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Größer als HipHop: Run The Jewels mit „RTJ4“ // Review

Größer als HipHop: Run The Jewels mit „RTJ4“ // Review

(BMG/VÖ: 3.6.2020)

Vor sieben Jahren eröffnete Killer Mike seinen Part zum Song „DDFH“ mit der äußerst drastischen Zeile „Cops in the ghetto, they move like the Gestapo/Drunk off their power and greed, they often hostile“. Raptypisch ist der Vergleich zwischen US-Polizei und der Nazi-Behörde zweifelsfrei überzogen. Dass das Verhalten der amerikanischen Polizei aber oft nicht vorschriftsgemäß abläuft – um es vorsichtig auszudrücken –, daran bestand schon 2013 kein Zweifel. Und erst recht nicht 2020, in dem Killer Mike mit seinem Kollegen EL-P den vierten Teil seiner Kollabo-Reihe „Run The Jewels“ veröffentlicht.

„RTJ4“ erscheint parallel zu einer erneuten Protestwelle gegen Polizeigewalt in den USA. Denn wieder einmal wurde ein unbewaffneter Afroamerikaner von Einsatzkräften getötet. Wieder einmal handelten die Polizisten „hostile“. Wieder einmal schienen die strafrechtlichen Konsequenzen überschaubar zu sein. Und wieder einmal kochte die Stimmung in diesem zerrüttenden Land hoch. Ein musikalischer Widerhall dieser Stimmung ist „RTJ4“, obwohl das Album vor dem Tod George Floyds aufgenommen wurde. Aber soziale Ungerechtigkeit und Rassismus sind in den USA traurigerweise ein jahrhundertelanger Zustand – und Texte darüber immer aktuell. Die erwähnte Zeile aus „DDFH“ hätte so auch auf dem vierten Teil landen können.

Über Politik macht sich das äußerlich ungleiche Duo eben erst nicht seit gestern Gedanken. Mittlerweile zog jedoch ein neuer Grad an Reife bei den Texten ein. Das militant, ruhig wie eine Bombe klingende „RTJ4“ ist das bisher „erwachsenste“ Album der beiden. Ein bisschen zeichnet die Entwicklung des Logos, dieses berühmten Handzeichens, den Entwicklungsprozess der Band nach. Mit den Jahren wurde aus einem anfänglichen Spaßprojekt ernst, die Alben immer aufwändiger. Die Namen der Featuregäste wurden von Release zu Release eindrucksvoller. Gleichzeitig nahm die Aufmerksamkeit für das Free-Download-Projekt von EL-P und Killer Mike stetig zu. Der HipHop-Nerd-Nische sind sie längst entwichen. Diese Umstände flossen in den Texten des vierten Teils ein. 2020 verzichten die beiden sogar auf ihre so geliebten Penis-Witze. Das bedeutet nicht, dass Killer Mike und EL-P in dieser ernsten Zeit ihren Humor verloren hätten, ganz im Gegenteil. Doch die herausragenden Stellen auf dem Album haben stets einen politischen oder sozialkritischen Bezug.

Lyrischer und musikalischer Ideenreichtum

Die meisten dieser Highlights gehen auf das Konto von Killer Mike, der sich erneut als der bessere Rapper erweist. Das soll die Leistung von EL-P nicht schmälern, der etwa mit seinem Klimaschutz-Part auf „goonies vs. E.T.“ oder dem persönlich gehaltenen Vers zu „a few words for the firing squad (radiation)“ lyrische Ausrufezeichen setzt. Das geschieht aber nur nicht in solch einer Regelmäßigkeit wie bei Killer Mike, der beeindruckende Zeilen wie „All of us serve the same masters, all of us nothin‘ but slaves/Never forget in the story of Jesus, the hero was killed by the state“ in einer fast gruseligen Selbstverständigkeit ins Mikrofon rappt. Ob er in seinen Lyrics Hashtag-Aktivisten, rassistische Polizisten, das kaputte Schulsystem oder religiöse Heuchler thematisiert (die seit jeher Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft sind, wie man bei Frederick Douglass erfährt), spielt dabei keine Rolle. Killer Mike gelingt auf „RTJ4“ alles.

