Sidrit Vokshi kam als 13. Kandidat zu Vienna Calling, der Vorauswahl zum Eurovision Song Contest 2026. Ohne Vorbereitungszeit, ohne Medienpräsenz, dafür mit einem Klavier, einer Stimme und einer Geschichte, die er lange genug für sich behalten hatte. Als Hinterkopf hat er jahrelang für andere geschrieben, übersetzt, arrangiert und dabei das Wesentlichste aufgeschoben: sich selbst. Mit seiner Single „Wenn ich rauche“ hat er das geändert. Seither wächst sein Publikum nicht trotz der Verletzlichkeit, sondern wegen ihr. Ein Gespräch über Schutzräume und Narben, den Mut des zweiten Anlaufs und darüber, was passiert, wenn man Maria Bill am Klavier begegnet. Im Anschluss durften wir noch in die kommenden Releases reinhören und erlebten Songs, die uns nicht mehr losgelassen haben.
The Message: Was dich kürzlich sehr bekannt gemacht hat, war Vienna Calling, die Vorauswahl zum ESC. Als du den Anruf gekriegt hast, dass du jetzt doch zum Vienna Calling darfst, wie fühlt sich sowas an? Ist es Freude, Panik oder beides?
Sidi: Der erste Moment war auf jeden Fall sehr erfreulich. Ich dachte ursprünglich nämlich, dass ich schon aufgenommen bin und hatte mit dem ORF die Verträge schon bis zum möglichen ESC-Sieg geklärt. Es gab drei Tage vor der Ankündigung einen Anruf und da hat man mir erklärt, du bist leider der 13. Wir haben nur zwölf Kandidaten. Dementsprechend war ich mal ziemlich deprimiert. Der Anruf, der am Donnerstag kam und alles verändert hat, war dann etwas verwirrend, weil ich nicht damit gerechnet habe. Zehn Minuten vor dem Anruf war ich wirklich stinksauer und psychisch extrem belastet. Dann klingelt das Telefon und die Regieführung, Astrid, sagt: „Sidrit, es ist soweit, wir brauchen dich. Die Tamara ist aus privaten Gründen ausgestiegen. Machst du’s?“
Ich habe gesagt, dass ich es sehr gerne machen würde, aber ich finde das jetzt gerade scheiße, dass ich so einen Mediennachteil habe. In dem Moment habe ich, glaube ich, die beste Entscheidung getroffen. Ich sagte, ich mache nur mit, wenn sie eine Presseaussendung schicken, wo mein Gesicht vorne zu sehen ist. Das haben sie dann auch gemacht und somit war ich dann in einem Medienvorteil.
Dann ging es los. Wir haben uns als Team formiert, ich habe alles sehr schnell auf Schiene bringen müssen und war die ganze Zeit nicht hier, sondern 1000 Kilometer weit weg und hatte nur eine halbe Stunde in der Früh, um telefonisch zu koordinieren, zwischen 7:30 und 8, bevor ich in die Arbeit musste.
The Message: Denkst du, diese Kurzfristigkeit hat dazu geführt, dass du manche Sachen einfach nicht so zerdenken konntest? Macht es das authentischer?

Sidi: Ich glaube, was es auf jeden Fall gemacht hat: es hat mir keinen Atem gelassen, um mich wirklich all meinen Dämonen und all meinen Ängsten zu stellen. Alle meine Ängste und Zweifel sind jetzt nicht mehr hinten angestellt, wie bei Hinterkopf – ich stelle mich jetzt vor. Ich habe in den ersten fünf Tagen fünfmal aufgegeben, habe fünfmal verloren und habe dann quasi am sechsten Tag offiziell gestartet. Du springst immer wieder ins kalte Wasser und irgendwie wird man da cool, robust, was diese Sache angeht. Es war gut, dass es so schnell passieren musste, weil ich glaube, andersrum hätte mich die Angst schon ein bisschen mehr einholen können.
The Message: Deine Reise zur Musik ist ja viel länger. Du hast erzählt, dass du als Kind nach Österreich geflohen bist und dein erster Bezug zu dieser Stadt Musik war. Was von dieser Energie, die Musik damals für dich hatte, ist heute noch in dir?
Sidi: Ich glaube, der Bezug zu Musik oder das Gefühl war immer schon irgendwie dasselbe, aber ich habe mich viel verändert. Ich habe am Anfang viele Wünsche gehabt und dachte mir, wenn ich Klavier spiele, dann wird das schon reichen. Ich habe dann gemerkt, mir kommen immer mehr Worte und ich würde das, was ich da höre, gerne ergänzen wollen. Ich war in einem Studio mit sieben Vollbluthustlern und hatte eine Idee, die einfach lieblich ist. Ich habe mich oft gefragt, warum können wir uns nicht alle sagen, dass wir uns lieb haben? Ich habe immer diesen Bezug der Musik zu etwas Weichem, Lieblichen gefühlt und wollte das auch immer in die Tracks einbauen. Anfangs ist es mir gut gelungen über die Melodien, da kann man auch sehr hart drüber viben. Das war ein wunderschönes Stück vom Kuchen, aber nicht das, was ich wirklich essen möchte, ich würde gern weitergehen.
