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Real HIP-POP! (FM4 HIPHOP OPEN Review)

Real HIP-POP! (FM4 HIPHOP OPEN Review)

HipHop Open 2014  by Daniel Shaked 13

Ein Wolkenbruch folgt dem nächsten an diesem Freitag. Dabei haben sich die Veranstalter von Arcadia Agency doch so viel Mühe gegeben, das Debüt des FM4 HipHop Open zu einem Fest der Rap-Sonderklasse zu machen. Mit Sprüchen wie „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Ausrüstung“, machen die Veranstalter den Besuchern Mut zur Freiluftbühne und versuchen, die Wien-Premiere des bereits 14 Jahre alten Festivals zu forcieren. Als dann pünktlich um 14 Uhr Crack Ignaz die Bühne entert, haben sich erst ein paar Tapfere rings um die Wasserlacken vor der Bühne versammelt. Der Show hat dies allerdings keinen Abbruch getan, Crack Ignaz und sein DJ und Produzent Lex Lugner verausgaben sich in ihren Hits wie „Herbert Prohaska“ und „Elvis“ im besten Sinn. Passend zum Auftritt der Hanuschplatzflow-Mitglieder verteilen wir unsere Ingredients-Ausgabe mit den beiden sowie ein Interview mit Chimperator-Signing Weekend, der später an diesem Nachmittag noch auftreten wird, auf Papier. Warum? Weil Magazine lieber gelesen, als gescrollt werden.

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Die Duzz Down San-Jungs überzeugen mit einer Freestyle-Cypher, bei der auch bekannte Songs wie „Bass mal auf“ oder „Bin dafür baut“ vorgetragen werden. P.Tah heizt die im Vorfeld ausgetragene Diskussion um das Booking noch einmal an, als er rappt: „… und ich werf mit Efeublättern, damit ihr eure Scham bedecken könnt, ihr Left Boy-Rapper“. Etwas pragmatischer sehen das schon die Herren von Blumentopf, die ihre Freestyle-Fähigkeiten zelebrieren und schließlich mit Flip, Huckey und Laima von Texta die Bühne stürmen. Holunder erzählt seine Anekdoten von der Zugreise nach Wien, der Tiroler Tageszeitung und der Bergwacht, während Roger mit seinem Heisenberg-Tshirt über die Bühne schwingt.

Um kurz nach 20 Uhr wird dann Left Boy von seinem Back-Up und langjährigem Wiener Freund Mirakle angekündigt. Die große Kritik über das Booking des jungen Wieners machte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht bemerkbar. Aber vielleicht wollte sich die Crowd ja wirklich erst ein Bild davon machen, was der Künstler live zu bieten hat. Der Auftakt der Show („Hi, I’m Justin Bieber“) verlangt gleich einmal ein paar Besuchern ein Lächeln ab und zeigt, dass Left Boy sich doch nicht so ernst zu nehmen scheint, wie manche es von ihm erwarten. Dass er sich über die Show keine Gedanken gemacht hat, kann man ihm auf jeden Fall nicht ankreiden. Ganz im Gegenteil, die Performance strotzt vor Kreativität und Detailverliebtheit, auch wenn die Ausführung eher Geschmackssache bleibt. Denn wer auf Showrequisiten ohne Ende steht und während eines Konzertes auch visuell „gefordert“ werden will, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Es wird nichts ausgelassen, sei es eine Riesentschick, übergroße Hanfblätter, ein Frauenkörper mit beweglichen Händen, aufblasbare Riesenschuhe oder Schwimmnudeln, die sich zu einem Gesicht formieren und den Text mitrappen.

