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Austro Round-up (KW 40-41/20)

Austro Round-up (KW 40-41/20)

Auch abseits des Wandl-Albums „Womb“ und einer Videosingle von MDK & Tommi. Z. hatte der Start in die Heizsaison musikalisch einiges zu bieten. Wir haben einige der erschienenen Releases und Videos zusammengefasst. Einleitend möchten wir MDK, Def Ill und Selbstlaut hervorheben, die kürzlich „Stoe da vor“ veröffentlicht haben. Der Track ist Teil eines genreübergreifenden Moria-Soli-Samplers von Rauditium, alle Einnahmen gehen an die gemeinnützige Seenotrettungsinitiative Sea-Watch.

Text: Simon Nowak, Francesca Herr, Mira Schneidereit, Michi Koffler & Anna Hager

Releases

Philiam Shakesbeat – Bacherplatz EP

Ja seht ihn an! Gießt der Fresh Prince of Margareten, Philiam Shakesbeat, seine Haltung zu Lieblingsgrätzl und Wahlheimat in eine literarische Form, so ist das DIE typische Wiener Kaffeehaus-Metapher schlechthin: „Wien, ist eine Melange! / Wien ist meine Melange!“. Dass es ihm hier nicht zwingend ums Kaffeehaus, sondern um kulturelle Vielfalt und Zusammenleben unabhängig von Herkunft, sexueller Orientierung und vermutlich sonst auch allem, was einer vorherrschenden Heteronormativität entspricht geht, jo no na ned. Wie immer aber schafft es Philiam, mit wenig Mitteln sehr viel Nachdruck zu verschaffen. Vor allem aber hat er sich für das Video breite Unterstützung aus dem Freundeskreis geholt, u.a. mit Ines Kolleritsch und osive – und einem Plantschbecken.

Passend zur Vielfalt-Melange gibt’s zum Video auch die gleichnamige EP obendrauf. Mit den Tracks „KlickKlack„, „Freiheit“ und „Hshsw“ ist die „Bacherplatz EP“ ein Ausflug zwischen Kritik, Antifa, Revolte und Protest.

Filly – 29

Fillys Debütalbum erzählt die Geschichte eines Künstlers, der als naiver junger Mann vor seinen Problemen und Eltern in sein Auto flüchtet, in dem er meist ziellos herumfährt – und seine Gedanken mit einem alten Mikro aufnimmt. Teils sind Originalaufnahmen aus dem Auto auf „29“ gelandet. Mit Produktionen von unter anderem Phil2k und Saiba ist das Album aufs nächtliche Autofahren abgestimmt. Die Klangatmosphäre ist dunkel, gedämpft und ein bisschen gedrückt – trotzdem geht es voran und bleibt in Bewegung.

Der Vers „I’m a piece of living art / But imma leave it in the car” (Streets) offenbart, dass der Künstler durchaus Selbstwert empfindet, seine Kunst beziehungsweise seine Persönlichkeit aber vielleicht aus Angst vor Ablehnung oder Missverständnissen lieber für sich selbst behalten möchte. Als Kernthema steht sein von Sucht, Einsamkeit und Selbstwertgefühl geprägtes Leben. Oft kommt das schmerzende Gefühl des Alleinseins auf, gut gemeinte Ratschläge oder Hilfe von anderen möchte Filly nicht zulassen: „Sorry I don’t need your help, I‘ll do it alone“ (4D). „Overdose“ fällt sehr persönlich aus, handelt von psychischen Problemen, Drogen(missbrauch) und der Feststellung, dass Geld nicht gleich Glück bedeutet. Insgesamt ist „29“ eine authentische Erzählung aus einem belasteten Leben, verpackt in eine schattig-schreitende Atmosphäre.

Dont Ask – The Urge

Unter dem Namen DaskOne in hiesigen HipHop-Gefilden bekannt, seit er 2018 mit Chill-Ill das Album „In Bewegung“ veröffentlichte, tritt der Salzburger/Wiener Produzent aktuell solo in Erscheinung. Für die EP „The Urge“ hat er das Pseudonym Dont Ask geschaffen – der Sound geht dementsprechend in eine etwas andere Richtung. Der Produzent vereint seine UK-Bass-Leidenschaft mit Ambient-Klängen und sorgt damit für ein hochwertiges Instrumental-Release. Verspulte Sounds, treibende Rhythmen und düstere Synthflächen malen ein Bild aus Gedanken über sieben Tracks im LP-Format“, fasst es der Beitext von Duzz Down San passend zusammen. Erfreulich: Eine Vinyl-Edition ist bereits angekündigt und dürfte in Bälde erhältlich sein.

