Now Reading
„Ich habe meinen Perfektionismus bezwungen“ // Kayo Interview

„Ich habe meinen Perfektionismus bezwungen“ // Kayo Interview

2020 geht bei Kayo mit einer „Reunion“ einher. So heißt sein frisch erschienenes zweites Soloalbum – das zweite nach dem 2011 erschienenen „Des sogt eigentlich ois“. Gleichzeitig gibt es einige Jubiläen für den Linzer Rapper, der seit einiger Zeit in Wien lebt. So ist es 20 Jahre her, dass er sich auf dem Track „Wilde Geschichten“ mit Markee (heute bekannt als Kroko Jack) und Phekt über Polizeigewalt und den Tod von Marcus Omofuma äußerte. Vor 15 Jahren erschien der Mundartrap-Klassiker „Vollendete Tatsachen“ mit der Crew Markante Handlungen.

Seit damals haben sich Kayos Zugang zu Rap und seine Herangehensweise an Tracks stark verändert. Während statt Battle-Lines persönliche Themen dominieren und der Sound melodischer geworden ist, ist sein Faible für Wortspiele und besondere Reimtechniken geblieben. Im Interview spricht Kayo über seine HipHop-Anfänge in den 90ern, die Entstehung der „Limericks“, seine Liebe fürs Technisch-Nerdige sowie Wege, persönlich und musikalisch zu sich selbst zu finden.  

The Message: Du hast eine Sprayer-Vergangenheit, oder?
Kayo: Das war von 1993 bis circa 2000. Das Ende hat mit Blödsinnigkeiten zu tun, die mir das ein oder andere Polizeiverhör und eine Gerichtsverhandlung eingebracht haben. Der Richter meinte, wenn er mich noch einmal sieht, bekomme ich eine Vorstrafe. Das hat mir die Lust geraubt, illegal zu sprühen.

Kam das Rappen dann als Ersatz?
Das Rappen hat bisschen später angefangen. Ich kann mich erinnern, dass ich mit 12 oder 13 cheesy Rap wie MC Hammer oder Vanilla Ice gehört habe. Da habe ich mir erstmals gedacht, wie cool es nicht wäre, Rapper zu sein. Ernsthaft damit beschäftigt habe ich mich erst später. Zwei, drei Jahre nachdem ich mit dem Sprühen begonnen habe, gab es erste Freestyle-Sessions und Texte. Es ist ineinandergeflossen, jeder hat fast alles probiert. Ich auch – bis aufs Auflegen. Aber es war sehr cool, in dem Alter alles zu probieren bis du merkst, was dir am meisten Spaß macht.

Du warst mit dem Sprayen ja früh dran. Wart ihr in Linz eine der ersten Crews?
Es war wie beim Rap, da gab es mit dem Linz Süd Kartell die Posse rund um Waiszbrohd, Texta und die Crime Rhyme Brothers, die Idole für uns waren. Wir sind beim Rap wie beim Sprühen als nächste Generation dazugekommen, haben viel Neuland betreten und Flächen eingeweiht.

Was war der erste veröffentlichte Track mit deiner Beteiligung?
Ich glaube es war „Streiche im Quartett“ auf dem Sampler „Boombap (Teil 3 vom Ei)“ 1999. Mit Rückgrat und Die Antwort, quasi als Vorläufer von Markante Handlungen.

Du hast anfangs auf Hochdeutsch gerappt, zumindest bis zur „K.O. Drops“-EP. Wann und wie kam es bei dir zum Switch auf Mundart?
Kurz vor Markante Handlungen, ungefähr zur Zeit von Rückgrat und „Dreckige Rapz“. Markee war da maßgeblich. Ich kann mich erinnern, wie er um die Ecke gekommen ist und gemeint hat: ‚I rap jetz wie ma da Schnabel gwachsen is!‘ Das war 2004 herum und hat uns alle angejunkt. Wobei es natürlich schon vorher Nummern gegeben hat, Das Dampfende Ei hatte zum Beispiel eine Wiener Slang-Nummer. Attwenger habe ich damals auch als Rap-nahe wahrgenommen, sie waren aus der gleichen Szene und die Grenzen sind ineinandergeflossen.

Wenn Markee das Mundart-Ding eingebracht hat, warst du bei den Schüttelreimen federführend?
Genau, das ist von mir gekommen. Markee ist sofort auf die Idee abgefahren und hat erstaunlich schnell einen Part abgeliefert. Mich hat verwundert, dass er dieses Nerdig-Technische auch so draufhat.

