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Tausendsassa im Hintergrund // Mirac Interview

Tausendsassa im Hintergrund // Mirac Interview

Früher auch als Rapper aktiv, fokussiert sich Mirac mittlerweile auf andere Arbeiten im Studio. Beim Label Duzz Down San verwurzelt, ist der Wahlwiener etwa Produzent für die Sängerin Faces, im Duo Vorsicht mit Sebasi808 versorgt er diverse Rapper*innen mit Beats. Bei anderen Projekten wie „Lift“ von Kinetical & P.tah übernimmt er das Engineering, um bei den Aufnahmen die letzten Feinheiten herauszukitzeln. Eine Aufgabe, die auch dank seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Sounddesigner – der 2017 und 2019 den Österreichischen Filmpreis für die beste Tongestaltung gewinnen konnte – auf ihn zugeschnitten ist.

Im Interview erzählt Mirac unter anderem über das vorläufige Ende seiner Rap-Laufbahn, seinen Arbeitsalltag zwischen Serien wie Tatort oder Vorstadtweiber und Produktionen für Rapper*innen/Sänger*innen, wie die beiden Felder voneinander profitieren, wie er die Bedeutung von Sounddesign im Rap einschätzt und was in naher Zukunft mit Vorsicht geplant ist.

Interview: Simon Nowak & Lisa Lubena
Fotos: Florian Lichtenberger

The Message: Du warst einige Jahre parallel als Rapper und Produzent aktiv. 2015 herum hast du mit dem Rappen aufgehört. Was war der Auslöser?
Mirac:
Ich habe nicht mehr so Bock aufs Rappen gehabt. Ich habe es schon mehr als Instrument gesehen und meine Stimme eher rhythmisch eingesetzt. Ich war auch nie der oage Poet oder der Typ, der sich in den Vordergrund drängt und gerne auf der Bühne steht. Es hat sich herauskristallisiert, dass ich lieber im Studio produziere und die Fäden im Hintergrund ziehe. Das Texten hat sich irgendwann nach Hausaufgaben angefühlt, aber Beats machen hat mir immer Spaß gemacht.

Auf YouTube wurdest du bei alten Tracks mitunter als Möchtegern-Def-Ill bezeichnet. Wie hast du Kommentare dieser Art aufgefasst?
Mir war das völlig egal. Hater hat es immer gegeben. Das gehört glaube ich dazu, wenn man rappt. Man steht immer in diesem Konkurrenzkampf und es gibt Leute, die sagen: ‚Du machst des und des foisch, du bist schlecht‘. Ich habe es ziemlich lächerlich gefunden, dass sich die Leute in diesem Rapgame so anfeinden und jeder ein Stück von dem Kuchen haben möchte, den es in Österreich ohnehin nicht gibt. Diese Vergleiche – auch dass „Alaba“ nach „Herbert Prohaska“ klingt –, es sind halt Einflüsse. Mit Def Ill bin ich aufgewachsen. Er hat mir damals gezeigt, wie man Raps aufnimmt, ich habe viel von ihm gelernt und bin bis heute dankbar. Sicher klingt man dann ein bisschen nach ihm. Dann hängt man mit anderen Leuten oder lässt sich von anderen inspirieren. Ich denke als Künstler muss man seinen Weg einfach gehen und braucht sich von keinem was sagen lassen.

Was denkst du, wenn du heute die „Was willst du Tun, Fisch?“-EP mit Tracks wie „WBH“ oder „Cornflakes“ hörst?
Ich finde sie immer noch lustig und dope. Das war ein cooler Lebensabschnitt, ich denke sehr gerne an die Zeit zurück.

