier pennen, recorden, wir sind im Wald, man kann ein paar Tage abschalten und geile Mucke machen.

Foto: Yakub Peach

Hast du schon einen „Donna Savage Type Beats“-Ordner?
Brenk Sinatra:
Ich habe diesen Sensor, was ich wem schicke – klar, man liegt nicht immer richtig. Ich habe oft was an Personen geschickt, wo ich gewusst habe, es sind die perfekten Beats, aber die Stimmung gegenüber war nicht so, wie sie normal ist und deswegen haben sie anders gepickt. Für die nächste Session im Juni habe ich schon drei, vier Beats extra hingebaut. Ich mache ja vor allem zwei Sachen: Extrem wavige Beats für meine Instrumentalschiene und praktisch nur harte Beats für Rapper. Es ist eh lustig, dass ich mit Rappern kaum entspannte Tracks mache. Ich gebe Donna Savage Beats, die ich auch einem Xatar schicken würde. Harte Dinger, die trocken sind, nach vorne gehen – meine Version von Memphis-Beats. Es ist geil, dass es so funktioniert und dass sie diesen Geschmack hat. Wir haben auch Sachen ausprobiert – „Fresh“ oder „On Read“ sind untypische Donna-Tracks, aber typische Brenk-Beats.

Seit „JaJa“ und „Blutwiese“ klingt Donnas Rap-Stimme viel runder und cleaner. Wie habt ihr daran gearbeitet?
Donna Savage:
Ich habe Gesangsunterricht genommen. Nicht wahnsinnig lange, aber ich habe Atemtechnik geübt und bisschen getestet, welche Range meine Stimme hat. Am Anfang war es mir wichtig, hart reinzugehen – um zu zeigen, wie ich bellen kann. Danach hatte ich mal drunk at home Bock, etwas zu machen, das ich sonst nicht mache. Da habe ich eine Schiene entdeckt – ich hatte ja Angst, dass es zu soft wird, aber irgendwie kann ich gar nicht soft klingen. Da komme ich von Natur aus nicht hin (lacht). Das fand ich spannend. Ich traue mich jetzt mehr. Das Rumbellen war mein safe space. Brenk hat mir geholfen, meine Stimmlagen zu exploren. Es ist aus einem Joke heraus entstanden, dann haben wir es angehört und gesagt: ‘Klingt eigentlich geil!’ Es ist nicht mehr so gepresst und hingebellt, einfach eine viel natürlichere Stimmlage.

Brenk Sinatra: Das war meine Vision bei der EP. Zu schauen, wie es klingt, wenn die Beats hämmern, aber sie mit natürlicher Stimme und nicht so angedrückt rappt. Ich war super happy. Es klingt mega und es fühlt sich für sie gut an. Wir haben natürlich auch beim Mix und Master darauf geschaut, dass die Stimmen gut Platz haben – es war viel Nerderei mit meinem Mastering-King Syrix von der Iriepathie dabei.

Donna Savage: Wir sind dagesessen und Brenk hat gesagt: ‘Ich glaube, wir haben Donna 2.0 geboren’. Ich habe gesagt: ‘Ich glaube auch’. Es klingt more mature und viel sicherer. Es ist eine Stimme, die ich mir auf Dauer vorstellen kann. Es gibt ganz wenige Leute, wo ich ein Gebelle durchgehend auf einer EP hören kann. Das kann vielleicht nicht jeder, aber es ist absurd anstrengend und man ist nicht immer in diesem Modus. Vielleicht macht es mal Sinn, das wieder einzusetzen, aber dann gezielter. 

Bisher kam zu fast jedem Track ein Video. Wie wichtig ist dir die visuelle Ebene? 
Donna Savage:
Es ist sau viel Arbeit, aber ich finde gerade mit neuem Namen und der Zusammenarbeit mit Brenk – wenn man nur die Mucke hört, checkt man nicht ganz, wie die Person wirklich drauf ist. Ich finde, man merkt es an der Videoidee, an den Moves und so weiter. Man bekommt einen besseren Eindruck davon, wie der Song gemeint ist. Videos machen mir absurd viel Spaß. Bei „Blutwiese“ war es mir zum Beispiel wichtig. Generell bei Songs, die man durch ein Video unterstreichen kann. 

Brenk Sinatra: Videos sind ja auch wichtiges Futter für Social Media. Klar, auf YouTube hast du vor zehn Jahren viel mehr Leute erreicht. Jetzt musst du ständig irgendwelche Moves machen, damit du im Algorithmus stattfindest. Natürlich könnte man sich fragen, ob der Aufwand dafürsteht, weil die Schere zwischen Streaming und YouTube immer mehr auseinanderklafft. Im Streaming hat Donna Savage teilweise schon Songs mit sechsstelligen Streams, auf YouTube ist es oft eine Null weniger. Aber es geht um mehr als die Views. Die Leute sehen, wer sie ist und welche visuelle Vision sie hat.

Wie kommen die Tracks in Deutschland an? Ist eine Entwicklung erkennbar?
Donna Savage: Ganz klar. Wir sitzen jetzt nicht da und denken uns, dass uns dort  hoffentlich mehr Leute hören, aber es macht Sinn, den deutschen Markt anzufokussieren. In Österreich gibt es ein gewisses Level, da kommt man nicht drüber. Meine Hörerschaft ist definitiv in Deutschland stabiler. Ich habe gerade eine Minitour gespielt und in der Berghain-Kantine in Berlin meine allererste Show ausverkauft.