Irgendwann gab es dann den Moment an dem ich mir dachte, ich kann Lieder schreiben. Das war die größte Hürde. Ich habe ziemlich viel Angst davor gehabt, wusste nicht, wie ich mich nennen soll. Ich habe meine Sachen meinen acht engsten Freunden gezeigt, sieben davon meinten, es bleibt im Hinterkopf. So kam mir der Gedanke, ich gründe Hinterkopf. Aber der Bezug zu Musik war noch immer derselbe. Man empfindet etwas und man hat Bock, es nach außen hinzutragen. Ab einem gewissen Punkt gab es diese Teenagerängste nicht mehr und ich habe mir gedacht, ich würde gern für Frauen schreiben. Weil ich das Gefühl habe, Frauen gehen vielmehr auf diese Themen ein, die mich auch interessieren. Es sind die Themen Liebe, Schmerz und Leidenschaft. Es war für mich ein besserer und angenehmerer Weg, mit Female Acts zu arbeiten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Female Acts einfach mehr Mut hatten, das nach außen zu tragen, was ich mir gerade vorstelle. So wurde ich Teil vieler verschiedener Female-Lead-Projekte.
Letztendlich habe ich gemerkt, um es wirklich kompromisslos zu haben, müsste ich in mich selbst reinhören. Ich müsste aufhören zu übersetzen, was mir irgendwer anderes sagt.
The Message: Würdest du im Nachhinein sagen, Hinterkopf war bis zu einem gewissen Zeitpunkt ein geschaffener, künstlicher Schutzraum?

Sidi: Sicher, 100 Prozent. Im letzten Jahr habe ich mich als Hinterkopf zusammengerauft und eine erfolgreiche Offensive gestartet. Wie das Leben so spielt, hat die Beziehung irgendwann so sehr drunter gelitten, dass die Frau, bei der ich mir sicher war, dass sie meine Frau fürs Leben ist, einfach nicht mehr mitmachen wollte. Die Erkenntnis, dass ich es nicht geschafft habe, dieser Beziehung ebenbürtig zu sein, hat mich ziemlich hart gebrochen. Ich habe mein Leben mit 35 auf Eis gestellt und geschaut, wo bin ich gerade? Wer bin ich gerade?
Ich habe die letzten Fetzen meiner Psyche irgendwie zamgeklaubt. Ich hatte kein Geld für Therapie, auch wenn ich gern gegangen wäre. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Texte schreiben konnte. Aber ich habe einen Draht zu mir gefunden und so wurde Sidrit Vokshi geboren.
Mir war wurscht, ob ich bei jemandem anecke oder jemandem nicht mehr gefalle. Es hat mich meine beste Beziehung, so viel Geld, so viel Kraft und so viel Überwindung gekostet, mich mit meinen 35 Jahren mit beiden Füßen in die Mitte der Aufmerksamkeit zu stellen.
The Message: Es macht sicher viel mit einem, wenn da plötzlich der eigene Name auf seiner Kunst steht. Welches Gefühl schwingt da mit?
Sidi: Ja, ich merke es auf vielen Ebenen. Es fällt mir sehr schwer, Sidrit Vokshi von Sidrit Vokshi zu trennen. Es fällt mir sehr schwer, mich hier einzuschalten und dort auszuschalten. Ich versuche jetzt weiter in die Intimität reinzubohren. Ich dachte, dass meine Musik mehr Frauen ansprechen würde. Es hat mich dann extrem verwundert, dass die Männer immer mehr werden. Aktuell habe ich ein 50-50-Publikum, die meisten Männer sind dabei zwischen 35 und 45 Jahre alt.
Je trauriger und depressiver die Songs wurden, desto mehr kamen die Männer. Ich habe irgendwie erkannt, dass einer der größten gemeinsamen Nenner von Menschen, die über 30 sind, ist, dass sie alle Narben haben. Ich habe auch das Gefühl, dass es als Mann einen schmalen Pfad gibt, wo man über seine Ängste offen redet.
The Message: Gibt’s oder gab’s etwas, was du als Hinterkopf machen konntest, was du jetzt nicht mehr als Sidrit Vokshi tun kannst?
Sidi: Ja, intuitives Handeln. Ich habe umgestellt von intuitiv auf: wir führen eine Firma. Ich stehe hier vor euch und bin aber auch gleichzeitig meine Marke. Das verstehe ich heute. Ich konnte mir als Hinterkopf alles erlauben, weil ich keinen Plan hatte. Ich befinde mich gerade in einem Markenaufbau und möchte, dass die Leute dann in drei Jahren, mit romantischer Musik, Klavier & Co Sidrit Vokshi verbinden. Dieses Ziel erreiche ich nicht durch intuitives Handeln wie bei Hinterkopf.