„Ich konnte mit diesem Keep-it-real-Ding nichts mehr anfangen“

War es eine Phase, in der du dich vom HipHop-Denken und den Begrifflichkeiten entfernt hast?
Ja, vielleicht. Gerade mit diesem Keep-it-real-Ding konnte ich nichts mehr anfangen. Ich bin ja in Linz mit HipHop sozialisiert worden. Das war eine sehr inspirierende Zeit mit Kapu-Jams und dem Tonträger Records-Umfeld. Dort wurde „Realness“ ganz groß geschrieben, aber sonst nicht viel zugelassen. Ich denke diese Art der Verweigerung und Ignoranz hat dem Linzer Rap-Nachwuchs sehr geschadet. Mir ist das irgendwann zu viel geworden und ich hab dann eher den Dadaismus-Weg eingeschlagen. (lacht) 

Inwieweit siehst du dich heute noch in einer HipHop-Position?
Ich weiß nicht. Inhaltlich geben eh die Rapper vor, ob sie Conscious-Rap, Spaß-Rap oder Gangsta-Rap machen wollen. In der Position des Produzenten ist es meine Aufgabe, die Stärken und Schwächen des Künstlers/der Künstlerin zu erkennen und sie dabei zu unterstützen. Ich gebe keine Richtung vor, aber ich sage zum Beispiel: ‚Das was du sagst kommt nicht rüber‘ oder ‚die Punchline ist nicht auf den Punkt gebracht, die wird keiner checken‘. Ich betrachte die Musik vielleicht aus einem anderen Blickwinkel, wenn sie im Studio bei mir aufnehmen. Da sehe ich es als meine Rolle, ihnen zu sagen: ‚Du verzettelst dich‘ oder ‚du denkst zu verkopft‘. Ein bisschen als das Bindeglied zwischen Künstler*innen und Hörer*innen.

Mirac

Du bist hauptberuflich als Sounddesigner aktiv. Wie bist du da reingewachsen?
Mich haben große Studios immer begeistert. Ich habe Tontechnik studiert und wollte im Studio arbeiten. In erster Linie natürlich für Musiksachen. Ich habe dann in Musikstudios gearbeitet, aber es war nicht so mein Ding. Du machst Musik für andere, die du selber nicht so fühlst. Ich habe dann die Chance bekommen, die Tongestaltung für Filme zu machen. Das ist ein sehr cooler und kreativer Beruf.

Das muss aber schon früh passiert sein – du hast mit Anfang 20 das Sounddesign für erste Spielfilme und Tatort-Folgen übernommen.
Ja, es ist ziemlich schnell gegangen. Ich hab mich von Projekt zu Projekt gehantelt und die Resonanz war sehr positiv. Der erste große Kinofilm war 2011 „One Way Trip 3D“ – ein Schweizer Horror-Slasher. Damals war ich 22.

Den haben die Tatort-Verantwortlichen gesehen und gesagt: ‚Passt, den Sounddesigner nehm‘ ma‘?
(lacht) Na, du bist dann halt in einem Team. Wenn das gut läuft, kriegst du den nächsten Auftrag und so weiter. Mittlerweile habe ich zwei Mal den Österreichischen Filmpreis für die beste Tongestaltung gewonnen. Momentan arbeite ich an den Vorstadtweibern, da durfte ich in der letzten Staffel auch ein paar Beats beisteuern und wurde zufälligerweise auch als Rap-Coach für Laurence Rupp engagiert.

Was hörst du raus, was wir nicht hören, wenn die Audiospuren vor dir liegen?
Sehr viel glaub‘ ich (lacht). Was Musik betrifft, hast du im Kopf alle Einzelspuren vor dir. Dadurch, dass ich im Schnitt 10 bis 12 Stunden pro Tag im Studio bin und mich mit Sound beschäftige, höre ich viel – und du lernst jeden Tag dazu. Vor zehn Jahren habe ich gedacht, dass die Filme eh alle gut klingen und alles was man im Fernsehen hört einen hohen Qualitätsstandard hat. Mittlerweile bin ich so in der Materie drinnen dass ich sagen kann: ‚Die Synchronisation ist schlecht‘, ‚Der Dialog ist nicht sauber‘ oder ‚Die Musik ist komisch gemischt‘. Das hat natürlich seine schlechten Seiten. Ich versuche dann auch als Konsument nicht zu kritisch zu sein.

Du hockst dann den halben Tag vor Mischpulten und Audioreglern? Oder wie kann man sich den Arbeitsalltag vorstellen?
Meistens arbeite ich tagsüber an Filmen oder Serien, bin kurz daheim und gegen Abend ist Musik am Start. Es sind zwei verschiedene Welten.

