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„Ich bin halt ein Suchtmensch“ // Kamp & Fid Mella Interview

„Ich bin halt ein Suchtmensch“ // Kamp & Fid Mella Interview

Viel Beton und gurrende Tauben umgeben uns an einem der ersten Wiener Sonnentage anno 2022. Zum Interview treffen wir Kamp aber nicht im VOZ-Büro, sondern am Naschmarkt. Ganz in der Nähe des Atelier Kamp, wo er mit seiner Frau Nora – nein, nicht die Nora aus alten Tracks – an konzeptionellen Designs, Grafiken, Illustrationen, Handletterings und mehr arbeitet. 13 Jahre sind seit seinem Debütalbum „Versager Ohne Zukunft“ vergangen. Natürlich hat sich viel getan, klar gibt es viel zu bereden und wenig überraschend ist er bis heute nicht nur gut mit den Wörtaz, sondern mit seinem bildhaften Schreibstil, Wortspielen, Seelenstrips und Selbstreferenzen ein Unikat im deutschsprachigen Rap. Sein zweites Album, vulgo Doppel-EP, „2urück 0hne 2ukunft“, erscheint am Freitag offiziell – und ist in zweiter Vinylauflage noch verfügbar.

Zu Kamps Lebenswandel-Notbremse nach den exzessiven „VOZ“-Zeiten gesellt sich ein neuer Sound, der nicht mehr von Whizz Vienna stammt. Vor gut zehn Jahren auf Mainloop-Beats angefangen, hat Kamp „2urück 0hne 2ukunft“ auf Beats eines anderen Südtiroler Wahlwieners, Fid Mella, aufgenommen. Mit dem Anspruch, einen zweiten Classic zu schaffen, haben sie die Tracks über Jahre reifen lassen. „Ich bin nicht fix davon ausgegangen, dass es rauskommt“, sagt Fid Mella, der bei einem Teil des Interviews anwesend ist. Im Sommer 2021 ging es schnell. Kamp war motiviert, hatte genug Tracks, Skizzen und Geschichten aus dem eigenen Leben gesammelt – und das Album in 72 Stunden aufgenommen.

The Message: Ist der Schreibprozess von „Versager Ohne Zukunft“ und „2urück 0hne 2ukunft“ vergleichbar?
Kamp:
Der war ganz unterschiedlich. Zu „VOZ“-Zeiten hab ich jeden Tag das Rapding gelebt. „VOZ“ war organischer, weil der Schreibprozess Teil meines Tagesablaufs war, weil ich nix zu tun hatte außer zu freestylen und Nummern zu schreiben. Es war mein Lebensinhalt. Beim jetzigen Ding hat es sich auch deshalb solange gezogen, weil das nicht mehr meinem Leben entsprach und ich langweilige Erwachsenendinge zu tun hatte.

„Versager Ohne Zukunft“ ist damals in der „Schlammvilla“ im 13. Bezirk entstanden. Wie ordnest du die Zeit dort heute ein?
Kamp:
Super prägend. Manchmal vermiss ich das total. Aber es gab einen Punkt, wo ich ausziehen musste, weil es mich runtergezogen hat und ich im WG-Leben nicht mehr weiterkam. Jetzt denk ich manchmal wehmütig zurück – mit einem verklärten Blick. Ich war Mittzwanziger, es ist die beste Zeit im Leben. Wir hatten unsere Freiheiten und eine riesen Wohnung mit Garten, die wir abgefuckt haben. Es war die hiphopigste Zeit, wenn ich dieses nicht existente Wort benutzen darf. Es ging um nix, aber es hat sich nach allem angefühlt.