Eine ähnliche Gala-Vorstellung vollzieht EL-P auf der Produzentenseite. Der Meister verschrobener Dystopia-Sounds, mit denen der einstige Company-Flow-Mastermind schon Cannibal Ox zu einem Indie-Klassiker verhalf („The Cold Vein“, 2001), beweist ein weiteres Mal seinen breiten musikalischen Horizont. Erstmals beinhalten die Beats auf einem Run-The-Jewels-Album Samples, in den Credits finden sich so unterschiedliche Bands wie die Post-Punker von Gang of Four („Ether“ aus 1979 für „ground below“) oder R’n’B-Sänger Foster Sylvers, aus dessen Song „Misdemeanor“ (1973) ein Sample für „out of sight“ geflippt wurde. „holy calamafuck“ ist hingegen eine Ragga-Dancehall-Granate mit Feature von Dancehall-Legende Cutty Ranks und einem perfekt getimten Beat-Switch, während „pulling the pin“ nach dem trippigen Wüstensound von Queens of the Stone Age klingt – was passt, da der politisch konservative (!) Josh Homme als Feature auf der Nummer vertreten ist.

Dazu kommt eine Verneigung zum Sound des 80er- und 90er-Jahre HipHops: „ooh la la“ featuret ein Sample des Greg-Nice-Gastbeitrages auf der Gang-Starr-Nummer „DWCYK“ (1992) und Scratches von DJ Premier; die Samplewahl auf „out of sight“ ist eine Verneigung vor „It’s Funky Enough“ (1989) von The D.O.C. und der Opener, das Back-to-Back-Verse-Spektakel „yankee and the brave (ep.4)“, eine offensichtliche Hommage an den Main-Source-Klassiker „Just a Friendly Game of Baseball“ (1991). Musikalisch sind die knapp 40 Minuten temporeich wie vielfältig gestaltet – ganz nach EL-Producto-Manier.

Gewaltige Features

Vielfalt gibt es auch bei den Featuregästen, die auf „RTJ4“ so namhaft wie auf keinem anderen Teil sind und sich stets von der besten Seite zeigen. So ist es kein Beinbruch, dass das gewünschte Elton-John-Feature auf „goonies vs. E.T.“ nicht klappte. Ein 2 Chainz hat auf „out of sight“ mit Zeilen wie „‚Hello Mr. Big Face‘, the bank teller tryna get rank/I buy a hot dog stand if I’m tryna be frank“ vielleicht sogar den Part seines Lebens. Ein anderes Glanzlicht ist „Ju$t“, das mit Pharrell Williams und Zack de la Rocha von Rage Against the Machine das spannendste Line-up unter den elf Tracks aufbietet. Pharrell Williams sorgt mit seiner Hook für die poppige Lockerheit, während Zack de la Rocha in Bestform gewohnt unnachahmlich zum Klassenkampf aufruft.

Nicht weniger spektakulär ist „pulling the pin“: Hier sorgt Gospel-Sängerin Mavis Staples für die dramatische Hook, während Josh Homme im Hintergrund das diabolische Gegenstück gibt. Eine hervorragend zusammengestellte Konstellation. Doch es sind nicht nur diese großen Namen, die für Ausrufezeichen auf „RTJ4“ sorgen. Gangsta Boo liefert auf „walking in the snow“ eine fabelhafte Hook-Performance und Cochemea Gastelum stiehlt mit seinem Saxofon-Part auf „a few words for the firing squad (radiator)“ den anderen Beteiligten fast ein wenig die Show. Understatement, dass Boo und Cochemea Gastelum in den Featureangaben fehlen; wie auch Mr. MFN eXquire oder A$AP Ferg, die ebenfalls mit kleineren Beiträgen vertreten sind. Sie alle sind Teil des wahrscheinlich wichtigsten Albums im Jahr 2020. Ein Album ohne jegliche Schwächen.

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Fazit: Mit dem vierten Teil ihrer „Run The Jewels“-Reihe haben EL-P und Killer Mike ihr Potenzial erstmals gänzlich ausgeschöpft. „RTJ4“ ist textlich politisch und humorvoll, geistreich und gewitzt. Die Beats, auf denen die beiden sich austoben, sind detailverliebt und abwechslungsreich und der Beleg des außergewöhnlichen Musik-Nerdtums, das EL-P und seine Assistenten kennzeichnet. Zu diesen herausragenden Komponenten kommen noch die Features hinzu, die „RTJ4“ zu einem wahrlich großen, einem brillanten Album machen. Ein Album, definitiv größer als HipHop.

5 von 5 Ananasse