Inwieweit profitieren sie voneinander?
Ich glaube schon sehr. Wenn ich die Tongestaltung für einen Film mache, kommen mir haufenweise ungewöhnliche Sounds unter. Du suchst nach einem bestimmten Soundeffekt und dabei kommen dir fünf andere Sounds dazwischen, wo du dir denkst: ‚Das könnte gut für einen Beat passen‘. Das haue ich in einen Ordner – und bastle am Abend einen Beat daraus. Genauso ist es umgekehrt. Wenn mir beim Produzieren oage Atmosphären unterkommen, speichere ich sie ab und verwende sie im Filmbereich. Ich glaube ich kann als Sounddesigner von meinem musikalischen Background profitieren. Weil ich viele Tricks vom Produzieren, Mischen und Aufnehmen kenne, die vielleicht andere Sounddesigner nicht kennen.

„Ich habe ein sehr kritisches Verhältnis zur Musik“

Bei „Lift“ von Kinetical & P.tah hast du die Aufnahmen als Engineer begleitet, auch Beats von anderen Produzenten ergänzt. Wie war da der Ablauf?
Es ist natürlich eine ganz andere Arbeit. Das hat für mich mit der Recording Session begonnen. Bei den Produktionen, bei denen ich nicht involviert war, sind sie mit Beats gekommen und wir haben recordet. Dann habe ich alleine an den Tracks gefeilt, geschnitten, gemischt, effektiert und am Ende haben wir wieder gemeinsam daran getweakt. Bei manchen Produzenten hatten wir die Einzelspuren oder Stems, bei anderen sogar nur ein Stereofile. Mein Hauptfokus ist aber auf der Vocal-Production gelegen.

Hast du ihnen viel reingeredet?
Ja. Ich glaube, das schätzen sie auch sehr. Eigentlich alle Rapper, die bei mir aufnehmen. Wo ein Recording-Engineer ‚passt, passt – weiter‘ sagt, kann ich durch meine Rap-Vergangenheit schnell Input geben: ‚Lass das Wort aus und sag es da‘, oder ‚zieh das länger‘ oder ‚geh da nach oben.‘ Das macht bei einem Rapsong viel aus. Ich glaube viele solche Kleinigkeiten haben das Album nochmal aufgewertet.

Ist Sounddesign im Rap-Bereich generell eine unterschätzte Sparte?
Ich kann das schwer beurteilen. Ich find’s spannend zum Anhören, wenn coole Effekte dabei sind. Ich glaube, dass vieles im Unterbewusstsein passiert. Bei einem Verse mit vielen Effektspielereien denkt der normale Hörer vielleicht nicht: ‚Wow, da ist der Schmäh und der Effekt drauf‘, sondern er wird einfach mehr entertaint. Vielleicht findet er den Track dann insgesamt besser und gibt ihn in seine Playlist. Ist nur eine Theorie. Aber ich glaub es ist generell so in der Musik, wie auch im Filmton – da eigentlich noch stärker: Du kannst einen Song haben, bei dem dir die Stimme oag ins Gesicht presst, weil es so gemischt ist. Du denkst dir vielleicht am Anfang: ‚Geil, fetter Rap, der fährt voll in die Fresse.‘ Aber nach zwei Minuten bist du so ermüdet von der Stimme, dass du es nicht mehr hören willst. Du nimmst das als Hörer nicht wahr, es passiert unterbewusst. 

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Glaubst du hast du ein gesundes Verhältnis zur Musik?
(lacht) Glaubst du ich hab ein ungesundes Verhältnis zur Musik?

(lacht) Ich frag ja nur.
Ich habe sicher ein sehr kritisches Verhältnis zur Musik. Aber generell glaube ich schon ein gesundes. Bei mir gibt es Phasen, wo ich sehr viel Input brauche und mir viel Inspiration aus der Musik hole. Dann gibt’s Phasen, wo ich mich nur auf mein eigenes Ding konzentriere und wenig Input zulasse. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Aber generell gibt mir Musik schon sehr viel. Ich bin jetzt kein Musikhater oder so.