Videos

T-Ser – Dieter Bohlen

Einer, der trotz der Umstände dieses Jahres extrem motiviert erscheint, ist T-Ser. Vergangenen Monat war es noch „Hermann Maier“ mit Video inklusive Abfahrts-Squats, diesen Monat muss Dieter Bohlen dran glauben. Produziert wurde der Track wieder von C-Black. Zum Track sagt T-Ser selbst: „Das hier ist kein Track für die Kenner, das hier ist strikt für die Trapper und Scammer.“ Das Video bietet zu 100% Gangster-Ästhetik und Mittelfinger-Attitüde. Gefeiert wird zwischen Rauch und rotem Licht, aber immerhin teilweise mit Mund-Nasen-Schutz. Die nächste Single ist wohl nicht mehr weit – fragt sich nur, welcher Promi als nächstes dran ist.

Strange feat. Despo & Fate – Entlegene Winkel

Straight outta Graz droppen die drei Rapper Strange, Despo und Fate ihren neuen Track „Entlegene Winkel“. Der entspannte Beat stammt von Despo, der auch gleich als erster mit seinem Part darauf einsetzt. Auf Mundart rappt das Trio über innere Konflikte und die entlegenen Winkel der Psyche. „I wü Genesung empfinden / owa bin träge auf die Wege der Blinden / beweg ’n Pinsel bis die kläglichen Stimmen verschwinden / i konn’s unmeglich verhindern / drum vermähl i mi im Inneren mit entlegenen Winkeln“ heißt es in der Hook. Ein philosophischer Track, der es beim Hören leicht macht, sich darin wiederzufinden.

Law – On The Low

Auf einem düsteren Beat von Jerry Divmond rappt der Wiener Law auf „On the Low“ in Ami-Manier über seine eigene Realness und rechnet mit „Hoes“ und selbsternannten Gangstern ab. Obwohl der Track insgesamt relativ monoton ist, wirkt er auf mehreren Ebenen und wird nicht langweilig. Laws Flow holt das Maximum aus dem Beat und hebt den Song auf ein internationales Level. Auch das Musikvideo ist ein Hingucker. Ausgestattet mit aus den 1950er Jahren inspirierten Outfits, spielt der Rapper mit einer Runde anderer Männer Poker. Das Video wurde von David Bentigui und Sherif Sakr gedreht und ist mit einem Hauch Tarantino-Vibes ausgestattet. Die Bilder unterstreichen die Wirkung des runden, düsteren Tracks. 

Disorder – Natürlich kann geschossen werden

Als Rapper sein politisches Bewusstsein und seine Haltung auszudrücken, ist für Disorder eine Selbstverständlichkeit – so inszeniert er sich im Duo Antifamilia als „Hasskappenrapper“ mit entsprechender Kopfbekleidung und ist regelmäßig mit geballter Faust zu sehen. Das erklärte Ziel? Rap wieder rot machen. Ähnlich martialisch gibt sich der Linzer beim ersten Vorboten seiner neuen Solo-EP. Der Titel „Natürlich kann geschossen werden“ ist ein bekanntes Zitat der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Der Track bietet Lines im radikal-subversiven Hackler-Selbstverständnis, raptechnisch präsentiert sich Disorder sehr souverän. Stimmige Angelegenheit. Kleiner Schönheitsfehler: Dass er sich im Video just in einem Leiberl von „Alpha Industries“ – eh schon wissen, diese eng mit der US Army verbandelte Marke – durch die Straßen bewegt, mag halt nicht so ganz zum Klassenkämpfer-Ideal passen.

Gazal & Kid Pex – Wien Oida

Während die vergangene Wien-Wahl im Vorfeld unter anderem eine Petition gegen ein FPÖ-Wahlplakat und nicht weniger bedenkliche Wahlwerbung von Türkis hervorbrachte, halten Gazal und Kid Pex mit klaren Ansagen und ihrer ganz eigenen Liebserklärung an Wien entgegen. Dass man bisher noch nicht viel von Gazal mitbekommen hat, ist nicht weiter verwunderlich. Tatsächlich handelt es sich bei „Wien Oida“ um einen vergleichsweise starken und ausgereiften Debüt-Track – und das ist umso beeindruckender. Und wer weiß, vielleicht lässt sie ja den wackligen 7,11 Prozent und einem Gemeinderat ohne THC noch ein Lobgesang folgen. Gerne auch wieder in Kombination mit Kid Pex. Oder wäre das dann schon höhnisch, fast schon „eiskalt und herzlos!„?