Weißt du noch, wie du darauf gekommen bist?
Ehrlich gesagt nicht. Ich war damals schon fasziniert von Wortspielen und vertrackten Reimen – zum Beispiel bei Aphroe von RAG. Letztlich bin ich über Lyricists dazu gekommen. Eher über Deutschrap, weil ich sehr jung war und von den Engländern und Amis bei weitem nicht alles verstanden habe.

Ihr habt diese Tracks von Anfang an „Limericks“ genannt. Das ist ja bisschen was anderes, eine Gedichtform. Wie hat sich das ergeben?
Genau, das war ein Irrtum. Markee hat damals das Gerücht in die Welt gesetzt. Es war schon alles aufgenommen, der Song hat „Limericks“ geheißen und es hat kein Zurück mehr gegeben. Wir haben dann einen Skit eingebaut, um es zu ironisieren. Am Ende klärt uns Phekt nach dem Vorbild von Absolute Beginner bei „Füchse“ auf, dass Limericks gar keine Schüttelreime sind. Streng genommen hätte es Spoonerisms heißen müssen. Ich bin dann bei den weiteren Tracks aber dabei geblieben, es wäre verwirrend gewesen, es dann anders zu nennen. Außer jetzt bei „Himbeeren(Teil vier der „Limericks“, Anm.).

Wie fallen sie dir ein? Gibt es ein bestimmtes Muster?
Ich muss wohl bisschen ausholen. Ich habe generell beim Schreiben Phasen, wo es vom Himmel fällt und Phasen, wo ich es mir erarbeiten muss. Beim neuen Album war der Prozess relativ leicht, auch bei den Schüttelreimen. Ich habe ja einen Schüttelreim-Adventkalender gemacht, weil mir so viele eingefallen sind. Sie sind mir eher im Alltag passiert, ein wenig wie im Video zu „Himbeeren“.

„Wie ein Skater überall Obstacles sieht, schüttle ich im Hintergrund Worte“

Weißt du noch, wie es beim ersten Teil war?
Schon schwieriger. Man eignet sich mit der Zeit Techniken zum Herleiten an. Zum Beispiel zwei Worte suchen, bei denen sich nur der Anfangsbuchstabe unterscheidet. Findet man nun zwei weitere Worte, die sich ebenfalls nur durch die gleichen Anfangsbuchstaben unterscheiden, ist man schon sehr nah dran. Dann spielt man es durch, bis was funktioniert. Wenn es nicht intuitiv kommt, versuche ich es so.

Macht es süchtig?
Ja, aber eher unfreiwillig. Ich könnte schon aufhören, aber mein Hirn nicht. Es ist dann darauf konditioniert, alles zu schütteln. Das trägt dazu bei, dass mir in solchen Phasen besonders viel einfällt. Wie ein Skater überall in der Stadt Obstacles sieht, schüttle ich dann im Hintergrund diverse Worte, die ich höre – aber auch nicht jedes, ich bin schon noch gesellschaftstauglich (lacht).

Hast du die technischen Ansprüche an deine Schüttler mit der Zeit nach oben geschraubt?
Es ist ein zweischneidiges Schwert, weil schon viel geschüttelt worden ist. Auch Dinge, auf die ich gekommen bin und geglaubt habe, dass sie neu sind. Wobei es auf Hochdeutsch schlimmer ist. Auf Mundart ist vieles noch nicht geschüttelt worden, auch weil es viele verschiedene Ausprägungen gibt. In Linz werden manche Worte anders ausgesprochen als in Wien, dementsprechend gibt es mehr Spielraum. Es ist für mich eher interessant, ob es einen Witz hat und neu klingt. Da ist die Reimtechnik nicht so entscheidend, solange es ein Schüttelreim ist.

Kayo

Hast du Schüttelreime schon bei anderen Rappern wahrgenommen?
Natürlich bei Wisdom & Slime, da haben wir auch eine Split-Single mit „Das Element“ und „Limericks 2“ rausgebracht. Wir haben parallel voneinander das Konzept in einem Song aufgegriffen und sind zufällig beim Quatschen draufgekommen. Die Antwort und Markee haben im Laufe der Jahre immer wieder was eingebaut. Sonst fällt mir ad hoc nichts ein. Natürlich haben es Rapper verwendet, aber wahrscheinlich nicht so exzessiv.

