Mit 111 Alben durch „Die Geschichte des Hip-Hop“ // Buch Review

Der Amerikanist Dustin Breitenwischer führt mit seinem Buch anhand von 111 Alben durch die titelgebende „Geschichte des Hip-Hop“. Ein ambitioniertes Vorhaben auf 280 Seiten.

Rap-Gruppe K.I.Z.
Auch im Buch vertreten: K.I.Z. // Foto: Daniel Shaked

Den imposanten Weg des Hip-Hop von einer urbanen Subkultur hin zur dominierenden Kraft der Popmusik will Dustin Breitenwischer, geboren 1983 und seines Zeichens Juniorprofessor für Amerikanistik an der Universität Hamburg, mit seinem Buch „Die Geschichte des Hip-Hop. 111 Alben“ nachzeichnen. Zu den dort besprochenen Alben gehören neben dem Gros englisch-sprachiger Veröffentlichungen Werke aus Frankreich und Deutschland.

Anhand der immensen Quantität kommt den Kriterien, wonach Breitenwischer die Alben für sein Buch auswählte, besondere Bedeutung zu. Neben Alben, die zweifelsfrei zum Genre-Kanon gehören, werden auch einige, selbst für eingefleischte Hip-Hop-Fans eher unbekannte Werke thematisiert, denen der Autor aber herausragende künstlerische Bedeutung zuschreibt.

So befinden sich neben den Genre-Klassikern „Illmatic“ von Nas oder „Aquemini“ von Outkast mit „Let Them Eat Chaos“ von Kae Tempest, „Grief Pedigree“ von Ka oder „Lese Majesty“ von Shabazz Palaces avantgardistische Werke, die nicht jede*r für eine solche Auflistung berücksichtigen würde.

Ein Blick auf das chronologische Verzeichnis der Alben lässt die Vermutung zu, dass Dustin Breitenwischers Hauptinteresse dem US-Rap der 90er-Jahre gilt: Alben aus dieser Epoche sind schließlich überrepräsentiert.

Zweierlei Maß

Bei den kurz gehaltenen Besprechungen offenbart Breitenwischer stets viel Hintergrundwissen und Kompetenz, wobei manche Besprechungen – etwa jene zu Sûpreme NTM – ein wenig zu oberflächlich geraten sind und überzeugende Begründungen, warum nun gerade dieses Album in die illustre Riege aufgenommen wurde, fehlen. Augenscheinlich wird das auch bei der Besprechung von Bushidos „Vom Bordstein bis zur Skyline“, wo der Autor die künstlerische Bedeutung des Albums auf den ausgelösten Schockeffekt beschränkt. Fraglich, ob das alleine zum Status als weiterhin unbestrittene Deutschrap-Blaupause gereicht hätte.

Und dann wäre noch die Sache mit der Moral, die für den Autor einen hohen Stellenwert hat: Exemplarisch dafür die Besprechung von Dr. Dres „The Chronic“, bei der Breitenwischer – berechtigterweise – sein Augenmerk vor allem auf die Misogynie in den Texten legt. Warum er das bei anderen Alben wie „Mystic Stylez“ von Three 6 Mafia unterlässt, ist nicht schlüssig. Auch in Breitenwischers Buch gibt es ein Problem mit den moralischen Maßstäben, und mancherorts hat man das Gefühl, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

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Lücken im Deutschrap

Auffällig sind die Lücken bei der Auswahl der Deutschrap-Alben. Man kann von ihnen halten, was man will, und an kritischen Worten hätte es bei einigen nicht mangeln dürfen – aber das Fehlen eines Kollegahs, der mit seinem Technik-Rap und seiner Inszenierung als Kunstfigur einen Abschnitt der Deutschrap-Geschichte entscheidend geprägt hat, ist schwer nachvollziehbar. Das gilt auch für die ebenfalls nicht erwähnten Yung Hurn und Ufo361, die stellvertretend für verschiedene populäre Strömungen im Deutschrap stehen. Bei all diesen Protagonisten hätte man mindestens einen Longplayer finden können, der für diese Auswahl getaugt hätte. Ebenso erstaunlich ist die Leerstelle beim Jahr 2009: Immerhin wurden in diesem Jahr mit „Versager ohne Zukunft“ von Kamp & Whizz Vienna und „Grau“ von Tua zwei Deutschrap-Klassiker der Neuzeit veröffentlicht, denen heute im Gegensatz zu manch anderen im Buch vertretenen Album der Stempel der Zeitlosigkeit anhaftet.

Schade auch, dass von den Deutschrap-prägenden Female MCs der jüngeren Vergangenheit keine im Buch vertreten ist. Besonders die durch und durch avantgardistische Haiyti, die mit „Montenegro Zero“ ein besprechungswürdiges Album in ihrer Diskografie hat, vermisst man.

Fazit

„Die Geschichte des Hip-Hop“ hat insgesamt den Charakter eines Reiseführers, der eine Vielzahl von Highlights und einige Geheimtipps enthält, aber kein Ersatz dafür ist, die Stadt respektive hier die üppige Vielfalt des Genres selbst zu erkunden. Als erster grober Überblick ist das Buch jedoch gut geeignet – und Breitenwischer gelingt es auch, manch vergessenes Schmuckstück wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Breitenwischer, Dustin (2021): Die Geschichte des Hip-Hop. 111 Alben. Ditzingen: Reclam.