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Austro Round-up // Juli 2020

Austro Round-up // Juli 2020

BIBIZA PRESSEFOTO 1
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Im Rahmen eines Interviews haben wir kürzlich über das neue Album von Kayo berichtet. Dass im Juli auch abseits davon jede Menge passiert ist, unterstreicht unser Monatsrückblick, den wir ausschließlich mit Releases befüllen konnten. Selbstverständlich haben wir die „Austro Round-up“-Playlist auch darüber hinaus wieder um einige weitere Singles ergänzt.

Text: Simon Nowak & Mira Schneidereit
Titelbild: Bibiza | Grounded High

Die Vamummtn 2.0 – M.A.D.

Im März mit der Quarantäne-Single „Vo daham aus“ erstmals angekündigt, startet für Die Vamummtn mit dem Ende Juli erschienenen Album endgültig eine neue Ära. Davon zeugt auch der Namenszusatz 2.0. Die größte Änderung? Mit Moz haben sie einen alten Slangsta-Kollegen ins Boot geholt, der Zwara ersetzt – macht also Moz, Ansa und Dreia, was sich leicht zu einem Albumtitel verwerten lässt. Nach zwischenzeitlicher Auflösung stellt „M.A.D.“ also die Rückkehr der Crew auf die österreichische Rap-Bildfläche dar. Am Album bleiben sie ihrem Stil weitgehend treu, auch wenn sie im „Intro 2.0“ betonen., „zruck aus da Zukunft“ zu sein. Die Album-Tracks bieten Mundartrap auf Oldschool-lastigen Beats, viel Representer-Attitüde und Lobgesänge aufs Feiern. Das Kernthema des Albums ist, dass die Vamummtn eben wieder da sind. Wenig verwunderlich, nachdem das bis dato letzte gemeinsame Album knapp zehn Jahre am Buckel hat. Viel Neues hat „M.A.D.“ letztlich trotz der Umbesetzung nicht zu bieten. Das mag für manche enttäuschend sein, für alteingesessene Fans aber wahrscheinlich genau das Richtige. Und diese sind sowieso die Hauptzielgruppe, nachdem die Zeiten der Vamus-Hypes schon lange zurückliegen. Aber das Drumherum scheint den Protagonisten eigentlich eh ziemlich wurscht zu sein. So heißt es auf „Basey“ etwa: „Es ist egal was die Leute heut von uns halten, Baby / Es ist egal was die immer von uns wollten“.

Bibiza – Caddy EP

Die intendierte Entwicklung vom Mariahilfer Untergrund-Tipp zum relevanten Interpret in Deutschrap-Gefilden mag noch nicht abgeschlossen sein, doch der eingeschlagene Weg erscheint vielversprechend. Denn Bibiza liefert konstant Solo-Output mit frischem, eingängigen Sound fernab von 0815-Konservenklängen. Auf das Anfang 2020 erschienene Mixtape „Bis Dato“ und die Mini-EP „Tourbus“ folgte kürzlich die „Caddy“-EP, zur Gänze produziert von prodbypengg. Im Vergleich zu den Vorgängern haben die sechs neuen Tracks einen deutlich smootheren Grundvibe, wobei Bibiza sich inhaltlich treu bleibt. So wechseln sich Representer-Lines mit Auszügen aus dem umtriebigen Leben eines 20-Jährigen ab – zwischen geschmiedeten Rap-Karriereplänen, verklatschten Tagen und zweisamen Momenten. Gewohnt sauber gerappt, mit viel Stimmpräsenz und zwischendrin immer wieder mit reflektierten Textpassagen ausgestattet, sind die Tracks trotz der altbekannten Themenfelder unterhaltsam. Als einziger Featuregast unterstützt Mavi Phoenix bei der Videosingle „?! (get hyped)“.

Kreiml & Samurai x Katharsis – Kurzarbeit EP

Nachdem Kreiml & Samurai im März ihre „Zruck in die Zua-Kunft“-Tour vor dem Finale im Wiener Gasometer abbrechen mussten, haben sie sich quasi in Kurzarbeit begeben – und der Tachinierer-Attitüde zum Trotz ihr hohes Produktivitätslevel gehalten. Innerhalb weniger Wochen ist mit den Katharsis-Buam DRK & Digga Mindz eine Zwischendurch-EP entstanden, die sie mit Ausnahme des Intros zur Gänze in Form von Street- und Homevideos visualisiert haben. Auf den fünf von Digga Mindz produzierten Tracks nimmt das Honigdachs-Quartett immer wieder Bezug auf die aktuelle Lage und das Post-Lockdown-Prekariat, auf einen Mix aus angriffslustigen Lines und Schmunzlern wie „Hau di über d’Heisa wie a Dachdecker-Prügelei“ haben sie aber nicht verzichtet. Als Rapper sticht DRK erwartungsgemäß am meisten hervor, präsentiert sich dabei weniger brachial und inhaltsbetonter als gewohnt. Insgesamt sorgen die vier Labelkollegen und zwei Crews für ein stimmiges Gesamtprodukt, da sich der Umstand der Kurzarbeit an den einzelnen Tracks nur bedingt bemerkbar macht.  

