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Der alte Mann und das Werk // Rokko Weissensee & Blend live

Der alte Mann und das Werk // Rokko Weissensee & Blend live

Für mich war Rokko Weissensee die Deutschrap-Entdeckung des Jahres 2025. Mit fortgeschrittenem Alter und einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber der deutschen Sprechgesangsszene kann es schon einmal vorkommen, dass einem die ein oder andere Perle durch die Finger rutscht. Wahrscheinlich sogar die Meisten. Dank des großen Algorithmus kommt aber auch noch der letzte Wappler (ich) in den Genuss des Berliner Untergrund Rap-Cineasten. Ob er wirklich ein Cineast ist, sei dahingestellt. Die ganzen Einspielungen am Anfang und Ende seiner Lieder legen es zumindest nahe.

Nachdem auch ich früher einmal fröhlich war und nicht mehr dazu fähig bin, unsere Zeitlinie der gottgleichen Konzerne ohne Zynismus und schwarzem Humor zu ertragen, fühle ich mich von den melancholisch-aggressiven, Tongue-in-cheek-Texten sofort in die Arme genommen. Und dann kommt er auch noch, nicht wesentlich lange nach meiner Entdeckung nach Wien. Do muas i hi, wie der Messner in die Berg. Somit wird das Ticket schon Monate vor Konzerttermin erstanden, aber zu meiner Überraschung, ist keiner meiner wesentlich deutschrapaffinieren Kumpels daran interessiert mir dabei Gesellschaft zu leisten. Ich bin gleichermaßen enttäuscht wie empört.

Rokko weist in einem Insta-Reel noch einmal extra darauf hin, dass es pünktlich um 19:45 losgeht, was ganz in meinem Sinne ist. Generell möchte ich einmal meine Anerkennung gegenüber dem Post-Covid-Trend aussprechen, dass Konzerte nicht erst um fickend eins in der Früh beginnen müssen. Ich begebe mich somit schon am frühen Abend in Richtung (der kluge Leser hat es schon bei der Überschrift geahnt) Werk. Dass dort überhaupt HipHop veranstaltet wird, ist mir zum einen neu und zum anderen rollen sich mir da leicht die Zähnennägel auf. Es mag sein, dass ich wirklich weit weg vom Zahn der Zeit bin, aber meiner Wahrnehmung nach ist das ein Technoschuppen vor dem man leicht an Drogen kommt. Per se ist das natürlich nichts Schlechtes und auch ich zählte mich schon zu den verballerten Gästen, die dort bis in die frühen Morgenstunden tanzten. Die dunklen Erinnerungen, die ich an diese Nächte noch habe, lassen mir HipHop dort allerdings unmöglich erscheinen. Aber man will ja nicht voreingenommen sein!

Ich sitze also kurz nach sieben, aufgrund meiner unermesslichen Klugheit, bekiffter als mir lieb ist, in der U6 Richtung Spittelau. Mühelos finde ich den Weg zum Clubeingang, zeige meine QR-Code und bin, nachdem ich meine Jacke bei der Garderobe abgegeben habe, gleich einmal angepisst weil ich mich in eine nie zu enden wollende, um die Kurve gehenden Schlange einordnen muss, um mir gnädigerweise Gift in Form von Ethanol kaufen zu dürfen. Man ist es ja eigentlich eh gewöhnt, aber alleine und bekifft trübt es das Gemüt ein wenig mehr. Nachdem sich das Bier endlich in meiner Hand befindet, gehe ich die Lokalität erkunden. Ich finde den Merchstand und zeitgleich auch die beiden Hauptattraktionen des Abends. Rokko und Blend unterschreiben T-Shirts und lassen sich auch auf das eine oder andere Pläuschchen mit einem Fan ein. Das wirkt nicht gekünstelt sondern authentisch und sympathisch. Ich überhöre wie Rokko zu seinen Kollegen sinngemäß sagt “wir legen jetzt gleich los”, was gleichzeitig mein Stichwort ist, in den eigentlichen Veranstaltungsraum zu wechseln.