„Ich habe noch nie so viele Beats wie im vergangenen Jahr gemacht“

Kürzlich hast du mit Sebasi808 das Projekt Vorsicht gestartet. Regelmäßig erscheinen Tracks mit österreichischen Artists, zuletzt „Zölibat“ mit Heinrich Himalaya. Wie ist das Projekt entstanden?
Wir haben uns im Clubbduzz (Monatliche Label-Clubnacht von Duzz Down San vor Beginn der Pandemie, Anm. d. R.) im Celeste kennengelernt und sind draufgekommen, dass wir einen Monat davor auf dem gleichen Festival in St. Pölten aufgelegt haben – und ziemlich das gleiche gespielt haben. Wir haben gesagt: ‚Ok, machen wir mal eine Session‘. Am Anfang wollten wir was Neues ausprobieren, weil wir beide davor hauptsächlich HipHop produziert hatten, aber mehr in die House-Elektro-Richtung eintauchen wollten. Das haben wir für paar Produktionen gemacht, jetzt sind wir aber wieder zurück zum HipHop- und Trap-Sound.

Warum?
Ich weiß nicht. Ich brauche generell die Abwechslung. Es ist auch sehr aufwendig, House zu produzieren. Du arbeitest ewig an einem Track, das ist ermüdend. Wir haben Bock darauf gehabt, schnell Sachen rauszuschießen. Also artist-friendly Beats, wo noch jemand drüber rappen kann.

Mirac

Wie kann man sich eure Zusammenarbeit und die Rollenaufteilung beim Produzieren vorstellen?
Wir haben ganz unterschiedliche Backgrounds. Er ist Instrumentalist, hat Jazzgitarre studiert und ist der volle Freak in einer Welt, von der ich absolut keine Ahnung habe. Er hat die Musiktheorie intus, ich die Tontechnik. So ergänzen wir uns ganz gut. Es ist ein natürliches Hin und Her – sich gegenseitig den Ball zuwerfen, rechtzeitig stoppen wenn man sich verkopft und bremsen, weil wir manchmal sehr experimentell unterwegs sind. Dann sagt der andere: ‚Pass auf – da sollte noch wer drüber rappen können, das ist zu kompliziert.‘ Wir pushen uns gegenseitig, was den Output betrifft. Ich habe noch nie so viele Beats gemacht wie im vergangenem Jahr.

Und das Produzieren selbst?
Wir produzieren gerade viel alleine, treffen uns erst im fortgeschrittenen Stadium und feilen daran. Ganz am Anfang war’s so: Wir treffen uns – Beats, Beats, Beats, zack, zack, zack. Momentan haben wir viele Recording Sessions, Mixing Sessions, Sessions wo du arrangierst und vielleicht noch eine Session für Promovideos oder Fotos. Die ganze Arbeit, die dazukommt, wenn man releast, bremst natürlich. Aber wir geben unser Bestes. Jetzt ziehen wir es mal durch mit einem Release pro Monat.

Nervt euch die Arbeit, die zusätzlich anfällt?
Mich schon (lacht). Mir wär’s lieber ich hätte einen Manager, der sich um alles kümmert, die ganze Promo-, Social-Media-Arbeit und Kommunikation macht. Ich würde nur ins Studio gehen und Beats machen, das wär mir eigentlich das Allerliebste. Das Arbeiten mit den Künstler*innen und Rapper*innen mag ich schon sehr gern, dieser Austausch ist ja noch Teil der kreativen Arbeit. Aber meine eigentliche Rolle hört auf, wenn ich den fertigen Mix abgebe. Dann könnte gerne wer anderer übernehmen.

Was sind eure Pläne? Wo seht ihr euch in den nächsten Jahren?
(lacht) Ganz oben im Business. Naja, wo sollen wir uns sehen? Wir haben jetzt als Startschuss viel mit österreichischen Künstler*innen gemacht. Wir sind gerade dabei, das nächste Beatpack abzuschließen. Mit dem wollen wir auch vermehrt internationale Artists erreichen.