Sind die Schüttelreime von der Technik her Gstanzln näher als Rap? Weil es ja oft um den Witz, die Pointe geht?
Ja, weil es eine kleine Punchline in sich, eine Ministory ist und das fasziniert mich daran. Beim Adventkalender war es das Konzept, mit zwei Zeilen ein Bild im Kopf zu erzeugen, das eine Pointe hat. Von dem her hat es viel von Gstanzln. Ich glaube das macht es auch für Leute, die wenig mit Rap zu tun haben, zugänglicher. Die finden das lustig. Auf der anderen Seite braucht es ein gewisses sprachliches Verständnis.

„Wir haben früher viel mehr Anstrengung in einzelne Zeilen reingebuttert“

Würdest du dich generell als techniklastig bezeichnen?
Schon, ja. Dieses Technische hat sich schon beim Skaten durchgezogen. Ich war eher bekannt für die technischen Tricks – zum Beispiel Switch Stance. Irgendwie habe ich eine nerdige Ader, die sich gerne vertrackten Dingen widmet.

Und als verkopft?
Witzigerweise nicht. Früher schon, jetzt kaum noch, aber das hat mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun.

Wie hat sich dein Zugang zum Rappen verändert?
Wir haben früher generell viel mehr Anstrengung in einzelne Zeilen reingebuttert. Für mich waren primär das Textliche und die Wortspiele interessant, dementsprechend viel Kopfarbeit ist reingeflossen. Im Lauf der Jahre habe ich mich auch dem Produzieren gewidmet und meine musikalischere Seite entdeckt. Ich habe auch meinen Perfektionismus, der sehr hinderlich sein kann, bezwungen. Das thematisiere ich schon am 1. Album beim Song „Perfektionist ich“ ein bisschen.

Was hat sich beim Arbeitsprozess am meisten geändert?
Dass ich jetzt oft von der Melodie ausgehe. Ich mache als erstes einen Beat oder nehme einen, der rumliegt und habe dadurch eine Melodie oder einen Flow im Kopf. Früher war es umgekehrt. Ganz am Anfang haben wir manchmal erst bei fertigen Texten darauf geschaut, auf welchen verfügbaren Beat sie passen. Also eigentlich diametral unterschiedlich vom Zugang her.

Wenn du deine Rap-Laufbahn seit der Jahrtausendwende Revue passieren lässt: Ist sie in etwa so verlaufen, wie du es dir damals vorgestellt hast?
Ich hätte mir gedacht, dass ich viel mehr Alben draußen hätte, wenn ich so lange dabei bleibe. Das hat persönliche Gründe, das Leben spielt oft anders als man will und glaubt. Wenn du mich vor einem Jahr gefragt hättest, hätte ich nicht gewusst, dass ich bald mal ein Album droppe. Ich hatte im Herbst 2019 eine arg kreative Phase, die so nicht geplant war. Das Schöne am kreativen Prozess ist für mich, dass was Magisches und Unerwartetes dabei ist. Darum fühle ich mich in meiner Independent-Rolle sehr wohl. Da hat man nicht den Druck, abliefern zu müssen, wenn es gerade nicht so passt.

See Also
JuJu Rogers
Gefühl versus Verstand // JuJu Rogers Interview

Gab es auch mal längere Phasen, vielleicht über Jahre, in denen es nicht so funktioniert hat?
Ich habe schon lange Schreibkrisen gehabt, ja. Das Coole am HipHop war immer, dass man zwischen den Ausdrucksformen hin- und herwandern kann. Seitdem ich produziere, passiert es nicht mehr, dass ich gar nicht mehr kreativ sein kann. Bei den Beats bin ich weniger abhängig von der Muse, die mich küsst. Es hat einige Jahre gegeben, in denen ich nicht viel weitergebracht habe. Ich habe mir aber jedes Jahr vorgenommen, zumindest das eine oder andere Feature oder Video zu machen und das habe ich durchgezogen.

Wann hast du mit dem Produzieren begonnen?
Das erste Mal, dass ich mir Logic oder Cubase auf den Rechner geladen habe, war schon während meiner Rap-Anfänge. Man muss aber Sitzfleisch entwickeln, um ernstzunehmende Resultate zu erzielen. Das hat vor circa zehn Jahren begonnen. Fast mit dem ersten Album, aber da war noch kein Beat von mir dabei. Die ersten Beats landeten dann z.B. auf gemeinsamen Songs mit Nora Mazu, meiner Ex-Freundin. Dann auch mit Average beim Fußball EM-Song „Schlafen im Trikot“.