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Auch musikalisch wirkt das Ganze – durch die Vermischung der Genres – recht komplex. Dabei geht es aber eigentlich gar nicht simpler: Tracks, die jeder kennt und die jeder feiert einfach remixen heißt Left Boys Erfolgsrezept – und schon hat man die Crowd in der Hand. Eigentlich einer der Grundsteine der HipHop Kultur. Ein Stilbruch folgt bei dieser musikalischen Reise durch die Genres der Popkultur dem nächsten. Zwischen „Call Me Maybe“, „Jump Around“ und „Wonderwall“ fühlt man sich manchmal wie im Inneren einer riesengroßen Wurlitzermaschine. Der Ausflug endet schließlich rockig, der Gitarrist stimmt „We Will Rock You“ an. Auf der einen Seite verwirrte Gesichter in der Crowd, auf der anderen Moshpits im Schlamm von den „Hardcorefans“. Die Show wird sicher nicht anders als in anderen Städten präsentiert, aber Wien ist ja bekanntlich anders. Und so kommt es, wie von vielen befürchtet: Nach der Choreographie zu „Security Check,“ Baywatch-Theme, auf- und abwippenden Riesenschuhen und „Klopapierwerfen“ von den Tänzern, ist es den hartgesottenen HipHop Fans dann zu viel des Guten und das Übel nimmt seinen Lauf. Buhrufe und Pfeifkonzere. Der hintere Teil der Crowd ist „not amused“ und die Left Boy Fans verstehen die Welt nicht mehr. Die Nachricht des Publikums ist unmissverständlich, so unmissverständlich, dass auch Left Boy darauf reagiert. Aber wieder nur auf Englisch: „Wow, I never got booed of stage. I guess there is a first for everything“. Aber macht ja nix, Eminem wurde ja auch schon mal ausgebuht. Davon lässt sich L.E.F.T. sowieso nicht beeindrucken und schon gar nicht aus dem Konzept bringen und nimmt es mit Humor: Er animiert auch seine Fans, so laut zu buhen, wie es nur geht. Mit seinem „Outro“ lieferte er die perfekte Antwort: „Fuck y’all!!“ Souveräner und professioneller hätte Ferdinand Sarnitz, die Person hinter der Kunstfigur Left Boy, nicht agieren können.

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So nimmt eine äußerst kontroverse und kontrastreiche Show ein Ende. Zwischen Fans, die ihren Helden abgöttisch feiern und den „Realness-Behütern“ die ihm nicht mal die Chance gegeben haben, seine Zugabe zu beenden. Denn während die einen sich wohl den ganzen Abend darauf gefreut haben, ihren Lieblingshit, „Jack Sparrow“ live zu hören, haben die anderen nur Pfiffe, Mittelfinger, fliegende Becher und Klopapierrollen als Antwort. Mitten im Track wird dann unterbrochen („We’re not going to do this, if you’re going to continue to throw shit on stage…“) und Left Boy verlässt mit seinen asiatischen Tänzerdoubles die Bühne. Was bleibt, sind traurige und empörte Left Boy Fans und viel Gesprächsstoff. Dass es wirklich so extrem ausgegangen ist, sagt aber in keinster Weise etwas über Left Boys Musik aus, sondern eher etwas über die Engstirnigkeit und Intoleranz der Wiener HipHop-Fans. Sich einerseits über die Ignoranz der heimischen Medien (siehe Ö3-Misere) zu beschweren und sich dann selbst zu erdreisten, junger, österreichischer Musik nicht mal eine Chance zu geben, sie zu missachten und vor allem noch auszupfeifen, zeugt von Provenzialismus und Rückschrittlichkeit.

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Der Headliner des Abends, der 40-jährige Rapper Nas, bietet schließlich genau das, was man von einem guten MC erwartet. Ohne viel Plauderei wird ein Hit nach dem anderen aus dem 20 Jahre alten Meisterwerk „Illmatic“ vorgetragen, straight und real. Dabei hat er die Untersützung vom großartigen DJ Green Lantern, der bereits bei Eminem als Tour-DJ fungiert hat. Eine super Show mit einem beeindruckendem Performer, das gefällt dem österreichischen HipHop-Fan aus den 90ern und erklärt, warum Nas heute da steht, wo er ist. Zudem ist es Nasir Jones hoch anzurechnen, dass er sich für das Engagement seiner Musikerkollegen einsetzt – er bittet für einen Extraapplaus für alle Künstler, die an diesem Tag auf der Bühne gestanden sind. Bleibt nur zu hoffen, dass ein derartiges HipHop Festival seine Fortsetzung in Wien oder Umland finden wird, vielleicht ja wieder mit so einer New Yorker Raplegende.

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Fotos: Daniel Shaked, Text: JG & JM