Al Pone – Sin EP

Moderne Beats statt Boombap, solo statt mit Spello – Die „Sin EP“ geht für Al Pone mit einigen Neuerungen einher. Zumindest was seine Veröffentlichungen betrifft. Denn gleich im Introtrack rappt der Grazer: ‚Hab schon vor Jahren solche Beats hier zerfetzt, nur das Release dann verpennt‘. Die sechs Tracks sind aber bis auf vereinzelte Textfetzen komplett in der Coronazeit entstanden, als Al Pone zur Abwechslung vom Playstation-Süchteln einige Sessions mit dem Produzenten grapejuice eingelegt hat. Wie der Titel – rückwärts gelesen übrigens eine indireke Anknüpfung ans Coverbild von „Tussastop“ – andeutet, nimmt Al Pone auf den gemeinsamen Tracks sowie einer von Phat Suspekt produzierten Nummer auf einige seiner alltäglichen Sünden Bezug. Dabei bringt er sein Selbstverständnis als Taugenichts, Tachinierer und Polytoxikomane zur Geltung, gleichzeitig macht er als Rapper einen hungrigen Eindruck. Seine Jugo-Wurzeln kommen in Form einiger eingestreuter Phrasen und Tracktitel wie „Nema Problema“ oder „Jebiga“ zur Geltung.  

Der-Con – Soma

Im Winter daheim im Gemeindebau sitzen? Nicht so lässig, hat sich Der-Con vor einigen Monaten gedacht. Der Weltenbummler hat sich folglich in den Flieger gesetzt, etwa um statt der Winterdepression seine Kreativität und den vorverlegten Sommer auf thailändischen Inseln auszuleben. Entstanden ist dabei das 24-Track-Projekt „Soma“. Ganz schön aufgebläht für eine EP, oder? Gewissermaßen passt die Bezeichnung aber, denn sie beinhaltet „nur“ vier Nummern, zu denen es als Bonus jeweils eine Fireclath-Version, einen zweiten Remix und Instrumentals gibt. Die im Original von Dubzta produzierten Tracks fallen catchig aus, knüpfen damit an die Vorab-Single „Digitial Nomad“ an. Der-Con genießt merkbar die gewonnene Freiheit, kombiniert auf den Dub-/Dancehall-lastigen Tracks Doubletime- und Gesangspassagen und geht mit gewohnt viel stimmlichem Druck über die bassbetonten Beats. Feiner Sommersound.

KGW3 – Siehst du die Welt

Mit „Siehst du die Welt Pt. 3“ vollenden KGW3 eine Song-Trilogie. Den dritten Teil hat die Rap-Crew nun um eine ganze EP erweitert – und das zu Recht. Die fünf Rapper aus Linz, Ansfelden und Neuhofen an der Krems sorgen damit für einen Blick in eine bessere Welt der Zukunft. Sie liefern einen musikalischen Aufruf gegen soziale Ungerechtigkeiten, korrupte Politiker und den Klimawandel. Politisch und kritisch angehauchte Lines flowen über meist düstere Beats mit viel Blasinstrument-Einsatz. Neben Klima- und Flüchtlingskrise kommen auch die Konsumgesellschaft und Medien nicht gut weg. Auch KS Kopfsache springt auf einen der fünf Songs auf und rappt sich die Sozialkritik von der Seele. So schön und kurzweilig kompakte EPs auch sein mögen, hätte diese gerne noch etwas länger ausfallen können. Vor allem wenn das ganze auch noch für einen guten Zweck ist. KGW3 hat nämlich mit Caritas eine Spendenaktion ins Leben gerufen: Die Einnahmen durch die EP kommen neben unabhängigen Spenden Menschen im Ausland zu Gute, die mit den Folgen der Coronakrise zu kämpfen haben. Am 04. August stand der Zähler der Aktion nach Angaben der Crew bei 930 Euro.