Bei einer Auflistung an für dich prägenden Platten hast du mal gemeint, als „Producer on The Mic“ sehr von Diamond D fasziniert zu sein. Inwieweit hat er deine ersten Versuche beim Produzieren beeinflusst?
Das war eher früher, beim Produzieren nicht mehr zwangsläufig. Es waren modernere Einflüsse. Meine Beats sind nicht so stark Sample- oder Loop-basiert. Ich habe genauso Produzenten verfolgt, die in die elektronische Richtung gehen, zum Beispiel Flume oder die ganze Affine-Partie, wobei das schon wieder ganz andere Sphären sind. Ich habe die Beatszene verfolgt, war auf Konzerten und habe die Liebe zu modernen Sounds entdeckt. Letztlich ist es bei mir eine Fusion mit der klassischen Richtung eingegangen und wohl irgendwo dazwischen.

Wann war dir klar, dass du „Reunion“ – mit Ausnahme von etwas Unterstützung durch Flip – in Eigenregie produzierst?
Eigentlich schon in den vergangenen Jahren, weil es ein Traum von mir war, ein ganzes Rap-Album von mir auch zu produzieren. Die Beats waren teilweise schon länger da, es fehlten nur noch die Ideen und Texte.

Im Intro erwähnst du, deiner Vision eines Rap-Albums am nähesten gekommen zu sein. Meinst du das damit?
Auch, das Zitat war aber eher aufs Kreative bezogen. Die Vision von einem Prozess, bei dem ich verschiedene Aspekte von meiner Persönlichkeit und von Rapmusik einfließen lasse, aber alles ungezwungen vonstattengeht. Ich bin nicht der Ehrgeizler, der alles selbst macht, um es sich zu beweisen. Mir geht es auch um die daraus resultierende kreative Freiheit, wenn man von wenigen Schnittstellen abhängig ist.

War in der Zwischenzeit ein Album mit Nora Mazu geplant?
Ja, wir haben es uns vorgenommen. Dann haben wir uns auf eine EP geeinigt, letztlich ist es die „Insel-Trilogie“ mit drei Videosingles geworden und dann kam irgendwann die Trennung. Witzigerweise, ob Zufall oder nicht, habe ich meine Alben jeweils mit einer neuen Beziehung gestartet. In aufwühlenden Zeiten passiert was mit der Kreativität. Nicht nur, dass mich die Beziehung an sich so beeinflusst hätte. Aber ein Beziehungsende ist auch oft nur ein Symptom eines generellen Wandels, der kreative Prozesse auslösen kann.

Noch zum Titel: Wie bist du zur Metapher der Reunion mit dir selbst gekommen?
Die Interpretation wollte ich eigentlich den Hörern überlassen, aber dieses auf sich selbst Zurückgeworfen werden nach dem Ende einer langen Beziehung ist natürlich eine Art Wiedervereinigung mit sich selbst. Das war für mich stimmig. Zudem war der Album-Prozess ein sehr intuitiver, ich habe Entscheidungen schnell aus dem Bauch heraus getroffen. Dementsprechend ehrlich und persönlich ist das Album teilweise geworden, auch eine Art Reunion mit mir selbst.

Braucht es dafür das Ende einer Beziehung?
Natürlich kann man das auch in einer laufenden Beziehung, ich will das nicht zu einer allgemeinen Weisheit erheben. Ich finde witzig, dass mich das gerade gestern jemand genau so gefragt hat. Für mich war bei dem Song eher der Gedanke interessant, ein Beziehungsende auch positiv zu deuten, die Chance zur Weiterentwicklung sehen – Reunion ist für mich ein positiver Begriff. Ich glaube auf dem Song kommt auch ganz gut raus, dass wir die Beziehung relativ undramatisch beendet haben. Ich kann mich erinnern, dass sehr viele Leute zu mir gekommen sind und mich trösten wollten. Ich habe gesagt, dass es uns beiden eigentlich super geht. Aber wie du sagst: Ich hoffe, dass ich auch mal ohne dem Drama – oder im konkreten Fall Nicht-Drama – ein Album schreiben kann.

Album-Stream

Videosingle „Du bist genug“

Parallel zum Release hat Kayo am 31. Juli ein weiteres Video zu „Du bist genug“ veröffentlicht. Als weiß gekleideter „Selbstfindungs-Guru“ optisch minimal an Waluliso erinnernd, bekräftigt er mit dem poppigen Track die Hörer zu einer gesunden Portion Selbstwertgefühl.

Kayo auf Facebook | Instagram | YouTube

Scroll To Top