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Liebe ist alles: Nneka mit „Love Supreme“ // Review

Liebe ist alles: Nneka mit „Love Supreme“ // Review

In den vergangenen Jahren ist es musikalisch ruhig um Nneka geworden. Das zeigt ihre Diskografie: Zwischen ihrem fünften, 2015 erschienenen Solo-Album „My Fairy Tales“ und ihrem jüngsten Werk „Love Supreme“ befindet sich eine Lücke von sieben Jahren. Die Musik hat die in Nigeria geborene und in Hamburg lebende Sängerin in dieser Zeit aber nicht ad acta gelegt. Im Gegenteil: Ganze vier Alben habe sie in diesen Jahren geschrieben, so die Sängerin im Interview mit Mopop. Allerdings hätten Label-Querelen eine Veröffentlichung ihrer musikalischen Arbeit verhindert.

Mit „Love Supreme“ schaffte eines dieser vier Alben im Februar 2022 dann doch den Weg an die Öffentlichkeit – via Nnekas eigenem Independent-Label Bushqueen Music. „Love Supreme“ ist das Produkt von zwei Lockdown-Jahren, in denen sich Nneka intensiv mit Meditation, Yoga und der Malerei beschäftigte: Tätigkeiten, die hinter dem Kreativprozess zu „Love Supreme“ stehen.

Sound-Vielfalt und melancholischer Sanftmut

Verglichen mit „My Fairy Tales“, das eindeutig im Reggae und Afro-Beat beheimatet ist, fällt „Love Supreme“ vielfältiger im Sound aus: Auf dem Album, dessen Titel eine Hommage an die Jazzmusikerin Alice Coltrane ist, sind Abzweigungen in Richtung TripHop, HipHop, Electronica oder Jazz zu hören.

So ist der politischste Track des Albums, das funkig-freche „Yansh“, eine muntere HipHop-Jazz-Mischung. Auf dem spirituell-relaxten „Yahweh“ kommt reichlich Autotune zum Einsatz, während „About Guilt“ und der Titel-Track TripHop-Assoziationen wecken. Die moderne Neo-Soul-Ballade „With You“ vereint hingegen zarte Piano-Akkorde mit dezenten Drums, ein Hi-Hat-Gewitter mimt hier den Höhepunkt des progressiven Instrumentals.

Nneka-typisch sind der hypnotische Afro-Beat-Song „Buckle Up“, der Reggae-Gospel-Song „Maya“ oder der hoffnungsvolle Uptempo-Track „This Life“. Für den Sound zu „Love Supreme“ arbeitete Nneka ein weiteres Mal mit DJ Farhot zusammen. Auch der Deutschrap-erprobte UNIK gehört zu den Produzenten, die am Album beteiligt waren. Sie alle schmiedeten einen detailverliebten musikalischen Rahmen, der Nnekas melancholisch-sanftmütige Stimme umgibt.

Liebe und Spiritualität

Textlich ist die Liebe in all ihren Facetten und Gefühlsebenen ein zentrales Thema auf „Love Supreme“. Songs wie das sehnsuchtsvolle „With You“ mit Zeilen wie „Sometimes I don’t know how to explain my mind/But I know that I can always call on you“ oder das berührende „Walk Away“, ein Manifest tiefer emotionaler Verbundenheit, spielen sich im zwischenmenschlichen Beziehungskosmos ab.

Dort ist auch „Tea?“ angesiedelt, wobei sich hier die Konstellation anders darstellt: Der Song handelt von der Sehnsucht, Differenzen nach Ende einer Partnerschaft zu klären – und zwar bei einer Tasse Tee. Nneka setzt sich auf „Love Supreme“ schließlich auch mit (Selbst-)Heilung, Vertrauen und Vergebung auseinander.

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Andere, bei ihr davon nicht zu trennende Sujets sind Religiosität und Spiritualität, denen sich Nneka unter anderem auf „God’s Love“, „Maya“ oder „This Life“ widmet: „Your God is not dead/Give you life in death“, heißt es etwa in „This Life“. Nneka singt dabei stets mit einer Hingabe und Entschlossenheit, die keinerlei Zweifel daran aufkommen lassen, wie sehr sie sich mit ihren Texten identifiziert. „Musik ist Gott und Liebe für mich. Sie ist mein Hilfsmittel, dieser Welt ab und an zu entfliehen“, erzählte sie der tz 2011. Daran hat sich nichts geändert.

Will man einen negativen Aspekt auf dem Album finden, dann liegt dieser im Fehlen eines alles überragenden „Hits“, wie es „Heartbeat“ auf ihrem Album „No Longer at Ease“ anno 2008 war. „Love Supreme“ hat zwar ein dickes Bündel an hervorragenden Songs, die durchaus Ohrwurm-Charakter haben – „With You“, „Love Supreme“ oder „Tea?“ seien hier genannt – aber das sind allesamt Songs, bei denen man sich schwer einen ähnlichen Impact vorstellen kann wie bei „Heartbeat“; der wurde immerhin für Tracks von Rita Ora und Prä-Weltstar Drake gesampelt. Dieser Umstand wirkt sich aber keineswegs negativ auf die Gesamtqualität des Albums aus: Nneka hat mit ihrem neuen Album wieder ein Stück Musik kreiert, das sich unweigerlich seinen Weg ins Hirn und Herz des Hörenden sucht und dort für lange Zeit bleibt.  

Fazit

Nnekas sechstes Album steht im Zeichen der Liebe, der Spiritualität, der Hoffnung. Ihre Texte und Performance strotzen vor Persönlichkeit und Authentizität – egal, ob sie sich dem Hörenden gegenüber selbstbewusst, sehnsuchtsvoll, nachdenklich oder verletzlich präsentiert. Auch dank der ausgeklügelten und vielschichtigen Instrumentals ist „Love Supreme“ ein hörenswertes Werk einer Künstlerin, die ihre innere Mitte gefunden hat.

4 von 5 Ananas