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Stadt. Land. grim104: „No Country For Old Grim“ // Review

Stadt. Land. grim104: „No Country For Old Grim“ // Review

Kein Land gibt es also für den 38 Jahre alten grim104. Warum gerade das Buch „No Country For Old Men“ von Cormac McCarthy, das 2007 von den Coen Brothers verfilmt wurde, für den Albumtitel herhalten muss, erschließt sich mir zwar nicht ganz, aber inhaltlich macht das durchaus Sinn. Der Zwiespalt zwischen Land- und Großstadtleben zieht sich schließlich durch die gesamte Musikkarriere von grim104. Er bleibt halt ein Zugezogener und wenn er bei „No Country For Old Grim“ auf harten Technodrums und süßen Melodien ein apokalyptisches Bild von Berlin zeichnet, bei dem er in kalten Nächten Bomben an den Bänken der Spree hört, dürfte er sich dort wohl auch nicht mehr ganz so wohlfühlen.

(c) Daniel Shaked

grim104 begegnet dem Crazy Frog

Dann muss er sich auch noch anhören, dass Ski Aggu sich Häuser kauft, während er zur Miete wohnt und es am Monatsende nur noch für Nudeln mit Pesto reicht. Berlin macht ihn kirre, also gibt es ein Spaten(-bräu) aus dem Späti, das auf einer Treppe konsumiert wird, wo „Penner“ sich schlagen und er von einem „Haus in Lübars“ träumt. „Endlich leben wie die Stars!“ So ganz raus aus der Stadt also nicht, aber ein bisschen Idylle wäre nicht schlecht.

Das Ganze wird – so wie auch „Mantra“, bei dem es Szenekritik hagelt – auf trappigen Beats vorgetragen, die auch durchaus zu gefallen wissen. Definitiv hervorheben muss man den surrealen Storyteller „Artist Dinner mit dem Crazy Frog“. Da wird zwar auch die Szene in die Mangel genommen, aber auf eine äußerst amüsante Art und Weise, die zumindest ich so noch nie gehört habe. Das ist sowohl lustig als auch einfach richtig gut.

Bei „Nie So Cool“ bekommt man ein absolutes Brett von Beat vor die Stirn geklatscht (es stammt schließlich auch von Admiral Klatsch), das man wohl irgendwo im Genredunst von Synth-/Darkwave ansiedeln kann. Inhaltlich geht es mal wieder ums Land und darum, dass ihn dort niemand haben will. Sowohl in der Kirche als auch in der Kneipe hat er Hausverbot, also besser wieder ins mit Alk und Hass betriebene Raumschiff steigen. HUAAAH!

Techno-Beats gehören im Deutschrap ja mittlerweile zum guten Ton. Auf „Unvernünftig“ bekommt man dann auch genau so einen vorgesetzt, den man sich – genau wie das Katanna-Feature – hätte sparen können. Da hilft auch das zugegebenermaßen amüsante „AHA AHA“-Offspring-Sample aus „Pretty Fly (For a White Guy)“ nichts.

Mit Mehnersmoos geht es dann „Zum Griechen“. Die Hook hat mir einen mehrere Tage langen Ohrwurm verpasst, aber der Track weiß nicht so ganz, ob er jetzt einfach nur lustig oder doch ein wenig traurig sein soll. Ist leider eine etwas halbgare Angelegenheit geworden. Schade. Da wurde die Landthematik ein bisschen zu sehr mit dem Schuhlöffel reingepresst.

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Ein Hauch von Poesie

Bei „Wiese und Weide“ geht es um – wer hätte es gedacht – Land! Dieses Mal auf Drum’n’Bass mit einem Hauch von Poesie. Das stand grim schon immer gut und tut es nach wie vor. Auf „MF DOOM“ mit unserem Exportschlager Kamp wird auf einem ziemlich klassischen Boom-Bap-Beat über die Karriere reminisziert. Kamp ist halt einfach Kamp und der Beat steht ihm wunderbar, zum Highlight reicht es aber dann doch nicht so ganz.

Am Ende wird nochmal auf einem klassischen Beat – Judas-Priest-mäßig – das Gesetz gebrochen. Der Tesla wird gejailbreakt und das vermeintlich anarchistische Kochbuch wird gelesen. Inhaltlich kann ich dem vollumfänglich zustimmen, aber ein bissl fad ist es trotzdem.

(c) Alex Gotter

Fazit

grim104 liefert mit „No Country for Old grim“ ein gutes Album, das vor allem im ersten Drittel glänzt. grim104 gehört schlichtweg zu den besten Geschichtenerzählern im Deutschrap. Gegen Ende verliert das Album im Vergleich zum Anfang zwar etwas an Drive, ohne den starken Eindruck zu schmälern. Reinhören ist also Pflicht – alleine schon wegen des abgefuckten Crazy Frogs!

3,5 von 5 Ananasse