See Also

Testa – Prod. by (Vol 1)

Ob als Teil von Crews Nødstop oder VSDG, bei Beatprojekten mit Restless Leg Syndrom oder Disconnected, Compilations von Duzz Down San oder diversen Solo-Projekten aus dem Labelumfeld und darüber hinaus – Testa hat ganz schön oft seine Finger entscheidend im Spiel, auch wenn die Phrase „prod. by Testa“ verhältnismäßig selten explizit bei den einzelnen Tracks aufscheint. Für sein erstes Solorelease stellt er sie dafür in den Vordergrund und wagt gleichzeitig einen Blick in die alte Heimat. Denn auf der EP sind in erster Linie Raps im Tiroler Dialekt von Weggefährt*innen wie Yo!Zepp, Mo Cess, Mosch, Fray, Klaus Run und SanTra auf seinen charakteristischen Beats zu hören. Auf der bereits angekündigten Fortsetzung werden es ja dann womöglich andere Dialekte oder gar Sprachen sein – auch wenn mit Der-Con schon jetzt ein Exil-Wiener überzeugt „So isches“ sagt.

bonsai&claptu – Taedium Vitae

„Lebensekel zum Anhören“, beschreiben bonsai&claptu ihr Debütalbum „Taedium Vitae“ in aller Kürze – und klären damit auch auf, was hinter dem lateinischen Titel steht. Neben der abstandsfreien Schreibweise des Innsbrucker Duos weist auch der Sound der zehn Tracks so manche Parallele zu Luk&Fil aka Negroman und Nepumuk auf. So fällt vonBonsai durch Sprachgewandtheit auf und liefert zerstreute, oft philosophisch und ironisch angehauchte Lines – mal übers eigene Dahinvegetieren, mal über die Welt da draußen und sein Verhältnis dazu. claptu versorgt ihn mit smoothen, meist jazzig angehauchten Beats. Elaborierter Studentenrap-Flavour also. Oder wie es die beiden mit einem der Tracktitel beschreiben: „Sexybattlerappartsaufbeat2jazzmitmiesbassinderhook“. Sie sorgen für ein stimmiges Debüt mit Unterhaltungsfaktor. Für einen visuellen Einblick sorgt ein Split-Video zu „Serjoscha“ und „Scheiterhaufen“.

Zwafoch ned afoch – Zwafoch ned afoch

„Afoch is z´wenig – Zwafoch auf ewig“ lautet das Motto von Ran DMC & Gonzo aka Zwafoch ned afoch. Seit einiger Zeit in Mundartrap-Gefilden unterwegs, knüpfen die beiden Floridsdorfer – in der Selbstbezeichnung der Gfüde und der Gfäude – nun mit einem Album an ihren 2018 erschienenen Track „Wie sche des woa“ an. Inhaltlich sind sie es bei einigen der 12 Tracks eher locker angegangen. So kommen oft selbstironische Representer mit bierseliger Schlagseite zur Geltung, aber auch die Kehrseiten, Storyteller mit gesellschaftskritischeren Lines finden aber ebenso ihren Platz. Während sich der teils von Illeagle produzierte Sound zwischen Oldschool-HipHop und Swing-/Brass-Vibes einfindet, macht sich raptechnisch ein Qualitätsunterschied zwischen dem souveränen Ran DMC und seinem nicht ganz so sattelfesten Rap-Partner bemerkbar. Das könnte aber auch durch einen gewissen Erfahrungsvorteil bedingt sein.

Fiio & JKB – Lagunenzauber

Erst vor wenigen Wochen solo das Debütalbum „Bling Bling Opernring“ veröffentlicht, hat sich Newcomer Fiio für sein zweites Release mit dem Rap-Kollegen JKB zusammengeschlossen. Die EP fällt ähnlich eingängig wie der Vorgänger aus, bedient sich an HipHop-Elementen und Fiios Singer-Songwriter-Ästhetik. Stilistisch bewegen sich die fünf Songs zwischen romantischem Kitsch und poppigen Rapsongs. Mit „Southside“ hat es auch ein Mini-Banger in die EP geschafft. In Representer-Manier rappen die beiden darauf über Wein, Vöslauer und die „Southside“, womit wohl die Thermenregion rund um Baden bei Wien gemeint ist, aus der Fiio kommt. Ansonsten beschränkt sich die EP vor allem auf teils Autotune-lastige Liebeslieder à la Love Hotel und 80er-Vibes auf dem Track „Weck mich bevor ich go go“. Oft wiederholten Thematiken des Deutschraps verschieben sich. Teure Autos, Uhren und heiße Frauen spielen keine Rolle. Stattdessen werden dem Traummädchen von Fiio und JKB folgende Lines zuteil: „Ich feier dich, Girl. Du hast Style und kein Geld“.