Was ich heute mache, ist gezielt und hat einen Rahmen. Ich kann messen, ob es gerade gut oder schlecht war. Das konnte ich früher nicht.
Aber ansonsten war Hinterkopf etwas leichter. Hinterkopf konnte ich nämlich komplett mischen und tun, ohne viel zu überlegen. Das hat sicher seinen Vorteil.
The Message: Würdest du sagen, so war es auch bei „Wenn ich rauche“? Der Song hat eine sehr minimalistische Basis – Stimme und Klavier. War das eine lange Überlegung?

Sidi: Nein, ich hatte irgendwann mal die Erkenntnis, ich kann jetzt wieder schreiben. Diese Gelegenheit habe ich beim Schopf gepackt und habe mich für eine Woche eingeschlossen. Ich habe ihn als Song für mich geschrieben und empfand es als extrem therapeutisch. Dann gab es den Moment, in dem ich verstanden habe, dass ich meine Beziehung expose. Daraufhin habe ich meine Ex-Partnerin angerufen und ihr gesagt, ich möchte, dass du weißt, dass ich hier keine Vorwürfe machen möchte. Ich möchte einfach nur unsere Geschichte aus meiner Perspektive erzählen. Sie hat sich nachträglich auch dafür bedankt, dass ich ihr geschrieben habe.
The Message: „Wenn ich rauche“ ist auf Denkfabrik erschienen, dem Label-Projekt von dir und deinem Manager. Welche Rolle hast du da? bist du in erster Linie Künstler oder Label-Mensch?
Sidi: Das ist auch eine gute Frage. Ich führe das gemeinsam mit Alexander Redl. Wir haben das vor über zehn Jahren auf einer freundschaftlichen Ebene begonnen. Er meinte, Sidi, warum machst du nichts medial und hat dann sowas wie eine persönliche Verwaltung meiner Schwächen übernommen. Er ist sehr koordiniert und hat viele Stärken, wo ich sie nicht habe. Am Anfang haben wir einen Namen gebraucht und weil wir immer beieinander gesessen sind und alles zerdacht haben, sagten wir, dann sind wir halt die Denkfabrik.
Das letzte halbe Jahr hat sich eine Struktur entwickelt. Wir sind mittlerweile fünf Leute mit Abteilungen und gewissen Ressourcen an Arbeitskraft. Wir wollen sowas wie eine kleine, möglichst interessante, kreative Mediengruppe werden. Ich sehe mich hier als Erfinder dieser Sache, als Erfinder unseres Mindsets und als unser erstes Rohmodell. Ich möchte, mit Alex gemeinsam, der Erste sein der die Wege vorgeht und die Kontakte findet. Das möchte ich nutzen, um Artists die uns bewegen, zu unterstützen.
The Message: Dir ist kürzlich etwas ganz Besonderes passiert: Du hattest die Möglichkeit, Maria Bill kennenzulernen und mit ihr gemeinsam „I mecht landen“ zu spielen. Wie fühlt sich sowas an?
Sidi: Einfach mega krass. Ich habe an dem Tag das Gefühl gehabt, dass sich gerade ein Kreis schließt, den ich das letzte Mal als Kind gefühlt habe. Sie kam rein in den Saal, wir haben uns in die Augen geschaut und uns umarmt. Als sie sich neben mich gesetzt und ihren Kopf auf meine Schulter gelehnt und mit mir gewippt hat, habe ich kurz die Augen zugemacht. Da habe ich gecheckt: Hey Sidi, das ist gerade kein Traum. Du sitzt mit der Person, die du als erstes gehört hast, hier am Klavier. Du hast es durch deine Musik geschafft, dass sie weiß, wer du bist.
The Message: Was kommt als nächstes? Wo möchtest du dich mit Sidrit Vokshi hin entwickeln?
Sidi: Dieses Jahr ist geprägt von Releases. Wir bringen alle fünf bis sechs Wochen einen neuen Song raus. Ich plane dieses Jahr auch so etwas wie einen ersten eigenen Show-Act. Im Herbst möchte ich gerne live spielen. Der Plan ist es, das in der R:Journey zu machen. Es ist urban und offen und man könnte einen ganzen Abend hier verbringen.
Ich träume von einem Konzert, das nicht einfach ein Konzert ist, sondern wo die Leute vier, fünf Stunden beieinander sind. Ich habe auch keinen finanziellen Support außer meinen eigenen Schultern. Aber ich werde alles geben. Keiner kauft das beste Schnitzel der Stadt, selbst wenn es gratis wäre, wenn keiner weiß, wo es zu holen ist. Also Content, Content, Content. Und dann einen magischen Moment im Herbst schaffen. Musik macht dich unsterblich, ob sie erfolgreich ist oder nicht.
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