Aber ging es echt um nix?
Niemand von uns hat dieses Rapding in Österreich ernst genommen – jetzt natürlich noch weniger. Es war gefühlt ein Nischending für 500 Personen im ganzen Land. Aber nichts, worauf sich jemand von uns was eingebildet hätte. Wir haben es als das gesehen, was es ist. Als kleines Szenchen mit Leuten, die man sich nicht aussuchen kann und nicht durch die Bank mag. Das „Am Strom“-Festival ist, wenn ich mich richtig erinnere, mit der guten Resonanz auf das „VOZ“-Album einhergegangen. Das hat sich das erste Mal wie ein Schulterklopfer angefühlt, weil auch aus Deutschland Respekt gekommen ist. Daraus ist der Wunsch entstanden, das Österreich-Ding greifbarer, sichtbarer zu machen. Und natürlich, weil man Rückenwind hatte.

Was ist dein Fazit von „Am Strom“, das du zwischen 2009 und 2011 mitorganisiert hast?
Kamp:
Viel Enthusiasmus, wenig Professionalität und viel Dilettantismus. Man hätte es besser machen können. Ich glaube, dass es kein großer Verlust war, als es nach drei Ausgaben nicht mehr stattgefunden hat.

Hätte es was geändert, wenn es professioneller organisiert gewesen wäre?
Kamp:
Vielleicht, wenn es für Sponsoren interessanter geworden wäre. Es konnte nur in absurden Ausmaßen existieren – es spielen 50 kleine heimische Acts und alle verzichten auf viel. Das kann auf Dauer nicht Sinn der Sache sein.

Ihr wart bei den Amadeus Awards nominiert – die „Amadeus Ade“-Tracks erinnern daran. Was hättest du gemacht, wenn ihr wirklich einen Amadeus gewonnen hättet?
Kamp:
Meine Mama stolz! Nein, Ich hätte in einem Wahn von Überheblichkeit und Fick-Alles beim Erhalt des Preises was Beschissenes gemacht. Als Verlierer habe ich mich schon genug aufgeführt. Ich will nicht wissen, wie es als arrogantes Würschtel gewesen wäre.

„Georg Danzer ist mein ultimativer Held“

Gab es danach Berührungspunkte mit Martin Blumenau?
Kamp:
Nein. Ich hab nie einen großen Eklat mit ihm gehabt. Er ist nur für all das gestanden, was ich scheiße an FM4 finde. Diese Pseudo-Intelligenzija der österreichischen Musikszene. Aber alles gut.

Kanntet ihr euch persönlich?
Kamp:
Ich hatte nie großartig Kontakt zu ihm. Nach der Amadeus-Geschichte, wo er uns vorgeworfen hat, dass wir bei der Überreichung des Lebenswerk-Preises Georg Danzer ausgebuht hätten, hat er einen Knopf getriggert. Danzer ist mein ultimativer Held. Das Schlimme ist: Wir waren betrunken, natürlich kann es sein, dass wir etwas gemacht haben, das total absurd war und das nicht so gemeint war (lacht). Er hat es uns am Tag danach öffentlich lang und breit unterstellt. Da ging er mir am Sack.

Was macht Georg Danzer zu deinem ultimativen Helden?
Kamp:
Es gibt Leute, bei denen denkt man: ‚Das sind so gute Menschen‘ – ohne dass man sie kennt. Ich hab das Gefühl, er ist so einer gewesen. Künstlerisch berührt er mich unfassbar. Wenn ich traurig bin, leg ich drei, vier Danzer-Nummern auf und heul mir die Seele aus dem Leib. Das funktioniert seit Jahrzehnten.

Welche Nummern?
Kamp:Loch amoi“ oder „In deine Oam“ zum Beispiel. Ich tu’s mir richtig an. Ich greife immer wieder auf dieses Nagelbrett zurück, weil es bei mir funktioniert. Ich kenne wenige Künstler, die das so auslösen wie der Danzer.

Neben einer Danzer Line gibt es auf „2urück 0hne 2ukunft“ auch eine Ludwig-Hirsch-Referenz. Ist es bei ihm auch so?
Kamp: Er ist gestorben, als ich die Nummer fertig geschrieben hab – in diesem Fünfjahresprozess (lacht). Ich mag ihn sehr, hab ihn aber nicht ansatzweise so gehört wie Georg Danzer. Aber er ist jemand, mit dem ich mich textlich identifizieren kann. Mit diesem Aufmachen.