In meiner naiven Ahnungslosigkeit, habe ich mich nicht schon eine Stunde vor Beginn der Show dort eingefunden und werde direkt von einer Mauer aus menschlichem Fleisch erschlagen. Ich spähe links, ich spähe rechts aber da gibt es keinen Weg nach vorne. Doch was ist das? Eine Stiege! In meinem Kopf ertönen Klänge von Led Zeppelin und ich mache mich sofort auf den Weg in den Himmel, doch was ist das? Ein anderer Gast muss das Funkeln in meinen Augen gesehen haben, nimmt mich zur Seite und sagt mir, dass dort oben wo ich den Himmel vermutete, nichts von der Bühne zu sehen sei. Ich nehme ihn beim Wort und mache es mir auf den Stufen gemütlich. Die Aussicht ist gut und das Konzert beginnt mit einem Schlagersong über Rokko Weissensee. Ich bin sowohl erstaunt als auch amüsiert und komme erst viel später (jetzt) zu der Erkenntnis, dass hier wohl die KI im Spiel war. Was ich davon halten soll, weiß ich selber nicht so genau.

Weiter geht es mit dem Crowdpleaser “Weltübergang”. Brav grölen alle, inklusive mir, mit „Kacke, Pisse, Scheiße“ steht im Ausweis untеr „Name“. Banger. Danach geht es mit etwas älteren Songs weiter, bei denen sowohl Textsicherheit als auch Motivation im Publikum sinken. Generell muss man sagen, dass es sich, wie so oft bei solchen Konzerten als schwer erweist, das Wiener Publikum zu animieren. Man muss Rokko und Blend hier aber ein Kompliment machen, dass sie wirklich eisern dagegenhalten und ständig versuchen, das Publikum aus der Reserve zu locken. Vor allem Blend überrascht mich mit toller Bühnenpräsenz, was Rokkos Performance aber nicht schmälern soll. Man kann getrost sagen, dass sich die Jungs ins Zeug legen. Wenn da nicht die Technik wäre. Erst auf zweite Nachfrage, ob der Sound ok ist, antwortet das Publikum, dass Rokkos Mic zu leise ist, was Rokko natürlich an die Technik weitergibt, die es aber allem Anschein nach, zumindest vorerst, gekonnt ignoriert. Es ist keine Katastrophe und wird mit der Zeit auch wirklich etwas besser, bleibt aber ein kleiner Wermutstropfen. Dass das Mikro von Blend dafür zu laut ist und Rokko wiederholt bitten muss, doch ein bisschen mehr vom Publikum sehen zu können, wirft kein gutes Licht auf die Menschen hinter der Kulisse.

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Mein Platz auf den Stufen bringt mich in den Genuss, die lautstarken Beschwerden verärgerter Fans über den mangelnden Platz mitbekommen zu dürfen. Nachdem diese auch schon die Stufen ganz nach oben bestiegen hatten, bin ich dem Gast, der weiterhin neben mir steht, brav die Texte mitrappt und mich vormals vor “Oben” warnte, noch eine Spur dankbarer. Auf der Bühne ist die Lage unverändert, es werden alte und neue Songs gespielt, diverse Solonummern von Rokko und zumindest auch eine von Blend. Der Rowdy schwenkt bei den Hits, die Insta360 über das Publikum damit auch das Social-Media-Publikum bedient werden kann. Die Stimmung schwankt weiterhin zwischen Begeisterung und müdem Kopfnicken. Warum das ganze Publikum auf einmal “ganz Wien hasst die Polizei” schreit, übrigens perfekt auf den Takt, erschließt sich mir zwar nicht zur Gänze, aber auch ich gröle fröhlich mit.

Nach einem weiteren Bier, das ich mir natürlich anfänglich schon gekauft hatte (schaut her wie klug ich bin!), ist meine Blase so voll, dass ich gezwungenermaßen das Heisl aufsuchen und meinen mir so lieb gewordenen Stufenplatz aufgeben muss. Nach der großen Entleerung versuche ich noch einmal in den Veranstaltungsraum zu kommen aber die Fleischmasse ist zu groß und mein Wille nicht stark genug. Die Show läuft zu diesem Zeitpunkt schon über eine Stunde und geht vermutlich auch bald zu Ende. Ich rauche vor dem Club noch eine Zigarette und höre weitere Beschwerden über Platzmangel. Ich für meinen Teil, kann mich nicht beschweren, es war ein ziemlich klassischer HipHop-Abend in Wien. Hie und da ein Highlight, bei dem das Publikum dann auch zeigt, dass es wirklich laut und wirklich begeistert sein kann und Artists, die stets bemüht sind, dass es auch dazwischen zu keinen Durchhängern kommt. Für echte Fans der Künstler, bestimmt ein Highlight. Ich als Neuzugang seiner Fangemeinde, verlasse die Location zwar nicht hellauf begeistert, aber bestimmt auch nicht enttäuscht und denke mir nur:

Früher war ich fröhlich, heute gehe ich nach Hause.