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Sind Leute wie Bibiza oder Eli Preiss perfekte Vorbilder in der Hinsicht?
Brenk Sinatra:
Es war von Anfang an meine Vision und Hoffnung, dass Donna Savage eine Speerspitze dieser New Generation aus Wien wird – wir sind auf einem sehr guten Weg, würde ich sagen. Ich habe natürlich auch mehr Kontakte in Deutschland. Wenn ich was mit Rappern mache, schauen automatisch mehr Augen drauf. Labelmäßig arbeiten wir im Team auch auf Hochtouren, damit sie überall stattfindet. Es macht gerade alles Sinn und es passiert langsam so, wie wir es uns erhofft haben. Darauf ausruhen wollen wir uns aber klarerweise nicht – wir planen schon die nächste EP, dann ein Album und irgendwann alles wegrasieren.

Foto: Yakub Peach

Donna, du machst an der Angewandten einen Master in Druckgrafik. Geht sich das nebenbei noch aus?
Donna Savage:
I’m a hustler (lacht). Ich nehme das Studium nach wie vor ernst und will es fertigmachen. Dort bin ich ein Vollstreber – ich habe nach viereinhalb Jahren einen Notenschnitt von 1,0. Ich muss noch drei Pflichtkurse machen und der Rest ist relativ frei. Gottseidank haben meine Professoren Verständnis dafür, wenn ich mal zwei Wochen nach Deutschland muss und meine Sachen vorarbeite oder nachbringe. Auf der Hauptuni wäre das schwieriger. Ich will irgendwann meinen Doktor machen, aber wie die Dinge jetzt stehen, werde ich ihn wohl ein bisschen später damit anfangen. Ich möchte mich nach dem Master voll auf Mucke konzentrieren können. Freizeit gibt es so gut wie keine – und wenn, bin ich am Malen, am Siebdrucken, im Studio, am Planen oder am Shooten. Es macht sau viel Spaß und es ist geil, dass sich beides nicht nach Arbeit anfühlt. 

Du rappst auch was von Ausstellungen – eigene?
Donna Savage: Ich habe zwei Gruppenausstellungen mit Leuten aus meiner Klasse kuratiert. Ich habe mir aus Eigeninitiative gedacht, dass wir öfters von der Uni aus Ausstellungen machen könnten. Ich hatte Bock, ins Kuratieren reinzuschnuppern und habe dafür meine Lieblingsleute aus der Klasse zusammengetrommelt. Das war geil und hat sehr viel Spaß gemacht. In Zukunft fände ich Kuratieren sehr interessant. Aber wer weiß, vielleicht beginne ich mit 50.

Du hast mal gesagt, dass du früher mehr auf Krawall gebürstet warst, mittlerweile die Kämpfe der anderen nicht zwingend mitkämpfen willst. Was hat sich verändert?
Donna Savage: Ich war früher stressiger drauf als heute. Wenn ich Ungerechtigkeiten sehe, kann ich nicht damit umgehen. Früher habe ich gedacht, ich muss das für alle regeln. Ich bin älter geworden und denke mir, es macht nur Sinn, einzugreifen, wenn ich sehe, dass die Person das nicht selbst regeln kann. So weit bin ich früher nicht gekommen – ich habe nicht zugelassen, dass es jemand anderer regelt, wenn ich dabei war (lacht). Ich glaube, ich wollte es mir auch ein bisschen selbst beweisen, weil ich damals viel Kampfsport gemacht habe. 

Was genau?
Donna Savage:
Als ich ganz klein war, Judo, danach Teakwondo und mainly Kickboxen. 

„Meine Mum scheißt sich echt gar nix – das habe ich früh von ihr gelernt“

Du hast auch erwähnt, dass du ein sehr spiritueller Mensch bist und schon im Kindergartenalter die ersten Aufstellungen gemacht hast. Was kann man sich darunter vorstellen?
Donna Savage: Da gibt es viele Herangehensweisen aus verschiedenen Richtungen. Man kann damit gut unterbewusste Probleme lösen. Man kann Rückführungen und sonstiges machen. Meine Mum ist deep in the topic, von ihr habe ich viel mitbekommen. Man kann vieles damit lösen, wenn man mit den richtigen Leuten arbeitet. Es gibt in dieser Welt viele Leute mit spirituellen Egos, die glauben, sie sind superheilig oder so oder sie müssen sich als Gurus aufspielen. Ich glaube, Spiritualität ist etwas sehr Bodenständiges und Ehrliches und es kann vielen Leuten helfen.

Kannst du benennen, was dich, deine Persönlichkeit am meisten geprägt hat?
Donna Savage: Safe meine Mum. Ihr Wesen, wie sie mit Dingen umgeht, das schaut man sich natürlich ab. Ich hatte nur meine Mum und sie ist mein Vorbild in allem gewesen. Seitdem ich ausgezogen bin, merke ich, wie viel ich von ihr habe – was ich nie wusste und wo ich mich im Umgang mit anderen ertappe (lacht). Sie geht saugut mit vielen Dingen um, man kann sich eine Scheibe ihrer Gelassenheit und Coolness abschneiden. Und sie scheißt sich echt gar nix – das habe ich früh von ihr gelernt. Wurscht, was andere sagen oder tun, sie macht das Gegenteil. Das finde ich sehr inspirierend.

Auf Discogs ist ein Dons Savage, mit dem Alias Donna Savage zu finden. Er ist offenbar Sänger von den Dead Famous People aus Neuseeland. Habt ihr ihn am Schirm?
Donna Savage:
Nö.
Brenk Sinatra: Es gab auf Spotify auch irgendeinen Rock-Account aus Mississippi. Das war aber nichts Ernstzunehmendes oder auch nur halbwegs Großes. Dann hätten wir weiter am Namen feilen müssen. Aber na. Sie ist ab jetzt die einzige Donna Savage – der Rest kann auf gut Wienerisch scheißen gehen.