Wann kam das Interesse für Austropop? War das immer schon da?
Kamp:
Immer schon. Ich bin Austropop-Fan. Ich kann auch Fendrich oder A3 hören, ohne auf eine Coronademo zu gehen (lacht). Ich liebe diesen Pathos. Er darf nicht zu unangenehm sein. Das, was ich noch leiwand finde, finden andere schon richtig peinlich.

Der Herr der Tauben, Kamp. | Fotos: Daniel Shaked

Nach „Versager Ohne Zukunft“ warst du auf dem Track „Meine Stadt“ mit Chakuza, RAF Camora und Nazar vertreten. Wie ist das zustande gekommen? 
Kamp: Nazar hat mich gefragt – hätte er nicht müssen. Es war in meiner Abwärtsspirale. Ich hab mich in Schulden gesoffen. Es waren dann die bestbezahlten acht Takte – heute würde mich die Summe noch beeindrucken. Es waren paar Tausender. Ich hab vorher in meinem Leben keinen Tausender für meine Zeilen gekriegt, auch nie Geld dafür verlangt. Aber ich hab mich davor nie von einer politischen Partei einspannen lassen und würd das nicht mehr machen. Als ich es gemacht hab, wusste ich, dass es falsch ist, aber ich brauchte das Geld. Es war natürlich keine gute Nummer und ich hab in diesem Quartett nüsse Sinn gemacht. Es ist mein Eingeständnis der Käuflichkeit. Sie haben gut gezahlt, ich musste wenig schreiben, es fiel mir leicht und ich schäm mich heute bisschen dafür (lacht).

Du hast auf der Akademie der Bildenden Künste Malerei studiert – in der Klasse von Daniel Richter. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?
Ich ärger mich heute, dass ich es nicht mehr wertgeschätzt hab. Es war immer ein Traum von mir. Ich hab es bei einem beiläufigen Versuch reingeschafft, mich dann aber darauf ausgeruht, dass ich auf der Akademie bin. Ich fand Daniel Richter toll, hab mich in dieser Klasse aber nie zurechtgefunden. Es ist eine lustige Freak-Klasse gewesen, aus der einige illustre Leute hervorgegangen sind.

Wer war dabei? Skero zum Beispiel, oder?
Kamp:
Skero, die Sargnagel Steffi, Christian Rosa und ich glaube Martin Grandits.

Wie war die Beziehung zu diesen Leuten?
Kamp:
Ich hatte zu niemandem eine Beziehung. Ich hab dort auch mit Skero kein Wort gewechselt. Wir haben uns vielleicht am Nachmittag getroffen. Dort waren mir zu viele Selbstdarsteller – gar nicht böse gemeint, ich bin ja auch einer. Aber wenn da so viele Leute sind, die diese Präsenz haben und in ihrem Habitus Alphas sind, lass ich mich zurückfallen. Ich hab keine Lust, damit zu konkurrieren, sondern war der totale Außenseiter.

„Ich musste ständig draußen herumrennen, wahrscheinlich fast psychotisch“

Es gibt ja die Line dazu – hat das mit dem Ziehen dort angefangen?
Kamp:
Ich fand es immer sau whack, wenn Leute auf Koks oder auf Speck waren. Dann hängt man mit Leuten rum, die gefühlt ärger drauf sind als man selbst und wird für gewisse Dinge desensibilisiert. Nicht um mitzuhalten, aber weil sich die eigenen Grenzen und die Wahrnehmung verschieben. So hab ich es mir angewöhnt, aber ich war kein hardcore Konsument. Ich hab in dieser Zeit vollkommen auf mich geschissen und war auf einem abgefuckten Selbstzerstörungstrieb. Trotzdem hedonistisch, genießend. Im Selbstmitleid suhlen und druff sein – eine wunderschöne Sache. Aber eine, auf die ich nicht stolz bin. Es ist kein Glorifizieren, sondern gehört zur Abwärtsspirale, in der ich lange war. Ich war schwer am Stürzen.