Alix Oder Nix – Zeitdruck

Schon seit einigen Jahren in Wiener HipHop-Kreisen aktiv, schlägt Alix Oder Nix just seit der Lockdown-Zeit hohe Wellen. Damals startete er damit, täglich TikToks über seinen kreativen Prozess zu posten – und präsentiert sich seither hungrig. In Kombination mit Covern, dem Format „Realtalk Gesungen“ und gut umgesetzten „Gimmick“-Tracks wie „1 Song 20 Sprachen“ konnte er seine Zielgruppe und Hörerschaft massiv erweitern. Seit dem Sommer tritt er auch vermehrt mit klassischen Singles in Erscheinung. Auf das im August veröffentlichte „Gefesselt“ folgten drei weitere Songs, zuletzt „Zeitdruck“ inklusive Video. Zu sehen durch einen Lichtrahmen, rappt Alix mit wechselnden T-Shirts aus gleichbleibender Perspektive den Song. Inhaltlich handelt er von der selbstbestimmten Lebens- und Arbeitsweise des Künstlers, die er auch bei steigenden Klickzahlen auf keinen Fall aufgeben möchte. Also lieber den eingeschlagenen Weg beharrlich weitergehen – funktioniert bis jetzt ja blendend.

See Also

Christoh feat. Purge Mob – Dulce

Sweet wird‘s mit Christohs neuer Single „Dulce“. Es sind Spätsommergefühle, die im ersten Teil des Tracks noch durchschimmern – es kommt die Leichtigkeit des Lebens zum Vorschein, im Video cruist der Sänger und Produzent mit Purge Mob im Chevy mit hochgekrempelten Ärmeln durch die Wiener Wahlheimat. Der aus Manchester stammende Rapper liefert einen mindestens genauso sweeten Part, bevor es dann in den zweiten Teil des Songs übergeht, der etwas düsterer ist. Ohne die Tiefen gibt es eben auch keine Höhen und so gilt es, auch die schlechten Zeiten irgendwie durchstehen. Im Video verdeutlichen das Entscheidungen, die eher die von der schlechteren Sorte sind: auf Drogen durch den Prater laufen oder – ja es geht noch ärger – um drei Uhr nachts bei der Ex anklopfen.

JerMc – Herminator

Über zehn Jahre nach seinem Karriereende ist Hermann Maier in aller Munde – gemeint sind aber keine Ski-Weltcup-Übertragungen (s/o Wayna Pawiasek) oder Raika-Werbungen, sondern Rap-Tracks. Hat T-Ser im September einen Track „Hermann Maier“ genannt, knüpft nun JerMc mit dem Spitznamen „Herminator“ an. „Rap und ich wie Hermann Maier und die Raiffeisen“, stellt er auf dem Zwischenduch-Representer klar. Für das Video hat sich JerMc allerdings nicht in malerische Berglandschaften, sondern ans Berliner Gleisdreieck begeben – um mit dem Produzenten Rice Master Yen herumzulungern, koreanisch zu essen und dabei das Falsche zu bestellen. Passiert. Ob der Magen angesichts der jüngst erschienenen „Most Süß„-EP mit food for thought nicht ohnehin noch verpickt ist?

Xéna N.C. & Valentin Okutan – Flourishing Resistance

Mit ihren vergangenen Veröffentlichungen hat Xéna N.C. einen in den Bann gezogen, mit „Flourishing Resistance“ tritt sie dieses Mal ein Stück in den Hintergrund. Tatsächlich stammen aus ihrer Hand der Beat und Regie sowie Schnitt des Videos. Mit ihrer Stimme haucht sie dem Poem von Valentin Okutan aus dem Off Leben ein. Dieser wiederum verleiht mit seiner Performance dem Video eine eigenständige Dynamik. Damit schaffen die beiden ein Gesamtprojekt, das sich mindestens nach einem ausgiebigen Live-Auftritt sehnt.

L.ias – Zufrieden

L.IAS strebt nicht nur in seinem künstlerischen Schaffen nach mehr, sondern ganz allgemein in seinem Leben. Woran es dem Oberösterreicher trotz aller Unzufriedenheit aber nicht fehlt, ist die eigene Reflexionsfähigkeit. Mit Selbstkritik und einer, zugegeben, gesanglichen Range irgendwo zwischen Dame und Crack Ignaz, ist ihm durchaus klar: „I muass moi happy sein, mit dem wos i hob / weil so monch ondara echt vü weniger hot / des sogt sich immer schnö, owa is ned so leicht / man braucht hoit a Weng, damit ma Dinge begreift“. Dafür findet er zu diesen Worten einen ruhigen und bescheidenen Beat. Das passt ja zur beginnenden Jahreszeit, die dazu verleitet, sich selbst, die Welt und das Konsumverhalten mehr oder minder kritisch zu betrachten. Und sich in Zuge dessen die eigene „Zufriedenheit“ wieder ins Gedächtnis zu rufen, ist da auch nicht so verkehrt.

Einige weitere neue Singles gibt es wie gewohnt in unserer Spotify-Playlist zu finden – etwa von Diskoromantik, EsRap, Ferdinand, Konsenz, Dr. Docs oder Parasit.

Du möchtest mit deinem Release/Video ebenfalls im Austro Round-up vertreten sein? Schicke uns gerne eine Mail an [email protected]emessagemagazine.at