Im Deutschrap wird Koks von einigen Akteuren regelrecht glorifiziert. Früher gab es eher den konträren Ansatz.
Kamp:
Blöd gesagt kenn ich Leute, die einen okayen Umgang damit gefunden haben. Wo es mit riesen Abständen funktioniert. Ich funktioniere so nicht – ich bin halt ein totaler Suchtmensch. Es ist lang her, aber der Kater, den ich davontrage, geht in Richtung Suizidgedanken, tagelang ohne Lebenswillen durch die Gegend trotten und alles infrage stellen. Ich müsste sehr, sehr besoffen und auch sonst in einer unzurechnungsfähigen Phase sein, dass ich in meinem Leben nochmal ziehe.

Wie bist du aus dieser Abwärtsspirale rausgekommen?
Kamp: Indem ich so übertrieben hab, dass ich diesen Schritt gehen musste. Es war in der Eskalationsphase nach dem Tod meiner Mutter. Irgendwann kam der Wunsch, zuhause chillen zu können, aber es ging nicht. Ich musste ständig draußen herumrennen, wahrscheinlich fast psychotisch. Ich hab vom einen auf den anderen Tag gesagt: ‚Das war’s. Ich schäm mich für mich‘. Ich hatte den Gedanken: ‚Was würde meine Mama sagen, wenn sie mich so sehen würde?‘ Das daraus resultierende Schamgefühl hat es mir leichter gemacht, für drei Jahre einen kompletten Cut hinzulegen.

Auf „VOZ“ gab es einige Depressions-Lines, die Medikamente Tresleen und Zyprexa kamen vor. Wie hat sich das während deiner Abstinenz entwickelt?
Kamp:
Ich hab in dieser Phase einfach aufgehört, mein damaliges Medikament Tresleen, einen Serotoninblocker, zu nehmen. Wie man es eigentlich nicht tun sollte. In drei Jahren Abstinenz hab ich es nicht vermisst. Anfang 2013 ist gleichzeitig mit dem Urge, wieder mal ein Bierchen trinken zu können, eine langjährige Beziehung in die Brüche gegangen. Mich hat‘s bisschen ausgehängt. Da kam wieder diese Form der Panikattacken, die ich immer wieder erwähne – dass mir quasi die Luft wegbleibt, mit Druckabfall, Hals zuschnüren und so weiter. Die Seufzeratmung – wird echt so genannt. Sie kann zum Gefühl führen, nicht genug Luft in die Lunge zu kriegen. Um das auszugleichen, sieht man Leute wie mich tausendmal am Tag seufzen und gähnen. Das ist wieder voll dagewesen. Dieses ständige Gefühl kann dich in den Wahnsinn treiben, an mehreren Tagen in Folge zu Panikattacken führen.

Du hast vom einen auf den anderen Tag aufgehört zu trinken. Ein kalter Entzug.
Kamp: Ja, da geht es einem halt paar Tage lang scheiße.

Aber es braucht dafür eine enorme Willensstärke.
Kamp: Vielleicht glaubt man es nicht, aber ich bin ein sehr willensstarker Mensch. Ich will halt oft nicht (lacht). Ich bin nach wie vor ein Volltrottel. Aber ein gereifter, vernünftigerer Volltrottel und ich denk das ist gut so.

Du hast dann Rap ad acta gelegt, um einen geregelten Alltag als Schuhverkäufer/-einkäufer zu haben. Mittlerweile hast du das Sneakergame weitgehend verlassen, machst im Atelier Kamp eigene Projekte. Ist das geregelte Leben, das glücklich macht, eine Illusion?
Kamp:
Erstmal ist das auch so. Ich hab mich nach einem vernünftigen Erwachsenenleben und Sicherheit gesehnt. Aber wenn man die Tiefen rausnimmt, nimmt man auch die Höhen. Irgendwann hat es in mir zu pochen begonnen und der Gedanke, dass es doch nicht meins ist, ist immer stärker geworden. Sneakerkollaborationen haben mir am Anfang eine Befriedigung gegeben, weil ich in dieser Konformität bisschen kreativ sein konnte. Nach der dritten Kollabo war diese Befriedigung weg. Ich hatte gleichzeitig mit einer Tochter, die vier Jahre alt ist wieder Zeit, nachzudenken und zu reflektieren. Es hat sich gefügt und richtig angefühlt. Dinge, die ich textlich vor mir hergeschoben hab, sind effortless zusammengekommen. Dann ist es die Platte geworden – aber jetzt befriedigt die mich auch nicht (lacht). Ich jag nach wie vor dieser Befriedigung hinterher.

Zum Glück kann Kamp den Schnabel nicht halten.

Die Tracks auf „2urück 0hne 2ukunft“ sind skizzenhaft und chronologisch, kürzer als früher. Sie erinnern an Tagebuch-Einträge. Wie bewusst ist das?
Kamp:
Es gab die Idee, dass es kurze Nummern sind. Als ich das Album begonnen hab, hab ich viel „The Ecstatic“ von Mos Def gehört. Ein unfassbar gutes Album. Es ist kurzweilig, das wollte ich bei meinem zweiten Album – oder Doppel-EP – auch haben.

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Gab es ein richtiges Tagebuch?
Kamp:
Ja, aber es war sehr lose gepflegt. Es existiert nicht in Buchform, aber in unzähligen Schmierzetteln. Wir mussten selbst bei kleinsten Verschiebungen diskutieren. Es gab auch viele Lücken, wo es erst später Sinn gemacht hat, sie zu füllen.

„Circa so viel wie die Platte gekostet hat, hat mir ein Schadensersatz für Körperverletzung eingebracht“

Du setzt viel auf Insider, Referenzen und Lokalkolorit – es ist nicht immer leicht, alles nachzuvollziehen. Trotzdem kommst du etwa auch in Deutschland gut an. Wie erklärst du dir das?
Kamp: Ich liebe Referenzen und Querverweise, Sachen zu verschachteln und zu verstecken. Diesen von Fler so gehassten Kreuzworträtselrap. Ich find Ostereier, die man streut geil. Ich versteh nicht, warum es in Deutschland überhaupt jemanden interessiert. Wir haben auf die Singles tolles Feedback von etablierten Leuten bekommen, mit denen wir eigentlich nichts zu tun haben. Es macht demütig, aber ich versteh‘s nicht (lacht).  

Was hat es mit der Produktionskostenzuschuss-Line auf sich?
Kamp:
Circa so viel wie die Platte gekostet hat, hat mir ein Schadensersatz für Körperverletzung eingebracht. Von zwei Gabbas, die mich in der Operngasse grundlos getögelt haben. Mit Netzhautriss, die haben am Boden liegend mit meinem Kopf gedribbelt. Das muss schon zehn Jahre her sein. Ich bin jetzt nicht einen Monat im Koma gelegen, aber die haben mich echt getögelt – und ich übertreibe natürlich.

Hast du ihnen vorher was gesagt?
Kamp: Ich hab sicher was gesagt, aber war in einem peacigen Mood, bei denen hat aber grad was eingekickt oder so (lacht). Die sind in einem Hauseingang gestanden, haben bei wem auch immer geläutet und sind nicht reingekommen. Ich war beim Zigarettenautomaten daneben und hab kurz Konversation betrieben – dann leider nicht mehr.

Du rappst, dass mit Whizz alles in Ordnung ist, aber er 2014 bei einem Unfall gestorben ist. Beziehst du dich auf die Wohnungsexplosion?
Kamp:
Ja. In Folge dessen gab es eine Phase, wo ich nicht mit ihm konnte. Es hat sich gefügt, als die Platte abgegeben war. Mella hat gesagt: ‚Du bist so ein Arschloch, es ist gemein, was du da sagst. Ist das notwendig?‘ Ich hab darauf bestanden und das mit dem Ölee (Whizz Vienna, Anm.) besprochen – es ist ja keine schlimme Zeile. Er findet sie halt whack gerappt. Ölee hätte das besser gerappt. Er ist seitdem ein anderer Mensch, wie wir alle im Lauf der Zeit andere Menschen werden. Es wirkt, als wäre es akkordiert gewesen, aber es ergibt sich mit den Releases (Whizz Vienna hat im Februar das Album „The Souloist“ veröffentlicht, Anm.).

Mit Kurd.Y ist ein alter Bekannter von dir als einziger Featuregast oben. Was verbindet dich mit ihm?
Kamp:
Aras (Kurd.Y, Anm.) ist mein ältester und bester Freund. Ich fand es whack von mir, dass ich ihm, obwohl er länger rappt als ich und ich seine Sachen immer leiwand fand, nie einen Platz auf einer Platte anbieten konnte. Es hat nie viel Sinn gemacht mit dem German-English-Rap, aber bei „Dapigens“ hat es gepasst. Es ist Aras‘ und mein Leben gewesen, auf Stufen im öffentlichen Raum zu hocken, Tauben anzuschauen und zu trinken oder Schach zu spielen. Aras gehört zu dieser Nummer und zu den Taubenreferenzen. Wir waren dreckige, räudige Wesen im öffentlichen Raum. Ich hatte die ganze Zeit das Jeru-the-Damaja-artige „Da Bichez“ im Kopf, er hat es perfekt umgesetzt.

Der Beat sticht raus, weil er so sphärisch ist.
Kamp:
Es gab einen anderen nervigen Beat dafür.
Fid Mella: Ich war nicht happy, hab was Besseres gesucht und den Beat auf den letzten Metern ausgetauscht.

Was ist der älteste Beat am Album?
Fid Mella:
Einer der ältesten, die wir recordet haben war „Heim“. Alle Beats sind alt – auch der, der ausgetauscht wurde. Ich hab keinen neuen Beat gemacht.
Kamp: Effortless (lacht). Die Version, die auf dem Album ist, ist durch viele Beats und Modifikationsschleifen gegangen. Es ist nicht derselbe Text, aber einen Teil davon gab’s schon in einem Juice-Videoformat von 2009 oder so.

„Leuchtende Tage“ sticht auch raus. Wegen der schweren Thematik – und des Beats.
Fid Mella:
Das war aus Producer-Sicht der komplizierteste Track. Es gab einige Versionen, auch eine mit Wandl. Zum Schluss haben wir geswitcht und Wandl rausgehaut. Kamp hat ein Sample gebracht, das seiner Mutter gefallen hat. Ich war mir nicht sicher, aber bin jetzt sehr happy damit. Es nimmt dieser melancholischen Atmosphäre bisschen das Drama der Trauer. Wenn man lange getrauert hat, wird eine Trauer ein wenig „normaler“. Ich glaube, dass der Track das mit diesem Beat gut ausdrückt.

Glaubst du, dass sich andere Leute darin wiederfinden? Es gibt ja Leute, die es nicht so hart getroffen hat.
Kamp:
Sicher. Aber ich würde mich nicht zu den Leuten zählen, die es hart getroffen hat. Ich bin sehr wehleidig. Es ist in einem Moment wie diesem sehr weinerlich. Auf der anderen Seite ist es Rap, du bist der Main Character und ich bin das in meinem Film. Wenn es dich kaputtmacht oder zerreißt, ist es so. Auch wenn es andere Leute schlimmer trifft. In dieser Zeit sollte man eigentlich demütig sein und nicht unbedingt mit dem bisschen eigenen Leid hausieren gehen. Aber mit meiner Mama ist der wichtigste Mensch meines Lebens zu früh gegangen. Dieser Schmerz und diese Trauer verändern sich und durch viele Stadien, jetzt lebe ich damit, aber es ist trotzdem ein täglicher Gedanke. Das können sicher viele Leute nachvollziehen.

Eine Deluxe-Version des Interviews mit einigen zusätzlichen Fragen und Fotos erscheint demnächst in einer limitierten Druckauflage. Mehr Infos folgen in Bälde.